Der „Zwangszölibat“: Verstaubtes Relikt oder kraftvolles Zeugnis?

Für viele Menschen ist der Zölibat, die Pflicht zur Ehelosigkeit katholischer Priester, ein Stein des Anstoßes, der als längst überholt gilt. Auch was der eigentliche Sinn und Zweck des Zölibats ist, versteht kaum noch jemand. - Eine Aufklärung.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 27. März 2017 um 11:17 Uhr
Priesterkragen

Von Ramon Rodriguez:

(kathnews/firstlife). Wer katholischer Priester werden möchte, muss vor seiner Weihe herausfinden, ob er sich wirklich zum Priester und damit einhergehend zum Zölibat berufen fühlt. Der Zölibat ist eine Lebensform, die in unserer heutigen Zeit von einigen nicht mehr verstanden wird. Fast im Jahrestakt werden „neue kreative Vorschläge“ zur Lockerung bis hin zur kompletten Aufhebung des „Zwangszölibats“ hitzig diskutiert. Als Argumente für eine Lockerung des Zölibats werden dabei nicht nur pragmatische, sondern oft auch theologisch-philosophische Gründe genannt. Betrachten wir zunächst die häufigsten pragmatischen Gründe:

Das Problem mit dem Priestermangel:

Alleine der akute Priestermangel in der katholischen Kirche in Deutschland spräche schon dafür, dass es wohl besser wäre, den Zölibat abzuschaffen. Viele junge Männer, so die Annahme, würden gerne Priester werden, möchten aber nicht auf Frau und Kinder verzichten. Würde man den Zölibat abschaffen, so die Schlussfolgerung, würden sich die Priesterseminare wieder viel mehr füllen.

Doch dass dies ein Trugschluss ist, zeigt schon ein Blick auf unsere evangelischen Glaubensgeschwister: Nicht nur den Katholiken fehlen Priesteramtskandidaten, auch die evangelischen Gemeinschaften haben viel zu wenig Pfarramtsstudenten. So mag es durchaus einige Studenten geben, die sich ohne den Zölibat dazu entschließen würden, in das Priesterseminar einzutreten, aber davon auszugehen, dass das grundsätzliche Problem des Priestermangels damit gelöst sei, ist offenkundig falsch. Warum vor allem in Europa ein solcher Priestermangel herrscht, muss natürlich ernsthaft untersucht und muss offen und ehrlich hinterfragt werden, doch dass es keine einfachen Lösungen, wie z.B. „Frauenpriestertum“ oder die Abschaffung des Zölibats gibt, ist ersichtlich.

Das Problem mit Doppelleben einiger Priester:

Ebenfalls in der Zölibatsdebatte häufig zu hören ist der Einwand, viele Priester würden ihn ohnehin nicht leben. Dies bewiesen z.B. Priester, die sich zu ihren heimlichen Kindern bekennen und ihren Dienst quittieren. Bevor also „so viele“ Priester ein Doppelleben führten, wäre es doch für alle besser und ehrlicher, den Zölibat gleich offiziell abzuschaffen. Hier ergeben sich aber gleich mehrere Einwände: Zum einen ist es eine unzulässige Induktion, von Einzelfällen auf eine breite Masse der Priester schließen zu wollen.

Es stimmt, dass es Priester gab, die im Zölibat scheiterten und sich von ihm dispensieren ließen. Doch ein Scheitern im eigenen Lebensentwurf gibt es nicht nur beim Zölibat, dies kommt im selben Ausmaß auch in Ehen sowie anderen Lebensformen vor. Jeder Lebensentwurf ist in seiner Berufung immer zugleich eine Aufgabe und Herausforderung und kein Lebensentwurf ist von der Gefahr des Scheiterns ausgenommen. Doch dies sind nicht die Maßstäbe, mit denen man eine Lebensform bewerten kann und soll. Für die Bewertung einer Lebensform ist es vielmehr sinnvoll auf diejenigen zu schauen, die sie tatsächlich leben. Möchte man sich also ein sachliches Urteil über den Zölibat bilden, dann ist es unabdingbar zu sehen, wie es denn denen geht, die den Zölibat wirklich überzeugt und aktiv leben. Auch hierfür gibt es viele positive Beispiele.

Das Problem mit der Lebensferne der Priester:

Ebenfalls häufig zu hören ist, dass es für einen Priester auch deshalb von Vorteil wäre, wenn er heiraten könne, da er so näher bei den Menschen sei. Ein Priester, welcher nämlich nicht verheiratet sei, verstünde gar nicht die Probleme, die in einer Familie auftreten können.

Doch auch hier müssen ein paar Dinge bedacht werden: Eine gewisse Grundkenntnis, was die Sorgen und Probleme in einer Familie sein können, hat der Priester, der selbst einmal Kind war und in einer Familie aufwuchs, genauso wie jeder andere Mensch. Einen weiteren Einwand gab der Passauer Spiritual P. Mirko Legawiec den Priesteramtskandidaten der südbayerischen Diözesen zu bedenken: Hat ein Ehepartner Probleme und benötigt Rat einer anderen verheirateten Person, kann derjenige seinen besten Freund oder Nachbarn fragen. Wer jedoch mit seinen Problemen zu einem Priester geht, der tut dies häufig, gerade weil der Priester durch seine Ehelosigkeit nochmal eine andere Perspektive einbringen kann. Ein zölibatär lebender Priester wird Eheprobleme mit großer Wahrscheinlichkeit anders bewerten als jemand, der durch seine eigene Ehe schon viel vorgeprägter ist. Das Zölibat ist für die Pastoral also kein Hindernis, sondern ein ganz spezifischer Zugewinn.

Nebend diesen ganz pragmatischen Gründen, werden häufig auch theologisch-philosophische Einwände genannt:

Das Problem mit der “Widernatürlichkeit des Zölibats“:

Ein Argument lautet häufig, dass der Mensch von Natur aus nicht zum Alleinsein gemacht sei. Die zölibatäre Lebensform widerstrebe nun aber dieser natürlichen Veranlagung des Menschen und sei deshalb widernatürlich.

Es ist zwar richtig, dass grundsätzlich jeder Mensch ergänzungsbedürftig und zur Ehe berufen ist, aber es gilt, eine wichtige Unterscheidung zu treffen, die leider auch innerhalb der (deutschen) Theologie kaum noch getroffen wird: Der Unterschied zwischen „widernatürlich“ und „supernatürlich“. „Widernatürlich“ ist etwas, wenn eine natürliche Ordnung pervertiert wird, wenn man also etwas tut, was dieser natürlichen Ordnung zuwiderläuft. Der Zölibat hat jedoch eine ganz andere Qualität: Er widerstrebt der Natur nicht, sondern er übersteigt sie. Die Elemente der Beziehung und Hingabe sind im gelebten Zölibat so unerlässlich wie in der Ehe selbst. Zölibat bedeutet primär nicht, auf etwas zu verzichten, sondern ja zur Hingabe an Gott und an den Menschen zu sagen und dies auch in und mit seinem Leben zu zeigen.

Das Problem mit der Wertung von Ehe und Zölibat:

Oft wird auch argumentiert, der Zölibat sei lediglich Ausdruck einer Geringschätzung der Ehe, denn die verpflichtende Ehelosigkeit als Voraussetzung für das Priestertum impliziere, dass die Ehe etwas Negatives sei, auf das man besser verzichte.

Die Theologie hinter dem Zölibat möchte aber genau das Gegenteil: Sie möchte nicht werten, sondern ergänzen und gegenseitig erklären. Der Zölibat ist eine radikal andere Berufung als die Ehe, die aber ohne Wissen um die andere Lebensform an Sinn und Tiefe verlieren würde. Eine Person, die die Ehe nicht als heilige Institution erkannt hat, ist erst Recht nicht in der Lage, den Sinn des Zölibats zu erfassen. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer bringt diesen Gedanken wie folgt zum Ausdruck: „Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ist ein Zeugnis des ganzen Menschen, eine Predigt mit Leib und Seele, die sagen will: Was für eine große und wunderbare Sache muss das Reich Gottes sein, muss das Evangelium sein, muss die Freundschaft in der Nachfolge Jesu sein, wenn ein junger Mensch sogar bereit ist, dafür auf eine so große und heilige Sache wie die Ehe und eine Familie, eigene leibliche Kinder zu verzichten.“

Abschließend lässt sich sagen, dass es einerseits verwundert, dass der Zölibat in einer Zeit, in der ein „Singleleben“ zur Normalität geworden ist, in solchem Maße provoziert. Gleichzeitig aber zeigt gerade dieser Aufschrei säkularer Kreise, dass das Zeichen des Zölibats seine Wirkung nicht verfehlt, denn: Wäre nicht ersichtlich, dass der Zölibat weit mehr ist als „nicht mit einer Frau zusammenleben“, dann wäre er nicht ein solches Ärgernis. Gerade in unserer jetzigen Zeit, welche sich voll und ganz auf Materialismus und angebliche „Selbstverwirklichung“ fokussiert hat, ist der Zölibat, die Lebensform Jesu, ein radikales Zeichen für etwas anderes, höheres, auf etwas, was nach diesem Leben kommt. Der Zölibat ist ein Zeichen, das nicht veraltet und überholt, sondern aussagekräftiger ist denn je.

Foto: Priesterkragen – Bildquelle: Kathnews