Der Nonkonformist, der Katholik ist – eine Reportage

Ein Gastbeitrag von Deborah Görl.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 28. Juli 2015 um 18:55 Uhr
Sei kein Spießer, sei katholisch!

Die Betrachtung der katholischen Kirche in Deutschland deprimiert. Fast täglich liest man von Verunstaltungen von Kirchen durch ästhetisch fragwürdige Raumgestaltungskonzepte, die meist sogar die Umbaumaßnahmen im Zuge der Liturgiereform an Geschmacklosigkeit weit übertreffen. Einige Zeilen weiter wird vom Abriss einer Kirche mangels Gläubigen berichtet. An anderer Stelle glänzen kirchliche Würdenträger durch Aussagen, die – euphemistisch ausgedrückt – selbst eine Herausforderung für die eingefleischtesten Kritiker darstellen. Manchmal versteht man sie auch überhaupt nicht, denn sie klingen zu sehr nach Corporate-Social-Responsibility-Broschüre eines beliebigen Dax-Unternehmens – hohl und leer. Und nicht selten fragt man sich einfach nach den Gründen für die Vielzahl von Hirten, denen ihr Priestertum sichtlich unangenehm ist und die eigentlich lieber politikerartige Wesen oder irgendetwas anderes wie NGO-Pressesprecher wären.

Kircheninternes Abstellgleis

Erfreulicherweise gibt es auch einige Ausnahmen. Eine von ihnen ist Prälat Wilhelm Imkamp, Jahrgang 1951, der Direktor des schwäbischen Wallfahrtsorts Maria Vesperbild.

Man kann mit Recht behaupten, dass es niemandem im deutschsprachigen Raum gibt, der ihm gleichen würde. Der 63-jährige, der schon vor über 25 Jahren durch die Ernennung zum Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild, ein Amt, das als kircheninternes Abstellgleis gilt, „unschädlich“ gemacht wurde, ist das, was man von einem katholischen Priester erwartet: katholisch. Bei seinen Fernsehauftritten erscheint er stets als Priester gekleidet, er vertritt katholische Positionen ohne sich hinter einem Gerüst aus unverbindlichen und allgemeingültigen Phrasen zu verstecken und seinen Büchern könnte man das Prädikat „orthodox“ verleihen.

An sich sollte dies bekanntlich eine Selbstverständlichkeit sein, aber wir leben in einer Zeit, in der man so etwas explizit betonen muss. Interessanterweise schafft Prälat Imkamp es dabei immer geistreich, originell und – in nicht inflationär gebrauchter Weise – authentisch zu wirken; alles Eigenschaften, die progressive Katholiken vermutlich nur durch ihre Positionen oder durch einen schicken Drewermann-Gedächtnis-Pullover glauben erwerben zu können.

Vor einigen Wochen hatte nun ein halbes Dutzend Münchner KJBler die Gelegenheit Prälat Imkamp bei einer Vorstellung seines 2013 erschienen Buches „Sei kein Spießer, sei katholisch!“ live zu erleben. Die Präsentation fand ironischerweise in den Räumlichkeiten der katholischen Studentenverbindung KDStV Aenania in München statt.

Warum ironisch? Katholische Verbindungen wurden im 19. Jahrhundert als Alternative zu herkömmliche Studentenverbindungen bspw. den stark politisch ausgerichteten Burschenschaften, die schlagend waren und sind, d.h. man schlägt Mensuren (spezielle Form von Fechtkampf), was nach früheren kirchlichen Recht verboten war (im CIC von 1983 ist die Mensur nicht mehr explizit erwähnt), gegründet. Damals waren katholische Studentenverbindungen unter „normalen“ Studentenverbindungen als ultramontan verschrien; zum Teil werden sie noch heute belächelt. Katholiken wie Clemens August Kardinal Graf von Galen oder der Selige Pater Rupert Mayer S.J (übrigens ein Aenane) waren Mitglieder katholischer Verbindungen.

Heutzutage haben katholische Studentenverbindungen in der Regel genauso viel mit Katholizismus gemein wie die CDU. Allerdings gibt es auch einige löbliche Ausnahmen, wie beispielsweise der Gastgeber des Abends, die KDStV Aenania.

Die wahren Spießer

Von Prälat Imkamps Buchpräsentation hatte ich erst sehr kurzfristig und zufällig erfahren. In der U-Bahn, auf dem Weg zum Verbindungshaus, dachte ich noch darüber nach, was mich wohl erwarten würde. Ich hatte hier und dort am Rande etwas über ihn gelesen, das ein oder andere Plakat von Maria Vesperbild, das gar nicht so abschreckend war – im Vergleich zu anderen Plakaten die in der Diözese München-Freising aushängen, gesehen. Vor einigen Jahren, so fiel mir ein, hatte es sogar ein längeres Interview im Magazin der Süddeutschen Zeitung mit dem „PR-Mann Gottes, so wurde der Prälat dort genannt, gegeben, aber ich erinnerte mich nur noch dunkel an den Inhalt. Es blieb also spannend. Um 20:00 Uhr sollte die Veranstaltung beginnen, einige Minuten nach acht erscheint ein hagerer Mann, Prälat Imkamp, im Clergy Man mit einer sehr schönen, sprich gut verarbeiteten, Aktentasche. Draußen stürmt es.

Er stellt sich an das Rednerpult, setzt die Aktentasche rechts neben sich ab und beginnt frei zu den Anwesenden, die an halbkreisförmig angeordneten runden Tischen sitzen, zu sprechen. Seine schwarzen, vermutlich aus poliertem Onyx bestehenden, Manschettenknöpfe, blitzen. Prälat Imkamp legt gleich los. Zunächst einmal kritisiert er, anlässlich der einige Tage zuvor abgeschlossenen dritten Außerordentliche Generalversammlung der Bischofssynode zum Thema Familie, die deutschen Kardinäle, die sich seit Monaten äußerst energisch für den Kommunionempfang Wiederverheiratet-Geschiedener einsetzen.

Den Gesichtern der anderen Anwesenden und nicht nur der, der anderen Münchner KJBler nach zu urteilen bin ich nicht die einzige, die die klaren und harten Worte des Monseigneur verwundern. Habe ich mich verhört? Ist das Ironie? Ein „Amtskirchler“, der andere „Amtskirchler“ so treffend kritisiert? Wie er angesetzt hat, so fährt er bei seinem Impulsvortrag, der aus einer Ansammlung von Anekdoten, mit zum Teil kritischer Botschaft, besteht, fort. Er stellt fest, dass der Katholik, der seinen Glauben ernst nimmt und dem Zeitgeist widersteht, kein Spießer, sondern viel mehr ein Nonkonformist, im wahrsten Sinne des Wortes, ist. Die wahren Spießer sind, seinen Ausführungen folgend, all die aufgeklärten Geister unserer Zeit, seien es verklemmte Bildungsbürger oder Radikalfeministinnen. Nach wenigen Minuten lachen nicht wenige über seine geistreichen Pointen, es gibt spontane Beifallsbekundungen. Sogar Papst Innozenz III, dessen Schrift De miseria humanae conditionis dem ein oder anderen bekannt sein dürfte, findet an diesem Abend einige Male Erwähnung – Prälat Imkamp wurde an der Gregoriana mit einer Arbeit über dessen Kirchenbild zum Doctor Theologiae promoviert

Im Anschluss zu seinem Vortrag besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Eine Frau, mittleren Alters, die den Vortrag wohl als nicht sonderlich unterhaltsam empfunden hat, meldet sich zu Wort. Ich besitze leider ein sehr schlechtes Gedächtnis für die wortwörtliche Wiedergabe von Gesprochenem, doch zusammenfassend kann man sagen, dass diese Frau, eine exquisite Auslese der klischeehaftesten Argumente gegen die katholische Glaubenslehre und insbesondere der Morallehre à la „Die katholische Glaubens-/Morallehre muss a) im historischen Kontext gesehen werden, ist b) für die Masse der Menschen nicht ansatzweise umsetzbar und c) durch den Geist des 2. Vatikanischen Konzils revidiert worden“, präsentiert, die man sich vorstellen kann. Bilderbuchhaft. Viele hätten angesichts dieser Frau kalte Füße bekomme, man weiß zwar, dass derartige Argumente ziemlich billig sind, doch um sie zu widerlegen, müsste man Klartext reden und das ist heutzutage unangenehm..

Prälat Imkamp allerdings ist über diese Wortmeldung sichtlich erfreut, was er auch zugleich zugibt, denn so könne er das, was er soeben „gepredigt“ habe, vorführen. In der Tat, er antwortet ihr ohne Umschweife; das, was er sagt, ist sogar sehr gewandt. Die Leute lachen. Die Frau lacht nicht, sie hakt nach, stellt sich als Theologin vor, bemüht die Biographien ihrer Bekannten um bspw. das Engagement deutscher Bischöfe für die Zulassung Wiederverheiratet-Geschiedener zur Kommunion zu rechtfertigen und wird wiederum entlarvt.

Weitere, eher unspektakuläre, Fragen folgen und werden tadellos katholisch beantwortet. Schließlich wird die Diskussion beendet. Auf dem Tischchen vor dem Vortragsraum hatte Prälat Imkamp Andachtsbildchen und den Wallfahrtskalender von Maria Vesperbild ausgelegt; vielleicht war er deswegen leicht verspätetet am Rednerpult angekommen.

Auf meinem Heimweg resümiere ich den Abend. Es war ein außergewöhnlicher Vortrag gewesen, geistreich, unterhaltsam, katholisch und eloquent; eine Kombination, die man leider äußerst selten antrifft. Prälat Imkamps Direktheit ist beeindruckend. Seine take-home-message lautet „Katholizismus ist Nonkonformismus“ – ich vergleiche das schwarz-graue Strickkleid, das ich trage, mit den Jeans der anderen Fahrgäste und nicke. Ich steige aus, eile die Stufen zur Oberfläche hoch. Draußen ist es windstill.

Lähmende Betroffenheitslyrik und Empörungsrhetorik

Einige Tage später fiel mir durch eine glückliche Fügung Monseigneur Imkamps schon erwähntes Buch, „Sei kein Spießer, sei katholisch!“ in die Hände. Da es nicht sonderlich dick ist, las ich es innerhalb kurzer Zeit durch. Es erinnert ein wenig an G. K. Chestertons Werke und auch entfernt an den späten Gerd-Klaus Kaltenbrunner, einen leider viel zu unbekannten österreichischen Privatgelehrten und Philosophen. Der Inhalt per se müsste dem praktizierenden Katholiken, der sich ein wenig mit seinem Glauben beschäftigt, geläufig sein.

Monseigneur Imkamp beginnt mit konkreten Vorschlägen für das Jahr des Glaubens (Stichwort: Reform beginnt mit der Beichte), dem Erscheinungsjahr des Werkes, kritisiert Spießer und den deutschen Akademie- und Rätekatholizismus, klärt über die verbreitetsten Irrtümer über die Marienverehrung und die katholischen Mystik auf und plädiert für einen selbstbewussten Katholizismus. Denn der Katholik brauche sich weder für die vielen Errungenschaften der Kirche, seien sie auf kultureller oder zivilisatorischer Ebene noch für ihre, vom Spießern verkannten, Lebensfreude, die allein schon durch die Vielzahl von kirchlichen Festen bewiesen wird, zu verstecken.

Selbstverständlich beinhaltet das Buch auch eine Passage zum, von ihm geprägten, Begriff der „Clerical Correctness“, die im kirchlichen Kontext analog zur „Political Correctness“ aufgefasst werden kann. Außerdem empfiehlt er des Öfteren Marienwallfahrten bspw. nach Maria Vesperbild.

Wirklich lesenswert ist das Buch aus zwei Gründen: einerseits durch Prälat Imkamps Sprache und anderseits durch das Kapitel mit dem Titel „Der aufgeklärte Spießer“.

Seine Formulierungen sind wirklich außergewöhnlich. So beschreibt er zum Beispiel die Kirchenlandschaft in Deutschland folgendermaßen: „In der kirchlichen Landschaft heute überwiegt allerdings eine Mischung aus pubertären Übermut und präseniler Weinerlichkeit, verbunden mit einer geradezu penetranten emotionalen Inkontinenz, die sich in lähmender Betroffenheitslyrik und Empörungsrhetorik erschöpft.“. Grandios. Im Kontext der Originalität der heutigen Häretiker schreibt er von der „Häresieproduktion als Nostalgiebetrieb“ und über den Charme des Magnificats kann man lesen, dass nicht einmal das „Säurebad [der] historisch- kritischen Exegese“ es vermocht hat, es aufzulösen.

Das Kapitel „Der aufgeklärte Spießer“ kann als eine Art kurze Genealogie des aufgeklärten Spießertums, beginnend mit dem Humanismus der Renaissance, gelesen werden.

Prälat Imkamp stellt hierbei die katholische Kirche als Alternative zum engstirnigen aufgeklärten Spießertum vor, was er anhand mannigfacher historischer Beispiele, die von der Aktualität einer Schrift des Theatinerpaters Antonio Diana aus den 17. Jahrhundert zum Thema der Steuergerechtigkeit bis zur Konversion des Dadaisten Hugo Balls zum Katholizismus reichen, untermauert. Dieses Kapitel ist in seiner Kürze und in seinem Facettenreichtum bei der Auswahl der Beispiele wahrhaftig außergewöhnlich.

Alles in allem ein lesenswertes Werk, das um einiges tiefgründiger ist, als es sein Titel vermuten lässt, ohne jedoch zu einer kryptischen Abhandlung auszuarten. Ein Buch, das je nach Leser unterhält und/oder zum Weiterdenken anregt.

Champagner und Katholizismus

Bevor nun alle Freunde unterhaltsamer Apologetik dieses Buch kaufen, möchte ich darauf hinweisen, dass es von einem Hermeneutiker der Kontinuität, der gleichzeitig Konsultor der Selig- und Heiligsprechungskongregation ist, verfasst wurde, d.h., es existieren durchaus kritische Passagen über Hermeneutiker des Bruchs und prominente Selig- und Heiligsprechungen der jüngsten Zeit werden aus historischer Sicht gesehen und so zum Teil, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, auf diese Weise begründet.

Wie man sieht, sind Prälat Imkamps Ausführungen bezüglich dieses Punktes weder sachlich falsch noch unüberlegt, sondern ganz im Gegenteil, seine Position ist sehr kohärent, davon abgesehen, welche Meinung man persönlich vertritt.

Ich möchte mit dem letzten Satz von „Sei kein Spießer, sei katholisch!“ schließen: „Das katholische Lebensgefühl ist menschenfreundlich. Der Champagner wurde im Benediktinerkloster erfunden. Von einem preußischen Staatschef kam die Sektsteuer.“. Die Interpretation dieses Satzes sei jedem Leser selbst überlassen. Cin Cin.

Die Autorin ist Studentin an der jesuitischen „Hochschule für Philosophie München“.

Foto: Sei kein Spießer, sei katholisch! – Bildquelle: Kösel Verlag