„Dem Glauben auf der Spur“

Das neue Buch von Ulrich Nersinger.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 15. Februar 2016 um 23:34 Uhr
Bildquelle: Verlag Petra Kehl

„Dem Glauben auf der Spur“ heißt das neueste Buch von Ulrich Nersinger, mit dem er die Rompilger des Heiligen Jahres (aber auch Daheimgebliebene) an ungewöhnliche Orte in Ewigen Stadt führt. Große Kunstwerke und bedeutende Künstler sucht der Leser in diesem Führer vergeblich. Stattdessen stehen Kirchen und Heiligtümer im Vordergrund, die auf die eine oder andere Weise das Evangelium, die Frohe Botschaft Jesu Christi, eindrucksvoll verlebendigt haben – und es noch immer tun. Manchmal auf eine Art und Weise, die uns heute befremdlich erscheint. Es sind Orte ungewöhnlicher Wunder, bedeutende Reliquien, ein antikes Mietshaus und ein Schatz im Untergrund, Hinrichtungsstätten und eine mit Skeletten verzierte Gruft, Kirchen von Bruderschaften, die sich der Toten und der Todgeweihten annahmen, und andere besondere Stätten des Glaubens, die der Vatikanexperte Ulrich Nersinger auf 128 Seiten vorstellt. Dabei greift er auf historische Erkenntnisse, kirchliche Überlieferungen und altehrwürdige Legenden zurück.

Leseprobe:

Was wir sind, werdet ihr sein

Die Kapuzinergruft der Via Veneto

von Ulrich Nersinger

Eine ungewöhnliche, den Menschen unserer Zeit merkwürdig
erscheinende Gedenkstätte des Todes findet sich
mitten im pulsierenden Zentrum Roms. Sie liegt unweit
der Straße, die mit dem dolce vita, dem „süßen Leben“ der
Fünziger und Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts
in Verbindung gebracht wird.

In der Nähe der Piazza Barberini, am Beginn der Via
Veneto, liegen Kirche und Kloster der Nostra Signora
della Concezione dei Cappuccini. Sie wurden von Papst
Urban VIII. (Maffeo Barberini, 1623-1644) in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts für seinen Bruder, den Kardinal
Antonio Barberini, ein Mitglied des Kapuzinerordens,
erbaut. Der Pontifex selbst segnete den Grundstein der
Kirche und feierte in ihr den ersten Gottesdienst. Ein
Lichtblick in der Zeit des Nepotismus!

Viele Rombesucher lenken ihre Schritte jedoch nicht in
das Gotteshaus, sondern sie steigen hinab in die Krypta
der Kirche -und dies oft nicht in frommer Gesinnung,
sondern aus einer bizarren Neugierde heraus. Selbst der
Tourist, der aus den Stadtführern um das weiß, was ihn in
den unterirdischen Räumen erwartet, erschrickt und verstummt
angesichts dessen, was er erblickt. Ein Inschrift
am Eingang der Krypta prophezeit: „Quod fuimus, estis,
quod sumus, eritis – Wir waren, was ihr seid, und was wir
sind, werdet ihr sein.“

Die Wände der Gänge und Säle der Gruft sind von
Gebein bedeckt. Alle Verzierungen – Blumen, Rosetten,
Arabesken und Schmuckbänder – sind aus menschlichen
Knochen geformt, und zwar in einer beinahe unerreichbaren
Vollendung. An Ketten aus Schienbeinen hängen
Lampen, die ihrerseits wieder aus Rippen und Gelenken
Verstorbener bestehen. Selbst die Sanduhren entstammen
Skelettteilen. Der Besucher schaut auf ungeheure Anhäufungen
von Schädeln. Einige von ihnen bilden die Nischen,
in denen mumifizierte Mönche, gehüllt in ihre
Gewänder, liegen oder stehen.

Fast viertausend Söhne des heiligen Franziskus sind
hier beigesetzt worden, in einem Erdreich, das aus Jerusalem
in das römische Gotteshaus gebracht worden war.
Inmitten der Ordensbrüder haben auch drei weibliche
Personen ihre letzte irdische Ruhestätte gefunden: eine
Fürstin und zwei kleine Mädchen – Angehörige des römischen
Adelsgeschlechts der Barberini, das bis in die jüngste
Zeit das Patronat über die Kirche und den Konvent der
Kapuziner innehatte. Nachdem das Fleisch ihrer Leichname
verwest war, wurden die Skelette zum Schmuck der
Krypta genutzt – nicht aus einer makaberen Laune heraus,
sondern mit einer ganz bestimmten Absicht.

Ein berühmter Auslandsrömer, Constantin Maes, erkannte
die Botschaft. Zunächst erschien im die Gruft der
Kapuzinermönche dunkel und schauerlich. „Heiliger
Schrecken“ erfüllte ihn, als er in sie mit einer Fackel hinunterstieg;
die „Ausstattung“ der Krypta ängstigte, verwirrte
ihn und nahm ihm fast den Atem. Dann aber
wurde ihm bewusst, dass sie auf diese Weise „mit dem
Tode gleichsam scherzt, es ihr so gefällt, auf die große,
unleubare Wahrheit der Auferstehung hinzudeuten“.

Und ein römischer Schriftsteller empfand in den
Gewölben unter der Kirche der Muttergottes ein Gefühl
beruhigender Hoffnung: „Hier macht der Tod keine
Angst. In diesem Schauspiel des Todes spüren wir den
Glauben an ein anderes Leben. Wir erkennen an diesem
Ort das Morgen unter der Maske unseres vergänglichen
Fleisches“.

Ulrich Nersinger
Dem Glauben auf der Spur
Auf Pilgerschaft in der Ewigen Stadt
Broschiert, 128 Seiten, 8,90 Euro, ISBN 978-3-930883-77-6

Foto: Cover: Dem Glauben auf der Spur – Bildquelle: Verlag Petra Kehl