Kommentar: Wir sind nicht Kirche – Aber wir sind in ihr und bleiben in ihr
Ein Kommentar von Mag. theol. Michael Gurtner.
In den letzten Jahrzehnten hat es immer wieder den unglücklichen Versuch gegeben, die Kirche völlig neu zu beschreiben und mitunter auch, sie neu zu definieren. Diese Absicht war jedoch leider nicht immer von einem Streben nach tieferer Erkenntnis der an sich vorgegebenen Wahrheit geleitet, sondern von der Bestrebung, ein Kirchenkonzept zu konstruieren, welches mit eigenen, sich selbst auferlegten Zielen vereinbar sei: nicht die Ziele nahmen Maß am Glauben, sondern der Glaube wurde den menschlichen Zielen nachgeformt.
Daß man da vieles gewaltsam verbiegen mußte, ist nicht verwunderlich, und so hat sich bei all diesen Versuchen im Kirchenverständnis vieler Gläubiger ein schwerwiegender Fehler verfestigt, welcher implizit der Kirche eine falsche und veränderte Ontologie zuschreibt, welche im Grunde vollkommen säkularisiert ist.
Wir sprechen von der irrigen Meinung, Menschen könnten „Kirche sein“. Oftmals hörte man Formulierungen wie „wir sind alle Kirche“, wobei das nicht als eine bloß bildhafte Formulierung verstanden ist, so wie es noch mal durchgehen könnte, sondern es ist tatsächlich als Beschreibung der Kirche als solche verstanden: Die Kirche bestünde aus Menschen; dies ist heute das Kirchenverständnis nicht weniger Gläubiger und auch vieler Theologen, welches eng mit einer fehlgeleiteten Communio-Theologie verbunden ist.
Ein solches Konzept kommt vor allem jenen gelegen, welche meinen die Kirche frei und ungebunden „machen“ und „gestalten“ zu können. Ein „Ursprung von unten“ ist jedoch die notwenige denkerische Voraussetzung dafür.
Einem solchen Verständnis muß man aus ekklesiologischer Sicht entschieden entgegentreten: kein „Wir“ oder „Sie“ kann je „Kirche sein“, da dies bedeuten würde, daß die Kirche aus Menschen und Gemeinschaften besteht: das hätte zur logischen Folge, daß Menschen die Kirche konstituieren würden und die Kirche nicht mehr wäre, wenn es keine (lebenden) Menschen mehr gäbe: denn wenn Menschen die Kirche sind, wie könnte diese dann noch sein, wenn es keine Menschen mehr gäbe? Die Kirche bestünde also aus einem Zusammenschluß von Personen, welche der ontologische Grund der Kirche wären. Die Kirche erscheint so als eine rein immanente Größe, welche sich selbst durch menschlichen Willen formiert und sich von sich aus an Gott richtet. Ein solches Konzept von Kirche käme in ihrem Sein einem Verein gefährlich nahe, und würde nahelegen, daß das Glaubensgut auf Konsens basierend wäre.
Auch das Konzept der Kirche als „Volk Gottes“, welches an sich nicht falsch ist, rückt jedoch durch einen falschen, demokratisch-soziologisch geprägten Volks-Begriff oft in dieselbe Schiene: die Kirche wäre demnach, weil wir sie wollen, und folglich muß sie auch so sein, wie wir sie wollen.
Von der paulinischen und somit auch biblischen und traditionellen Definition der Kirche als der mystische Leib des Herrn ist solch ein Konzept vollkommen abgerückt. Die Kirche ist eine extrem vielschichtige Wirklichkeit, welche sich nicht in einem Satz definieren läßt, sondern sich nur mit vielen Erörterungen dargetan werden kann. Dennoch gibt es bildhafte Kurzformeln, welche jeweils eine bestimmte Wirklichkeit ausdrücken. Die Formel „die Kirche sind wir“ ist dogmatisch jedoch vollkommen unhaltbar und impliziert Irriges.
Die Kirche ist eine übernatürliche Wirklichkeit
Die Kirche ist keine natürlich-menschliche Wirklichkeit, sondern eine übernatürlich-göttliche. Sie wurde von Gott eingesetzt und umfaßt mehr als nur Irdisches: auch die Engel, die heiligen Seelen in der visio beatifica, und ebenso die armen Seelen im Fegefeuer sind der Kirche zuzurechnen: aber auch die armen Seelen, die Katholiken auf Erden, die Engel und die heiligen zusammengenommen sind noch nicht mit „der Kirche“ gleichzusetzen, weil die Kirche eine von Christus eingesetzte Heilsinstitution ist, in welcher man sein kann, indem man deren Glied ist. Glied der Kirche zu sein ist aber etwas vollkommen anderes, als selbst Kirche zu sein.
Daraus folgt, daß nicht eine Gemeinschaft die Kirche bildet, sondern gerade umgekehrt, daß diese Gemeinschaft der Gläubigen (und der Heiligen) erst durch die Kirche zustande kommt, welche dieser Gemeinschaft ontologisch vorausgehend ist. Für die Kirche ist Christus konstituierend, nicht der Mensch.
Mit diesen Überlegungen im Hintergrund verstehen wir auch besser den Begriff der Kirche als das Volk Gottes, da es sich hier analog verhält: es ist nicht das „Volk“, welches sich zuerst zusammenfindet und sich dann selbst einen Gott gibt, sondern das Volk konstituiert nicht sich selbst, sondern es wird konstituiert, nämlich genau von jenem Gott, den es sich nicht selbst gegeben hat, sondern von dem es auserwählt ist. Diese Auserwählung ergeht zunächst an jeden Einzelnen. Als Einzelner muß man sich entscheiden, dem Ruf Gottes zu folgen: dieser Ruf besteht darin, der Wahrheit zu folgen, und zwar im Glauben wie im Handeln. Diese Wahrheit ist aber an die Kirche gebunden, denn in ihr handelt Gott und wirkt das Heil. Als Einzelner muß man sich deshalb zunächst selbst in die Kirche hineinbegeben und sich im Glauben an diese binden. Erst dadurch ergibt sich eine Gemeinschaft unter denen, die sich als Einzelne zur selben Wahrheit, zu Christus, zu seiner Kirche bekennen. Nicht die Gemeinschaft (das Volk) schafft also die Kirche, sondern diese wird viel mehr durch die Kirche geschaffen.
Von daher können wir also sagen, die Gläubigen sind insofern das „Volk Gottes“, als wir uns nicht selbst gefunden haben, sondern wir SEIN Volk sind, welches von Gott gerufen und auserwählt ist. Die Gemeinschaft bildet sich erst dadurch, daß die Einzelnen darin eine Gleichheit haben, daß sie diesem Ruf Gottes gefolgt sind und sich im selben Glauben unter Christus vereint wissen. Deshalb kann diese Gemeinschaft nicht gemacht werden, sondern muß entstehen.
Die Kirche ist unbefleckbar heilig
Dieser Umstand hat eine wichtige Konsequenz: die Kirche ist und bleibt die una sancta, unbefleckbar heilig und unzerstörbar. Würde die Kirche tatsächlich aus einem „Uns“ bestehen, dann wäre sie in dem Maße heilig, als wir es sind oder eben nicht sind. Da die Kirche aber eine in ihrem Sein zunächst von uns unabhängige Wirklichkeit ist, hängt ihre Heiligkeit auch nicht an der Heiligkeit ihrer Glieder. Auch hier gilt wieder ähnliches, wie wir oben gesehen haben: das Aktive und das Passive wird hierbei oft verwechselt. Die Kirche wird nicht durch den Menschen geheiligt, sondern umgekehrt, sie ist gerade dazu eingesetzt, um den Menschen, der immer Sünder ist, zu heiligen. Ihre Heiligkeit bezieht sie dabei aus ihrem göttlichen Ursprung und aus der göttlichen Gegenwart, welche ihr innewohnt: denn Gott hat die Kirche eingesetzt, um in dieser durch die Gnadenmittel, welche er dieser mitgegeben hat, selbst zu wirken. Ziel dieses Wirkens ist, die Unheiligkeit und Sündhaftigkeit, d.h. die Gottunwürdigkeit der Menschen in Heiligkeit zu wandeln. Deshalb ist es vollkommen logisch und klar, daß die heilige Kirche voll von Sündern ist. Doch ist die heilige Kirche eben genau für den Menschen gegründet: um aus ihm, den Sünder, einen Heiligen zu machen und sein Leben letztlich gut ausgehen zu lassen. Daß es in der Sünde von Unheiligen und Unheiligem nur so wimmelt ist nur natürlich: denn genau um dies zu überwinden ist sie ja in der Welt auch sichtbar eingesetzt. Dabei kann der Sünder die Kirche nicht unheilig machen, aber umgekehrt kann die Kirche den Sünder sehr wohl heiligen. Die Kirche mit dem Hinweis auf ihre sündigen Glieder zu meiden wäre in etwa so, als würde jemand sich weigern, auch nur einen Fuß ins Krankenhaus zu setzen weil er sagt, dort seien so viele Kranke und dabei die Krankheiten und Verletzungen der Patienten dem Krankenhaus zuschreibt.
Ähnlich gilt dies auch für die Kirche: sie will eben gerade die Sünde auslöschen, was aber bedingt, daß die zu bessernden Sünder zuerst in ihr Platz finden. Das macht die Kirche nicht unheilig oder gar selbst sündhaft, weil die Kirche und die Kirchenglieder zwei unterschiedliche Wirklichkeiten sind. Deshalb kann aber auch die Sündhaftigkeit der Kirchenglieder nicht auf die Kirche selbst übergehen. Im Gegenteil: es ist das allzeitige Bestreben der Kirche, die Menschen rein und untadelig zu machen, wie sie auch selbst rein und untadelig ist.
Die Welt wurde von Anfang an auf die Kirche hin erschaffen
Wir sagten, die Kirche ist für den Menschen und wegen seiner Sündhaftigkeit eingesetzt. Wir sagten aber auch, daß der gemeinschaftlicher Charakter dieser Kirche dadurch zustande kommt, daß sich verschiedene Menschen, oder sagen wir besser: verschiedene Seelen in Gemeinschaft mit Gott wiederfinden und dadurch eine Gemeinsamkeit haben: sie treffen sich im wahren Glauben, in Gottesgegenwart. Genau darin besteht aber der Sinn der Kirche: den Menschen aus der Gottesferne herauszuholen und in die Gottesgegenwart hineinzunehmen – nichts anderes bedeutet aber Heiligkeit. Es gibt keine Heiligkeit außerhalb der Kirche, so wie es keine Heiligkeit in Gottesferne geben kann. Kirche und Heiligkeit sind miteinander untrennbar verbunden: extra ecclesiam nulla salus. Das Heil ist allein dort zu finden, wo die eine, heilige katholische und apostolische Kirche ist.
Deshalb ist die Welt und in ihr ganz speziell der Mensch auch von allen Anfang an auf die Kirche hingeschaffen worden, weil er zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen ist, diese Gemeinschaft mit Gott aber niemals außerkirchlich sein kann. Dies ist die Kirche, wie sie als solche eingesetzt ist. Doch ist die Kirche nicht allein eine übernatürliche Wirklichkeit außerhalb der Welt, sondern gerade weil Gott in der Welt im Tode seines Sohnes das Heil gewirkt hat, welches der Mensch sich verstellt hatte, und dieses Heilswirken transhistorische Aktualität hat und durch alle Zeiten hindurch Gegenwart bleibt, und der Mensch bereits in dieser irdischen Welt zur Gottesgemeinschaft gerufen ist, hat Gott die Kirche auch bereits zu einer innerweltlichen, sichtbaren Wirklichkeit gemacht, indem er sie als sichtbare Kirche in der Welt zum Heil des Menschen einsetzte.
Auch daran sehen wir, daß die Kirche dem „Wir“, das angibt „Kirche zu sein“, ontologisch vorausgeht und somit von diesem Wir verschieden ist. Die heilige Kirche ist etwas anderes und viel mehr als ein bloßes Wir, als eine bloße Gemeinschaft: die Kirche ist eine heilsvermittelnde Wirklichkeit, in welche man sich selbst hineinbegeben muß, und in der man bleiben muß um sich das ewige Heil nicht zu vertun.
Die Kirche selbst kann niemals sündigen – aber alle ihre Glieder können es. Und sie sündigen mitunter auf das Schwerste. Doch jede Sünde, auch wenn sie im kirchlichen Kontext begangen wird, besteht darin, daß sie eben genau nicht dem Auftrag Gottes gerecht wird. Das macht aber nicht die Kirche zu einer schlechten Kirche, sondern ihre sündigen Glieder zu treulosen Dienern des Herrn.
Sowohl Unglaube als auch Sünde können die Gemeinschaft des betreffenden mit Gott durchschneiden, so daß die Verbindung zu dünn ist um die ewige Heiligkeit zu erlangen: denn auch wenn durch das heilige Bad der Taufe zeitlebens eine Verbindung zu Gott hergestellt ist, so ist diese alleine noch nicht genug für das ewige Heil. Doch so schwer jemand auch sündigt oder soweit jemand auch vom wahren Glauben abfällt, bleibt zeitlebens für jeden die Möglichkeit bestehen, diese seelenrettende Gemeinschaft mit Gott mittels seiner Kirche wieder herzustellen: denn gerade für die Gottlosen ist die Kirche sichtbar in die Welt gesetzt.
Der Anspruch der Kirche als sichtbare Institution Gottes auf Erden ist daher hoch. Sehr hoch sogar: die Kirche setzt als Ziel Vollkommenheit, zu welcher sie den Menschen auch treiben will. Sein Glaube muß vollständig, und sein Tun sündenlos sein. Der Mensch soll gottwohlgefällig werden und bleiben. Von diesem Anspruch kann sie nicht runtersteigen, weil dies bedeuten würde, nicht mehr den Willen Gottes zum eigenen Willen zu machen, sondern das Maß am Menschen und seiner wechselnden Bereitschaft zu nehmen. Doch daß sie dies fordert besagt auch, daß dieser Zustand von ihren Gliedern noch nicht erreicht, sondern noch Ziel ist.
Wenn die Kirche also Dinge fordert, die sie selbst nicht ausgedacht, sondern als Gotteswille erkannt hat, dann beschreibt sie nicht ihre Glieder, sondern das Ziel für ihre Glieder. Und es ist immerhin noch besser ein hohes Ziel zu haben als sich mit der Sünde zufrieden zu geben.
24. März 2010, 17:10