Warum wir uns Christen nennen müssen
Eine Buchbesprechung von Benjamin Greschner.
Was erwarten wir von einem Buch, das sich mit dem Christentum befasst und den Untertitel „Plädoyer eines Liberalen“ trägt? Mein erster Gedanke in diesem Zusammenhang dürfte sicherlich auch Ihren Gedankengängen ähneln bzw. entsprechen: „Nicht schon wieder!“. Doch dann musste ich die Erfahrung machen, dass man sich durch Untertitel allein nicht all zu sehr beeinflussen lassen sollte, denn manchmal sind die Dinge anders, als man sie auf den ersten Blick vermutet. Das vorliegende Buch trägt den Titel „Warum wir uns Christen nennen müssen. Plädoyer eines Liberalen“ und stammt aus der Feder des italienischen Politikers Marcello Pera.
Pera ist bei weitem kein Unbekannter: durch seinen Briefwechsel mit Kurienkardinal Joseph Ratzinger, der 2005 als Buch veröffentlicht wurde, hat der italienische Spitzenpolitiker weit über die Grenzen Italiens hinaus für Diskussionsstoff gesorgt. In seinem nun vorgelegten Werk stellt Pera eine These auf, die zwar einfach und prägnant ist, dennoch aber für hitzige Diskussionen sorgen dürfte: Im Grunde sind wir alle Christen, und ohne christlichen Glauben ist in Europa kein Staat zu machen.
In einem Streifzug durch die Philosophie analysiert der Autor die großen liberalen Denker und kommt zu einem Ergebnis, das den kritischen Leser durchaus überraschen mag: auch wer sich auf den Liberalismus als Grundlage der modernen Gesellschaftsordnung bezieht, muss sich Christ nennen, denn erst das christliche Gottes- und Menschenbild gibt dem Liberalismus sein Fundament. Pera bezeichnet das Christentum in diesem Zusammenhang als „Seele Europas“.
Dabei ist Peras Buch nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern auch eine dringende Mahnung. Wenn Europa seine christliche Prägung verleugnet – wofür das Straßburger Kruzifixurteil leider das jüngste Beispiel ist – und stattdessen die Multikulturalität zum Prinzip erhebt, dann verliert es seine Identität.
Eine für den Leser nicht uninteressante Tatsache ist, dass das Buch mit einem Vorwort von Papst Benedikt XVI. eingeleitet wird, das er im vergangenen September verfasste. In seinem Vorwort unterstreicht der Heilige Vater dabei den Stellenwert des vorliegenden Buches: „Das Buch von Pera ist mit seiner nüchternen Rationalität, seiner umfassenden philosophischen Information und der Kraft seiner Argumentation in dieser Stunde Europas und der Welt von großer Bedeutung“. Diese Würdigung durch das Kirchenoberhaupt kommt, gerade vor dem Hintergrund der zahlreichen Publikationen, die Benedikt XVI. selbst verfasst hat, einem Ritterschlag gleich.
Marcello Pera, geboren 1943, war Professor für Philosophie in Catania und Pisa. 1996 schloss er sich mit weiteren Intellektuellen Silvio Berlusconi an und war bis 2001 Vizepräsident der Partei “Forza Italia”. Von 2001-2006 war Pera Präsident des italienischen Senats und damit zweihöchster Staatsmann Italiens.
21. März 2010, 17:05