Einseitige Debatte um Kindesmissbrauch

Symbolfoto: Zeitungen (Foto: Daniel R. Blume)Ein in Deutschland lebender Zeitgenosse, der sich nicht selbst um Hintergrundinformationen bemüht, kann leicht den Eindruck gewinnen, dieses Delikt werde hauptsächlich und das seit Jahrzehnten von katholischen Geistlichen und in kirchlichen Einrichtungen begangen. Trotz gegenteiliger Aussagen von Fachleuten, die klar auf die Verantwortung der einzelnen Täter verweisen, wird auf diese Weise ein pauschales Urteil verbreitet: „DIE Priester“, „DIE katholischen Schulen“, ja „DIE katholische Kirche“ ist an allem schuld. Damit werden in Deutschland ca. 16000 Priester an den Pranger gestellt – obwohl nur einige wenige straffällig geworden sind.

Bei der Frage nach Gründen für den Kindesmißbrauch wird ebenfalls nicht differenziert: allein der Zölibat soll die Ursache für sexuelle Übergriffe „DER Priester“ sein. Auch diese Behauptung steht im Widerspruch zu psychologischen Untersuchungen und fachlichen Aussagen: Pädophilie ist eine sexuelle Entwicklungsstörung, die sich bis zum Ende der Pubertät des Betroffenen manifestiert, aber keinesfalls durch eine Verpflichtung ausgelöst wird, die ein erwachsener Mann eingeht. Im Internet sind sehr viele Statistiken verfügbar, wie viele sexuelle Mißbrauchsfälle pro Jahr in Deutschland bei den Behörden angezeigt werden. [1]

Daraus wird ersichtlich, daß es sich in den vergangenen 15 Jahren um ca. 15000 Fälle pro Jahr handelt. Das sind nur die gemeldeten Fälle, die Dunkelziffer ist sicher weitaus größer. In früheren Jahrzehnten mag die Zahl noch höher gelegen haben, wegen der bereits oft zitierten Auswirkungen der 68er Revolution, der Erziehungsmethoden in den 40er und 50er Jahren in relativ abgeschlossenen Kinderheimen etc.

Gehen wir für die folgenden Überlegungen aber von einer Zahl von 15000 Fällen pro Jahr in den vergangenen 70 Jahren aus, betrachten wir also den Zeitraum von 1940 bis 2010. 70 mal 15000 ergibt 1 050 000 Fälle, in Worten: eine Million fünfzigtausend Kinder, die sexuell mißbraucht wurden. Und jeder Fall ist eindeutig ein Fall zuviel – verbergen sich doch hinter dieser Zahl über eine Million von Einzelschicksalen, von Kindern (und heutigen Erwachsenen), die in ihrer persönlichen Entwicklung mehr oder weniger gestört wurden.

Wenn man diese Zahl von gemeldeten Mißbrauchsfällen zur besseren Handhabung auf 1 Million abrundet, und die der bekannten Mißbrauchsfälle in katholischen Institiutionen von 350 auf 1000 aufrundet ergibt sich in etwa folgendes Bild: In den letzten 70 Jahren gehen 1000 Fälle von insgesamt 1000000 Fällen auf Kleriker zurück, das entspricht einem Promille.

Pro Jahr 15 in kirchlichen Einrichtungen mißbrauchte Kinder ist eindeutig nicht tolerierbar – aber wo bleibt die allgemeine und mediale Empörung über die 99.9 % restlichen Fälle?! Das entspricht 14985 Kindern, die pro Jahr in Familien, im Bekanntenkreis, in Sportvereinen, in öffentlichen Schulen, in nicht-katholischen Internaten usw. sexuell mißbraucht werden.

Eine Aufschlüsselung der Tatverdächtigen in den polizeilich ermittelten Fällen ergibt folgendes: 53% der Täter sind Väter, 16% Stiefväter u.ä., 6% ältere Brüder, 5% Onkel, 3% Großväter, 10% Nachbarn oder Freunde und 6% Lehrer, Erzieher, Ärzte. (Quelle: Statistik des Deutschen Kinderschutzzentrums)

Wie aus obiger Statistik ersichtlich ist, geht also die Mehrzahl der sexuellen Mißbrauchsfälle an Kindern auf Täter zurück, die ihre Sexualität „frei ausleben können“ – NICHT auf zölibatär lebende Priester oder Mönche.
Dies sollte im allgemeinen Bewußtsein sowie in den Medien berücksichtigt werden – ansonsten kommt der Verdacht auf, es gehe den Autoren nicht in erster Linie um das Schicksal der Opfer und die Prävention weiterer Fälle, sondern vielmehr um einen Angriff auf die Katholische Kirche und ihre Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit.

Die immer lauter erhobene Forderung nach einer Stellungnahme von Papst Benedikt XVI., ja nach einem „Mea Culpa“ des Heiligen Vaters, die nicht nur von den Medien sondern auch von Stimmen innerhalb der katholischen Kirche gefordert wird, erscheint unter Berücksichtigung des oben Gesagten besonders unverständlich: Was sollte der Papst noch sagen oder schreiben, was er nicht schon vielfach gesagt und geschrieben hat? Warum sollte er sich global entschuldigen, gar ein „Mea Culpa“ sprechen, wenn doch einzelne Personen individuell sich falsch verhalten haben? Oder geht es mehr darum, ihn als Person sowie das Papstamt öffentlich herabzuwürdigen und der Institution „Katholische Kirche“ die Vertrauenswürdigkeit abzusprechen?

Verfolgt man den laufenden medialen Sturm um die Pädophilie-Vorwürfe, so fühlt man sich fatal an die vergleichbare Situation anläßlich der Aufhebung der Exkommunikation der FSSPX-Bischöfe vor genau einem Jahr erinnert.

Viel wichtiger als die Dauer-Schelte gegenüber allem Katholischen wäre die Konzentration auf Hilfe für die Opfer, eine angemessene Bestrafung ALLER Täter – mit begleitender Lebensumstellung (Therapie zur Beherrschung ihrer Sexualität, Versetzung an einen Arbeitsplatz, an dem sie nicht mit Kindern/Jugendlichen in Kontakt kommen) sowie eine verstärkte Prävention, damit Fälle sexuellen Mißbrauchs möglichst verhindert werden.

[1] Bspw. hier.

Ein Gastkommentar von Monika Rheinschmitt, Vorsitzende der Laienvereinigung für den klassischen römischen Ritus in der Katholischen Kirche e.V.

21. März 2010, 11:40

© 2005 - 2012 by kathnews.de    |    Impressum