Kommentar: Die Abtreibungsdramatik unter dem Aspekt der Unterlassungssünde

EmbryoEine der positive Erneuerungen, welche im Zuge der Liturgiereform nach dem letzten Konzil in die katholische Liturgie Einzug hielten, war die Einfügung des omissione ins Confiteor. Es weist uns darauf hin, daß wir nicht nur in dem Sündigen was wir tun, sei es im Handeln, im Denken, im Sprechen, sondern daß wir auch durch unser nicht-tun sündigen können: wenn wir nicht handeln, wo wir handeln müßten, wenn wir unser Denken nicht kultivieren und dort nicht sprechen (oder schreiben) wo wir dazu moralisch gehalten wären. Viel mehr Unterlassungssünden häufen sich bei uns allen, als den meisten vermutlich bewußt ist!

Es steht uns an, uns auch in dieser Hinsicht einmal einer selbstkritischen und ehrlichen Gewissensprüfung zu unterziehen, und zwar mit besonderer Bezugnahme auf ein Drama, welches die Todesursache Nummer eins in der Europäischen Union, welche sich gerne menschenfreundlich und als betonte Befürworterin der Menschenrechte darstellt. Allein im Jahre 2008 gab es 2,86 Millionen registrierte Abtreibungen – dem steht eine geschätzte Sterbezahl von etwa 4,8 Millionen geborener Menschen gegenüber. Das entspricht einem Verhältnis von 1:1,68.

Oder in Worten gesprochen: einer Person, welche innerhalb der ersten neun Lebensmonate gezielt getötet wird stehen, statistisch gesehen, weit weniger als zwei geborene Personen gegenüber, die in einem Zeitraum von etwa achtzig Jahren sterben, alle Todesursachen zusammengenommen!

Sich selbst an den eigenen Maßstab halten
Gerade in einer Zeit, da wir gerne den Maßstab unserer eigenen Zeit an die Vergangenheit legen und das Argument nicht gelten lassen wollen, daß in vergangenen Zeiten die Mehrheit anders dachte als die gegenwärtige Mehrheit, sondern rückwirkend fordern, man hätte damals auch gegen den mainstream handeln und seine Stimme zum Guten erheben müssen, müssen wir uns auch fragen, wie es denn bei uns in dieser Sache aussieht: ob wir auch selbst das tun, was wir rückwirkend von anderen Generationen verlangen. Mit Recht sagen wir heute, die Menschen hätten vor und bei Beginn des zweiten Weltkrieges nicht wegsehen dürfen, sondern laut aufschreien müssen, auch gegen einen gewissen Druck der Mehrheit, um so vielleicht den Aufstieg Hitlers zu verhindern.

Und mit recht sagen wir auch heute, man hat in den letzten fünfzig Jahren zu viel Toleranz gegenüber sexuellen Straftätern walten lassen: man hätte härter durchgreifen müssen, obwohl damals Toleranz und eine „offene Sexualerziehung“, welche in Wirklichkeit viel zu oft sexueller Mißbrauch war, Gebot der Stunde war, in einem Klima der neuen Offenheit, welche die 68er-Revolution mit sich brachte.

Im Nachhinein klagen wir, wenn möglich auch gerichtlich, Täter für Dinge an, welche gegen das objektiv Richtige verstießen (welches nicht zeitlich bedingt ist), auch wenn sie damals dem Denken der Mehrheit folgten: was sie taten war allgemein akzeptiert und wurde von nicht wenigen auch als Recht eingefordert.

Mit recht wollen und können wir dort nicht das Argument gelten lassen, daß es damals eben so der allgemeine Konsens war, wo es um ein objektive und absolutes Übel geht. Vollkommen zurecht sagen wir, daß man das Übel hätte im Keime ersticken müssen. Zuallererst müssen dabei die Intellektuellen in Pflicht genommen werden, die Entscheidungsträger, die Politiker, die Meinungsbildner und besonders auch der Klerus.

Es ist nicht legitim ein objektives Unrecht und ein Übel wachsen zu lassen und zu tolerieren, nur weil dieses Übel durch den mehrheitlichen Konsens geschützt ist welcher das Übel nicht als solches anerkennen möchte und mitunter sogar als ein Gut, ein Recht oder eine Pflicht deklariert. Die Mehrheit darf nie zum Maßstab für gut und böse werden, ebensowenig wie das Recht dieser Maßstab sein darf.

Wo ein Recht oder die Mehrheit Unrecht toleriert oder fordert, darf man diesem Gesetz oder diesem Konsens nicht folgen, man muß widerstehen und das objektive Unrecht zu Fall bringen, auch gegen den Mehrheitswillen.

Soweit es Vergangenes betrifft, erkennen wir oft sehr gut, daß die Mehrheit kein gültiger Maßstab ist. Wir fragen vollkommen richtig: wo war denn der Widerstand beim Aufstieg des Diktators Hitler? Und wir können es nicht begreifen, wie es dazu kommen konnte, daß das unbeschreibliche Drama des millionenfachen Massenmordes während des letzten Weltkrieges von vielen einfach wie selbstverständlich hingenommen und ideologisch akzeptiert wurde. Fassungslos stehen wir vor diesem Teil der Geschichte, den wir alle ungeschehen machen möchten, und sind uns einig, daß man rechtzeitig hätte einschreiten müssen, und zwar trotz den allgemeinen Konsenses und gegen diesen.

Ähnlich ist es jetzt mit den beschämenden Fällen von sexuellem Mißbrauch in privaten, staatlichen und leider auch kirchlichen Einrichtungen: hätte man die allgemeine Akzeptanz von fragwürdigen Aufklärungsmethoden, welche die Grundlage sexuellen Mißbrauchs werden konnten, nicht rechtzeitig im Keime ersticken müssen? Auch wenn die Freiheit zu Mißbrauch nie von der Mehrheit gefordert wurde, so wurde aber dennoch eine sexuelle Offenheit und Freizügigkeit gefordert, welche der Nährboden für schwerste sexuelle Vergehen wurde. Auch hier sagen wir heute rückwirkend: warum tat denn niemand etwas? Warum trat man dem nicht entschieden entgegen, und zwar auch gegen den mainstream der sexuellen Freizügigkeit?

Doch wirken diese an sich richtigen Anklagen doch solange etwas unglaubwürdig, als wir sie nur auf die Vergangenheit beziehen und nicht auch auf die Gegenwart anzuwenden bereit sind. Wenn wir richtiger Weise erkennen, daß für vergangene Fehlentscheidungen der allgemeine Konsens keine Entschuldigung sein kann, dann gilt dies allgemein und so auch für das Heute. Wenn wir fordern, daß damals ein Aufschrei hätte erfolgen müssen wo Tod und Mißbrauch akzeptiert wurde, und zwar nicht nur vereinzelt sondern großflächig, dann gilt dies auch für die Gegenwart.

Das größte Unrecht der Gegenwart ist die Akzeptanz der Abtreibung
Wenn wir vollkommen richtiger Weise sagen, man hätte damals die Tötung von Menschen niemals tatenlos hinnehmen oder gar mit fordern dürfen, sondern es hätte die Pflicht gegeben dieses Unrecht zu bekämpfen, so gilt dies auch heute für das Abtreibungsdrama. Auch wenn es von einem gewissen Konsens getragen sein mag rechtfertigt dieser Konsens noch lange nicht das Verbrechen an sich. Wenn wir nach den Widerstandskämpfern der damaligen Zeit fragen und eine diesbezügliche Lethargie fassungslos beklagen, so können wir dies nur dann glaubwürdig tun, wenn wir aus den Fehlern und Unterlassungssünden der damaligen Zeit gelernt haben und nicht heute denselben Fehler mit einem offenen und einem geschlossenen Auge wieder begehen.

So richtig es ist, vergangenes Verbrechen und Unterlassen anzuklagen, so ist es aber noch wichtiger, dasselbe bei gegenwärtigem Unrecht und Verbrechen zu tun: wir dürfen vor lauter Bestürzung und Anklage der Vergangenheit nicht das gegenwärtige Verbrechen übersehen, und so selbst zu lethargischen Schweigern werden, während wir laut und deutlich vergangene Untätigkeit anklagen.

Leider bestehen diesbezüglich viele Unterlassungssünden, und wir sind dabei dasselbe zu tun, wo wir eigentlich doch sagen: „nie mehr wieder!!!“. Wie wird man in Zukunft über uns urteilen? Wird man nicht in einigen Jahren dieselben Maßstäbe an unsere Zeit legen wie wir heute an die Vergangenheit? Wird man dann nicht auch, vollkommen zu recht, sagen: „warum taten so wenige etwas gegen die Abtreibung? Wo waren die anderen? Wo war vor allem die Kirche?“

Es wäre die rechte Zeit, wenn wir es bislang schon nicht taten, so zumindest jetzt selbst das zu tun, was wir von früheren Generationen eigentlich verlangt hätten. Das würde erst unsere Anklagen glaubwürdig und einsichtig machen. Oder meinen wir wirklich, heute in einer besseren Zeit zu leben wie damals? Ohne durch den Konsens getragenes Unrecht?

Wenn wir heute darauf blicken, wie sich die Mehrheit gegenüber der Abtreibung verhält und argumentiert, so können wir daran sehen, wie viele Menschen damals über die verschiedenen Greuel des zweiten Weltkrieges dachten und wie es geschehen konnte, daß es so wenig Widerstand gab.

Diesen Fehler dürfen wir nicht erneut begehen. Besonders die intellektuelle, meinungsbildende Schicht muß hier aktiv werden: man muß schreiben, reden, filmen und Vorträge halten. Es genügt nicht, gegen Abtreibung zu sein: es muß auch kundgetan werden, es muß zu Zusammenschlüssen kommen mit dem Ziel, die Fristenlösung, welche keine Lösung ist sondern eine solche nur vorgaukelt, endlich, mit jahrzehntelanger Verspätung, zu Fall zu bringen.

Als erstes würde man sich eine vermehrte Aktivität der Kirche in dieser Hinsicht erwarten, der Bischöfe und Priester. Klare, deutliche Worte von Bischöfen und auch Priestern, ebenso wie von führenden Intellektuellen aus Politik, Kunst, Kultur und Wissenschaft würden die Tore für weitere Aktionen und Kundgebungen öffnen können: wenn sich die „Oberen“ getrauen, dann erst wird sich das auf die Allgemeinheit übertragen. Das Verbrechen der Fristenlösung und akzeptierten Abtreibung muß unbedingt als Thema präsent bleiben: deshalb soll und muß man öfters als bisher darüber sprechen und schreiben: denn sonst schweigen wir und zu einem Verbrechen aus, wie wir es vielen Menschen zu und vor Beginn des zweiten Weltkrieges vorwerfen.

Die Möglichkeiten sind vielfältig
Die Möglichkeiten sind vielfältig, und je nach Wirkungsbereich sind sie bei jedem etwas verschieden.
Wichtig ist – wir sind mittlerweile in 2010 angelangt – sicher das Internet. Eine große Anzahl von Personen betreiben einen blog oder betreiben sonst persönliche Seiten im Internet: hin und wieder sollten diese Medien auch für Kommentare gegen Abtreibung und Fristenlösungs-Gesetze genutzt werden.

Die Priester müßten wieder mehr in Predigten, Pfarrbriefen und Katechesen darüber aufklären, weshalb die Fristenlösung niemals stillschweigend akzeptiert werden können wird. Besonders schwer wiegt es, wenn die Kritik aus der Kirche verstummt – sie müßte wieder die Anführerin des Widerstandes zum Schutz der ungeborenen Menschen werden!

Die Lehrer sind dort nicht an staatliche Verfügungen gebunden, wo sie dem Naturrecht entgegenstehen: gerade die Erziehung der Jugend ist wegweisend für die Zukunft! Die Gläubigen müßten auch ihre hirten – Priester wie besonders auch Bischöfe – ermutigen, sich gegen die Fristenlösung einzusetzen: auch Hirten sind manchmal schwach und tun sich persönlich etwas leichter wenn sie wissen, daß sie viele Gläubige hinter sich haben. Das muß man sie aber auch merken und wissen lassen!

Die Politiker haben als Entscheidungsträger eine besondere Verantwortung – und deren Unterlassen wiegt ungemein schwerer, da es an ihnen liegt, Gesetze zu ändern. Besonders die Mütter sind auch gerufen, ihren Kindern, ganz besonders ihren Töchtern, die rechten Werte zu vermitteln und sie zu gottesfürchtigen Menschen heranzuziehen, welche sich nicht von der Mehrheit an die intellektuelle Leine hängen lassen.

Intellektuelle und Meinungsbildner müssen ihre Fähigkeiten dazu einsetzen, um die Gesellschaft zum Guten zu verändern und bestehende Fehler und Verbrechen einsichtig zu machen: deshalb müssen gerade sie viel darüber schreiben und reden.

Nicht alle sind verpflichtet, dasselbe zu tun – aber wo jemand die Gelegenheit hat, sich gegen die Fristenlösung auszusprechen, besteht die schwere moralische Pflicht, diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Das Thema Abtreibungskritik muß zu einem selbstverständlichen, stets präsenten Thema werden: dazu muß es aber am Leben erhalten werden – mit dem hehren Ziel, die Fristenlösung zu stürzen!

[ Mag. Michael Gurtner ]

17. März 2010, 08:17

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