Der Verlust der Wahrheit (II. Teil)
Doch genau das ist der Punkt: wir sind kein bißchen freier geworden in den letzten 50 Jahren, weil nämlich die Möglichkeiten, sich frei zum Guten zu entscheiden, weniger anstatt mehr geworden sind, und die Umstände, unter welchen ein Leben gemäß der ewigen, göttlichen Wahrheit möglich ist, heute ungemein erschwert worden sind. Die Mehrheit hat sich gegen Gott entschieden, also müsse dies, so meint man, in vielen Bereichen einfach akzeptiert werden. Die Wahrheit steht gegen das Wollen. Eine Befreiung ist nur insofern geschehen, als sie in einer Loslösung von Gott und seiner Wahrheit gemeint ist. Dies ist aber letztlich keine Befreiung, sondern ihr Gegenteil, eine potentielle Versklavung. Die Wahrheit ist es hingegen, welche frei macht: veritas liberabit vos. Möchte man sich hingegen von der Wahrheit befreien, so wird man letztlich in Unfreiheit enden – wie wir es allmählich, aber dafür immer deutlicher zu spüren bekommen, besonders in Europa.
Es wird heute etwas als Freiheit ausgegeben, was in Wirklichkeit keine ist (das wäre nämlich, die reale Möglichkeit zu haben, sich zum objektiv Guten zu entscheiden), doch selbst der irrige Freiheitsbegriff, welcher der heute allgemein Gebräuchliche ist (nämlich die Möglichkeit zu haben, sein subjektives Wollen unabhängig vom Urteil anderer verwirklichen zu können) ist letztlich ein bloßer Betrug, welcher uns vormachen möchte, daß wir das hätten was wir wollten, ohne es aber wirklich zu haben, da das, was heute gerne Freiheit benannt und als das eben beschriebene ausgegeben wird, effektiv aber nichts anderes bedeutet, als sich unter den von einer Mehrheit oder einer anerkannten Gesellschaft begrenzten Vorauswahl wählen zu können, was einem von diesen vorgegebenen und eingegrenzten Möglichkeiten am ehesten zusagt.
Auch hieran sehen wir: Ohne die eine Verankerung und Rückkoppelung an eine unbestechliche, vollkommen objektive und unfehlbare Wahrheit, wie sie in dem allmächtigen, dreifaltigen Gott gelegen ist, bleibt der Mensch immer dem unberechenbaren Willen anderer ausgesetzt und von diesen abhängig.
Die Wahrheit besitzt man nicht unverlierbar
Freilich, auch wenn sich die Gesetzgebung und die Gesellschaft im Allgemeinen tatsächlich an Gott ausrichten, ist dies noch lange keine Garantie für eine ewige Beständigkeit dieses Zustandes, bleibt die Gefahr doch immer bestehen, daß dies eines Tages enden wird. Die Geschichte lehrt uns ja bereits mehrfach, daß derartiges auch tatsächlich eintreten kann: einen idealen Zustand hat man nie einfach, man muß ihn sich vielmehr immer erneut stabilisieren, verteidigen und sich erhalten, und immer wieder erneut um diesen ringen. Aber der Verlust eines solchen Idealzustandes ist, wo er denn besteht, eben erst eine potentielle Gefahr. Der aktualisierte Zustand einer katholischen Gesellschaft ist eben gerade ein idealer, welcher, wie beinahe jedes Ideal, das Risiko der Vergänglichkeit und eines Endes in sich trägt. Ist dieses Ende aber erst einmal eingetreten, so ist der Idealzustand vorbei, und der Mensch in Gefahr. Er ist dann beständig der Willkür der anderen ausgeliefert, weil es keine außerhalb seiner selbst gelegenen unübertretbaren moralischen Grenzen mehr gibt: was der Mensch kann, das wird er auch. Spätestens früher oder später.
An sich fixe und objektivierbare Konstanten wie Gut und Böse werden somit nach und nach entscheidbar und dann auch tatsächlich dem Entscheid einiger weniger Menschen anheimgestellt, welcher sich in Wirklichkeit die Mehrheit zu beugen hat – und das unabhängig davon, ob die Entscheidungen der wenigen nun gut oder schlecht sein mögen. Ohne die Anbindung an Gott und an eine aus ihm abgeleitete Wahrheit ist aber letztlich auch jeglicher Versuch der Menschheit, sich selbst eine Art ethischen Verhaltenskodex aufzustellen, vergebens und argumentativ leicht angreifbar: Denn wenn nichts absolut wahr ist, sondern höchstens als wahr, gut oder nützlich scheint, so steht es nur auf schwachen Füßen: Weil wenn sich erst einmal eine Gruppe etabliert, welcher alles ganz anders erscheint…? Dann werden auch diese vermeintlich fixen und unantastbaren Regeln noch schneller „abgeschafft“, als man im letzten Jahrhundert plötzlich die Wahrheit „abschaffte“ – Zeugung durfte man plötzlich ruhig verhüten, was bereits heute mittlerweile, nach einem weiteren, in sich logischen, wenngleich auch falschen Denkschritt, nicht mehr bloß als Recht, sondern unter Umständen gar als Pflicht gilt, das Leben der ungeborenen Menschen haben wir schon längstens preisgegeben, an der Preisgabe der Komapatienten arbeiten wir gerade fleißig, und wenn wir diese endlich geschafft haben kommen die Alten dran – das werden dann wir selbst sein – und dann, wer weiß ob uns noch eine Menschengruppe Mißhagen bereitet…
Selbst unter der theoretischen Annahme, daß wir irren sollten, und die absolute Wahrheit Gottes in Wirklichkeit nur ein Irrtum wäre und in Wahrheit doch der Atheismus recht haben sollte, wäre ein Fürwahrhalten und Absolutsetzen dieses Irrtums (es ist freilich nur ein Gedankenexperiment) noch immer die für den Menschen beste und sicherste aller Lösungsmöglichkeiten. Und gehen wir nicht von einem Gefühl (welches das subjektive Alles-Können-Wollen letztlich ja nur ist), sondern von der Vernunft aus, so erzeigt sich auch das, was das Naturrecht und daher auch die heilige Kirche durch die Jahrhunderte hindurch immer lehrte, als das wirklich Vernünftigste. Halten wir an dieser Wahrheit fest, selbst für den Fall, daß sie ein Irrtum gewesen wäre, so könnten wir dennoch nur an ihr gewinnen. Geben wir sie hingegen auf, so werden wir früher oder später gewiß viel verlieren, auch und vor allem im sozialen, kulturellen und humanitären Bereich.
Überlegen wir einmal, vielleicht auch nur still für uns selbst, um keiner Beeinflussung und Druck von außen ausgesetzt zu sein, wie die Welt wohl sein würde, wenn sich alle an das gehalten hätten, was die katholische Kirche unter Berufung auf die Heilige Schrift und den Willen Gottes lehrte, so müssen wir wohl zugeben, daß viele unserer derzeitigen Weltprobleme so nicht bestünden. Viele Probleme entstehen nur, weil das Handeln einiger eben gerade von ihrem subjektiven Wollen bestimmt wird, und nicht von der objektiven Wahrheit.
Der Papst lehrte es uns klar und deutlich
Die Notwendigkeit am Festhalten an der absoluten Wahrheit Gottes hat auch Seine Heiligkeit feliciter regnans bei seiner Pastoralvisite in Mariazell in seiner Predigt deutlich und ausführlich betont: „Nur ER ist Gott, und nur ER ist daher die Brücke, die Gott und Mensch wirklich zueinander kommen läßt. Wenn wir Christen ihn daher den einzigen für alle gültigen Heilsmittler nennen, der alle angeht und dessen alle letztlich bedürfen, so ist dies keine Verachtung der anderen Religionen und keine hochmütige Absolutsetzung unseres eigenen Denkens, sondern es ist das Ergriffensein von dem, der uns angerührt und uns beschenkt hat, damit wir auch andere beschenken können. In der Tat setzt sich unser Glaube entschieden der Resignation entgegen, die den Menschen als der Wahrheit unfähig ansieht – sie sei zu groß für ihn. Diese Resignation der Wahrheit gegenüber ist meiner Überzeugung nach der Kern der Krise des Westens, Europas. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden. Und dann werden die großen und großartigen Erkenntnisse der Wissenschaft zweischneidig: Sie können bedeutende Möglichkeiten zum Guten, zum Heil des Menschen sein, aber auch – und wir sehen es – zu furchtbaren Bedrohungen, zur Zerstörung des Menschen und der Welt werden. Wir brauchen Wahrheit. Aber freilich, aufgrund unserer Geschichte haben wir Angst davor, daß der Glaube an die Wahrheit Intoleranz mit sich bringe. Wenn uns diese Furcht überfällt, die ihre guten geschichtlichen Gründe hat, dann wird es Zeit, auf Jesus hinzuschauen, wie wir ihn hier im Heiligtum zu Mariazell sehen. Wir sehen ihn da in zwei Bildern: als Kind auf dem Arm der Mutter und über dem Hochaltar der Basilika als Gekreuzigten. Diese beiden Bilder der Basilika sagen uns: Wahrheit setzt sich nicht mit äußerer Macht durch, sondern sie ist demütig und gibt sich dem Menschen allein durch die innere Macht ihres Wahrseins. Wahrheit weist sich aus in der Liebe. Sie ist nie unser Eigentum, nie unser Produkt, sowie man auch die Liebe nicht machen, sondern nur empfangen und weiterschenken kann. Diese innere Macht der Wahrheit brauchen wir. Dieser Macht der Wahrheit trauen wir als Christen. Für sie sind wir Zeugen. Sie müssen wir weiterschenken in der Weise, wie wir sie empfangen haben, wie sie sich geschenkt hat.“
Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. spricht es klar und deutlich an: das Wohlergehen der Welt ist von dem Maße abhängig, in welchem wir das Handeln und Denken an der Wahrheit, an Gott ausrichten. Sein Wille ist nicht eine Art unverbindliche Orientierung, sondern eine wirkliche Verpflichtung, auch eine Verpflichtung im Gewissen. Leugnen wir dies, so haben wir bereits verloren, weil diese Leugnung bereits bedeutet, daß wir zur Wahrheit nicht bereit sind.
Der Wahrheitsverlust hat auch die Kirche befallen
Dieser eben skizzierte Paradigmenwechsel hat das gesamte Denken des Menschen erfaßt, und so war es nur eine allzu logische Folge, daß dieser Abschied von der Kategorie des Wahren auch in die Kirche Einzug halten mußte. Die Kirche mit ihrem Anspruch absoluter Wahrheit der katholischen Religion (und jede Religion muß logischer Weise letztlich diesen Anspruch für sich erheben, da sie sich ansonsten ad absurdum führen und selbst von innen her auflösen würde, und tatsächlich sehen wir bestürzt, wie sich der Glaube durch den Mangel an Wahrheit von innen her nach und nach zersetzt) war nicht nur weiten Teilen der Gesellschaft suspekt und fragwürdig geworden, sondern die Gläubigen und gar auch der Klerus selbst begannen zu zweifeln, ob der bisherige Anspruch der Kirche, religio verissima zu sein, nicht doch zu hoch gegriffen, oder zumindest nicht doch zu offensiv vertreten war.
Doch neben diesem Selbstzweifel gab es noch ein weiteres Problem, mit welchem die Kirche plötzlich konfrontiert war: Mit dem Auftreten dieses allgemeinen Paradigmenwechsels war die Kirche quasi über Nacht vom in ins out gewechselt. Sie war mit den neuen geistigen Grundlagen nicht mehr konform.
So wurde der katholische Wahrheitsanspruch letztlich von zwei Seiten angegriffen: einerseits waren die „inneren“ Gründe, andererseits die „äußeren“. Beide Gründe trugen dazu bei, daß man selbst im Inneren der Kirche, welche doch stets als der Hort ewiger Wahrheit galt, von diesem Anspruch abrückte, wenngleich mit unterschiedlichen Begründungen.
Die einen beriefen sich auf die äußeren Bedingungen und Fakten und meinten, wenn die Kirche in der Gesellschaft präsent bleiben und möglichst viel „Territorium“ retten wolle, müsse sie sich den Menschen in einer für diese annehmbaren Gestalt präsentieren. Wahrheitsansprüche gehören da definitiv nicht dazu, auch wenn sie in sich nicht als falsch, sondern gar als richtig anerkannt wurden, jedoch nur „unter sich“ hinter den verschlossenen Türen. Nur wäre ein Wahrheitsanspruch, so theologisch berechtigt er auch sein mag, eben pastoral nicht geeignet. Die einzige Möglichkeit, die Leute noch zu erreichen und zumindest etwas von „der Botschaft“ zu vermitteln sei, so behauptete man, die Pfarre in einer Art von „Wohlfühlkirche“ zu organisieren. Ultralight. Man fordert nichts mehr, man sagt nichts mehr was dem Denken der Menschen entgegengesetzt sein könnte, und war der Ansicht, man müsse nolens volens den Zeitgeist übernehmen und die „Zeichen der Zeit“ deuten. Seinen liturgischen Ausdruck fand dies in Volksaltären, der Volkssprache, dem Beiseitelassen alles angeblich „Unverständlichen“, in rhythmischen Messen, thematisch gestalteten Messen, der Einführung von Ministrantinnen, etc.
Dieser Artikel ist der zweite Auszug aus dem Buch „Religionsfrei“ (Benedetto-Verlag) von Mag. Michael Gurtner. Insgesamt werden vier Teile auf Kathnews erscheinen.
11. März 2010, 15:36