Der Verlust der Wahrheit (I. Teil)

Mag. Michael GurtnerDas 20. Jahrhundert war gekennzeichnet von einem gewaltigen Paradigmenwechsel, welcher die geistige Grundlage und Voraussetzung für zahlreiche Einzeländerungen war, dessen Folgen weitreichend gewesen sind, und nicht nur die bürgerliche Gesellschaft von Grund auf veränderten, sondern auch weit in das Innerste der heiligen Kirche, sozusagen in ihr Allerheiligstes eingedrungen sind. Das 20. Jahrhundert ist, zumindest seit dem Ende des ersten Weltkrieges, gekennzeichnet von einem beinahe völligen Verlust der Wahrheit (in ihrem metaphysischen Sinne). Dieser allgemeine Wahrheitsverlust ist dabei nicht allein so zu verstehen, daß die tatsächliche Wahrheit verloren wurde, weil man sich eben etwas anderem zugewandt hätte, was man zwar für wahr hielt, was aber in Wirklichkeit nicht wahr war. Das wäre nicht das erste Mal in der Geschichte gewesen, daß solches passiert. Nein, diesmal wandte man sich von der Wahrheit an sich ab und negierte die Erkennbarkeit oder sogar die Existenz einer solchen selbst.

Damit ging aber freilich auch ein Abschied von jeglicher Metaphysik einher, der in einem rein positivistischen Empirismus endete, welcher unserem Denken die Grenzen jedoch viel zu eng setzt, sodaß das rechte Ergebnis nicht mehr erreicht werden kann, weil durch die Halbierung des Ganzen auf die reine Physika ganz einfach die geistigen Mittel viel zu bescheiden geworden sind. Man sagte plötzlich, es gäbe überhaupt erst gar keine Wahrheit, zumindest keine solche, welche dem Menschen mit Sicherheit als solche erkennbar und zugänglich wäre. Der Grund für die auf einmal auftretende Bereitschaft, Wahrheit als Wahrheit über Bord zu werfen, ist sicherlich zu einem guten Teil in zwei totalitären politischen Systemen des 20. Jahrhunderts zu finden, dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus, welche beide trotz aller Gegensätze, die sie kennzeichneten, darin übereinstimmten, daß beide ganz bewußt die Wahrheit auslöschen wollten, und eine vom Menschen erdachte, rein künstliche und entworfene Ideologie an deren Stelle setzten, und dieses synthetische Kunstprodukt des menschlichen Geistes nun als Wahrheit verkünden wollten.

Dies hat viele dazu gebracht, allem, was für sich einen Wahrheitsanspruch erhebt und etwas im Namen der Wahrheit fordert, kritisch-ablehnend gegenüber zu stehen. Wahrheit, das konnte für viele nur Gefahr bedeuten, und man nahm somit eine prinzipiell mißtrauische Grundhaltung gegenüber allem ein, was mit absolutem Anspruch auftrat, und sich nicht selbst freiwillig und von sich aus zur ergebnisoffenen Diskussion stellte.

Die Gefahr liegt in der Loslösung von der einen und absoluten Wahrheit Gottes
Dabei übersah man jedoch, daß die Gefahr der beiden genannten Regime nicht darin gelegen war, daß sie Wahrheitsanspruch erhoben, sondern darin, daß sie sich von der Wahrheit in Wirklichkeit genau losgelöst hatten, und anstatt dessen ihre eigenen, menschlich gemachten Konstrukte als Wahrheit ausgaben. Der unwahre Inhalt war also genau das Falsche und Gefährliche, nicht der bloße Wahrheitsanspruch selbst: derselbe Inhalt ohne Wahrheitsanspruch wäre kaum besser gewesen.

Der Grund, weshalb das Übel gleich zweimal, wenngleich in völlig unterschiedlicher Weise und mit entgegengesetzten Vorzeichen, überhaupt erst seinen Lauf nehmen konnte war, daß sich beide Regime von der objektiven, göttlichen Wahrheit losgelöst hatten. Ohne dies als Voraussetzung hätten sie nie ihre künstlichen, unwahren Ideologien trügerisch als Wahrheiten ausgeben können. Die Gefahr, und das übersah fataler Weise ein Großteil der europäischen Gesellschaft, ist also keinesfalls in einem erhobenen Wahrheitsanspruch an sich gelegen, sondern im Gegenteil, gerade in der Loslösung von der wahren Wahrheit, als Voraussetzung dafür, daß eine Lüge als Wahrheit proklamiert werden konnte.

Als Reaktion tat man zu Beginn der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in einem ersten Schritt dasselbe, wie die beiden genannten Regime. Dieser erste Schritt bestand zunächst einmal darin, daß man sich von der Wahrheit löste, allerdings setzte man als zweiten Schritt diesmal nicht eine Proklamation einer erdachten Wahrheit, welche in Wirklichkeit keine Wahrheit war, sondern negierte die Erkennbarkeit oder gar die Existenz einer jeglichen Wahrheit. Es durfte also keinen absoluten wahren Inhalt mehr geben, und wer behauptete, Wahres zu verkünden, stand auf der Liste der Verdächtigen.

Dieser Denkfehler mußte nun zur logischen Folge haben, daß auch Gott nicht mehr eine fixe, konstante Größe war, auf welche man sich verlassen konnte, die Gutes und Böses erkennen ließ, die ebenso gewisse Grundweisen menschlichen Handelns anzugeben vermochte, und deren Richtigsein nicht erst hinterfragt und zerdiskutiert, abgestimmt werden mußte, weil sie eben als wahrseiend und ewig gültig, weil gottgewollt erkannt worden waren.

Die dahinterliegende Absicht war, sich gegen Totalitarismen und menschenverachtende Ideologien zu immunisieren, da so, wie es schien, keine großen Massen mehr mobilisiert werden konnten. Diese allem Endgültigem gegenüber ablehnende Haltung war zu einem Teil gewiß ein Pragmatismus, welcher als Präventivmaßnahme einfach als geistige Grundlegung notwendig erschien und deshalb „gewählt“ wurde, zum anderen Teil war sie aber auch bestimmt ein Skeptizismus, welcher aus dem großen Vertrauensbruch, welchen die politischen Erfahrungen mit sich brachten, resultierte: seit dem Ende der Monarchie hatte man keinen Regenten mehr, welcher des Vertrauens würdig war.

Die logischen Konsequenzen von Wahrheitslosigkeit waren absehbar
Mit dieser neuen Geisteshaltung änderte sich aber sehr rasch die gesamte Gesellschaft: es gab keine feststehende Größe und keine absolute Autorität mehr im Denken der (vor allem jüngeren) Menschen, ja Autorität erschien ohnehin etwas Negatives, Bedrohliches und bekämpfen zu Müssendes zu sein, wenngleich es aus verständlichen Gründen freilich niemals gelungen ist und auch nicht gelingen konnte, eine brauchbare und funktionierende Alternative zu Autorität zu finden.
Mit dem Ablehnen einer jeglichen Wahrheit, an welcher sich grundsätzlich das Denken ausrichtete und das Handeln Maß nahm (daß es nicht immer gelang im Maß der Wahrheit zu bleiben ist eine andere Sache, aber zumindest der Versuch, welcher sehr oft auch sehr gut gelang und reiche Früchte trug, war vorhanden), war auch plötzlich jegliche feste Konstante weggebrochen, an welche man sich halten mußte, aber sich auch ruhigen Gewissens an diese halten konnte, weil man ja wußte, daß es gut und richtig war, auch wenn vielleicht nicht alles immer sofort und unmittelbar jedem einzelnen einsichtig. Aber, so wußte man vorher auch aus der Erfahrung, im Nachhinein wird es sich als rechtens erweisen, und somit wurde die göttliche Autorität auch nicht so sehr als enges Korsett an welchem man das Gefühl hatte, ersticken zu müssen, sondern eher als eine willkommene, zuverlässige Hilfe im täglichen Leben empfunden.

Auf einmal aber konnte/wollte man auf diese Konstante nicht mehr zurückgreifen. Die Konsequenz war, daß die Regeln, Entscheidungen und Denkweisen keine innere Verankerung mehr hatten, ebenso wie sie kein inneres Maß mehr hatten. Woran sollten sie sich auch nun ausrichten können? Woraus sollten sie schon Autorität schöpfen können? Woher konnte man sie denn schon ableiten?

Da ja keine Verankerung in einer absoluten Wahrheit, und daher auch nicht in Gott, mehr möglich war, blieb nun nichts anderes mehr übrig, als das eigene Ich als Quelle, Maß und Autorität für das Denken und Handeln heranzuziehen. Dies ergab sich vielleicht viel mehr aus dem Mangel, als daß es eine bewußte, überlegte Entscheidung gewesen wäre. Aber da Handeln ja letztlich auf Entscheidungen des jeweiligen Ichs beruht, jegliche Autorität und Wahrheit als Maßstab aber nicht mehr in Betracht gezogen werden konnte, fielen all diese Aufgaben nun auch dem entscheidenden Ich zu.

Der Mensch verlor sein Maß
Da der Mensch aber als ein Sozialwesen nicht für sich alleine leben kann, konnte in all jenen Bereichen, in welchen mehrere betroffen waren, nicht ein jeder so agieren, wie er selbst es gerade wollte. Man mußte sich untereinander organisieren und sich doch ein Minimum an Struktur geben, wobei es unter den gegebenen Umständen am einsichtigsten erschien, sich auf jenes zu einigen, was auch die meisten als Einzelne wollen, und worin die meisten übereinstimmen. Dennoch blieb auch dieses Modell letztlich erst recht wieder im Subjekt als Letztinstanz verhaftet, da auch der demokratisch gefundene Kollektivwille sich aus Einzelwillen zusammensetzte, welche ihrerseits das eigene Ich und das eigene Wollen als letzte Instanz hatten, über welcher es nichts anderes mehr gab. Dort, wo nicht der Wille des Ichs die Handlungsnorm sein konnte, war es anstatt dessen der Wille der Mehrheit. Doch ob es nun im Konkreten der Wille des Einzelnen oder der durchschnittliche Wille einer Masse war: in beiden Fällen blieb der Wille, auf dem alles aufbaute und basiert war, ein rein menschlicher. Wo es nur ging aber war es immer das subjektive Wollen, worauf die Entscheidungen fußten, niemals aber objektive Wahrheiten. Somit mangelte es aber auch hier an einem objektiven Korrektiv.

Dabei hatte man jedoch übersehen, daß der Teufel, den man bei der Türe rausgejagt hatte, nun wieder über das Fenster einstieg: wollte man durch das Abschütteln der Wahrheit als Autorität eigentlich verhindern, daß produzierte Gedankenerzeugnisse, die sich fälschlich der Autorität der Wahrheit bedienen, indem sie ihre eigenen Gedankenprodukte für wahr ausgeben, zur Bedrohung, und gerade auch zur Bedrohung der eigenen Freiheit werden können, so war genau dies nun wieder erneut der Fall: wieder begann das Denken und Wollen einiger zur Gefahr der anderen zu werden und das Wollen des Einzelnen, welches man sich mittlerweile als Maßstab errungen zu haben wähnte, zu erdrücken. Freilich nicht mehr unter der ausgesprochenen Beanspruchung, „wahr“ zu sein, aber doch unter demselben Verhalten. Man behauptet es nicht. Man verhält sich danach! Dies ist genau jener Punkt, an welchem wir derzeit stehen.

Wir wähnen uns in Freiheit, in der größten Freiheit, die es jemals in der Geschichte der Menschheit gab, doch wir lassen uns darin täuschen. Jene persönliche (Entscheidungs)freiheit und Unabhängigkeit, welche uns zu haben beständig und mit einer Eselsgeduld weisgemacht wird, wird uns letztlich gerade doch nicht gegeben: denn welche Mutter kann sich schon wirklich und in völliger Freiheit aussuchen, ob sie ihr Kind in die Krippe oder in den Kindergarten geben möchte oder nicht? Welcher junge Arzt kann sich tatsächlich und in wirklicher Freiheit entscheiden, nach der katholischen Morallehre zu praktizieren und findet trotzdem, ohne Nachteile wegen seiner katholischen Überzeugung, eine adäquate Anstellung? Und was ist mit den jungen Eltern, welche ihr Kind wohlbehütet und geschützt vor den leiblichen und seelischen Gefahren einer mittlerweile vollkommen versexten Welt, in der die Unmoral als Ideal der errungenen Freiheit dargestellt wird, erziehen wollen? Wenn sie nicht in eine entfernte, abgelegene Höhle umsiedeln, um ihre Kinder zu schonen, wird es sehr schwierig für sie werden – ganz zu schweigen von den meisten Schulen, in welchen durch Inhalt wie Methode eine scheinpluralistische Erziehung aufgezwängt wird, welcher man sich kaum entziehen kann: Pluralismus, das ist heute die Liste aller gesellschaftlich erlaubter Meinungen. Lehren über eine absolute göttliche Wahrheit sind darin nicht vorgesehen

In einem anderen Zusammenhang hat Ähnliches bereits S.H. Papst Pius XII. seligen Angedenkens in einer Ansprache an die Sacra Rota Romana im Jahre 1946 festgestellt, und den Anfang dieser Entwicklungen etwa in das Jahr 1850 gesetzt: Manche Gruppen wollen zwar keine übernatürliche Macht oder Offenbarung anerkennen und sehen sich von jeder Transzendenz völlig unabhängig, aber überstrapazieren gleichzeitig dennoch die „Gewissensfreiheit“ und die (religiöse) „Toleranz“ welche besonders dann gelten, wenn diese Gruppe (noch) eine Minderheit ist. Sobald diese jedoch erst einmal an die Macht gekommen ist, bestimmt diese recht absolut und rigoros gemäß ihren eigenen Ideologien, und will plötzlich von der einst für sich selbst eingeforderten Freiheit nichts mehr wissen, besonders was den Bereich der Erziehung der Kinder durch die Eltern anbelangt.

Dieser Artikel ist der erste Auszug aus dem Buch „Religionsfrei“ (Benedetto-Verlag) von Mag. Michael Gurtner. Insgesamt werden vier Teile auf Kathnews erscheinen.

[ Mag. Michael Gurtner ]

10. März 2010, 17:36

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