Das Verhältnis des Menschen zur Sünde
Die Sünde ist jener Schatten, welcher den Menschen seit seinem Entstehen auf Schritt und Tritt verfolgt. Mit Ausnahme der Allerseligsten Gottesmutter gab es keinen Menschen, der nicht ständig über den Fallstrick der Sünde gestolpert wäre, den der Teufel und täglich erfolgreich spannt. Von daher betrachtet gab es nie ein wirklich glänzendes goldenes Zeitalter, die Sünde war allzeit präsent. Dennoch waren nicht alle Zeiten gleich, es gab bessere und schlechtere, besonders was das Verhältnis zur Sünde anbelangt.
Derzeit scheinen wir uns in einer besonders gottlosen Zeit zu befinden, welche die Kategorie der Sünde nicht mehr zu kennen scheint. Falsch und Richtig scheinen vielfach ausgetauscht zu sein: das Sündige gilt als das Erstrebenswerte und das Verpflichtende, die Moral als das Verachtete und Verbotene. Ein Blick in die Tageszeitungen und Gesetztesetwürfe genügt um zu erkennen, wie sehr die Moral verachtet und unterdrückt wird.
Die Kirche ist eine Kirche der Sünder
Gott wurde Mensch wegen unserer Sündhaftigkeit, wegen unserem Versagen legte er sich in die Krippe, um seinen Kreuzweg anzutreten. Der Kreuzestod Gottes hat erlösende Kraft, aus ihm fließen gewissermaßen Kirche, Priestertum und Eucharistie. Der Sünder hat daher wieder eine positive Perspektive, er hat Anlaß zur Hoffnung, daß er doch seines Heiles nicht verlustig geht, auch wenn er ein Sünder ist und immer wieder zu einem solchen wird. Diese Erlösung, die Christus am Kreuz erwirkt hat, ist aber keine, welche dem einzelnen Menschen gleichsam aufgezwängt wird: sie muß am Einzelnen erst wirksam werden, indem der Einzelne sie an sich wirksam werden läßt. Deshalb müssen wir an unserem Heile selber mitarbeiten, indem wir unsere innere Haltung und unser äußeres Verhalten dem Willen und dem Gesetz Gottes anpassen. Das Heil ist uns nicht geschenkt, sondern zum Erwerb angeboten. Unser Verhalten und Mühen, unser Beichten und Büßen ist der Preis und sozusagen der Teil, den wir noch ergänzen müssen, da dies an den Leiden Christi noch fehlt und was er nicht an unser statt tun konnte. Kirche, Priestertum und Eucharistie kamen nur in die Welt, weil der Mensch aus seinem Sündersein heraus ihrer bedürftig ist, er bedarf ihrer, um trotz seiner Sünden heilig werden zu können, indem er die Sünde in der heiligen Beichte immer wieder von sich abschüttelt. Deshalb bleibt die Kirche immer eine Kirche der Sünder, denn ob der Sünde wurde sie ja gerade von Gott eingesetzt. Ihr Zweck ist es, aus dem Sünder einen Heiligen zu machen.
Der Erlösungstod Jesu ist kein Freibrief
Daß Christus für uns am Kreuz den Erlösungstod gestorben ist, ist also kein Freibrief zu sündigen, frei nach dem Motto: Christus hat uns ja erlöst. Es trifft viel eher zu, daß er durch die Erlösung, welche er erwirkt hat, dem Menschen die Möglichkeit gegeben hat, sich wieder von seinen Sünden zu reinigen, und er so nicht in Tiefe der Hoffnungslosigkeit versinken muß, als wäre eine Sünde das endgültige Todesurteil seiner Seele. Der Kreuzestod ist daher kein Freibrief zu sündigen, sondern gerade eine Motivation, nicht zu sündigen, da der Mensch sieht, daß, auch wenn er gesündigt hat, er dennoch eine berechtigte Heilshoffnung hat, wenn er in Zukunft nicht mehr sündigt.
Durch den Opfertod am Kreuz kann der Mensch also nicht mehr sagen: jetzt habe ich schon gesündigt – jetzt ist es ohnedies schon egal ob ich weiterhin sündige, sondern das Kreuz läßt uns mit Berechtigung sagen: auch wenn ich gesündigt habe, wenn ich mich jetzt ändere, dann hat diese vielleicht auch anstrengende und mühsame Änderung doch einen Sinn, denn dann kann ich trotz der begangenen Sünden noch den Himmel erringen. Damit diese Hoffnung aber berechtigt ist, müssen wir aber das Unsere dazutun. Denn erst wenn wir bereit sind, auch unser Leben zu ändern und dort wieder auf Gott zu richten, wo wir uns gegen seinen heiligen Willen versündigt haben, meinen wir es auch wirklich Ernst mit dem Glauben.
Der Mensch will sündigen
Um uns in die Reihe jener einzureihen, welche zu denen Zählen, an welchen die Erlösung wirksam geworden ist, müssen wir also begangene Sünden bereuen, beichten, sie büßen und uns bessern. Damit indispensabel verbunden ist auch der feste Wille, künftig nicht mehr zu sündigen. Eine Beichte ohne zumindest den festen Willen zur Sündenfreiheit und zum Nichtmehr-Sündigen, ist ungültig. Ich kann nicht gültig beichten wenn ich sage: ich beichte es, aber ich tu es wieder! Natürlich wissen wir auch um unsere Schwäche. Aber wir dürfen sie nicht wollen, im Gegenteil: wir müssen sie hassen. Auch wenn wir gegen unseren Willen immer wieder sündigen und immer wieder dieselben Fehler begehen, so können wir doch immer wieder die Annahme durch Gott erlangen, wenn wir auch nach dreißig Stürzen zum dreißigsten Mal in den Beichtstuhl gehen und danach aufrichtig sagen: so, dies war aber das letzte mal!
Dieser aufrichtige Wille, von der Sünde abzulassen ist aber Voraussetzung, die conditio sine qua non für unser Heiligwerden. Nur wenn wir nicht mehr sündigen wollen können wir auch in den Himmel, denn wenn wir die Sünde wollen, dann ist die Hölle der richtige Ort: denn der Himmel ist ein Zustand von absoluter Sündenreinheit, der Hölle aber ist die Sünde zutiefst zueigen.
Doch darin ist ein großes Problem der heutigen Zeit gelegen: der Mensch will sündigen! Es ist oft und oft nicht nur so, daß ihm die Sünde eben passiert wie es immer der Fall war und immer der Fall bleiben wird, sondern es ist ein großer Mangel am Willen zur Sündenfreiheit festzustellen, im Gegenzug ein Wille zum Sündigen. Oftmals wird die Sünde sogar durch staatliche Gesetze geschützt, gefördert oder gar gefordert. Dies reicht von den (fälschlich) sogenannten Anti-Diskriminierungs-Gesetzen bis hin zur Fristenregelung und der Homo“ehe“.
Die geistige Grundlage ist eine Gottlosigkeit des Denkens: die Existenz der Sünde im theologischen Sinn wird heute meist konsequent geleugnet: Sünde, das ist nach allgemeinem Verständnis höchstens noch das, was einem anderen Menschen schadet. Aber das Bewußtsein, daß sich jede Sünde zuallererst gegen Gott richtet, ist weitestgehend verloren gegangen.
Es ist viel schlimmer, wenn wir eine Sünde begehen wollen, als wenn uns dieselbe Sünde in einem Moment der Schwäche „passiert“. Denn erstere ist auch viel schwieriger aufrichtig zu bereuen als zweitere. Dies ist ein großer Unterschied zu früheren Zeiten, in welchen die Welt auch nicht unbedingt ein Hort der Heiligen war. Aber man wußte um seine Sünden, wenn man sie beging, und man wußte, wo Zuflucht suchen. Man sündigte, aber man bereute dies dann auch eher und gab zu, gesündigt zu haben und riet vor allem anderen nicht dazu, selbes zu tun.
Keine Bigotterie
Oftmals wird sogar der Vorwurf der Bigotterie gegen jene erhoben, welche zugeben, in einer bestimmten Angelegenheit gesündigt zu haben und anderen abraten, selbiges zu tun. Dieser Vorwurf kommt dann meist gerade von jenen, welche nicht die Größe haben selbst zuzugeben, daß auch sie Sünder sind und sich selbst zum Maß von Recht und Unrecht machen: was ich tue ist auf jeden Fall erlaubt und kann nicht sündhaft sein.
Dieser Vorwurf der Bigotterie ist aber völlig unberechtigt. Denn es ist besser, eine Sünde begangen zu haben und gegen diese zu sein, als eine Sünde zu begehen und dann in eine Gleichgültigkeit dieser gegenüber zu fallen und zu sagen: das war schon recht, es ist nichts Schlechtes daran.
Um es an einem Extrembeispiel, welche ja oft das Generelle und allgemein Gültiger deutlicher sichtbar machen, zu zeigen: Wenn ein Mörder im Gefängnis sitzt, was ist besser: wenn er trotz seiner eigenen Sünde des Mordens sagt: „Mord ist Sünde, er ist unerlaubt, tut das nicht“, und somit gegen Mord ist und jeden Mord verurteilt, auch wenn er selbst einen verübt hat, oder wenn er sagt: „Mord ist völlig in Ordnung, ich habe a auch gemordet!“?
Es wäre ungerecht zu sagen, der Mörder der den Mord verurteilt und Morde als abscheuliches Verbrechen bewertet, wäre bigott, denn das würde ja bedeuten, daß einer, der einmal eine Sünde begangen hat, nie wieder eine rechte Haltung zu den Dingen einnehmen kann und die Dinge nie wieder so benennen könnte, wie sie tatsächlich sind.
Niemals ist der Einzelne also derjenige, der durch sein Verhalten das Maß der Sünde bemißt, sondern Sünde ist an ein objektives Maß gebunden. Deshalb ist unter Umständen vielleicht jemand, der gesündigt hat aber weiterhin diese Sünde verurteilt näher am Himmel als jener, der die Sünde nicht begangen hat, aber es als Bigotterie bezeichnet, wenn ein Sünder zumindest noch die rechte Einsicht behalten hat und die Dinge ihrer objektiven Richtigkeit nach beim Namen nennt, auch wenn er sie selbst begangen hat. Ein Mörder, der die Sünde als solche erkennt, bereut und gegen Mord ist, ist unter Umständen viel heiliger als ein Minister, der zwar nie gemordet hat, aber keine Sünde im theologischen Sinne kennt, und dementsprechend seine Gesetzesentwürfe vorbringt – vielleicht gar solche, die andere zum Mörder werden lassen.
Christus gab Anlass zur Umkehr
Durch die Menschwerdung ob der Erlösung Willen hat der Mensch Anlaß und Grund bekommen, von seinem sündigen Tun, welches es auch immer sei, abzulassen. Wenn er auch sündigt: es ist noch nichts verloren, er kann, wenn er will, immer von seiner Schuld befreit werden. Die Kirche anerkennt den Menschen als einen sich Bessernden weil sie an Christus erkennt, daß auch der Sünder nicht verloren ist.
Solange Christus zur Umkehr mahnt, und heute tut er das durch seine Kirche, solange gibt es noch Hoffnung für das eigene Geschick. Deshalb ist es nicht Recht mit dem Finger auf die Kirche zu zeigen unter dem Hinweis, daß in ihren Reihen doch auch schon Sünder gesichtet worden sein sollen, wenn sie ihre mahnende Stimme erhebt.
Natürlich sind in der Kirche Sünder. Sie ist voll von ihnen! Jeder Katholik ist ein Sünder! Für diese Sünder wurde sie ja überhaupt erst eingesetzt. Aber sie weiß auch, daß nicht der Sünder das Maß der Sünde ist, sondern daß die Sünde ein objektives Maß hat. Nicht die Kirche gibt die Sünde an, sondern Gott, und unter diesem Maße staht sie auch selbst.Und somit ist es auch keine Bigotterie, wenn sie die Sünde anklagt während ihre Glieder doch dieselben Sünden begehen.
Mit diesem Hinweis wollen viele nur erreichen, daß die Kirche aufhört, das Wahre zu sagen und die Menschen zur Heiligkeit zu mahnen. Eine Kirche von mehr als eine Milliarde Sündern, die die Sünde anklagt und auszurotten versucht, ist nicht bigott, sondern hat sich die nötige Objektivität bewahrt. Was wäre das denn für eine Logik, wenn sie eine Sünde zu einer Tugend machen würde, nur weil manche ihrer Glieder selbst die Sünde begehen, die sie anklagen? Doch auch wenn die Kirche sich als Zuflucht des Sünders erkennt und die Sünde daher auch immer in ihr lebendig ist, so bleibt sie doch die Große Heilige, da sie von Gott eingesetzt und mit dem Heiligungsauftrag betraut ist.
Und wenn man schon einen Vergleich mit der Welt will, so gilt auch: eine Kirche, deren Glieder alle sündigen, aber die dennoch die Sünde, auch die eigene, als solche anerkennt und als teuflisches und auszurottendes Übel anklagt ist noch immer besser dran als eine Welt, die nicht weniger sündigt, aber ihre Sünde nicht anerkennt, sondern gar als Tugend ausgibt auf die sie alle verpflichten möchte, und davon ablenkt, indem sie den selbstkritischen Realismus der Kirche der Bigotterie anklagt.
10. März 2010, 11:21