Ästhetik und Glauben

WolkenNach dem letzen Pastoralkonzil kam es vielerorts zu einem neuen Ikonoklasmus und einem neuen Puritanismus, welcher weniger eine reinigende Wirkung hatte, wie oft behauptet wurde um selbigen zu rechtfertigen, sondern viel eher eine Spur der Verwüstung und Zerstörung in der Glaubenslandschaft nach sich gezogen hat. Viele ausgeräumte Kirchen und zahlreiche kirchliche Neubauten legen erschütterndes Zeugnis davon und zeigen deutlich den plötzlich veränderten geistlichen Hintergrund.

Die neue Kirchenarchitektur, die Wahl der Musik in der heiligen Messe, die Kirchenausstattung, die Paramente, machen die inneren Veränderungen in grausamer Deutlichkeit sichtbar. Nicht selten kam es nicht nur zum Mangel an Schönem, sondern sogar zu einer Präsenz des Unschönen, des Häßlichen und des Unrealistischen. Dies ging so weit, daß man sich gegen das Schöne stellte und eine „edle Schlichtheit“ einforderte, die in Wirklichkeit aber nur Armseligkeit war, die dem Glauben und den göttlichen Wahrheiten nicht entsprechen konnte und von diesen mehr wegführte anstatt den Menschen wieder mehr auf diese hinzuordnen, wie sie es versprochen hatte.

Man zog viele Formen des frommen Volksbrauchtums ins Lächerliche, vieles von dem, was dem Glauben eine warme innerliche Heimat gab wurde von Glaubenstheoretikern niedergemacht, kirchliche Kleiderordnungen und Paramententraditionen wurden als unnütz hingestellt und sogar verspottet und in den Kirchen setzte man die Spitzhacke an und warf Altäre und Gemälde hinaus, während man Mozart und Palestrina in den Mistkübeln stapelte und sich zu seichten Neukompositionen zu fragwürdigen Texten setzte, welche nach kaum zwanzig Jahren schon so alt sind wie sie kein Mönchschoral je gewesen ist, und auch die kirchliche Sprache wurde entgegen jeder Behauptung nicht entstaubt, sondern verkrüppelt.

Die versprochenen Vorteile blieben aus: die Menschen konzentrierten sich keineswegs mehr auf das Wesentliche, von welchem sie angeblich durch das Schöne nur abgelenkt worden waren, sondern sie verloren anstatt dessen völlig jeglichen Bezug zum Wesentlichen des Glaubens. Mehr als je zuvor wurde der Mensch vom Wesentlichen weg und auf Äußeres hingezogen, indem die Schönheitslosigkeit nicht mehr imstande war, ihn auf das Wesentliche hinzuordnen, sondern anstatt dessen blieb der Mensch beim Äußeren stehen und gelangte nicht mehr durch die äußeren Formen zum Glauben, wie es zumindest in den meisten Fällen vor dem Ikonoklasmus der auf das letzte Konzil folgte noch der Fall gewesen war.

Nach vierzig Wüstenjahren kam es hier und dort langsam zu einem langsamen, zaghaften neuen Erblühen einer langbewährten, ewig jungen Schönheit. Man begann, an einigen wenigen Orten beginnend, wieder neu zu entdecken, daß die Schönheit den Menschen nicht vom Wesentlichen, nämlich dem Glauben, abhält, sondern im Gegenteil, ihn viel mehr zu diesem hinführt – etwas, was die neuen Formen die an die Stelle der alten getreten waren eben nicht zustande gebracht haben. Im selben Maß, in dem man die äußeren Dinge „modernisierte“ und dem Säkularen anpaßte, ging der Glaube auch zurück. Die letzten Oasen des Glaubens und der Volksfrömmigkeit, so wurde immer mehr evident, blieben dort bestehen, wo auch das Schöne noch anzutreffen war und entstehen besonders dort neu, wo neue Schönheit entsteht.

Die Frage nach dem Schönen
Dieser offensichtliche Zusammenhang von äußerer Schönheit und lebendigem Glauben läßt uns kurz danach fragen, worin das Schöne denn bestehe. Gewiß können wir nicht behaupten, daß dort der Glaube automatisch tiefer und vollständiger ist, wo Kunst und Kunstfertigkeit virtuoser Weise vorhanden sind. Es geht bei dieser Frage nach dem Stellenwert des Schönen und Ästhetischen für die Theologie weniger um die Qualität der konkreten Ausführung eines Kunstwerkes, einer Statue, eines Gemäldes, eines Altares oder einer Meßkomposition, sondern um das grundlegende dahinter liegende philosophische Konzept: der für den Glauben relevante Unterschied ist nicht darin gelegen, ob ein Michelangelo ein Meisterwerk virtuos aus Marmor schlug oder ein namenloser bayerischer Landkünstler in seiner Freizeit zwischen Feld und Stall eine Barockputte aus einem Holzklotz herausholte, sondern der Unterschied ist darin gelegen, welches Konzept und grundlegendes Ziel die verschiedenen Künstler verfolgten und umsetzten: Schönheit meint, Wirklichkeit und Wahrheit in einer möglichst realistischen, genauen Art und Weise zu versichtbaren. Schönheit meint nicht allein eine virtuose Ausführung, sondern bedeutet als grundsätzliche Vorbedingung, um überhaupt „schön“ sein zu können auch eine Übereinstimmung der äußeren Form des Kunstwerkes mit der inneren Wirklichkeit des Dargestellten und des zu Vermittelnden. Aus diesem Grund kann der einfache, namenlose Krippenschnitzer eines tiroler Bergtales durchaus dasselbe erreichen wie die großen Meister des italienischen Barock und Rinascimento, nämlich die Vermittlung einer Glaubenswahrheit, auch wenn unter technischen und ausführerischen Gesichtspunkten Welten zwischen beiden liegen mögen.

Schönheit ist dort zugegen, wo Wahres in determinierter Weise und mit größtmöglichem Realismus dargestellt ist. Die technische Ausführung berührt zwar die qualitative Schönheit, jedoch ist auch dann in einer realistischen Darstellung von Wahrem Schönheit zu finden, wo die technische Qualität noch nicht perfektioniert ist.

Der theologische Stellenwert des Schönen
Schönheit ist also eine Übereinstimmung von darstellender Form und dargestelltem Inhalt. Schönheit will Wahres zeigen, und deshalb strebt Schönheit auch immer nach einer möglichst großen Klarheit ihrer Form, damit auch der Inhalt den sie erzählen möchte möglichst gut verstanden wird und nicht durch den menschlichen Geist verfremdet wird. Denn der Inhalt ist vorliegend und klar determiniert, deshalb muß auch die (sakrale) Kunst klar und determiniert sein, um das Wahre möglichst vollständig und erfaßbar künden zu können. Wo in der Kunst keine realistische Schönheit ist, wird auch nicht von der Wahrheit Kunde gegeben. Gewiß, Schönheit ist keine Garantie daß der Mensch zum Wesentlichen des Glaubens gelangt, aber es ist doch ein bedeutender Zugang zum Glauben, welcher den Menschen sehr oft zu diesem führt und ihn auch in trockenen Zeiten des Glaubens an diesen bindet. Wo Schönheit jedoch nicht gegeben ist, dort ist auch diese Möglichkeit nicht gegeben. Denn der Glaube ist in sich schön weil er göttlich ist und daher nicht anders als schön sein kann, so wie auch in der Wahrheit immer Schönheit gelegen ist, welche nicht durch ihr Gegenteil, das Unschöne, ausgedrückt werden kann. Deshalb wirkt Ästhetik anziehend und fördert das Vertrauen, weil sie im Menschen eine unbewußte Ahnung um das Wahre angerührt. Wo hingegen keine Schönheit vorhanden ist, wird diese Chance vertan, und wo sogar das Unästhetische zur Schau gestellt wird, kann dies dem Glauben des Menschen gar entgegenstehen und diesen massiv erschweren, da Inhalt und Form nicht miteinander übereinstimmen. Denn nur das Schöne vermag etwas von Gott auszudrücken und Wahres darzustellen, und so eine Brücke zwischen Gott und Mensch zu sein.

Schönheit ist nicht nur in der Kunst notwendig
Doch dürfte man nicht der falschen Meinung verfallen, die Schönheit und das Ästhetische wäre allein im Bereich der Sakralkunst notwendig: viel mehr gilt, daß das Schöne auch in sämtlichen anderen Bereichen der Kirche aufstrahlen muß: in der gepflegten Sprache, in der Kleidung der Geistlichen, in den gesellschaftlichen Umgangsformen, in der Liturgie und ihren Riten und in schlicht allem was in irgend einer Weise „kirchlich“ ist, muß sich Schönes wiederfinden und sich vom Normalen abheben. Denn Schönes verweist immer auf den Schöpfer der die Welt sehr gut erschaffen hat, auf den Glauben und auf Wahrheit, eben weil Schönheit kein reiner Selbstzweck ist, wie es vielleicht im Ästhetizismus der Fall wäre, sondern die Schönheit wird in den Dienst der Wahrheit steht. Das Schöne vermittelt einen Eindruck des Gutseins, weshalb es in Anbetracht des Glaubens und der Wahrheit Gottes auch zur Notwendigkeit wird, zum unverzichtbaren Werkzeug der Verkündigung.

Das Bedeutet nicht daß diese Tatsache nicht auch mißbraucht werden könnte und das Unwahre und Schlechte in ein schönes Gewand gehüllt werden könnte, damit es besser geglaubt wird. Daß dies jedoch möglich ist und Schönheit allein noch keine Garantie für das Wahre ist bedeutet jedoch noch nicht, daß diese nicht unabdingbare Notwendigkeit für die Glaubensverkündigung wäre. Nur in besonderen Umständen und für begrenzte Zeit kann auf sie schadlos verzichtet werden, wo Schönheitslosigkeit jedoch zum gewollten und angestrebten Dauerzustand wird, dort wird der Glaube auch nach und nach Schaden nehmen.

Denn das Bestreben besteht das Wahre unangetastet zu lassen und vollumfänglich und ohne sie verändern zu wollen dem Nächsten weiter zu vermitteln, dort wird unweigerlich auch der Realismus anzutreffen sein, der das Wahre so darstellt wie es ist – nämlich göttlich und schön.

Wo hingegen gegen das Schöne, das Edle und das Wertvolle gewettert wird, dort ist mit Sicherheit entweder die Erkenntnis von Wahrheit noch nicht sehr vorangeschritten, oder es besteht die Bereitschaft, wenn nicht gar der Wille, das gottgegebene Wahre zu verändern und nach menschlichem Maße „zurecht“zubiegen.

Denn Wahrheit und ästhetische Schönheit können nicht voneinander getrennt werden, ohne daß es zu schwerwiegenden Inhaltsverlusten kommt und ohne daß dem Menschen ein falsches Bild des Glaubens vermittelt wird, auch wenn dies vielleicht nicht immer bewußt angestrebt ist.

Die eschatologische Dimension des Ästhetischen
Letztlich ist noch auf die eschatologische Dimension des Ästhetischen zu verweisen: denn es ist kein Zufall, daß die alten Meister das Himmelsparadies mit Schönheit, Prunk und Eleganz darstellten, während sie den Höllengestalten Fratzen gaben und die höllischen Unterwelten mit Häßlichkeiten anfüllten: denn das Paradies, jener Zustand also, den alle Erdenpilger anstreben und ersehnen sollen, ist nichts anderes als die Anschauung Gottes, der höchsten Schönheit, die alles Ästhetische auf Erden übersteigt. Dennoch ist das irdisch Schöne ein Vorgeschmack und eine grundsätzliche Ausrichtung auf das letzte Ziel des Menschen: Gott ist das summum pulchrum, das Paradies ist Makellosigkeit, Heiligkeit ist pures Schönsein (was auch bedeutet: pures Wahrsein vor Gott und deshalb auch reines Gutsein), der Himmel ist absolute Ästhetik, Seligkeit ist die Schau des höchst Wahren, Guten und Schönen.

Aus diesem Grund ist die Ästhetik der Kirche eine absolute Notwendigkeit die es überall anzustreben gilt, wo es nur möglich ist: denn sie verweist auf unser letztes Ziel, sie stellt und vor Augen wonach wir streben, und verweist auf den, der alles so gut und schön erschaffen hat.

Nur das Schöne ist auf Dauer fähig, den Geist des Menschen über das begrenzte Irdisch-Natürliche hinaus zu erheben und auf das ewig Himmlisch-Übernatürliche hinzuordnen.

Wenn man in der Kirche auf das Schöne verzichtet und sich mit Alltäglichem zufrieden gibt, oder gar Häßlichkeiten in das kirchliche Leben eindringen läßt, dann verzichtet man darauf, dem Menschen einen rechten Eindruck von dem zu vermitteln, was sie erwartet wenn sie ihr Leben als Heilige beenden, und was ihnen ein Ansporn sein soll, um nach Heiligkeit zu streben. Die Kirche hat den hohen und schwer verpflichtenden Auftrag, den Menschen in Kontakt mit Gott zu bringen, ja nicht nur das, sondern den Menschen Gott definitiv zuzuführen. Das kann sie aber nicht tun, wenn sie nicht das mit allen ihr zu Verfügung stehenden Kräften einsetzt, was im Ziel, also in Gott, vollständig und unüberbietbar vorhanden ist: es ist nicht denkbar, daß die Kirche ihrem Auftrag nachkommen könnte, ohne bis in ihre letzte Faser hinein nach Wahrheit zu streben, weil Gott selbst die höchste Wahrheit ist. Die Kirche könnte auch niemals den Glauben vermitteln, würde sie nicht versuchen, in allem was sie tut möglichst gut zu sein, weil Gott selbst höchst gut ist.

Und aus genau demselben Grund kann auf Dauer auch der Glaube nicht anders vermittelt werden als in Verbindung mit Ästhetik, da nur sie auf Gott hinzuordnen und an ihn zu binden vermag.

[ Mag. Michael Gurtner ]

3. März 2010, 18:05

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