Weshalb Karnevalsmessen ein objektiver liturgischer Mißbrauch sind
In immer mehr Pfarren des deutschen Sprachraumes verbreitet sich der Brauch, zu den Faschingstagen sogenannte Narrenmessen zu zelebrieren. Dabei kommen die Gläubigen verkleidet zur Heiligen Messe, ebenso tragen oft auch die Priester und Ministranten Masken oder sonstige Kostüme. Die Meßtexte sind oft „dem Anlaß entsprechend“ verändert, und das Narrentreiben macht sich auch in der heiligen Messe breit, was sich beispielsweise in Faschingsmusik während der Heiligen Messe niederschlägt.
Dieser Brauch besteht teils seit vielen Jahren und hat sich tief in die vertraute Gewohnheit des Volkes eingeschrieben, so daß es nicht leicht aufgegeben werden will. Das (im Vergleich zur Kirchengeschichte freilich nur relativ) lange Bestehen dieses Brauches, so daß er teils als eine „Tradition“ bezeichnet wird, ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß es sich um einen objektiven liturgischen Mißbrauch handelt, den man abstellen muß, auch wenn dies mit Protesten verbunden sein sollte. Dieses Abstellen muß natürlich von Erklärungen für diesen Schritt begleitet sein, da viele Gläubigen ja nicht mit schlechten Absichten an diesen Narrenmessen teilnahmen, sondern meinten, dies wäre legitim, da sie auch von den Priestern dies so vermittelt bekamen.
Das Wesen der Liturgie muß gewahrt bleiben
Das Hauptargument welches gegen die Narrenmessen spricht ist, daß sie dem Wesen der Liturgie nicht gerecht zu werden vermag. Liturgie, und erst recht die Heilige Messe, in welcher Christus selbst realiter et substantialiter Gegenwärtig wird und sein erlösendes blutiges Kreuzesopfer unblutig gegenwärtig setzt, ist in erster Linie Verehrung und Gebet. Liturgie ist immer in erster Linie Verherrlichung und Anbetung Gottes. Das heilige Meßopfer ist ein höchst ernstes Geschehen, welches mit unserem ewigen Seelenheil zu tun hat: durch die Kirche, welche das Kreuzesopfer ständig gegenwärtig erhält, wollte Christus sein Heilswirken durch den Zeitenlauf hindurch fortwirken, in der Eucharistie wird die Gültigkeit seines Bundes sichtbar. In der heiligen Messe versammeln sich nicht Menschen miteinander, sondern sie gehen auf den Kalvarienberg, sie gehen zu Christus und stellen sich unter sein Kreuz. Der „Inhalt“ der Messe ist also vorgegeben, und deshalb ist er auch nicht frei und beliebig gestaltbar.
Die Liturgie ist also von ihrem Wesen her eine betende Ausrichtung des Menschen auf Gott, sie ist Anbetung und eine ernsthafte Angelegenheit, der Fasching hingegen hat das Absurde und ausgelassene Heiterkeit zu seinem Wesen, die Menschen sind aufeinander hingeordnet, der Fasching strebt auf humorvolle Weise gerade das nicht-normale, das Groteske, das Unwirkliche an. Dies ist ganz gewiß legitim und nicht in sich schlecht. Doch ist es genau das Gegenteil dessen, was die Liturgie sein möchte und ist. Wie die Liturgie zu Recht ernsthaftes Gebet ist und nicht mehr Liturgie ist wenn sie nicht mehr ernsthaftes Gebet ist, so ist auch der Fasching zu Recht spaßhaftes Treiben und Verlassen des Normalen.
Diese Gegensätze dürfen jedoch nicht miteinander verbunden werden, ja sie können es eigentlich auch gar nicht. Denn das Gebet bedarf eines gewissen Rahmens, welcher nicht jener ist, der von Faschingskostümen geschaffen wird. Wie die Liturgie in sich heilig ist und deshalb auch nichts dulden kann, was betont profan ist, weil durch das dezidiert Profane das Ambiente des Heiligen verletzt wird, sind Faschingskostüme und Faschingsmusik betont profan. Deshalb verletzen sie die für die Liturgie notwendige Heiligkeit des Ambientes und verhindern auch die für das Gebet notwendige Ernsthaftigkeit.
Beides hat seine Berechtigung und beides hat seinen angestammten Platz, jedoch nur solange sie voneinander getrennt bleiben. Eine jedwede Form und „Gestaltung“ von Liturgie ist nur soweit legitim, als sie dem inneren Wesen der Liturgie entsprechend ist und dieses aktiv hervorhebt.
„Aber Gott ist doch nicht humorlos“
Ein häufig vorgetragenes Argument ist, daß der Glaube doch eine freudige Sache ist, wir als Erlöste Grund zur Heiterkeit haben und ganz gewiß auch der liebe Gott Humor hat.
Nun, diese Argumente gehen am Eigentlichen insofern vorbei, als sie alles über einen Kamm scheren wollen. Der Freude des Ostermorgens geht das Leid der Kartage voran, und das Erlösungsopfer des Herrn ruft nicht nur nach Freude, sondern auch nach Dankbarkeit und Anbetung. Für alles gibt es seinen Ort und seine Zeit. Die Freude, welche das Erlösungsopfer zu Recht hervorruft ist von anderer Art als jene Ausgelassenheit, welche dem Fasching zu Eigen ist. Liturgische Freude ist eine dankbare Freude, Faschingsfreude hingegen ist Freude um ihrer selbst willen. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Auch das Argument, daß Gott sicher Humor habe ist nicht wirklich zutreffend: denn hier werden menschliche Kategorien auf Gott übertragen, welche ihn doch sehr anthropomorph erscheinen lassen: vom Menschen wird auf Gott geschlossen, er wird so gezeichnet wie man ihn sich gerne vorstellt.
Bestimmt hat Gott nichts gegen Humor an sich, da es sich bei Humor um eine religiös neutrale Sache handelt: er ist unter moralischer Hinsicht weder in sich gut noch in sich schlecht, und deswegen kann er sein: er ist weder geboten noch verboten, und daher erlaubt. Humor ist also nicht in sich schlecht, aber er wird dann schlecht, wenn er in den Bereich des Sündhaften eintritt. Genau dies ist aber der Fall, wenn durch ihn die Liturgie verfremdet und ihre Heiligkeit verdunkelt wird.
Faschingskostüme in der Kirche, zumal in der heiligen Messe, tun aber genau dies: sie hinterlassen einen vollkommen falschen Eindruck von dem, was die Messe und die Liturgie generell eigentlich ist.
Narrenmessen sind in doppelter Hinsicht sündhaft
Die Narrenmessen sind in einer doppelten Hinsicht sündhaft: zuerst ist es eine Sünde gegen Gott, weil sie dem Wesen der Liturgie nicht gerecht werden und das Geschehen der Heiligen Messe auf eine Ebene herunterspielen, welche ihr in keinster Weise entsprechend ist, wie wir gerade etwas umrissen haben. Deshalb sind diese Messen in ihrer „Gestaltung“ eine Beleidigung Gottes, weil Form und Wesen nicht übereinstimmend sind. Man schafft einen gegenteiligen Eindruck von dem, was die Messe eigentlich ist.
Und hierin ist auch die zweite Sünde der Narrenmessen gelegen: indem man dem Wesen der Messe nicht gerecht wird und deshalb einen falschen Eindruck von hier erweckt, versündigt man sich nicht nur gegen Gott, sondern auch gegen den Glauben der Menschen. Durch die Narrenmessen wird in den Menschen ein völlig verkehrter Eindruck von dem hinterlassen, was die Heilige Messe ist: das heiligste Geschehen, das es auf Erden gibt, der Lebensquell der Kirche (ecclesia de Eucharistia vivit). Es wird durch diese Art der Messe der ohnehin schon sehr verfestigte Eindruck genährt, daß die Messe ein Versammeln der Menschen sei, daß die Messe gestaltet werden müsse oder könne, ganz so, als ob ihr „Inhalt“ nicht vorgegeben wäre, daß es der Mensch ist der die Liturgie „machen“ könne und ihm somit auch verfügbar wäre, und daß nicht Gott das Zentrum der Liturgie wäre, sondern der Mensch und seine Feste.
Wer durch die Vertreter der Kirche selbst solch einen Eindruck von der Messe gewonnen hat und davon überzeugt ist, weil er ja verständlicher Weise seinem Pfarrer vertraut, von dem er annimmt daß er es ja wohl wissen werde, der wird aber auch mit einer gewissen Berechtigung sich dir Frage stellen, weshalb er dann jeden Sonntag noch zur Messe kommen soll, und warum er sich, wie es ja seinem Eindruck entspricht, jeden Sonntag zu einer Gemeinschaft mit anderen zwingen lassen soll. Denn wenn die Messe dem Anschein nach vorrangig eine Gemeinschaft der Menschen untereinander ist, die dann zwar vielleicht miteinander beten, aber dennoch der Mensch im Vordergrund steht und nicht Gott, dann ist es auch beliebig, ob man zu dieser Gemeinschaft gehen möchte oder nicht.
Durch eine falsche Gestaltung der Messe, welche deren theologischen Wesen entgegensteht, wird aber auch der rechte und vollständige Glaube der Menschen verdunkelt. Deshalb darf sich auch kein Priester, der Narrenmessen (oder Messen mit anderen Liturgiemißbräuchen) hält, beklagen, wenn an „normalen“ Sonntagen die Menschen nicht mehr kommen: denn er selbst hat es ihnen ja gelehrt, daß der Mensch im Mittelpunkt und Gott am Rande steht. Denn um zu verstehen, weshalb die Sonntagspflicht sinnvoll und wichtig ist, ist ein rechtes Verständnis von dem erforderlich, was die Messe ihrem Wesen nach ist.
Aus diesem Grund ist auch das Argument, daß so wenigstens einmal die Kirche voll ist, als Seelenfängerei ausgewiesen, da die Menschen ja nicht zur Messe kommen, sondern zu ihrer Gestaltungsform. Es ist nicht wichtig, daß sich möglichst viele Menschen in eine Kirche einfinden, sondern wichtig ist wozu sie in die Kirche kommen.
Ein falsches Konzept von Inkulturation liegt zu Grunde
Doch stellen wir und noch die Frage nach dem Grund, weshalb es zu Narrenmessen und ähnlichen Mißbräuchen kommt. Im Wesentlichen scheint es, daß ein verfehlter Begriff von „Inkulturation“ zugrundeliegt – einem Begriff, welcher besonders in den letzten Jahren immer mehr Beachtung fand. Darunter versteht man eine Zusammenführung von Kirche und Welt. Diese Sache an sich gibt es seitdem es Mission gibt: die Missionare waren immer vor die Frage gestellt, was unwandelbar ist, und was sich in der Form auch ändern kann.
Ziel der rechten „Inkulturation“ war es stets, das kulturelle Leben in Familie und Gesellschaft mit dem Glauben in Einklang zu bringen – das tägliche Leben sollte ein christliches Leben sein, umgekehrt konnten auch lokale Kulturelemente in das liturgische Leben Eingang finden. Besonders in der Volksfrömmigkeit finden wir viele Spuren legitimer Formen von dem, was wir in der heutigen Terminologie als „Inkulturation“ bezeichnen würden. Das erste Grundgesetz war jedoch, daß keine Elemente in die Liturgie Eingang finden konnten, welche deren Wesen nicht entsprachen oder dieses auch nur zu verdecken drohten. Die Inkulturation war vorrangig eine Christianisierung des täglichen Lebens. Um dies besser zu erreichen, wurden umgekehrt auch Bereicherungen der Liturgie mit Elementen aus der lokalen Kultur zugelassen, wenn (und das ist die Bedingung) diese dem rechten Glauben und der Heiligkeit der Liturgie nicht abträglich sind.
Neuerdings hingegen hat sich das Verständnis von Inkulturation verfremdet, bzw. geradezu umgekehrt: nicht mehr der Glaube soll unverändert und vollständig in die gesellschaftliche Kultur getragen werden, sondern umgekehrt, die lokale Kultur und die jeweils vorrangige Denkweise soll vollständig und unverändert in die Kirche getragen werden und deren Liturgie nach dieser Vorlage verändert werden. Inkulturation bedeutet also nach diesem neuen, aber doch falschen Verständnis nicht mehr, daß Glaube und Liturgie das tägliche Leben formen soll, sondern umgekehrt, man will und fordert, daß der Glaube und die Liturgie, und überhaupt die gesamte Kirche gemäß dem täglichen, weltlichen Leben geformt werden soll. Das bedeutet aber auch, daß das Sakrale nicht mehr sakral bleiben darf und das Wahre demokratisch wird. Das aber führt zu einer Verflachung von Glaube, Kirche und Liturgie, und muß so zwangsläufig weitergehen bis sie vollständig und abgeschlossen ist, das heißt: bis alle Unterschiede aufgehoben sind und Kirche und Welt ident sind.
Es geht also nicht mehr um die Erhaltung des Sakralen und des Glaubens, sondern um die Erhaltung des Profanen und der weltlichen Gewohnheit. Nicht die Welt soll geheiligt, sondern die Kirche verweltlicht werden.
Nur wenn dieses falsche Verständnis vorhanden ist läßt sich die Vehemenz erklären, mit welcher manche solche Elemente in der Liturgie fordern, die mit deren Wesen absolut unvereinbar sind, und so dem Sakralen seine Existenzberechtigung absprechen – es ist eine Profanierung des Sakralen.
16. Februar 2010, 08:14