Tradition und ihre Entwicklung

Petersdom (Foto: B. Greschner)Wenn man von Größen wie „Fortschritt“, „Tradition“ oder „Entwicklung“ handelt, so ist im Hintergrund automatisch auch die Größe „Zeitverlauf“ involviert. An dieser Kategorie bzw. am rechten oder falschen Konzept von dieser, welche vielfach unangesprochen jedoch immer denkerisch mitspielt, sind viele Fehler gelegen und auch so mancher Vorwurf, sei er gerechtfertigt oder ungerechtfertigt, geht letztlich auf diese zurück.

Oft geschieht es, daß Tradition und Entwicklung einander als Gegenteil gegenübergestellt werden, wobei Tradition mit eingefrorenem Stillstand, und Entwicklung mit dynamischer Angemessenheit an den Erfordernissen der Zeit gleichgesetzt wird. Deshalb ist es angemessen, darauf einige Worte zu verlieren.

Die Tradition ist nicht festgefroren
Manchmal kommt es vor, daß über die Tradition gesprochen wird als wäre sie ein Feststehen in einer bestimmten Zeit, etwa im Mittelalter oder im Barock oder im Pontifikat Pius XII. Oft wird dies jenen vorgeworfen, welche die alten Einsichten der Theologie auch für sich fruchtbar machen wollen und nicht etwas alleine deshalb schon als überholt betrachten, weil es ein bestimmtes Alter erreicht hat. Es geht der traditionellen Theologie nicht darum, etwas zu vertreten oder etwas zu erhalten, nur weil es in einer bestimmten Zeit so war. Es geht ihr viel mehr darum, das, was einmal als richtig und gültig gefunden wurde auch weiterhin zu erhalten weil es noch immer richtig und gültig ist, so wie man auch das Rad nicht verwirft nur weil es in seiner Entdeckung alt ist, sondern das Rad immer Rad bleibt und noch immer nützlich ist.

Es geht nicht darum, eine bestimmte Zeit zu kopieren und alles so zurückzuformen wie es in einer bestimmten Epoche war, so als ob eine bestimmte vergangene Zeit die Kopiervorlage wäre, die wir heute möglichst detailgetreu und ohne vom Rande abzuweichen abpausen wollten. Im Übrigen gibt es auch besonders unter manchen Liturgikern Neuerer, welche der urkirchlichen Praxis möglichst nahe kommen wollen ohne zu beurteilen ob sich etwas verbessert hat oder nicht, und legitime Entwicklungen nicht anerkennen wollen, sondern als nichtig oder „späte Überwucherung“ verwerfen.

Unter Tradition versteht man nicht das Leben gemäß einer vergangenen Epoche, sondern zunächst bedeutet „Tradition“: im Kern auf die Apostel zurückgehend, welche ihrerseits wiederum von Christus selbst Lehre und Beispiel übernahmen. Dies meint nicht daß man deren Zeit und alle deren Sitten und Gebräuche nachahmen müßte: doch in dem, was den Glauben betrifft, ist die Tradition bindend wie auch die Heilige Schrift bindend ist, und welche, nebenbei bemerkt, ohne dem Instrument der Tradition nicht entstanden wäre.

Die Traditionen sind hingegen etwas anderes als die Tradition/Überlieferung: die einzelnen Traditionen sind quasi die Ausformungen der Tradition. Oft wird dies vermischt, und so richtet man sich oft sowohl gegen die Tradition als auch gegen Traditionen.

Auch nichtapostolische Traditionen haben kein Verfallsdatum
Diese Traditionen, welche sich durch die Frömmigkeit und den Glauben des Volkes sowie durch die Erfahrung der Kirche im Laufe der Zeit herausentwickelt haben, sind tatsächlich von einer anderen Bindungskraft als die Tradition in ihrem eigentlichen Sinne. Dennoch geht es nicht an, ihr Alter als Argument gegen sie zu verwenden, so als ob sie sich periodisch verändern müssen nur damit sie eben verändert werden. Im Gegenteil: eine allzu häufige Änderung der kirchlichen Frömmigkeitsformen, der Lokaltraditionen und der übrigen Gebräuche und Gewohnheiten kann nicht ohne große Gefahren für den Glauben der Menschen geschehen, auch wenn einzelne Traditionen und Gewohnheiten tatsächlich nicht Glaubensgut sind.

Aber diese Traditionen sind doch das Augenscheinlichste, sie erzählen in gewisser Weise den Glauben und vermitteln einen Eindruck von diesem. Sie bilden oft eine theologische Wirklichkeit sichtbar nach und weisen auf eine Glaubenswahrheit hin. Dieser Umstand macht daher auch die nicht-apostolischen Traditionen nicht beliebig, sondern setzt ihnen Grenzen und indiziert ein Besser, Schlechter und Unmöglich. Prinzipiell sind solche Traditionen, weil sie selbst eben nicht Glaubensgut sind, auch änderbar und können mitunter modifiziert werden. Doch muß man damit sehr behutsam umgehen und eine wirkliche Indikation für die Opportunität einer solchen Änderung vorliegen haben. Wenn man solche gewachsenen Traditionen nämlich ändert, dann schließt man automatisch, daß sich auch jene Glaubensaussage, auf welche sie verwiesen, geändert hat.

Traditionen dürfen daher niemals mit Moden gleichgesetzt werden oder zu solchen verkommen, sondern müssen immer an die Inhalte des Glaubens rückgebunden sein, welchen sie zu Diensten sind. Traditionen sind allein für sich genommen noch kein Selbstwert, denn dann kommt es zu jenem Phänomen, welches wir oftmals feststellen müssen: die Erstkommunion ist eine reine Folklore und zur Firmung geht man nur weil auch die Mutter und die Großmutter sich firmen ließen – und zugleich eine Gelegenheit zur Selbstdarstellung bietet, weil die Firmung „jugendgerecht“ gestaltet ist, d.h. mit Musik die „Stimmung macht“ und einer Choreographie zum Bußakt. Und ähnlich ist vielen auch die kirchliche Trauung nicht so sehr aus Glaubensgründen wichtig, sondern des schönen Festes wegen – und die Taufe eine Traditionspflicht. Diese Gefahren sind um so mehr gegeben, wenn man die Traditionen als beliebig veränderbare Moden sieht, welche ja nach Nachfrage stets neu werden können und nicht mehr an den Glaubensinhalten, sondern an den Geschmäckern ausgerichtet werden. Es ist ein Fehlschluß wenn man den „Erfolg“ einer Messe, wie es dann oft genannt wird, an der Teilnehmerzahl festmacht: denn man muß immer auch fragen, was der Grund für ihr Kommen war.

Eine zahlreiche Teilnahme bei einer Messe, die in ihrer „Gestaltung“ gefällt, aber arm an Glaubensinhalten und angemessenen liturgischen Elementen ist, ist entgegen der häufigen Behauptung eben gerade kein „Erfolg“, sondern eine Bankrotterklärung: wesentlich ist nicht wie viele Leute kommen, sondern wozu sie kommen, wenn sie kommen.

Entwicklung ist der Tradition nicht fremd
Das bedeutet nicht, daß alles Liturgische fest eingefroren ist und sich nicht manche Elemente der Liturgie auch mit der Glaubensvertiefung mit entwickeln und somit auch ändern können. Dies kann natürlich tatsächlich so der Fall, und auch völlig legitim so der Fall sein. Denn entgegen manchen Behauptungen ist auch der Tradition Entwicklung nicht fremd, um so weniger den die Tradition begleitenden Traditionen. Dennoch kann eine legitime Entwicklung der Tradition nie gemacht werden, sie kann nicht geplant und schon gar nicht angepaßt werden. Die legitime Entwicklung der Tradition ist immer ein Zuwachs an Erkenntnis der Wahrheit, die dann auch konsequent umgesetzt wird. Die Tradition entwickelt sich im selben Maß als sich die Kenntnis der Wahrheit, etwa durch das Studium der Heiligen Schrift und den Väterschriften entwickelt. Die Wahrheitsvertiefung ihrerseits ist aber wiederum streng an das kirchliche Lehramt rückgebunden, welches durch den Beistand des Heiligen Geistes authentischen von nicht authentischem Wissenszuwachs zu differenzieren befähigt wird.

Deswegen muß auch die Liturgie und ihre Entwicklung im selben Umfang ihr Maß am kirchlichen Lehramt nehmen wie auch die Glaubensvertiefung. Dieses Wissen um die Glaubenswahrheiten soll stets vertieft und verfeinert werden, doch muß man andererseits auch anerkennen, daß man in bestimmten Bereichen auch an einen Punkt kommen kann, an welchem die Erkenntnismöglichkeit einer Sache erschöpft ist. Dann gibt es in diesem Punkt eben keine legitime Entwicklung mehr, sehr wohl besteht die Gefahr, Erkenntnisse wieder zu verlieren die man einst schon errungen hatte – und diese Gefahr besteht besonders dort, wo man krampfhaft nach Weiterentwicklung sucht wo die rechtmäßige Entwicklung an ihrem Endpunkt angelangt ist. Versucht man diese Grenze zu überschreiten, nur damit Neues werde, läuft man Gefahr, des Rechten und Wahren wieder verlustig zu gehen. Es ist wie ein Glas das ich nicht über seinen Rand mit Wasser füllen kann, sehr wohl aber wieder etwas von seinem Inhalt ausschütten und verlieren kann. Ist dies geschehen, muß man wieder zu dem zurückkehren, was recht und wahr war, auch wenn es als veraltet gilt, weil man meint sich weiterentwickelt zu haben, in Wirklichkeit aber Wahrheit wieder verloren hat. Umgekehrt muß es aber auch das Bestreben sein, dort, wo die Erkenntnismöglichkeit des Wahren noch nicht ausgeschöpft ist, die Erkenntnis zu vervollständigen.

Daraus erklärt sich auch, weshalb generell Entwicklungen legitim sind bzw. sein können. Das gilt auch für die Entwicklungen von der urkirchlichen Praxis zu den Formen des frühen Mittelalters, des Spätmittelalters, des Rinascimento bis hinauf in die neuere Zeit. Kriterium für die Legitimität ist jedoch immer, ob eine Entwicklung einen Erkenntnisuzwachs der Wahrheit als Grundlage hat oder nicht. Von daher ist es nicht legitim, etwas (wieder) einführen zu wollen, weil es eine bestimmte Epoche der Geschichte so handhabte.

Besonders hinsichtlich der urkirchlichen Praxis besteht immer wieder die Gefahr, manche Formen und Handhabungen jener Zeit wieder herstellen zu wollen, weil man meint, dies sei besonders nahe an der Wahrheit weil noch unverfälscht und sozusagen direkt aus der Quelle schöpfend. Gewiß ist es wichtig und interessant um die Praxis der ersten Christen der jungen Kirche zu wissen und wir müssen auch unser heutiges Theologietreiben immer wieder kritisch mit dem hinterfragen, was uns auch gleichsam aus den ersten Tagen der Kirche berichtet ist, und woraus wir sehr oft eine getreue Erkenntnis dessen Schöpfen können, was der authentische Wille des Herrn war und ist. Beschränkt man sich jedoch auf diese erste Zeit der Kirche, so ist das Faktum der legitimen Entwicklung nicht genügend beachtet, und so läuft man Gefahr, wichtige Wahrheitserkenntnisse nicht genügen zu beachten. Dasselbe gilt auch für andere Epochen der Kirchengeschichte.

Die Frage, welche wir uns immer neu stellen müssen, ist nicht: „wie war die Form damals?“, sondern, sie muß will die recht sein, immer lauten: „warum hielt man es damals zur Zeit X so wie man es hielt? Welche Erkenntnisse führten zu dieser Form?“

Erst wenn man diese Frage beantwortet hat kann man zur Folgefrage schreiten: „ist diese Erkenntnis noch vertieft worden, oder vielleicht im Laufe der Zeit gar verfälscht?“, und dann, in einem dritten Schritt, schließt sich die Frage an: „entsprechen die damaligen Formen auch heute noch dem theologischen Erkenntnisstand? Welche Form entspricht ihr am besten?“

Ist besonders die letzte Frage in der nötigen akademischen Aufrichtigkeit gestellt, so kann es tatsächlich der Fall sein daß man erkennt, daß so manche als überholt geltende Form einer Wahrheitserkenntnis besser entsprochen hat als gegenwärtige Praktiken. Dann muß man aber auch die rechten Konsequenzen ziehen, und mitunter „Altes“ wieder einführen. Doch nicht weil es damals so schön war, sondern weil es auch heute noch nützlich und gültig ist.

Das Alter einer religiösen Praxis oder einer Lehre sagt also alleine noch nichts über ihr Wahr- und Gutsein aus. Weil eine bestimmte Glaubenspraxis oder Glaubenslehre ein bestimmtes Alter hat bedeutet dies weder daß es gut und auf jeden Fall so und ja nicht anders sein dürfe, wie es umgekehrt aber auch nicht bedeutet, daß es überholt und obsolet wäre. Das einzige Maß der Tradition, wie auch der Traditionen ist allein das Wahrsein. Was wahr ist und dem wahren Glauben wirklich förderlich, muß angestrebt, umgesetzt, oder aber wieder hergestellt werden. Aus diesem Grund kann ein Fortschritt in der Tradition nicht ein Ändern und ein Neuern bedeuten, sondern Fortschritt der Tradition heißt immer: die Erlangung oder die Wiedererlangung einer vertieften Erkenntnis der objektiven Wahrheit Gottes.

Tradition ist von daher nicht ein Feststehen oder Hängenbleiben in einer längst vergangenen Zeit, sondern das Erhalten und Vertiefen von Gültigem und Richtigem. Die Tradition und die Traditionen kopieren nicht, sondern die Tradition/die Traditionen hüten die Erkenntnis und fördern sie in authentischer, dem Seelenheil förderlicher Weise, ohne dabei Neues grundsätzlich zu scheuen, aber auch ohne das Neuern zu einem Grundsatz und Selbstwert zu erheben. Änderungen sind daher ebenso möglich und nötig, als auch begrenzt. Aus diesem Grund ist die rechte Frage der Theologie niemals jene nach dem Alter, sondern allein jene nach der Wahrheit.

[ Mag. Michael Gurtner ]

13. Februar 2010, 12:36

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