Rekatholisierung muß an der Bildung ansetzen
Daß der Glaube in Kirche und Bevölkerung weitgehend am verglimmen ist, ist lange schon keine Neuigkeit mehr sondern eine nicht zu leugnende Tatsache. Die Ursachen dafür sind gewiß vielfältig und auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurückzuführen, nicht nur auf ein einziges Ereignis oder einen einzigen Umstand. Es ist viel eher ein verwickeltes Zusammenspiel zahlreicher Größen, welches dann im Gesamt zu unserer derzeitigen desaströsen Situation geführt hat, in welcher wir uns in weiten Teilen Europas und darüber hinaus befinden. Das macht eine Lösung des Problems freilich ungemein komplizierter, weil allein schon dessen genaue Analyse schwierig und reichlich undurchdringlich ist.
Fest steht aber, daß eine Rekatholisierung gleichzeitig an verschiedenen Punkten ansetzen, und dann trotz der Schwierigkeiten, welche sich zweifelsohne ergeben werden, zielstrebig vorangetrieben werden muß. Es wird nicht funktionieren, seine Kräfte zunächst auf einen Bereich zu konzentrieren und dann der Reihe nach von einem zum anderen voranzuschreiten, da das auf der einen Seite Erreichte auf den anderen Seiten stabilisiert werden müßte um zunächst Bestand zu haben, und sich dann auch in eine gesunde Richtung weiterentwickeln und anwachsen zu können. Andererseits bedarf es aber eines Anfangs.
Doch worin kann dieser gelegen sein? In der Liturgie? Dies allein ist gewiß notwendig, aber ganz sicher nicht genug weil durch den uralten, aber mehr denn je gültigen Grundsatz lex orandi – lex credendi eine erneute Schieflage entstünde. Nur an der Liturgie allein zu arbeiten wäre eine rein kosmetische Operation, keine symptomatische Behandlung. Das Problem liegt tiefer. Oder sollen wir besser in der Struktur und Organisation der Kirche Änderungen einleiten? Auch das ist im besten Fall noch ein Hinauszögern des endgültigen Zusammenbruches, während viele Ideen, die vorgebracht werden, besonders hinsichtlich mancher neuer Pastoralstrukturen die seitens mancher Bistümer angedacht und teils bereits in der Realisationsphase befindelich sind.
Viele dieser Strukturveränderungen rühren das eigentliche Problem nicht an, sondern im Gegenteil, sie verschlimmern es noch weil sie Verunsicherung hervorrufen, welche viele Berufenen davon abhält, an die Tore des Seminars zu klopfen. Denn wenn das Profil des Priesters verwässert wird, er seiner eigentlichen Aufgaben beraubt und anscheinend zu einem reinen Beruf wird, dessen künftige Ausformung noch dazu mehr als unsicher und überdies beinahe betont unsakral ist: wer wird dann noch freudigen Herzens die Schönheit und Würde des Priesterberufs entdecken und freudig sein adsum sagen können? Viele Strukturrefomvorschläge verhindern berufungen und organisieren letztlich nur den Untergang.
Oder sollen wir die Kirche der Welt und dem demokratisch entschiedenen und durch das Volk abgesegneten mainstream anpassen? Dann tun wir nichts anderes als das was wir gerade verhindern wollen: wir würden den Untergang des Glaubens nur noch beschleunigen. Doch wie viel Glaube ist überhaupt noch geblieben?
Der status quo
Wenn wir uns auf die Suche nach dem Glauben im Volk begeben, so stellen wir sehr häufig fest, daß bei vielen Menschen oft das einst selbstverständlichste Glaubenswissen fehlt. Es ist keine Seltenheit mehr, daß Erstkommunikanten das Vater Unser nicht kennen, und es auch bei der Firmung immer noch nicht rezitieren können, geschweige denn das Glaubensbekenntnis. Gerade die jüngeren haben selbst oft nie einen Zugang zur Kirche erhalten: jüngere Großeltern sind selbst bereits aus einer Generation stammend, welche mit der Kirche und der glaubensgeprägten Kultur gebrochen hatte, viele Eltern haben daher selbst keine Glaubensbindung mehr erfahren oder aber sind sie in einem von Kirche und Dogma losgelösten Sozialjesus-Religionsunterricht großgeworden, wenngleich sie selbst zumindest einige Dinge noch von ihren eigenen Großeltern her kannten, und für viele Junge und Kinder der heutigen Zeit ist eine gesunde Frömmigkeit von einst nicht einmal mehr aus den Erzählungen der Großeltern zugänglich, geschweige denn aus deren erlebten Vorbild – denn die einstigen 68er werden langsam nach und nach Omas und Opas (wer etwa 1950 geboren ist wird heuer bereits 60 Jahre alt!).
Bezug zur Kirche haben viele nicht, weil sie es von zu Hause nicht mehr so mitbekommen haben, und wenn sie den Religionsunterricht besuchen so wird der Glaubensacker nicht nur brach liegen gelassen, sondern im Gegenteil, oftmals wird noch zusätzlich dick Unkraut gesät: man lernt über Weltreligionen und füllt die Religionsstunden mit Filmen und Diskusoinen, in welchen jede Meinung gleichberechtigt stehengelassen wird, anstatt daß die katholische Glaubens- und Sittenlehre den Kindern zu vermitteln gesucht wird. Es ist alles andere als eine Ausnahme, daß die Schüler im Religionsunterricht „lernen“, was die Kirche zwar lehrt, was aber nach Privatmeinung des Religionslehrers tatöchlich stimmen würde: die Sexualmoral wird verworfen, Jesus als guter Mensch dargestellt und Maria konnte freilich alles sein nur nicht jungfräulich. Jesus war der gute Mensch, die Kirche ist böse und Falsches gibt es im Glauben ja sowieso nicht, es sei denn es handelt sich um die traditionelle katholische Lehre.
Die Kinder vom Religionsunterricht abzumelden kann unter Umständen tatsächlich schon die richtige Lösung sein. Das Tragische: selbst in den Pfarreien schaut es manchmal nicht besser aus, und in vielen Diözesanordinariaten ebenso nicht. Selbst wenn jemand den Weg zum Glauben oder vielleicht auch nur zur Theologie findet, wird ihm auf der Universität oft viel Irrlehre gelehrt, der Glaube mitunter eher zerstört als aufgebaut. So kommt es, daß viel Irrtum, aber auch viel Mißverständnis im Glauben der Menschen, auch vieler Priester, eingedrungen ist und viele auch derjenigen, welche wirklich guten Willens, gläubig und kirchentreu eingestellt sind, einfach mit Falschinformationen gefüllt sind und es auch aus diesem Grund zu einer zunehmenden Glaubensverdunstung kommt – denn der Glaube ist selbst vernünftig und kann nur über vorangehendes Glaubenswissen zum persönlichen Glauben werden, weil das Glauben stets einen Inhalt haben muß, der geglaubt wird.
Die Struktur des Glaubens selbst fordert Bildung
Weil Glauben im Sinne der Kirche immer bedeutet, von einem bestimmten Inhalt und seinem Tatsächlichsein überzeugt zu sein, und es darum geht, den Glauben wieder herzustellen, wobei dies, wie angedeutet, nur durch gleichzeitige Verbesseungen in verschiedenen Bereichen geschehen kann, muß zuerst als Grundlage, damit ein solch ehrgeiziges Unterfangen überhaupt Chancen hat zu gelingen, eine neue theologische Bildung auf verschienenen Ebenen gegeben sein. Wenn wir wollen, daß die Menschen wieder zum Glauben finden, müssen wir ihnen auch zuerst die rechten Inhalte zunächst zur Kenntnis bringen, dann aber auch gut und mit den richtigen Argumenten begründen und deren Zusammenhänge untereinander erörtern. Der Glaube erklärt sich nicht auf einmal, meist nichtmal eine einzelne Glaubenswahrheit, sondern nach und nach erklären sie sich gegenseitig, die Glaubenseinsicht wächst, der Glaube wird immer mehr als hochvernünftig sichtbar. Das Glauben an sich und besonders das rechte und möglichst vollständige Glauben setzt eine entsprechende Glaubensbildung voraus. Wenn das Glaubenswissen abnimmt, dann unweigerlich auch der Glaube selbst.
Deshalb ist die Glaubensbildung jener Punkt, welcher alle anderen Ansätze notwediger Weise umfassen muß. Damit ist auch ausgesagt, wo der vornehmliche Ansatz, oder besser gesagt: der Schwerpunkt der Initiativen gelegen sein muß: in der religiösen Bildung. Gute, einsichtige und begründete Erklärungen für die Menschen müssen unbedingt allen anderen Maßnahmen beständig begleiten. Wird etwas neu eingeführt oder ein gewohnter Mißbrauch abgeschafft, so muß immer auch geduldig erklärt werden weshalb und warum dies uns jenes geschieht. Umgekehrt müssen sich aber auch sämtliche Maßnahmen zur Rekatholisierung am Glauben und an der Theologie ausrichten und das Seelenheil der Gläubigen sowie die Ehre Gottes zum Ziel haben.
Doch bevor wir auf dieser Ebene, etwa der Ebene der Pfarreien, der Schulen und der Sakramentenkatechese, sinnvoll in diesem Sinne agieren können und eine neue Bildung als Basis einer Rekatholisierung verwirklichen, müssen wir zuerst genügend geeignete Leute haben, welche dann in den kleineren Strukturen der Pfarreien und der Schulbildung die rechte Bildung erteilen und die rechten Leitungsentscheidungen treffen können.
Das bedeutet als Konsequenz, daß es die falsche Methode ist, von vorne herein alle Priester ausschließlich in die Pfarrein (meist sind es ohnedies schon mehrere) zu schicken und ihnen zugleich wesentliche und urpriesterliche Wirkugsbereiche (etwa den Unterricht, die Seelsorge, Krankenkommunion etc.) nach und nach zu nehmen und durch organisatorische Pfarrmanagements-aufgaben zu ersetzen, was weiteren Priesternachwuchs nur abhält.
Im Gegenteil: auch wenn es manchmal im Moment ein großes Opfer bedeutet, so müßte man geeignete Leute zunächst gut und breitgefächert ausbilden, und sie dann selbst wiederum in der Ausbildung bzw. anderen Schlüsselpositionen einsetzen: es wäre höchst wichtig, daß gerade auf den Universitäten und in den Schulen gute, kirchentreue und seeleneifrige Priester dozieren, weil sie so als Multiplikatoren wirken indem sie einen guten Priesternachwuchs, einen guten Nachwuchs an Religionslehrern bzw. in den Schulen gute Katholiken heranbilden indem sie ihnen die katholische Lehre gut, umfassend und unverkürzt darlegen, was Voraussetzung dafür ist, daß der Glaube wieder in der Gesellschaft Fuß fassen kann.
Diese Priester, welche in Leitung und Lehre eingesetzt sind, sollen selbstverständlich auch in der Seelsorge tätig sein und auch dort den Glauben neu zu nähren versuchen – doch mehr und weitgestreuteren „Erfolg“ werden sie bestimmt in der Lehre erreichen. Freilich können und sollen auch nicht alle Priester in der Lehre oder der Diözesanleitung eingesetzt werden, aber man sollte doch wieder mehr auf die individuellen Eignungen der Priester achten und ihnen entsprechende Aufgaben, zusätzlich zu einer Seelsorgsaufgabe, zuweisen. Es sind nicht alle in den selben Bereichen begabt, umgekehrt gehen viele Talente auch ungenutzt für den Nutzen der Kirche verloren. Wenn junge Männer sehen, daß es auch für Priester eine gewisse Palette an Aufgaben gibt und man nicht unbedingt in Pfarrverbände und Seelsorgeteams eingeflochten wird, sondern als Priester wirklich noch als sacerdos wirken kann, wird sich auch wieder mehr Nachwuchs bei den geistlichen Berufen einstellen. Auch wenn es im Moment personell schwierig ist, müßte man diese Opfer vielleicht doch eingehen, um mittelfristig wieder genug geeignete und kirchentreue, theologisch top ausgebildete Priester in die Pfarreien entsenden zu können.
Bildung ist eine Voraussetzung, aber alleine noch nicht hinreichend
Wir haben zumindest andeutungsweise gesehen, wie wichtig die Bildung für die Rekatholisierung der Gesellschaft ist: zuerst muß man gute Professoren in Universität und Schule haben, dann wird man auch wieder mehr und vor allem theologisch besser ausgebildete Priester haben, welche ihrerseits wiederum durch ihr Wissen den Glauben in ihren anvertrauen Pfarreien neu grundlegen können und die Leute nicht mehr mit Inhaltsleere langweilen und den Glauben dadurch unglaubwürdig machen.
Doch es ist völlig offensichtlich daß dies alleine, bei aller Dringlichkeit und Notwendigkeit, niemals wird ausreichen können – zugleich mit der theologischen Bildung muß unbedingt auch die Frömmigkeit wieder mehr gefördert werden. Wir dürfen nicht vergessen, daß auch viele junge Priester mittlerweile in einem religionsarmen Umfeld großgeworden sind und daher nicht von wahrer, katholischer Volksfrömmigkeit geprägt wurden. Deshalb darf auch das Gebet und die geistliche Bildung nicht unterschätzt werden. Die Zeiten müssen aufhören, in welchen sogar in den Seminaren, also den Ausbildungsstätten für künftige Priester, Frömmigkeit belächelt und als überholt angesehen wird. Im Gegenteil: Es muß im Klerus der Bistümer, beginnend in den Seminarien, umgekehrt wieder zu einer Wiederbelebung auch altbewährter Frömmigkeitsformen kommen, damit das wichtige theologische Wissen zum praktischen, ja praktizierten Glauben wird. Nichts ist so schädlich für den Glauben als ein unästhetisches Kirchenumfeld, viel Wert für eine gute Priesterausbildung hingegen sind wirklich schöne Seminarkirchen und Liturgien, die durch ihre Schönheit freudetrunken vom Glauben künden und nicht durch Schlichtheit und Kargheit von diesem schweigen. Eine neue Bildung ist der Schlüssel der Rekatholisierung – die alte Frömmigkeit aber deren Schloß.
3. Februar 2010, 08:32