Missbrauchsskandal und kirchliche Morallehre
Kathnews-Exklusiv. Reflexartig geht sie nun schon wieder los, die in solchen Fällen stets bemühte Debatte über die angeblich rückständige und selbstverständlich schuldvolle Sexualmoral der katholischen Kirche. Ohne langes Nachdenken haben manche schon wieder den Schuldigen an sich ausgemacht: die Kirche. Und dort ist es – so meinen manche in fast schon rührender Einfachheit – natürlich der Zölibat, der manche Priester dazu treibt, ihren angeblich unterdrückten Sexualtrieben freien Lauf zu lassen.
Doch zunächst: Der am Jesuitengymnasium Canisiuskolleg in Berlin bekannt gewordene Missbrauchsskandal macht zutiefst traurig und ist empörend. Hier haben einige Jesuitenpatres schwere Schuld auf sich geladen und einen unglaublich großen Schaden angerichtet. Nicht nur die ihnen einst anvertrauten Jugendlichen haben sie zu Opfern gemacht und psychisch und physisch geschädigt. Sie haben auch für den Jesuitenorden und die Kirche insgesamt einen großen Schaden angerichtet.
Zu hören war jetzt sogar aus Jesuitenmund, die Kirche müsse ihre Haltung gegenüber den Homosexuellen ändern und ihre „Homophobie“ ablegen. Ein seltsamer Vorschlag. Nicht nur, weil auch die Kirche immer wieder daran erinnert, dass niemand wegen seiner sexuellen Neigung diskriminiert werden darf. Nicht nur, weil die Kirche den Grundsatz vertritt, man solle die Sünde hassen, nicht aber den Sünder. Nicht nur, weil die Kirche nicht müde wird zu betonen, dass es gerade bei der Sexualität in hohem Maße Verantwortung gefragt ist. Nein, auch deshalb ist der Vorstoß mehr als merkwürdig, weil ja gerade in den vorliegenden Fällen die Missachtung der geordneten Sexualität zu den widerwärtigen Verhaltensweisen geführt hat.
Der Versuch einzelner, für das abscheuliche Verhalten der Geistlichen wenigstens teilweise die Sexuallehre der Kirche verantwortlich machen zu wollen, ist ebenso abwegig wie unlauter. Es wäre eine zusätzliche Verhöhnung der Opfer, nun Schuldige ausgerechnet in „der“ Kirche zu suchen. Denn die Sexuallehre der Kirche hat den ganzen Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele im Blick. Hier geht es um Ehrfurcht und um die Erkenntnis, dass Gott den Menschen als Mann und Frau, die sich einander ergänzen, erschaffen hat. Die Kirche betont daher zu Recht die Kostbarkeit eines geordneten Sexuallebens, in dem Freiheit und Verantwortung gelebt werden.
Jeder Missbrauch ist ein individueller schwerer Verstoß gegen die Unantastbarkeit der Menschenwürde – und eine individuelle Straftat. Wer die wertvollen Hinweise der Sexuallehre der Kirche bekämpft, missversteht oder ablehnt und nicht begreift, dass gerade in der Sexualität eben nicht alles erlaubt sein kann, darf das daraus resultierende Fehlverhalten weniger Einzelner nicht der Kirche insgesamt und allgemein aus anderen Motiven anlasten. Missbrauch und Pädophilie sind insgesamt besorgniserregend wachsende und zunehmende Erscheinungen, die leider überall zu beklagen sind. Sie sind sicher kein Spezifikum der katholischen Kirche. Es kann jetzt nicht um political correctness gehen, sondern ausschließlich um Wahrhaftigkeit.
Zu dieser Wahrhaftigkeit gehört vieles. Auch und gerade, dass jetzt nicht allerlei zusammengerührt wird und falsche Schlüsse zu falschen Vorwürfen führen. Wer zum Beispiel den Zölibat als „Zwangszölibat“ verzerrt oder meint, diese Lebensform sei vor allem und beinahe ausschließlich eine Frage der Sexualität, wird weder dem Zölibat noch jenen gerecht, die sich ebenso freiwillig für das Priestertum entschieden haben wie jemand, der freiwillig Eheleute für ein Leben in einer – pardon – „Zwangs-Einehe“. Auch diese würde übrigens früher oder später scheitern, wenn sie ausschließlich eine Frage der Sexualität und des Triebes wäre.
Es wäre übrigens auch unfair und unwahrhaftig, würde man nun dem Jesuitenorden oder der Kirche insgesamt einen bösen Vorwurf machen. Der Jesuitenorden gehört zu den großen Ordensgemeinschaften der Kirche und ist geprägt von großartigen Persönlichkeiten, die viel Segen bewirkt haben und bewirken. Aber auch in ihm gibt es – wie überall und wie leider auch immer wieder in der aus Menschen bestehenden katholischen Kirche – schwarze Schafe, die sich verfehlen und Böses zulassen oder anrichten.
Das ändert aber nichts daran, dass die Kirche etwa zu den besten und glaubwürdigsten Bildungsträgern überhaupt gehört. Jeder Missbrauchsfall innerhalb der Kirche und von Seelsorgern, die zur Seelenerbauung beauftragt sind und nicht zur Seelenzerstörung, ist einer zu viel und schmerzt besonders. Aber keiner dieser Fälle rechtfertigt einen hämischen Zeigefinger auf die Kirche oder den Jesuitenorden. Die Verfehlungen sind in der Kirche nicht mehr als anderswo. Schlimm genug, dass es sie eben auch in der Kirche gibt. Aber in der keine Regeln mehr zulassenden Gesellschaft sind sie überall. Leider.
Ist es angesichts dieser Missbräuche, die übrigens offenbar einiges mit manchen homosexuellen Neigungen zu tun haben und meistens von Männern verbrochen werden, nicht mehr als merkwürdig, wenn man jetzt mehr Verständnis für gelebte Homosexualität fordern würde? Noch einmal: Niemand soll und darf für seine Veranlagung diffamiert oder diskriminiert werden.
Aber das kann ja andererseits kaum bedeuten, dass sich eine Gesellschaft generell alles erlaubt und weder Gebote noch Verbote zu kennen glauben meint. Nichts alles gleichwertig und von vorneherein richtig und gut. Denn wenn alles erlaubt ist in einer sexualisierten Diktatur des Relativismus, dann scheint auch fast alles möglich. Aber genau das geht nicht. Es geht um die Menschenwürde jedes einzelnen und dessen Respektierung. Einen Generalverdacht darf es nicht geben – weder gegen die Kirche noch gegen den Jesuitenorden noch gegen Homosexuelle. Gerade deshalb darf nicht einfach alles miteinander vermischt werden.
Und noch etwas: Es ist für viele betrüblich festzustellen, dass die von einzelnen Straftätern begangenen Missbrauchsdelikte inzwischen verjährt sind und allzu lange verschwiegen wurden. Wegen der Schwere der Schuld und weil die Verletzungen der Seele bei den Opfern keine Verjährungsfrist kennen, ist zu fordern, dass künftig derartige Straftaten keinen Schutz durch Verjährung bekommen. Im Sinne der Opfer ist der Gesetzgeber gefordert, gerade hier langfristige Strafverfolgung zu ermöglichen und entsprechende Regelungen zu treffen.
Es ist zu hoffen und zu wünschen, dass das jetzt gezeigte Interesse an dem Missbrauchsskandal letztlich dazu führt, sich künftig fairer und kompetenter mit der Sexuallehre der Kirche zu beschäftigen und sie nicht weiter mit billigen Klischees zu verzerren. Denn spätestens seit der „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. ist diese aus jener Verklemmung befreit, in die sie einst verstrickt worden war. Sie ist wesentlich weiter als manche selbsternannten Kritiker der Kirche, die ihrerseits noch allzu sehr verklebt zu sein scheinen in einer säkularen Sexualleere (!), die sich mit Fleischeslust und allenthalben erlaubter Triebbefriedigung zu begnügen können glaubt und in niederer Erotik die Kostbarkeit wirklich verantwortlich gelebter Sexualität zu ertränken sucht. Das aber wird dem Anspruch des Menschen nicht gerecht, dem ein ebenso wertvolles wie zerbrechliches Gut im besten Sinne des Wortes anvertraut ist.
2. Februar 2010, 17:47