Die bereits bestehenden Möglichkeiten der Befruchtung des NOM aus dem Missale Pius V.
Dem Begleitbrief zum Motu Proprio Summorum Pontificum entnehmen wir den Willen unseres Heiliger Vaters feliciter regnans, daß sich die beiden Formen des römischen Ritus gegenseitig befruchten mögen. Dies ist Grund genug, darüber ein wenig nachzudenken und zu überlegen, was man bereits tun könnte. Und in der Tat bestehen bereits jetzt einige Möglichkeiten, wie man auch den NOM aus der alten Form der Heiligen Messe befruchten könnte, ohne dabei liturgisches recht oder die Rubriken des Missale Pauls VI. zu verletzen.
Grundsätzliches
Diese Überlegungen sind dabei von Überlegungen zur Reform der Reform unterschieden, da eine solche wohl weitergehend sein wird und auch Änderungen im liturgischen Recht, den Rubriken sowie dem Missale an sich bringen wird, wenngleich sich auch diese Reform aus dem Missale Pius V „befruchten“ lassen wird und es deswegen sicher gemeinsame Anknüpfungspunkte gibt, aber eben doch auch umfangreicher sein wird als das, was wir hier überlegen wollen: sie wird wohl sehr stark auch theologische Grundsätze des alten Missale einbeziehen und danach die neuen liturgischen Formen bilden.
Dies ist hier an dieser Stelle nicht beabsichtigt: es geht viel mehr um eine Überlegung dessen, was bereits jetzt, mit dem Missale Pauls VI, jeder Priester tun kann, welche Anleihen aus der alten Liturgieform er nehmen und auch für das Missale des NOM anwenden kann. Weniger die theoretischen Möglichkeiten seien hier bedacht, sondern die praktischen. Es geht folglich nicht um das Desiderate, sondern um das aktuell bereits Mögliche.
Besonders im Hinblick auf die Reinerhaltung des sog. tridentinischen Ritus scheint mir ein Grundsatz von extremer Wichtigkeit zu sein: man darf die beiden Riten bzw. Ritusformen auf keinen Fall vermischen, auch nicht in dem Sinne, daß man, wenn man den NOM zelebriert, zu viele Elemente aus dem Missale Pius V übernimmt, so gut dies auch gemeint sein möge. Beide Formen des Ritus sollen auch eindeutig als die jeweilige Form erkennbar bleiben. Würde man den NOM mit zu vielen Elementen der traditionellen Messe anreichern, wo diese eigentlich inkompatibel mit den liturgischen Vorschriften sind, käme dies im Endeffekt auch einer Änderung des eigentlich erwünschten gregorianischen Ritus gleich, was unbedingt zu vermeiden ist, da dies auf lange Sicht den alten Ritus selbst gefährden könnte.
Daher ist es besser, die Heilige Messe gleich im gregorianischen Ritus zu lesen, oder ganz nach dem NOM. Keines Falls aber sollte man die Formen des römischen Ritus untereinander vermischen! Dennoch sind einige Anleihen aus der alten Form der Messe durchaus denkbar, ohne daß dadurch die neue Form der Messe verändert würde.
Praktische Umsetzungsmöglichkeiten
Zunächst einmal muß man bereits an die Vorbereitung zur Hl. Messe denken, denn da sind bereits die ersten Möglichkeiten zur gewünschten Befruchtung zu finden: wenn der Priester gut vorbereitet ist, wird sich das auch auf die Zelebration an sich und somit auf die Gläubigen auswirken.
Es ist nicht verboten, daß der Priester zur persönlichen Vorbereitung zur Hl. Messe die alten Vorbereitungsgebete für sich rezitiert, für welche Pius XI per Dekret vom 3. Oktober 1936 Ablässe bereitstellte.
Wenn er in die Sakristei kommt kann er sich freilich auch die Hände waschen, unter dem dafür vorgesehenen Gebet.
In der Heiligen Chrisammesse vom 5. April 2007 ging der Heilige Vater in seiner Homilie auf die alten Ankleidungsgebete für das Anlegen der Paramente ein, über welche er wörtlich sagte, daß sie: „uns helfen, die einzelnen Elemente des priesterlichen Dienstes tiefer zu verstehen“. Wenn sie dem Priester also zu einem tieferen Verständnis seines Dienstes helfen: warum betet man sie dann nicht?
Ganz genau genommen wurde im Übrigen auch der Manipel niemals abgeschafft, sondern er kam einfach aus der Mode (vielleicht weil er seit dem Missale von 1962 einfach nicht mehr erwähnt ist, wie im Übrigen auch andere Sachen die dennoch in Gebrauch sind – auch was man als selbstverständlich ansieht erwähnt man nicht).
Die GRM 2002 schreibt von der Stola nur, daß sie über der Brust hängend getragen wird – das schließt ein Kreuzen über der Brust nicht aus, um so die Weihegrade zu unterscheiden.
Der Priester kann auch die Eingangsgebete bis zum Aufer a nobis zumindest vorziehen und wenigstens in der Sakristei „vorbeten“.
Bei der Einlegung des Weihrauchs kann ist im NOM ein schweigendes Segnen vorgesehen – aber warum soll dieses schweigende Segnen nicht mit den alten Segensgebeten geschehen, welche ja auch niemals laut gesprochen wurden? Darüber hinaus ist nach GRM 2002 beim Einlegen des Weihrauchs von einem Schweigen beim Segnen nicht einmal die Rede.
Besonders auch die Opfergaben kann der Priester nach der alten Inzensordnung inzensieren.
Das Birett ist auch nie abgeschafft worden – der Priester kann es etwa beim Ein- und Auszug verwenden, ebenso bei seiner Predigt.
Auch beim Asperges me kann er es verwenden, ebenso wie das Pluviale. Das Asperges me ist auch noch im Missale Pauls VI als Möglichkeit vorgesehen, also kann man ohne weiteres davon Gebrauch machen.
Der Hochaltar bzw. die gemeinsame Gebetsrichtung mit dem Volk, dem der Priester als Hirt seiner Herde quasi vorangeht, ist niemals abgeschafft worden. Im Gegenteil: eigentlich ist er der Normalfall (wenn auch nicht statistisch).
Auch kann die Messe selbstverständlich auf Latein gelesen werden – das letzte Konzil wollte diese Kultsprache ausdrücklich geschützt wissen.
Die bürgerliche Begrüßung am Beginn der Heiligen Messe ist keines Falls obligat – im Gegenteil, sie kann dem Gebet der Gläubigen auch abträglich sein.
Kyrie, Gloria, Credo etc. sollten eigentlich ihrem eigentlichen Text nach gesungen werden, nicht irgend ein beliebiges „Glaubenslied“.
Singt der Chor, kann der Priester selbstverständlich Gloria, Credo etc. auch still selber rezitieren, sich an den entsprechenden bekreuzigen bzw. leicht verneigen.
Auch wenn, generell, der Name Jesu genannt wird kann er sich leicht verneigen.
Bei einem Requiem kann er natürlich auch die Totensequenz dies irae verwenden, auch diese ist nicht abgeschafft, sondern nur statistisch unüblich geworden.
Die Predigt kann er auch von der Kanzel aus halten, auch mit Birett.
Es kann und soll die gesamte Kelchwäsche verwendet werden.
Das Tröpfchen Wasser kann er ohne weiteres auch mit einem kleinen Löffelchen dem Wein beimischen.
Das erste Hochgebet (römischer Meßkanon) kann immer verwendet werden.
An keiner Stelle ist es verboten, daß der Priester zwischen Wandlung und Ablution Daumen und Zeigefinger zusammenhält, um so real wie auch zeichenhaft dem Verlust des Leibes Christi in Form von Hostienpartikeln vorzubeugen.
Redemptionis sacramentum, Nr. 93 schreibt die Hostienpatene auch für den NOM vor, entgegen der weit verbreiteten Meinung ist sie nicht nur im alten Ritus obligat.
Bei der Kommunionspendung kann der Priester auch ein kleines Kreuzzeichen mit der Hostie machen und die alte Spendeformel verwenden.
Nach der Heiligen Messe kann der Priester auch die Leoninischen Gebete sprechen.
In der Sakristei kann er die Dankgebete, welche früher üblich waren. Das ist nicht verboten.
Wir sehen, es gibt bereits eine relativ breite Palette von Möglichkeiten, wie wir bereits jetzt den NOM aus der forma extraordinaria befruchten können indem wir auf unsere ars celebrandi gut achten. Bei weitem schöpfen wir noch nicht die Möglichkeiten aus, welche sich bieten würden.
Was man allerdings nie tun sollte ist, daß man die Gebete vermischt.
Es wäre wünschenswert, daß wir beginnen, soweit als Möglich das Gute aus der Messe Pius V auch im NOM fruchtbar zu machen – vieles ist nur außer Gebrauch geraten, in Wirklichkeit aber niemals abgeschafft worden. Dasselbe gilt auch für andere Sakramente und Andachtsformen. Wenn wir hier die Möglichkeiten mehr ausschöpfen würden, könnten wir alleine dadurch schon beginnen, den Sinn für das Sakrale in den Gläubigen wieder mehr zu stärken und sie so vielleicht auch besser zur „alten Messe“ hinführen und sie auf diese vorbereiten.
Die letzten Jahrzehnte haben die Kirche weitgehend entsakralisiert. Das hat auch seine Spuren im Glauben der Menschen hinterlassen. Wollen wir diesen traurigen Entwicklungen entgegenwirken, so können wir nicht umhin, auch trotz aller Widerstände von außen und von innen, die uns entgegenblasen werden, eine Rekatholisierung mit einer Resakralisierung einzuleiten.
Auch dort, wo es sich anscheinend nur um Eitelkeiten oder Äußerlichkeiten handelt, haben gerade diese mehr Einfluß auf unser Glauben und Nichtglauben, als uns bisher vielleicht bewußt war.
30. Januar 2010, 11:11