Von Macht und Demut der Kirche
Vielfach herrscht die Meinung, die Kirche habe mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil einige ihrer Ansprüche zurückgelegt und sei demütiger und bescheidener geworden, und habe sich so dem Willen ihres Herrn und Meisters besser angepaßt. Daß es zu gewissen Änderungen im Auftreten und in den für sich beanspruchten Einflußbereichen kam, ist eine objektive Tatsache. Als Papst Paul VI seligen Angedenkens die Tiara, eine wichtige päpstliche Insignie, auf den Altar ablegte und nach Amerika verkaufte war dies mehr als ein bloßer Gestus – damit wurde eine neue Wirklichkeit geschaffen.
Die Kirche, so heißt es im Anschluß daran, habe endlich aufgehört herrschen zu wollen und sei nur noch bestrebt, demütige Dienerin aller zu sein, die Magd des Herrn wie Maria, und vorallem eine Dienerin der Menschen. Daß die Niederlegung der päpstlichen Tiara und vor allem die damit verbundene neue Selbstdefinierung der Kirche vor allem von jenen jubelnd begrüßt wurde, welche in vielen ihrer restlichen Ansichten die Kirche von innen her aufzulösen suchten, indem sie selbst wesentliche Elemente des Katholischen wie Lehramt, Infallibilität, Absolutheitsansprüche der katholischen Wahrheit etc. kritisierten, ist zumindest auffallend.
Die Erwartungen an die Kirche sind stark reduziert
Die Kirche wird in weiten Teilen der Bevölkerung vornehmlich als eine Art Sozialinstitutoin gesehen und erfährt dafür auch Akzeptanz und Anerkannung – sobald es aber um moralische und dogmatische Belange geht, wird sie vielfach nicht mehr ernst genommen, ihre Positionen werden als veraltet gesehen und man wirft ihr vor, in ihrer Lehre nicht Maß am demokratischen Willen der Mehrheit, der sogenannten „Lebenswirklichkeit der Menschen“ zu nehmen: man erwartet von ihr eigentlich eine kräftige Bestätigung dieser „Lebenswirklichkeit“, unabhängig von der Frage nach richtig und falsch. Sie soll Position für die Armen und Schwachen beziehen, gegen die Mächtigen auftreten und vor allem selbst nicht mächtig sein, sondern solidarisch mit den Armen, Ausgegrenzten und mit Minderheiten.
Auf der einen Seite wird an die Kirche noch immer die Forderung gestellt, soziale und humanitäre Probleme zu lösen und vor allem aktiv für Friede und Gerechtigkeit einzutreten, auf der anderen Seite besteht aber zugleich die Forderung, sie solle selber schwach und arm sein, keine Macht haben und demütig den letzen Platz einnehmen – was eine Verwirklichung der ersten Forderung jedoch vielfach verhindert. Noch immer gibt es Stimmen, welche die Kirche als zu mächtig, zu reich und zu einflußreich kritisieren, gleichzeitig aber Dinge von ihr erwarten, welche zum einen nur ein Teil des Ganzen sind (die soziale Dimension der Kirche), zum anderen aber nicht mit Einflußlosigkeit oder ohne ausgebauten diplomatische Strukturen erreicht werden können. Gemäß der Mehrheit erwartet man von der Kirche nicht mehr den Glauben, Seelenheiligkeit und Erhellung in Fragen nach der Wahrheit: da will man, daß sie sich in sich zurückzieht, nicht missionarisch ist und schon gar nicht Einfluß auf das öffentliche Leben nimmt. Engagieren hingegen soll sie sich im sozialen Bereich – und möglichst nur in diesem.
Man kann nun sicher nicht sagen, daß die Ablegung der Tiara selbst schuld daran ist, daß die Kirche nicht mehr in ihrem gesamten Auftrag gefragt, gehört und ernstgenommen ist. Dieses Ablegen war gewiß nicht der Auslöser dafür. Aber es war eben doch ein Signal, welches die so denkenden Kräfte bestärkte und auch seitens der Kirche signalisierte, daß sie bereit war, auf diese Forderungen einzusteigen, sich mit einer betont demütigen Rolle einer selbst gewählten Schwachheit zu begnügen und sich in vielen Bereichen auf ein gerade noch notwendiges Mindestmaß zu reduzieren: das kam zum Ausdruck in der Liturgie, in ihrem generellen Auftreten und der Sprache sowie in ihrem Verhalten auf diplomatischen Feld. Oft war das, was zunächst und oberflächlich betrachtet als eine angemessene Demut erschien, in Wirklichkeit jedoch eine Beschneidung der Möglichkeiten, das Gute zu wirken. Die Kirche zog sich aus vielem zurück, wo ihre kraftvolle Präsenz und mächtiges Wirken nötig gewesen wäre.
Die Aufträge der Kirche greifen ineinander
Letztlich führte der neue Stil der Kirche jedoch zu vielen Nebeneffekten, an welchen die Kirche jetzt immer mehr zu leiden hat. Dies rührte nicht zuletzt auch daher, daß man übersah, wie sehr die verschiedenen Aufträge der Kirche ineinandergreifen und sich gegenseitig bedingen. So wird der von vielen (zu Recht) so geschätzte Sozialauftrag der Kirche aber nur dann dauerhaften Bestand haben und allgemeine Verpflichtung sein können, wenn er im Auftrag der unverkürzten Glaubensvermittlung verankert bleibt und wird nur dann vollständig sein können, wenn er auch nicht vom Heiligungsauftrag losgelöst wird.
Denn das soziale Moment der Kirche, welches nicht ihre hauptsächliche und vorrangige Aufgabe ist, ihr aber eben dennoch von ihrem eigenen Wesen heraus zukommt und nicht delegierbar ist, kommt nicht aus einem gütigen und wohwollenden Beschluß einiger heraus, sondern ist im Glauben selbst verankert und vom Dogma gefordert: Dieses ist es auch, welches dem sozialen Interesse der Kirche Bestand und Festigkeit verleiht. Deshalb ist dieses soziale Moment der Kirche gerade dann umso gesicherter und unveräußerlicher, wenn es selbst nicht das erste und vorrangige Ziel der Kirche ist, sondern sich aus dem Glauben heraus ergibt. Wenn es seinen rechten Platz erhält und dem Dogma in gewisser Weise doch auch untergeordnet bleibt, dann ist es gerade dadurch jedoch umso stärker und gesicherter, da es nicht einem Entscheid oder einer mehrheitlichen Strömung ausgesetzt ist.
Das Dogma gibt dem ihm nachgeordneten Rest erst eine Garantie, eine Stärke und einen gesicherten Stand. Deshalb ist das soziale Moment insgesamt auch stärker wenn es dem Dogma nachgeordnet ist, als wenn es selbst das erste Anliegen der Kirche und ihre Primärsorge wäre, weil ihr Hauptauftrag, welcher der Glaube und die Heiligung ist, dem, was sich aus diesem Hauptauftrag ergibt, erst eine Stabilität und einen besonders verpflichtenden Charakter des Indispensablen verleiht.
Wer deswegen also an der Glaubens- und Sittenlehre der Kirche kratzen möchte muß sich auch bewußt sein, daß er indirekt und auf mittelfristige Sicht auch an dem kratzt, was er eigentlich gestärkt wissen möchte: an der sozialen und humanitären Aktivität der Kirche, welche ohne deren Grundlage im Glauben viel schwächer und angreifbarer ist. Greift man die Grundlagen an, so auch alles, was darauf aufgebaut ist.
Die Stärke der sozialen Aktivitäten der Kirche ist es gearde, daß sie nicht der Befehlsempfänger einer ideologischen Strömung oder einer mehr oder minder zufälligen Gruppe oder Mehrheit ist und das macht was andere von ihr erwarten oder verlangen, sondern daß sie vom gegenwärtigen Willen einer Mehrheit oder einer einflußreichen Gruppe unabhängig ist und aus dem natürlichen Sittengesetz Gottes ihre sozialen Tätigkeiten ableitet, und somit nicht unbedingt dieselben Fehler übernimmt, welche für eine bestimmte Zeit oder Gesellschaft gerade typisch sind.
Zur Umsetzung des Guten bedarf es der geeigneten Mittel
Ein weiteres Problem ist, daß die Kirche eine wunderbare Soziallehre und eine wahrhaft menschenfreundliche Morallehre hätte, aber diese vielfach nicht umsetzen und verwirklichen kann, weil sie, mitunter durchaus selbstgewollt und unter dem Vorwand der Demut, ihres Einflusses zum Guten beraubt ist. Wenn Staat und Kirche durch einen überzogenen und falsch gearteten Laizismus zu strikt voneinander getrennt sind, und jegliche Einflußnahme der Kirche auf die staatliche Gesetzgebung unterbunden wird, mitunter sogar mit Zustimmung der Kirche selbst, dann muß man sich nicht wundern, wenn die staatliche Gesetzgebung zusehends unmoralischer wird, sich immer weiter vom göttlichen Sittengesetz wegentwickelt und es auch für die Kirche selbst und deren Anliegen immer schwieriger wird. Natürlich hat die Kirche vollkommen recht wenn sie unmenschliche und gottverachtende Gesetze wie Homoehe, die Anti-Diskriminierungsgesetze, Gesetze über religiöse Zeichen und Feste sowie auch zahlreiche Familiengesetze kritisiert, und ganz besonders die verabscheuungswürdige Fristenregelung und die Freigabe der so harmlos klingenden „Pille danach“.
Aber andererseits hat sie, wenn auch ungewollt, doch insofern diese Entwicklung ein Stück weit mitgefördert, indem sie selbst ihren Einflußbereich dort wo sie ihn hatte schmälerte und die Lehre der sana laicità, wie sie etwa noch Papst Pius XII vertrat, nicht weiterführte, sondern selbst eine allzu strikte Trennung von Staat und Kirche befürwortete, indem sie sich etwa selbst vom Konzept der katholischen Staatsreligion abwandete und es nicht mehr anstrebte bzw. wollte.
Das darf man freilich nicht mißverstehen: Staat und Kirche sind zwei getrennte, autarke und jeweils eigenständige Größen und sollten auch nicht in eine einzige Größe vereint werden. Es kann nicht darum gehen, daß die Kirche Staaten regieren wollte. Das ist nicht ihre Aufgabe und soll und darf sie auch nicht anstreben. Sehr wohl aber hat sie den Auftrag, missionarisch zu sein und die Sittlichkeit sowie das Seelenheil der Menschen zu fördern, wo immer es ihr möglich ist. Genau deshalb muß sie auch besterbt sein, die Staaten und Gesellschaften zu katholischen Staaten und Gesellschaften zu machen.
Sie muß bestrebt sein, die Wahrheit, welche sie in der Offenbarung Gottes erhalten hat, auch zur Umsetzung zu bringen. Gerade wenn sie heute für die Wahrheit eintritt und die Schwächsten, die Ungeborenen, verteidigt, wird sie sich viel mediale Prügel einhandeln und der Vorwurf wird laut, sie solle sich um ihre eigenen Probleme kümmern und aus der Politik heraushalten und nicht dort hochmütig nach Einfluß und Macht streben wo ihr Demut und Stille anstünde.
Doch hier sind die Vorzeichen vertauscht: die wahre Demut, welche der Kirche ansteht, ist die Demut, trotz Kritik für die Wahrheit einzutreten, und das natürliche Sittengesetz sowie die Förderung des einen, wahren Glaubens lautstark einzufordern und möglichst wirksam zur Umsetzung zu bringen. Dies ist keine Hochmut, sondern die Demut weil sie sich dem Willen Gottes unterstellt und sich bereitwillig für diesen einsetzt, indem sie keine Gelegenheit und kein Mittel ausläßt, das Dogma, mit allen seinen praktischen Konsequenzen, zum Wohle der Menschen und ihres ewigen Heiles einzufordern.
Dies als mangelnde Demut zu bezeichnen ist letztlich nur ein Trick um diejenigen, welche für die göttliche Lehre eintreten, genau davon abzuhalten. Es ist vollkommen klar daß es der Kirche nie darum gehen darf, weltliche Macht um des Machthabens willen anzustreben. Solches ist nicht ihre Aufgabe. Sehr wohl aber muß sie nach den Mitten suchen, um den Willen Gottes überall, und daher auch in Staat und Gesellschaft, umzusetzen. Deshalb darf sie nicht generell auf Einfluß verzichten, wo sie ihn zum Nutzen der Menschen und des Glaubens einsetzen kann, da sie es somit unterlassen würde, das Gute zu wirken.
Die Kirche ist die Magd des Herrn
Die Kirche ist Dienerin und Magd. Aber sie ist an erster Stelle nicht die Dienerin und die Magd der Menschen, sondern sie ist die Magd des Herrn. Erst als solche wird sie auch zur rechten Dienerin des Menschen. Sie kann ihm nicht immer das geben wonach er verlangt, denn sie muß ihm das geben, was er für sein Heil benötigt und was ihm zum Nutzen auch im weltlichen Belangen ist. Das kann mitunter von seinem eigenen Willen unterschiedlich sein.
Deshalb kann es der Kirche nicht gleichgültig sein, welche Religion den Kindern in der Schule gelehrt wird, wie die Feiertagsordnung des Staates aussieht oder ob chrsitliche bzw. katholische Symbole erlaubt oder verboten sind. Und erst recht darf der Kirche nicht die Gesetzgebung egal sein, wenn sie religiöse, soziale oder moralische Themenkreise anbelangt.
Zum Schutz der Wahrheit und zum Nutzen der Stimmlosen und Schwachen muß sie sogar jenen Einfluß zu erlangen streben, der notwendig ist, um effizient und erfolgsbringend dem göttlichen Sittengesetz zur Umsetzung zu verhelfen. Dies kann ihr mitunter im Moment Kritik einbringen, ist aber ihre Verpflichtung gegenüber Gott und dem Wohl des Menschen.
Die Kirche ist die demütige Magd des Herrn. Seinem Willen ist sie unterstellt, und SEIN Wille muß auch der ihre sein, der Wille Gottes ist ihr Gesetz. Aus diesem Grund darf die Kirche sich nicht aus der Verantwortung schleichen, sondern muß all ihre Kraft einsetzen, um das Gute zu verwirklichen und so denen Stimme und Hilfe sein, die in Gefahr sind, Opfer der Gottlosigkeit zu werden.
26. Januar 2010, 15:24