Übel und Gnade des Leidens

Schöpfung (Michelangelo)Das Leiden hat als theologische Größe eine ähnlich merkwürdige Ambivalenz aufzuweisen wie die Schuld: beides ist ein Übel, etwas das eigentlich nicht sein sollte und nicht sein dürfte, das aber dennoch eine Wirklichkeit dieser Welt ist, und aus beiderlei Übel, Leid und Schuld, hat Gott ein Gut hervorgehen lassen: aus der Schuld kam Erlösung, und aus dem Leiden Liebe. Daß es zwischen Leid und Schuld diese auffallende Parallele gibt ist im Übrigen insofern nicht wirklich verwunderlich, als daß auch das Leiden mit der Schuld in Zusammenhang steht. Denn nicht nur das Gut der Erlösung ist aus der Schuld entwachsen, sondern ebenso das Übel des Leides, welches selbst aber wieder, neben zahlreichen anderen Aspekten, zu einem die Schuld sühnenden Gut wird.

Die Kirche singt in ihrem freudentrunkenen Exsultet in der heiligen Osternacht: o felix culpa – oh glückliche Schuld, und in Röm 5,20 heißt es: „… wo die Schuld jedoch mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“. Natürlich ist die Schuld deshalb aber noch kein bonum in se, also keine in sich selbst gute Sache, sondern im Gegenteil ist sie ein malum in se, ein Übel, das es in jedem Falle zu verhindern gilt, und dennoch wußte der Herr sogar aus der Schuld noch etwas Gutes hervorzubringen: daß aus dem Übel ein Gut hervorgehen kann bedeutet aber noch nicht, daß man das Übel vermehren solle oder gar dürfe, um so auch das Gut zu vermehren.

Sehr ähnlich verhält es sich mit dem Leiden: das Leid ist ein sehr vielschichtiges Phänomen und seine Ursachen sind sehr verschieden. Doch in jeder seiner Facetten ist das Leid in gewisser Hinsicht ein Mangel, welcher nicht in sich gottwohlgefällig ist, welches nicht um seiner selbst Willen von Gott gewollt ist und welches im Rahmen des Möglichen bekämpft und gelindert werden soll. Ähnlich wie auch bei der Schuld können wir nicht dem Leiden gegenüber gleichgültig gegenüberstehen und sagen: je mehr Übel, desto mehr Gut.

Hinweis zur Entstehung des Leidens
Als Gott die Welt durch sein Schöpferwort erschuf, schuf er in voller Vorkenntnis des gesamten zukünftigen Welten- und Geschichtsverlaufes. Gott kann nicht durch seine eigene Schöpfung überrascht werden! Die Schöpfung, so wie sie ursprünglich von Gott ins Dasein gerufen worden war, hatte keinen Fehler vorzuweisen, da ihr schöpfender Urheber selbst ohne Fehler und ohne Schlechtigkeit ist. Deshalb war auch die Urschöpfung eine leidensfreie Schöpfung ohne Schmerz und ohne Tod. Die Welt war so wie sie von Gott erdacht und gewollt war, ohne aktuellen Makel, wobei dieser Zustand vom Paradieseszustand verschieden war. Am Anfang war die Welt also eine leidfreie Welt.

Das Leiden an sich kann verschiedene Secundärursächlichkeiten haben: so gibt es beispielsweise jenes subjektive Leiden: was des einen Freud ist, kann dem anderen eben Leid sein. Des weiteren gibt es menschliches Leid das durch die Schöpfung verursacht ist, wie es uns etwa in Naturkatastrophen begegnet. Wieder anderes Leid entsteht direkt durch konkrete Sünden, anderes Leid durch Unglaube und Gottlosigkeit. Die Primärursächlichkeit des Leidens ist aber eine einzige: die Urschuld. Erst mit dem Sündenfall des Ur- und Protomenschen Adam traten Krankheit, Leid und Tod in diese Welt. Diese wurden dabei jedoch nicht allein dem Menschen zuteil, sondern die Schuld Adams hatte Auswirkung auf die gesamte Schöpfung, der das Leid in ihre Struktur eingeschrieben wurde: die ganze Schöpfung ächzt und stöhnt wie unter Geburtswehen, wie der heilige Apostel Paulus in seinem Römerbrief schreibt.

Das bedeutet aber, daß die Folgen der Urschuld nicht allein auf jene beschränkt sind, welchen die Urschuld anhaftet, sondern daß die Sündenfolge noch viel weiter ausflutet, ebenso wie auch die Erbschuld auf jene ausflutete, welche keine persönliche Schuld an der Urschuld getroffen hat. Und noch viel weiter als die Erbschuld ist deren Folge ausgeflutet: gesündigt hat einer, übertragen hat sich diese Schuld auf alle Menschen, und die Sündenfolge gar noch weiter, nämlich auf die ganze Schöpfung, welche nun an der Tat Adams zu tragen hat indem sie ständig leidet, vergeht und stirbt. Das Leid wurde also der Schöpfung als solcher eingeschrieben: das sieht man auch an der Tatsache, daß selbst die allerseligste Gottesmutter, welche ja durch Gottes besonderes Gnadenwirken die vollkommen Vor- und Vollerlöste ist, an den Folgen der Erbschuld zu tragen hatte: sie litt, und dieses Leiden welchem sie unterworfen war, war die Folge der Urschuld, von welcher die Gottesgebärin nie berührt wurde und von welcher sie zu jedem Augenblick ihres Daseins befreit geblieben war, an deren schmerzlichen Folgen sie aber dennoch zu tragen hatte.

An den Auswirkungen, welche diese Urschuld Adams nach sich zog, erkennen wir was Sünde bedeutet: eine desaströse Zerstörung des uneingeschränkt Guten, der Perfektion, der Allgutheit. Wie schwer Sünde wiegt können wir an den Folgen erkennen, welche sie mit sich brachte. Die Sünde Adams war mächtig genug, den Zustand der Welt von göttlicher Ordnung in zerstörte Ordnung zu versetzen, von Gottwillensgemäßheit in Mangelbehaftetheit, von glückseligem Jubelzustand in ächzenden Jammerzustand. An den Folgen und am zerschlagenen und makelerfüllten Zustand der Schöpfung erkennen wir daher, was Sünde bedeutet und wie schwer sie wiegt.

An diesem Punkt bäumt sich vor uns die Frage auf, weshalb dies alles hat so sein müssen. Gott, der ja in seinem Sein vorgewußt hat welchen Verlauf seine Schöpfung nehmen wird, hätte doch auch alles ganz anders schaffen und dem Desaster vorbeugen können. Warum hat er die Welt also so geschaffen, daß sich diese Zusammenhänge ergeben, und die Folgen nicht zumindest auf jene beschränkt blieben, welche selbst sündigen? Warum muß die gesamte Schöpfung davon betroffen sein?

Nun, den unendlichen Ratschluß Gottes zu ergründen sind wir freilich nicht imstande, unnütz solches überhaupt zu erwähnen. Aber soweit wir aus der Offenbarung schließen können, welche er uns in seiner heiligen Kirche gegeben hat, können wir doch zumindest sagen, daß diese Zusammenhänge in der Gottebenbildlichkeit des Menschen gelegen sein müssen: Gott formte die Schöpfung gut, ja sehr gut, und der Mensch als Teil dieser Schöpfung Gottes handelt gegen Gott und durch dieses Handeln gegen Gott formt er, das Geschöpf, die Schöpfung Gottes teilweise um und nimmt einen bleibenden und schädigenden Einfluß auf diese.

Wenn der Mensch gottebenbildlich geschaffen ist, dann bedeutet das, daß ihm ein ansatzweiser, im Vergleich zur Vollkommenheit Gottes gleichsam nur angedeuteter Anteil an den Eigenschaften und Fähigkeiten Gottes eingeschaffen wurde. Dieser angedeutete Ansatz ist aber nicht bloß symbolisch, sondern durchaus real: der Wille, die Intelligenz, die Liebensfähigkeit, die Kreativität etc. sind alles Eigenschaften, welche Abbilder göttlicher Eigenschaften sind. Hierzu gehört auch die kreative Schöpferkraft: Daß Gott den Menschen gottebenbildlich geschaffen hatte und diese Gottebenbildlichkeit auch ein Anteilhaben am Schöpfen bedeutet, daß auch der Mensch auf die Schöpfung einen prägend Einfluß hatte, und zwar nicht nur im Sinne einer temporären Beeinflussung eines Ablaufes oder Vorganges, sondern auch auf die Schöpfung als solche.

Indem aber der Urmensch Adam sündigte, und Sündigen immer ein handeln wider dem Willen Gottes und somit eine Störung des Ordnungsverhältnisses zwischen Gott und den Dingen sowie den Dingen untereinander bedeutet, ergibt sich, daß Adam durch sein Handeln konstitutiv war auch für den Rest des von Gott als gut gefügten Ordnungszustandes. Kurz: die Welt ist durcheinander.

Leid als Nährboden einer theologalen Tugendhaftigkeit
Diese vom Protomenschen verursachte Unordnung, deren Ungottgemäßheit im Schöpfungsleiden ihren Ausdruck findet, ist objektiv als ein Übel anzusehen: es ist die Welt in einen Zustand versetzt, wie sie nicht mehr dem Ursprungswillen Gottes entsprechend ist und was sich in Leid bemerkbar macht. Die Welt steht nicht mehr in perfekter Ordnung zu Gott, sondern in Unordnung die nicht zu Gott führt, sondern von ihm viel eher abhält. Dieser Zustand ist also objektiv ein Übel. Und dennoch ist genau dieses Übel der Nährboden, ja wenn nicht überhaupt der Ermöglichungsgrund für eine vollkommeneren theologalen Tugendakt des Menschen: nämlich des Trotzdem-Glaubens, des Trotzdem-Hoffens und des Troztdem-Liebens, und somit des die Schuld sühnenden Aufopferns, des liebenden Für-Tuns, sei es in geistigen oder leiblichen Werken.

Der Zustand der Unvollkommenheit und daher Ungottgemäßheit ist an sich ein Hemmnis zu Gott und ein Hindernis für die Liebe: Hader und Groll sind die natürliche Reaktion des Menschen auf Sündenfolgen wie Leid und Tod. Der Glaube an einen Gott, der sich nicht hinter der Leidensfratze der Welt verbirgt wäre um vieles leichter, und das Hoffen fiele nicht so Schwer, wenn die Allgutheit noch bestünde.

Doch durch diese Erschwernis haben auch Glaube und Hoffnung einen höheren Wert, weil sie eben trotzdem geschehen und die Hürde Leid erst überwinden müssen und nicht einfach so sind, sondern trotzdem sind, und die Liebe ist eine Liebe, welche der Liebe Gottes ähnlicher ist, weil sie durch die Überwindung der Hürde Leid auch tiefer ist, da sie vom einfachen Lieben zu einem mehrwertigen Trotzdem-Lieben wird. Das Übel, welches ein solches ist und bleibt, wird also zugleich zu einem Gut, wie auch die Schuld ein Übel ist und bleibt, aber dennoch zum glücklichen Grund der wunderbaren Erlösung wird, indem Gott selbst liebend am Kreuz litt und somit unsere Sündenfolge auf sich nahm. Doch welche Konsequenzen müssen wir für unsere Haltung und für unseren Umgang mit Leid aus diesen Erkenntnissen ziehen?

Vor allem dürfen wir nicht in eine überzogene Freude verfallen und uns aus der Bekämpfung von Leid und Elend zurückziehen und es als etwas Erstrebenswertes ansehen, weil es uns ja näher zu Gott führt. So kann dies nicht gemeint und gottgefällig sein, der ja selbst in den Seligpreisungen etwa zur Linderung von Leid mahnt: das Leiden kommt schon ganz von alleine, das müssen wir nicht erst fördern. Wir dürfen es nicht suchen, müssen es sogar zu lindern suchen, aber wenn es kommt müssen wir es geduldig annehmen.

Auf der anderen Seite dürfen wir aber auch nicht ins gegenteilige Extrem verfallen und Leid als etwas nur rein Negatives sehen, welches mit allen Mitteln beseitigt werden muß. Denn dann landen wir sehr schnell bei einer alten- kranken und behindertenfeindlichen Abtreibung und Euthanasie: das Leid wird dadurch verhindert, indem der Leidtragende vernichtet wird. Leid muß man lindern wo es geht, was jedoch nicht meinen kann soweit es technisch möglich ist, sondern soweit es moralisch möglich ist.

Es geht letztlich darum, Leid dort anzunehmen und durch Aufopfern in sinnvolles Leid umzuwandeln, wo das Leiden nicht mehr linderbar ist, ohne unmoralisch und daher gegen den Willen Gottes gerichtet zu sein. So ist es etwa gut, wenn man Palliativmedeizin betreibt und so Leid lindert, aber es wäre schlecht und hoch sündhaft, wenn man dieses Leidlindern überzieht indem man euthanasiert und den Leidträger umbringt.

Im Leiden sehen wir also durchaus ein zu beseitigendes Übel insofern es gegen Gottes Urwillen ist, wenngleich es als Strafe, welche nötig geworden ist, durchaus Heil und Seligkeit bringt. Dieses Leid, auch wenn es heilsame Strafe ist, wird aber nicht um seiner selbst Willen gewollt sondern nur um ein anderes, noch größeres Übel, die Schuld, zu tilgen. Wo sich Leid aber nicht sündenfrei beseitigen läßt, ist es auch dann heilsam, wenn es keine direkte Sündenstrafe ist, wobei es zumindest indirekt immer Sündenfolge bleibt. Dieses Leiden hat dort, wo es nicht gelindert werden kann, die Möglichkeit in sich, den Leidenden näher in die Gegenwart Gottes und damit zur Heiligkeit zu bringen, indem es die Tugendakte des Menschen läutert und reinigt, sie größer und vollkommener macht und somit die Liebe des Menschen zu einer Liebe macht, welche der Liebe Gottes ähnlicher ist.

Deshalb können wir mit Recht sagen, daß Gott es zuwege gebracht hat, aus dem ungewollten Übel des Leides eine Gnade zu machen, ähnlich wie er auch aus dem Übel der Schuld doch noch Gutes entwachsen ließ.

Leid ist also dann ein Weg zu Gott, wenn wir es nicht suchen, sondern annehmen und mit dem Leiden Christi vereinen wo es nicht lindbar ist, indem wir es in Sühneleiden umwandeln.
Dann aber wird uns dieses Übel des Leides wahrhaft zum heiligen und heiligenden Leid.

[ Mag. Michael Gurtner ]

31. Dezember 2009, 16:57

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