Was spricht noch gegen die Piusbruderschaft?

Messe im alten UsusIn wenigen Tagen werden die Gespräche zwischen der Priesterbruderschaft St. Pius X. und dem Heiligen Stuhl in die zweite Runde gehen, und somit wird man auch einer vollständigen Versöhnung auch ein gutes Stück weit näher kommen – Gott gebe es! Wir wollen dies einmal zum Anlaß nehmen, in aller Ehrlichkeit und mit größtmöglicher Objektivität zu überlegen, ob es etwas gibt, was wirklich gegen eine Beilegung der Unstimmigkeiten mit der Piusbruderschaft steht. Zunächst einmal stehen da doch noch die unerlaubten Bischofsweihen im Raum, deren kanonischen Konsequenzen der Heilige Vater vor nunmehr einem Jahr unter großem Beifall und unter scharfer Kritik in einem Gnadenakt auf Bitten der Betroffenen hin deutlich gemildert hat.

Diese Weihen sind nun einmal geschehen, und sie hätten so nicht geschehen dürfen. Das mag sein, und das kann man auch nicht gutheißen. Die kirchenrechtliche Argumentation des Notstandes steht auf sehr sehr dünnen Beinchen, da es sich höchstens um einen relativen, aber keines Falls um einen absoluten Notstand handelte. Daß die Piusbruderschaft in ihren Argumentationen nicht unbedingt durch kirchenrechtliche Glanzleistungen aufgefallen ist, sondern im Gegenteil eher etwas tollpatschig und unklug war und ist, mag eine Tatsache sein, die auch kaum einer bestreiten wird. Aber ist das wirklich ein Grund, ihnen die volle Einheit zu verwehren? Wie viele Priester und besonders Pfarrer sind keinen Deut besser was das Kirchenrecht anbelangt? Wollen wir wirklich alle aufzählen, welche ständig und bewußt gegen gültiges kirchliches Recht verstoßen? Wenn sich die Piusbruderschaft in manchen Belangen im Netz des Kirchenrechtes verstrickt hat, so leisten ihr zahlreiche Geistliche, welche einen hochoffiziellen, geregelten Status innerhalb der Kirche innehaben, gute Gesellschaft.

Bleiben noch die Bischofsweihen als Faktum bestehen: gut, sie sind nun einmal erfolgt, aber muß man jetzt deshalb warten, bis der letzte Bischof gestorben ist? Man kann doch nicht die kanonische Eingliederung von der Existenz der Bischöfe abhängig machen, denn das würde einen jahrzehntelangen Gesprächsstopp bedeuten. Diese vier Bischöfe gibt es nun einmal, und es wird sie geben bis der letzte verstorben ist weil deren Weihe gültig war und auch nicht wieder genommen werden kann. Also kann man wohl kaum die Nicht-Existenz der Bischöfe als Vorbedingung für eine Einigung voraussetzen.

Daher muß man also wenigstens sehen, wie sie sich als unerlaubt geweihte Bischöfe in den letzten Jahren verhalten haben. Und da muß man sagen: so ungerechtfertigt auch die mandatslosen Weihen auch unbestritten gewesen sein mögen, aber immerhin haben die vier Bischöfe dennoch ihre Gläubigen danach nie von der Kirche weggetrieben, sondern haben immer die grundsätzliche Einheit mit der Kirche gesucht. Sie haben nie versucht, eine Parallelhierarchie auszubilden, niemals haben sie ein typisches Eigengut in Glaube oder Frömmigkeit entwickelt, sie anerkannten immer den Papst und taten nichts, was die Kirche nicht selbst getan hatte. All dies ist zu bedenken wenn man über oder gar mit der Piusbruderschaft spricht. Im letzten geht es hier also auch um eine zweifache Gerechtigkeit.

Die vertikale Gerechtigkeit
Die vertikale Gerechtigkeit hat weniger die Relation zu anderen im Blick, sondern ist viel eher eine absolute Größe und auf objektiv Wahres hin bezogen. Sie prüft, so könnte man sagen, die „Katholizität“ der Piusbruderschaft: ihre Lehre, ihre Praxis, ihre Frömmigkeit und ihre Kirchlichkeit. Im Bereich der Lehre wird man schwer eine Häresie feststellen können, auch wenn manchmal genau dieser Vorwurf erhoben wird. Gewiß mag es einige Punkte geben, welche vielleicht auch innerhalb der Priesterbruderschaft und erst recht nach außen hin kontrovers diskutiert werden. Aber soweit den offiziellen Aussagen und Wortmeldungen zu entnehmen ist, befinden sich die theologischen Beiträge der Piusbruderschaft alle eindeutig im Inneren der römisch-katholischen Lehre, und sind weit von der Grenze zur Häresie entfernt. Da nicht jede Glaubensaussage auch gleich Dogma ist, gibt es auch einen bestimmten, nicht allzu weiten, aber eben doch einen bestimmten Spielraum, innerhalb dessen man noch um die Wahrheit ringen und suchen, kämpfen und beten muß.

Die theologische Lehrentwicklung ist doch letztlich genau so gelaufen: das begann mit dem Streit zwischen Petrus und Paulus, ging über die klassisch gewordenen Kontroversen zwischen der franziskanischen und der dominikanischen Schule und setzt sich fort bis zum Vorabend des letzten Konzils: denn auch vor den weitgespannten Streitigkeiten, welche durch das letzte Konzil in größeren Maße aufgebrochen wurden, waren nicht immer alle in allem theologisch eins, was aber noch nicht unbedingt bedeuten muß, daß schon unbedingt eine Häresie im Spiel ist. Natürlich gilt, daß der theologische Spielraum enger wird je höher der theologische Gewißheitsgrad ist, aber umgekehrt gilt ebenso, daß bei geringeren Gewißheitsgraden die theologische Meinungsvielfalt zwar nicht grenzenlos sein kann, aber eben dennoch größer als es in Bereichen mit einem hohen Gewißheitsgrad der Fall ist.

Und hier ist eindeutig zu sagen, daß sich die Piusbruderschaft mit ihrer theologischen Position definitiv im Bereich des Möglichen bewegt, ja um es vielleicht noch etwas deutlicher zu sagen: daß sich die Piusbruderschaft im Gegensatz zu etlichen liberalen Positionen eindeutig im Bereich des Möglichen und des Katholischen bewegt.

Was die Piusbruderschaft theologisch auf dogmatischem Gebiet vertritt ist keines Falls in Widerspruch zur katholischen Wahrheit stehend, ja im Gegenteil: ihre Lehre ist genau dadurch gekennzeichnet, daß sie sich nicht eigenständig und vom Lehramt der Kirche losgelöst weiterentwickelt hat, sondern daß sie sich eben gerade an die Tradition und das Lehramt der Kirche gebunden weiß und höchstens gewisse neuere Entwicklungen nicht übernommen hat, welche an einem bestimmten Punkt neu hinzukamen.

Diese Punkte, welche streitig sind, sind aber allesamt selbst keine Dogmen: die Piusbruderschaft nimmt gerade das gesamte Dogma des Glaubens, die Tradition der Kirche und das Lehramt als Basis für jede neue theologische Entwicklung, und ist so bestrebt, die Theologie bruchfrei zu vertiefen, und nicht gebrochen neu zu schreiben. Sie stellt wohl manche Neuerungen kritisch in Frage, und das hat auch seine wissenschaftliche Legitimation: und es stünde den Theologen überhaupt wieder an, Neues nicht ob seines Neuseins gleich zu übernehmen, sondern es erst einmal skeptisch auf sein Wahrsein zu überprüfen. Was gestern legitimer Glaubensinhalt war und dann plötzlich neu interpretiert oder neu gelehrt wurde, kann einen Gläubigen nicht einfach von heute auf morgen vom Inneren der Kirche ins Äußere katapultieren.

Man kann nicht behaupten, daß die Piusbruderschaft einen Glaubenssatz oder gar ein Dogma ablehne oder einen Glaubenssatz, quasi als Eigengut, verkündet, welcher nicht zum Depositum fidei gehört. Was sie sagt ist Glaubensbestandteil der kirchlichen Lehre.

Doch, wenn die Priesterbruderschaft keine Irrlehren und Häresien vertritt: weshalb muß man dann überhaupt Doktrinalgespräche führen, bevor man zu einer Einigung gelangen kann? Nun, die Frage ist berechtigt und leicht beantwortet: die Piusbruderschaft verwehrt sich gegen manche Entwicklungen in Lehre und Praxis, welche aus einem veränderten Begriff der Glaubenssätze oder einer Neuinterpretation derselben entwachsen: meist nicht so sehr auf lehramtlicher Ebene, sondern schlichtweg auf der sehr niedrigen Ebene der Theologen und des ortskirchlichen faktischen Handelns. Und zum anderen verwehren sie sich gegen zwei- oder mehrdeutige oder unpräzise Formulierungen in der neueren Lehrdarlegung, welche zu einer verwässerten Glaubensauffassung führen.

Die Dinge, um welche es geht, sind zumeist nicht selbst dem Bereich der Dogmatik zuzuordnen, sehr wohl aber fußen sie auf dieser. Und genau deshalb ist es so wichtig zuvor zu die Fragen vorher zu klären, wie man gewisse Passagen des letzten Konzils zu verstehen hat. So sind die Fragen des Ökumenismus und der Rechten Auffassung der Religionsfreiheit etwa selbst keine Frage von Glaubenssätzen, insofern die Frage wie man Ökumenismus betreiben soll und wie man Religionsfreiheit auffassen muß selbst kein Glaubenssatz ist, aber die rechte Beantwortung setzt eine rechte Glaubensauffassung unbedingt voraus. Was man erreichen muß ist die Garantie, daß die Glaubensauffassung der Tradition der Kirche auch heute noch die gültige Glaubensauffassung ist: es ist die Frage um Kontinuität und Bruch.

Die horizontale Gerechtigkeit
Wenn wir nun kurz angedeutet haben – man könnte das noch weiter ausführen – daß die Piusbruderschaft von ihrem Glauben her vollkommen katholisch ist und keine Irrlehren verkündet, und es deshalb schon von der Sache her richtig wäre ihnen trotz Fehler ihrer Vergangenheit einen offiziellen Status in der Kirche zu gewähren, so müssen wir dennoch einen Blick auf die horizontale Gerechtigkeit werfen, welche zwar kein Hauptargument ist, aber dennoch Beachtung finden sollte: Es geht um die Frage, wie man die Piusbruderschaft im Vergleich zu anderen „Sorgenkindern“ der Kirche behandelt.

Es ist zwar wahr, daß die Suspensionen der Priester nicht auf Grund von Glaubensdingen erfolgt ist sondern wegen des nicht vorhandenen kanonischen Status bzw. ihrer Weihe durch suspendierte Bischöfe, aber dennoch ist die Klärung der theologischen Differenzen zu einer gewiß sinnvollen Voraussetzung für die Klärung des kanonischen Status gemacht worden, da es nur so zu einer Rechtssicherheit kommen kann.

Hierbei muß man sagen, daß es eine sehr große Anzahl von Theologen und auch Priestern gibt, welche sich, im Gegensatz zur Piusbruderschaft, theologisch eindeutig im Außerhalb der kirchlichen Lehre befinden. Viele von ihnen unterrichten in Schulen und auf Universitäten, predigen und schreiben. Kaum einmal werden die vorgesehenen Konsequenzen gezogen, ganz selten kommt es zu einem Lehrbeanstandungsverfahren, und im priesterlichen Dienst dürfen sie alle bleiben: wie kann man dann jedoch einige Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des letzten Konzils, die sich alle im Bereich des theologisch Legitimen bewegen, im Anblick einer großen Menge von Theologen und Priestern, welche wirklich häretische und antikirchliche Positionen beziehen, bis hin zur Forderung von Frauenweihe und Zersetzung des Petrusamtes, so schwer beurteilen und für so unannehmbar erachten, daß man sie als Hindernis einer Einigung sieht?

Wenn de facto häretische Priester in der Kirche eingesetzt werden, dann müssen doch auch erst Recht Priester ihren anerkannten Platz in der Kirche finden, welche zwar tatsächlich ihre Kanten haben wie vermutlich wir alle und sich darüber hinaus vielleicht in der Vergangenheit auch schwer im Tonfall vergriffen haben mögen, aber dennoch, was die Lehre anbelangt, immer katholisch geblieben sind und im Gegensatz zu vielen anderen die Lehre der Kirche eben gerade nicht zersetzen und ändern wollen und das Katholische genau nicht auflösen, sondern welche immer ihr Maß an der kirchlichen Lehre genommen haben, und in Sorge um die Seelen und die Wahrheit und die Kirche selbst das Rechte Ziel mit den unrechten Mitteln verfolgt haben.

Würde es zu keiner Einigung kommen, dann wäre das so, als würde man den, der sich beim Autofahren nicht angeschnallt hat wie den Totschläger bestrafen und umgekehrt.
Es ist also auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit wenn man sich überlegt, ob und welchen kanonischen Status die Piusbruderschaft in Zukunft erhalten soll: wenn solche, die wirklich Häresien lehren und gegen Hierarchie und Kirche handeln und alles zu verändern suchen ihren Ämtern und ihrem Status unangetastet bleiben ist es wirklich nicht einzusehen, weshalb ein Zusammenschluß von glaubenstreuen Katholiken, welche keine Häresien verbreiten sondern der Lehre der Tradition der Kirche treu bleiben wollen und deshalb gegen manchen Änderungen ihre Bedenken haben (und, wie sich immer mehr an den blanken Fakten herausstellt, diese auch zu recht haben), wobei sie theologisch gesehen niemals in den Bereich des Unmöglichen abgeglitten sind, sondern, ganz im Gegenteil, eben nicht bis an die äußerste Grenze gegangen sind, nicht auch ihren kanonischen Status haben sollen, nur weil sie zwar vor vielen Jahren einen zwar wirklich schwerwiegenden und sehr gefährlichen Fehler begangen haben, aber dennoch nie ihre Kirchlichkeit verloren haben und sich immer zur katholischen Wahrheit hin ausgestreckt haben.

Darum kann man sagen, daß es keinen Vernunftgrund gibt, welcher gegen eine Aussöhnung mit der Piusbruderschaft spräche oder sie gar als Gefahr qualifizieren könnte. Beten wir deshalb um diese!

[ Mag. Michael Gurtner ]

29. Dezember 2009, 19:45

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