“Es gilt, Schwachstellen zu minimieren.”
Benjamin Greschner im Gespräch mit Ulrich Nersinger.
Vatikan (kathnews-exklusiv). Der Angriff auf Papst Benedikt XVI. zu Beginn der Christmette im Petersdom bleibt eines der wichtigsten Themen der aktuellen Berichterstattung. Kathnews-Chefredakteur Benjamin Greschner sprach mit Ulrich Nersinger über den Vorfall, die Wahrnehmung des Angriffs im Vatikan und die möglichen Konsequenzen für die vatikanische Sicherheitspolitik. Nersinger, geboren 1957 in Eschweiler bei Aachen, gilt als ausgewiesener Kenner des Kirchenstaates. Er konnte sich kurz nach dem Angriff auf Papst Benedikt XVI. ein persönliches Bild von der aktuellen Lage im Vatikan machen.
Ulrich Nersinger studierte Theologie und Philosophie in Bonn, St. Augustin, Wien und Rom. Anschließend absolvierte er ein Studium am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie und bei der vatikanischen Kongregation für die Heiligsprechungsverfahren. An der letztgenannten römischen Behörde erwarb Nersinger die Befähigung, in Selig- und Heiligsprechungsprozessen als Postulator, Vizepostulator und diözesaner Untersuchungsrichter tätig sein zu dürfen. Er ist Mitglied der „Pontificia Accademia Cultorum Martyrum“ und ist heute vorwiegend journalistisch tätig.
Benjamin Greschner: Herr Nersinger, wie ordnen vatikanische Gendarmerie und Päpstliche Schweizergarde den Angriff ein?
Ulrich Nersinger: Den Vorfall am Heiligabend empfinden die vatikanischen Sicherheitskräfte als eine Blamage. Dass die Täterin fast auf den Tag genau, in ähnlicher Kleidung und beinahe an der selben Stelle ein zweites Mal eine Attacke auf den Papst unternehmen konnte, ist für sie an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Wenn ein deutscher Nachrichtendienst von „zerknirschten Bodyguards“ spricht, so trifft dies durchaus die Gemütsverfassung im Vatikan. Bei aller Kritik, ob berechtigt oder unberichtigt sei dahin gestellt, sollte man aber nicht vergessen: Beide Male gelang es den Sicherheitskräften, konkret dem Chef der päpstlichen Gendarmerie, Schlimmeres zu verhindern.
Dr. Domenico Giani konnte sowohl am 25. Dezember 2009 wie auch am Heiligabend dieses Jahres die Angreiferin überwinden. Sogar die mit der Gendarmerie konkurrierende Schweizergarde musste eingestehen, dass der Kommandant der vatikanischen Polizeitruppe unglaublich schnell reagiert hatte; „fast wie Supermann“, kommentierte ein Gardist die Aktion.
Benjamin Greschner: Es gibt den Vorwurf, die Täterin habe sich dem Zugriff entziehen können. Hierbei sei es dann zu der schwerliegenden Verletzung von Kardinal Etchegaray gekommen.
Ulrich Nersinger: „Nachdem der Heilige Vater gestürzt war, galt unsere Aufmerksamt voll und ganz der Sicherheit seiner Person“, heißt es aus Kreisen der Gendarmerie. Von der Schweizergarde war keine Stellungnahme zu erhalten. Das Thema „Personenschutz“ wird derzeit vom vatikanischen Comitato per la Sicurezza (Sicherheitskomitee) eingehend erörtert. „Wir sammeln alle verfügbaren Bilder, Videoaufzeichnungen und Zeugenaussagen, um das Geschehe genauestens zu analysieren und daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen“, versichern die Verantwortlichen.
Benjamin Greschner: Kann man den Papst vor einem solchen Übergriff immer und überall schützen?
Ulrich Nersinger: Nein. Aber es muss das Ziel sein. Bei Massenveranstaltungen kann kein noch so gut ausgearbeitetes Konzept eine hundertprozentige Sicherheit des Heiligen Vaters garantieren. Es gilt jedoch die Schwachstellen, die sich aus der Natur der Sache her ergeben, so weit wie möglich zu minimieren. Aber irgendwann stößt man an Grenzen, sowohl im Bereich des Machbaren als auch in der Verträglichkeit der Sicherheitsmaßnahmen. Eine Begegnung mit dem Papst kann und darf nicht dem Besuch im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses gleichkommen.
Benjamin Greschner: Ist der Zugang zu den Gottesdiensten und Audienzen eine solche Schwachstelle?
Ulrich Nersinger: Die Attacken auf den Heiligen Vater, die wir in der jüngsten Vergangenheit in der Basilika und auf dem Petersplatz erlebt haben, machen deutlich, dass vor allem die Vergabepraxis der biglietti (Karten) für Papstgottesdienste und Audienzen überdacht werden muss. In der Regel müssen Pilger und Touristen, sowohl Gruppen als auch Einzelpersonen, schriftlich oder persönlich bei der Präfektur des Päpstlichen Hauses vorstellig werden, wenn sie an einer Zeremonie mit dem Papst teilnehmen möchten. Die Präfektur stellt jedoch ein bestimmtes Kontingent der biglietti kirchlichen Institutionen zur Verfügung.
Pilgerzentren, Ordenshäuser und Seminare können auf diese Weise Karten sehr unbürokratisch an Interessierte weitergeben, mit dem Manko, dass der Vatikan keinerlei Angaben über deren Empfänger erhält. Diese Praxis entlastet die Präfektur, die nur über einen kleinen Mitarbeiterstab verfügt, erheblich; für viele Romreisende, die nicht mit den vatikanischen Gepflogenheiten vertraut sind, ist sie zudem oft die einzige Möglichkeit, kurzfristig noch an eine Einlasskarte heranzukommen.
Benjamin Greschner: Wird der Vatikan schon bald neue Maßnahmen für die Sicherheit des Papstes ergreifen?
Ulrich Nersinger: Man darf den Gendarmen und Schweizergardisten nicht unterstellen, dass sie bisher untätig gewesen sind. Sie haben sich stets bemüht, Equipment und Ausbildung auf den neuesten Stand zu bringen. Ein unautorisiertes Betreten des Apostolischen Palastes und der Vatikanstadt wird durch ein engmaschiges Sicherheitsnetz erschwert; u.a. sichert eine hochmoderne Videoüberwachung die Zugänge und den Aufenthalt im Vatikan. Schon in der Vergangenheit gab es einfache, aber durchaus effektive Maßnahmen. In den 80er Jahren durfte ich einmal einen Blick in die Unterlagen des am Bronzetor diensthabenden Unteroffiziers der Schweizergarde werfen. In ihnen befanden sich Fotos von Personen, die aus unterschiedlichen Gründen versucht hatten, sich ohne Erlaubnis Zugang in den Vatikan zu verschaffen.
Die Praxis, die an den Eingängen zur Vatikanstadt angewandt wird, lässt sich aber nicht so ohne weiteres bei Papstgottesdiensten und Audienzen anwenden.
Ausweiskontrollen oder das Scannen von Gesichtern und der Abgleich mit digital erfassten Abbildungen potentieller Verdächtiger würden einen Zeit- und Personalaufwand erfordern, der an die Grenzen des Möglichen stößt. Schon jetzt belasten die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen Besucher wie Ordnungshüter in hohem Maß. Dennoch wird man auch in dieser Richtung über praktikable Lösungen und neue Regelungen diskutieren müssen.
Gesprächsbedarf besteht auf jeden Fall im Umgang mit bereits auffällig gewordenen Personen. Wenn diese nicht einer, wie auch immer gearteten Überwachung unterliegen, darf, ja muss man von einem Skandal sprechen. Ob die Versäumnisse in diesem Fall bei den vatikanischen oder italienischen Behörden zu suchen sind, bedarf der Klärung. Hier werden mit Sicherheit neue Akzente zu setzen sein.
Benjamin Greschner: Wie sollte man in den Medien mit Vorfällen wie am Heiligabend umgehen?
Ulrich Nersinger: Sachlich. Eine reißerische Berichterstattung ist genau so wenig hilfreich wie das Herunterspielen der Tatsachen. Vatikanintern werden manche Äußerungen der eigenen Pressesprecher als problematisch angesehen. Die jüngsten Vorfälle sind nicht so harmlos wie sie dargestellt werden. Die mittlerweile von den Fernsehanstalten ausgestrahlten und ins Internet gestellten Amateuraufnahmen von Heiligabend zeigen die Dramatik der Attacke, die für den Heiligen Vater durchaus ernster hätte ausgehen können.
Der Oberschenkelhalsbruch eines 87-jährigen Kardinals spricht ebenso eine deutliche Sprache wie die Verletzungen, die sich vor einiger Zeit ein Major der Päpstlichen Schweizergarde bei der Abwehr eines Übergriffs auf dem Petersplatz zuzog. Wenn sich nach der wenig glücklichen Aussage „Die Justiz des Vatikans ist allgemein sehr gnädig“ im Internet auf „Facebook“ ein Fan-Club für die 25-jährige Angreiferin bildet, darf man sich nicht wundern.
Benjamin Greschner: Vielen Dank für das Gespräch.
27. Dezember 2009, 08:02