Die Banalität ist des Glaubens Gift

WolkenIn der gegenwärtigen Zeit erleben wir es leider, daß vieles verkürzt wird, besonders in Belangen der Katechese, des Glaubensinhaltes und der heiligen Liturgie. Es passiert dabei immer wieder, daß man dem Argument begegnet „das verstehen die Leute/die Kinder nicht“, wenn es darum geht, Inhalte möglichst vollständig zu vermitteln oder die Liturgie möglichst rubriken- und dogmengerecht zu begehen. Auf Grund dieses Argumentes des Nicht-Verstehens wird vieles einfach radikal gestrichen und vereinfacht, bis nur mehr Banales übrig geblieben ist dem die eigentliche Größe des Glaubens fehlt.

Dies ist beispielsweise in der Art und Weise zu bemerken, wie die heilige Liturgie oftmals in stark vereinfachter Weise begangen wird, im Religionsunterricht werden „heikle Themen“ wie Rechtfertigung und Erbsündenlehre ausgeklammert und seinen häufigsten Ausdruck findet diese Banalisierungstendenz oftmals in der sonntäglichen Predigt, welche vielfach die unzähligste Wiederholung derselben Inhaltslosigkeit zu sein scheint.

Banalität in der Lehre der Kinder
Vielfach ist zu beobachten, daß Religionslehrer und Katecheten versuchen, aus der Kinderkatechese all jenes zu eliminieren, was gar zu phantastisch, unwirklich oder schwierig zu begreifen erscheint. Meist wird argumentiert, dieser oder jener Glaubensinhalt wäre den Kindern zu hoch, deshalb könne man ihnen diesen nicht zumuten, müsse ihn deshalb auslassen, oder schlimmer noch, umdeuten. Zum einen übersieht man jedoch, daß Kinder oftmals viel empfänglicher für das Übernatürliche, für Wunder und auch für schwierige Glaubenswahrheiten sind, als die Erwachsenen in ihrem mitunter beinahe erloschenen Glauben vermuten. Die Glaubensbereitschaft der Kinder wird oftmals gerade durch jene gedämpft, die ihnen eigentlich den Glauben vermitteln sollten.

Auch muß man sich von dem Gedanken lösen, daß der Glaubensunterricht sich allein auf die Gegenwart bezöge. Die Katechese darf sich nicht darauf beschränken, im Augenblick stehenzubleiben, sondern muß auch das künftige Glauben der im Glauben zu unterweisenden im Blick haben. Wird die Glaubensvermittlung daher zu stark banalisiert, kann auch das Fundament für einen künftigen, reifen, reflektierten und vollständigen Glauben nicht gelegt werden. Denn gerade im Bereich der Glaubensvermittlung erschließt sich oftmals vieles erst im Nachhinein und in der Zusammenschau mit anderen „Lektionen“. Man darf sich nicht darauf beschränken, den Kindern alleine das zu lehren was sie im jeweiligen Moment erfassen können, auch wenn dies freilich ein wichtiger Aspekt bleibt – ihnen muß vor allem eine solide Basis geboten werden, auf welche eine künftige weitere Glaubensunterweisung erfolgen kann. Denn es könnte das Vertrauen in die Kirche und deren Lehre sehr bedrohen, wenn die früheren Kinder eines Tages draufkämen, daß ihnen in der Schule eigentlich etwas ganz anderes gelehrt wurde als die Kirche es tut.

Die Glaubensverkündigung darf und soll auch geistig herausfordern. Sie soll sich immer weiter vertiefen und erschließen, und vielfach muß viel einzelnes Wissen vorausgehen, bevor der große Zusammenhang erkannt wird. Dieser kann aber eben nur dann entstehen, wenn es vorher die entsprechenden Informationen gab, auch wenn sie in einem ersten Moment noch unverständlich und zusammenhangslos erschienen.

Banalität in der Lehre der Erwachsenen
Wenn es um die Lehrinhalte geht, dann ist es die Aufgabe des Katecheten, die hohe Theologie in ihrem Inhalt unverkürzt den Menschen in einer ihnen verständlichen Sprache zugänglich zu machen. Daß dies recht geschehen kann, dazu muß er selbst aber ein guter Theologe sein. Er muß mit der Theologie in ihrer Tiefe vertraut sein, das Zusammenspiel der einzelnen Glaubenswahrheiten erkannt haben und die einzelnen Teildisziplinen der Theologie in einer verknüpften Gesamtzusammenschau erfassen. Diese Theologie bedarf einer bestimmten Fachlichkeit und auch einer ihr eigenen Fachsprache, und sehr sehr oft gerade auch des Lateinischen, um präzise und vollumfänglich dargelegt werden zu können. Der Priester, der in der Pastoral tätig ist, muß diese Theologie dann auf eine den Menschen gerechte Weise übersetzen: denn nicht jede Personengruppe hat dieselbe Sprache, nicht allen werden dieselben Vergleiche einsichtig etc.
Hierbei ist vor allem zu beachten, daß man sich nicht nur auf ein einfaches Mindestmaß, das allen noch eben so einsichtig ist beschränkt: der Glaube hat nicht zuletzt deshalb auch einen so schweren Stand, weil er in seinem Inhalt zu flach gehalten wird.

Wenn der Glaube banal wirkt und keine wirkliche Tiefe hat, sondern sich im Letzten auf ein relativ unbegründetes „seid lieb zueinander, dann paßt es schon“ beschränkt, dann wird er auch nicht als glaub-würdig erscheinen. Die Inhalte, die vermittelt werden, müssen wirklich gut begründet und tief durchleuchtet werden. Es muß in der Katechese gut herausgearbeitet werden, wie vernünftig doch letztlich der Glaube ist, der doch eben aus der göttlichen Vernunft selbst entstammt. Wenn der Glaube flach und banal dargestellt wird, dann kann er auch nicht als wahr und verbindlich erkannt werden. Wenn die Predigt zu einem enttheologisiertem Gerede und keine Darlegung des Evangeliums und des Glaubens der Kirche mehr ist, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn der Glaube bei den Menschen immer weiter abnimmt und irgendwann ganz verschwindet.

Um den Menschen den Glauben zu erhalten müssen wir zu aller erst den Glaubensinhalt präsent halten und ihn immer wieder erneut gut und in all seiner Tiefe erklären – das darf den Geist des Menschen durchaus auch herausfordern, soll aber dabei niemals allein rein geistig bleiben, sondern muß immer auch eine Art Beheimatung in religiöser Praxis und frommen Brauchtum finden, um so dem leibseelischen Beschaffensein des Menschen auch gerecht zu werden.

Banalität in der Liturgie
Und mit diesem Stichwort sind wir auch schon an einem weiteren Punkt angelangt, welcher leider sehr oft banalisiert und auch in seiner Wirkung vielfach weit unterschätzt wird: die heilige Liturgie. Wenn viele schöne, tiefe und auch aussagekräftige Riten und Gewohnheiten abgeschafft wurden mit der Begründung, diese wären nicht mehr verständlich und sagten den Menschen von heute nichts mehr, dann muß man doch etwas erstaunt zurückfragen, weshalb man sie denn dann nicht den Leuten wieder erklärt und ihnen deren Sinn erschlossen habe. Denn wenn etwas nicht mehr verstanden wird so ist es doch nur folgerichtig, daß man es wieder verständlich macht.

Doch damit sind wir wieder an jenem Punkt angelangt, den wir eben vorhin schon kurz besprochen hatten: man ging nicht mehr in die Tiefe, man erklärte nicht mehr den Glauben unverkürzt. Glaube und Liturgie hängen engstens miteinander zusammen: deshalb ist es nur folgerichtig, wenn eine Banalisierung der Liturgie gemeinsam mit der Banalisierung des Glaubens bzw. der Glaubensverkündigung einhergeht. Anders wäre es kaum denkbar.

An der Art und Weise, wie Liturgie gefeiert wird, kann man einen theologischen Zugang ablesen. Wo die Liturgie, den jeweiligen Umständen entsprechend, möglichst reich und schön ist, wo sie üppig und groß ist, dort ist auch die Theologie und somit auch der Glaube reich, tief und füllig, ja dort nur kann er es überhaupt sein. Wo man aber bereit ist die Liturgie zu banalisieren und in ihrer Mannigfaltigkeit und äußeren Ausprägung zu beschneiden, dort geht auch der theologische Grundwasserspiegel im selben Maße zurück: diese Banalisierung geschieht für gewöhnlich in der Reihenfolge: Theologen – Liturgie – Glaube der Menschen (dies ist das Grundschema, wenngleich es auch eine gegenseitige Beeinflussung gibt)

Banalisierung der Hölle
Es ist auffällig, daß Begriffe wie „Teufel“, „Satan“, „Hölle“ oder „Verderben“ beinahe gänzlich aus den Büchern, den Kanzeln und der Katechese verschwunden sind. Anstatt dessen ist meist nur noch ein unpersönliches „das Böse“ übriggeblieben, welches kaum mehr zu sein scheint als eine Struktur. Jedenfalls ist „das Böse“ etwas das mehr geschieht als das geschehen läßt, oder anders ausgedrückt: „dem Bösen“, so wie es im Reden des modernen Theologen vielleicht noch vorkommen mag, fehlt es an Personsein. Dadurch ist zwar erreicht, daß „es“ (also: nicht „er“) an Bedrohung verliert, aber es verliert auch an objektiver Realität. Die Banalisierung des personalen Teufels auf ein apersonales „das Böse“ ist selbst eine Banalisierung des Glaubens, welche zwar beruhigen mag, aber durchaus gefährlich ist.

Denn der Teufel selbst, eine Realität welche uns von Christus selbst als personale Gefahr vor Augen gehalten wird, ist selbst alles andere als banal, sondern sehr präzise und wohlüberlegt. So kommt es ihm nur zugute wenn man mit ihm nicht mehr rechnet, weil sein Name nicht mehr als eine Chiffre für etwas Böses ist, das zwar geschehen kann, aber nicht direkt zu handeln und zu wirken versucht. Wenn der Teufel gemäß dem Denken der Menschen nicht mehr nachstellt und die Hölle nicht existiert und somit keine Gefahr mehr ist, wenn der liebe Gott so ist wie wir ihn uns so gerne ausmalen und die Englein nur sind wenn wir sie zu Weihnachten für die Geschichten brauchen, dann ist das ein Anzeichen dafür, daß auch das Glauben letztlich sinnlos geworden ist. Denn einem solchen Denken geht notwendiger Weise eine entleerung des gesamten Glaubensinhaltes voraus. Der Glaube verkümmert so von einer existenziellen Notwendigkeit zu einnem einfachen, vielleicht leibgewonnenen, vielleicht aber auch lästig gewordenen Kulturgut, welches jederzeit änderbar oder aufgebbar wäre.

Zuerst werden einzelne Glaubensinhalte banalisiert, dann der Glaube als solcher, und zum Schluß auch die eigene menschliche Existenz, die auf kein Ziel mehr zustrebt, weil der Glaube ja zu unvollständig und daher auch zu brüchig geworden ist, um den Menschen, besser: seine Seele zu einem Ziel bewegen zu können.

Banalisierung der eigenen Existenz
Als letztes bleibt also die Banalisierung der eigenen Existenz. Wenn das Streben, alles zu vereinfachen und zu simplifizieren einmal an die Theologie rührt, setzt sich ein Prozeß in Gang, der auf der einen Seite in einer Selbstauflösung der Theologie enden muß, und auf der anderen Seite sich in einer Banalisierung der eigenen Existenz fortsetzt. Denn wenn das Ziel, für welches der Mensch objektiv geschaffen ist, das heißt zur Erkenntnis Gottes und seiner Verherrlichung, um so in die ewige und vollkommene Gemeinschaft mit ihm gelangen zu können.

Wenn aber der Glaubensinhalt und die Liturgie auf eine seichte, banale Ebene heruntergezogen und so zersetzt werden, kommt dem Menschen auch sein eigentliches Ziel abhanden. Ohne die Tiefe des Glaubens ist aber die Tiefe in die er fällt eine leere Tiefe, eine Tiefe ohne die Abfederung durch das Heil der Seele, eine Tiefe die ein Seinsabgrund ist. Der Mensch merkt nur allzu gut daß er sich selbst nicht Seinsgrund und Seinssinn sein kann, daß er sich selbst nicht genügt und auf sich selbst nur aufprallen kann. Banalisieren wir den Glauben und damit einhergehend auch die Liturgie, so berauben wir, ohne es zu wollen, den Menschen auch seines Zieles auf welches hin er lebt und welches seinem Dasein, in welches er geworfen ist, Sinn und auch Schönheit gibt.

Wollen wir den Glaubensinhalt und das moralische Gesetz vereinfachen, so tun wir dem Menschen nichts Gutes, auch wenn wir es vielleicht zunächst meinen. Vielfach geschieht die Banalisierung auch deshalb, weil die Theologen und Katecheten die Mühen scheuen, welche mit der Vermittlung des Glaubens in seiner Fülle verbunden sind: mühsam und wenig einträglich kann es manchmal erscheinen, das ist wahr. Aber wir schulden es den Menschen, wir dürfen sie nicht um die Fülle des Glaubens und seiner Wahrheit betrügen, auch wenn sie selbst es manchmal vielleicht nicht hören wollen und die gesunde Lehre zurückweisen.

Doch dürfen nicht wir es sein, die uns an ihrem möglichen Unglauben und Verderben schuldig machen indem wir gestrichen und gekürzt haben selbst wo es nicht mehr ging. Wenn wir in Versuchung sind, den Glauben zu banalisieren, müssen wir stets dessen eingedenk sein, daß wir damit auch Hand an die Existenz des Menschen legen.

[ Mag. Michael Gurtner ]

27. Dezember 2009, 12:05

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