Die Schönheit der lateinischen Sprache im Spiegel der Weihnachtsliturgie
Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich bekanntlich für den Erhalt der lateinische Sprache ausgesprochen. Papst Benedikt XVI. fördert wieder stärker das Bewußtsein, dass Latein die eigentliche Sprache der Kirche ist, vor allem die Sprache der Liturgie. Er selber wird zu Weihnachten die Liturgie auf Latein feiern. Die Gründe für den Erhalt der lateinischen Sprache sind vielfältig. Nicht zu unterschätzen ist die Schönheit dieser einzigartigen Sprache, wodurch das Erhabene des kultischen Geschehens zum Strahlen kommt.
Josef Pascher sagte einmal zutreffend über die lateinischen Orationen (Gebete): Es ist wunderbar, “bis zu welcher Höhe von Schönheit und innerer Glut diese Orationen manchmal emporsteigen, ohne doch die erhabene Jenseitigkeit überindividueller Frömmigkeit zu verlassen, die aus ihnen zu sprechen pflegt. Sprachlich ist ihnen aus guter Rhetorenüberlieferung gefälliger Rhythmus der Sprache eigen, der cursus, der sich besonders in den Satzschlüssen äussert und dort von der Melodie der einfachen Kadenzen aufgenommen wird.”
Der Kult verträgt keine Alltagssprache
Der rhetorische Schmuck der heiligen Texte hat keinen Selbstzweck in sich. Vielmehr steht er im Dienst der katabatischen (hinabsteigenden) und anabatischen (hinaufsteigenden) Dynamik des kultischen Geschehens. Er ist Ausdruck einerseits der erhabenen Majestät des dreifaltigen Gottes, der sich im Kult dem Menschen zuneigt, um ihn zu berühren (Katabasis), auf der anderen Seite der Ehrfurcht des Menschen, der sich im Kult eben diesem erhabenen Gott zuwendet (”Conversi ad Dominum”), um – von ihm berührt – in sein göttliches Leben durch die Teilhabe an der göttlichen Natur aufgenommen zu werden (Anabasis). Die lateinische Kultsprache ist die Weise, wie der Mensch sich dem transzendenten Gott nähert und ihn anspricht.
Eine Alltagssprache ist hier fehl am Platze. Auch Übersetzungen sakaler Texte müssen darum edel, schön, kunstvoll und erhaben sein. Kardinal F. Arinze, der ehemalige Präfekt der Gottesdienstkongregation hat einmal wie folgt formuliert: “Im Gebet ist Sprache zu allererst ein Kontakt zu Gott. Ohne Zweifel dient die Sprache auch der verständlichen Kommunikation zwischen menschlichen Wesen. Aber der Kontakt zu Gott hat Vorrang.
In der Mystik nähert sich dieser Kontakt dem Unaussprechlichen, dem mystischen Schweigen, wo es keine Sprache mehr gibt, und erreicht es zuweilen auch. Es ist also nicht erstaunlich, dass die liturgische Sprache sich in gewisser Hinsicht von unserer Alltagssprache unterscheidet. Die liturgische Sprache versucht das christliche Gebet auszudrücken, in dem die Mysterien Christi zelebriert werden.”
Notwendigkeit einer Sakralsprache
Auch für die Christen des römischen Imperiums war das Latein, das im Kult gesprochen wurde, nicht das Latein der Alltagssprache. Es handelte sich vielmehr um eine eine edle Kunstsprache, die sich von der profanen Alltagssprache durch ihren rhetorischen Schmuck abhob und daher als Sakralsprache verwendbar war. Die Latinitas liturgica hat ihren Urspruch in Karthago. Von dort stammt bekanntlich die erste christliche Literatur in lateinischer Sprache überhaupt (vgl. die lateinischen Märtyrerakten und -briefe oder die Schriften von Tertullian, Cyprian und Augustinus).
Die Alltagssprache war in Karthago nicht das Lateinische, sondern das Punische. So war das Bewusstsein, in der lateinischen Sprache eine für den Kult angemessene Sakralsprache zu haben, schon in frühester Zeit lebendig. Dank des rhetorischen ornatus der Kultgebete verfügte man über eine Sprache, die sich auch von der lateinischen Alltagssprache der Römer unterschied und daher im Kult als Sakralsprache am besten geeignet war.
Der rhetorische Schmuck der lateinischen Orationen
In der Form der lateinischen Originale fällt der stets gleichbleibende Aufbau im Wechsel paralleler und antithetischer Gegenüberstellungen von Satzteilen oder Wörtern auf. Als typische rhetorische Figuren, die zum kunstvollen Gepräge der Präsidialgebete beitragen, treten neben Parallelismus (Gleichbau von Wörtern und Sätzen) und Antithese (Gegensatz wichtiger oft parallel gestellter Wörter oder Wortgruppen) Anapher (Wiederaufnahme zweier oder mehrerer Wörter oder Sätze), Chiasmus (Kreuzstellung von Wörtern oder Satzteilen), Hyperbaton (Sperrstellung von syntaktisch zusammengehörigen Wörtern) und Zäsur (Einschnitt bzw. Trennung von Satzgliedern durch Zwischenstellung des Geminsamen) in Erscheinung. Bei diesen “Wortfiguren” wird die Reihenfolge der Wörter im Satz oder die Gedankenschritte im Satz auffällig verändert. Aber auch “Klangfiguren” wie die Alliteration (Wiederholung des Anfanglautes), das Homoeoteleton (Wörter mit gleichklingendem Wortende) oder die Onomatopoiie (Lautmalerei) sind nicht selten anzutreffen. Bei den Klangfiguren ist die Wortwahl nach musikalischen, nicht inhaltlichen Gesichtpunkten getroffen.
Beispiele aus der Weihnachtsliturgie
Einige Beispiele aus dem Missale Romanum (hier Pauls VI.) mögen veranschaulichen, wie rhetorischer Schmuck (ornatus) die Orationen durchzieht und ihnen eine sowohl ihrem theologischen Inhalt und als auch der sakralen Handlung, bei dessen Vollzug sie gesprochen werden, angemessene edle und schöne Gestalt verleihen.
Einen Parallelismus lassen die Oratio super Oblata (Opferungsgebet bzw. “Gabengebet”) und die Postcommunio (Gebet nach der Kommunion)der Tagesmesse (Missa in Die) von Weihnachten erkennen. Im folgenden ersten Beispiel wird im Relativsatz die “nostrae reconciliationis placatio” der “divini cultus plenitudo” kunstvoll gegenübergestellt, wobei die am Ende positionierten Substantive “placatio” und “plenitudo” einerseits als Alliteration (Stabreim), andererseits als Onomatopoiie (Lautmalerei) einen besonders schönen klanglichen Effekt bewirken.
Im zweiten Beispiel entsprechen ebenso “actor” und “largitor”, die zugleich als Homoeoteleta (gleichklingende Wortenden) der Oration eine auffallend akustische Note geben, die ihre Gegenüberstellung und Hinordnung nochmals klanglich unterstreicht.
Oblatio tibi sit, Domine hodiernae sollemnitatis accepta,
qua et nostrae reconciliationis processit plactio
et divini cultus nobis est indita plenitudo.
Per Christum Dominum.
Praesta, misericors Deus,
ut natus hodie Salvator mundi
sicut divinae nobis generationis est auctor,
ita et immortalitatis sit ipse largitor.
Das Hyperbaton (Sperrung) fällt in der Collecta (Tagesgebet) der Tagesmesse (Missa in Die) des Weihnachtstages auf, wobei weniger inhaltliche als rhythmische Kriterien für dieses auch in reinen Prosatexten beliebte und häufig anzutreffende Stilmittel entscheidend sind. In der lateinischen Kunstprosa tritt die Funktion des Hyperbaton als eines syntaktisch zusammengehörige Begriffe hervorhebendes Stilelementes hinter das Streben des Beters, durch das Hyperbaton einen rhythmischen Wohllaut zu erzielen, zurück:
Deus, qui humanae substantiae dignitatem
et mirabiliter condidisti et mirabilius reformasti,
da, quaesumus, nobis
eius divinitatis esse consortes,
qui humanitatis nostrae fieri dignatus est particeps.
Qui tecum vivit.
Anstatt: “eius divinitatis consortes esse, qui humanitatis nostrae particeps fieri dignatus est”.
Schliesslich sei noch zwei Orationen angeführt, in der eine sog. Zäsur (Einschnitt) erkennbar ist. In der Collecta vom Freitag (hier: Feria sexta post sollemnitatem Epihaniae) der Wochentage in der Weihnachtszeit werden die Verben “reveletur” und “crescat” durch das Adverb “semper” und die koordinierende Konjunktion “et” aus rhythmischen Gründen voneinander getrennt. In der reinen Prosa müsste das Adverb vor den Verben und die koordinierende Konjunktion zwischen ihnen platziert stehen. Also: “semper reveletur et crescat.” In der Kunstprosa, wie die Orationen sie meisterhaft darstellen, sieht das jedoch so aus:
Praesta , quaesumus, omnipotens Deus,
ut Salvatoris mundi, stella duce, manifesta nativitas,
mentibus nostris reveletur semper et crescat.
Per Dominum.
Ebenso verfährt die Oratio super Oblata des 1. Sonntages in der Weihnachtsoktav (”Sonntag der Heiligen Familie”), in der die Substantive “gratia” und “pace” durch das Adverb “firmiter” und die beigeordnete Konjunktion “et” voneinander getrennt werden:
Hostiam tibi plactationis offerimus, Domine,
suppliciter deprecantes,
ut Dei parae Virginis beatique Ioseph
intervienente suffragio,
familias nostras
in tua gratia firmiter et pace constituas.
25. Dezember 2009, 14:11