Musik verbindet uns mit dem Göttlichen
Dirigent Nikolaus Harnoncourt vollendet sein 80. Lebensjahr.
Ein Beitrag von Dr. Gero P. Weishaupt. Der Dirigent Nikolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt, besser bekannt als Nikolaus Harnoncourt, vollendet sein 80. Lebensjahr. Am 6. Dezember feiert er nicht nur seinen Namenstag, sondern begeht auch einen runden Geburtstag: Nikolaus Harnoncourt wird am kommenden Sonntag 80 Jahre alt. Er gehört zu den namhaftesten und gefeiertsten Dirigenten der Gegenwart.
Ein Forum für die Alte Musik geschaffen
Seine Verdienste liegen vor allem im Bereich der sogenannten “Alten Musik”. Damit ist die Musik der Renaissance und des Frühbarock gemeint (15. bis zur ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts). Mit seinem Ensemble “Concentus Musicus”, das er 1953 zusammen mit seiner Frau Alice gründete, verhalf der am 6. Dezember 1929 in Berlin geborene und im österreichischen Graz aufgewachsene und lebende Musiker der historische Aufführungspraxis zum Durchbruch. Mit ihr revolutionierte er in den 70er Jahren die Musikszene nachhaltig, was in diesen Jahren gewiss eine Leistung gewesen ist, wenn man den kulturhistorischen Hintergrund der Jahre nach 1968 bedenkt.
Wenn er auch als Vorreiter dieser Aufführungspraxis auf authentischen Musikinstrumenten gilt, so war ihm klar, dass er ein Musikwerk nie neutral oder objektiv wiedergeben konnte. Mit seinem “Concentus Musicus” verschaffte er der Alten Musik und der Auführungspraxis mit Originalinstrumenten aus Renaissance und Frühbarock ein breites Forum. Von 1972 an unterrichtete Harnoncourt als Professor im Salzburger Mozarteum die alte Aufführungspraxis und historische Instrumentenkunde. Als Musiktheoretiker hat er mehre Bücher zur authentischen Aufführungspraxis verfasst.
Mit Claudio Monteverdi zum Erfolg
Daneben machte Harnoncourt sich in den 70er Jahren einen Namen als Operndirigent. Einen Durchbruch brachte ihm der inzwischen legendäre und seinesgleichen suchende Zyklus der drei berühmten Opern Claudio Monteverdis “Il ritono d’Ulisse in patria”, “L’Orfeo” und “L’Incoronazione di Poppea” im Opernhaus von Zürich, den er mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle erarbeitet hat. Wer je diesen Zyklus auf einer Musik-DVD oder einer CD erlebt hat, ist nicht nur von Monteverdi angetan, sondern bewundert die Brillanz des Dirigenten Harnoncourt. Die drei Aufführungen überzeugen nicht nur musikalisch, sondern bestechen zugleich durch ihre dramaturgische, choreographische und bühnenbildnerische Darstellung. Mit dem Monteverdizyklus erwies sich Harnoncourt als ein wahrer Meister des barocken Musiktheaters.
Wien und Amsterdam
Doch beschränkte sich Harnoncourt nicht nur auf die Alte Musik. Sowohl im symphonischen Repertoir als auch im Musiktheater führte sein Weg als Dirigent über die Wiener Klassik (18. Jahrhundert) und die Romantik (19. Jahrhundert) auch in die Musik des 20. Jahrhunderts. Seit 1975 arbeitet Harnoncourt mit dem Concertgebouw Orkest Amsterdam zusammen. Bis 1990 dirigierte er in Amsterdam fast jedes Jahr abwechselnd die beiden Passionen von Johann Sebastian Bach. Auch dessen berühmtes Weihnachtsoratorium dirgierte Harnoncourt verschiedene Male. Vielen ist Nikolaus Harnoncourt durch seine Auftritte beim traditionellen Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern bekannt, womit er in den letzten Jahren ein Millionenpublikum erreicht hat.
Kunst verbindet mit dem Göttlichen
Als Dirigent stand und steht Harnoncourts Leben im Dienst der Kunst, des Wahren, des Guten und des Schönen. Der gebürtige Berliner kommt aus einem katholischen Elternhaus. Sein Bruder, Philipp Harnoncourt, ist Priester und Theologe. « Wir Musiker”, sagt der gläubige Nikolaus Harnoncourt einmal, “– ja alle Künstler – haben eine machtvolle, ja heilige Sprache zu verwalten. Wir müssen alles tun, dass sie nicht verloren geht im Sog der materialistischen Entwicklung. Es ist nicht mehr viel Zeit, wenn es nicht gar schon zu spät ist, denn die Beschränkung auf das Denken und die Sprache der Vernunft, der Logik, und die Faszination durch die damit erzielten Fortschritte in Wissenschaft und Zivilisation entfernen uns immer weiter von unserem eigentlichen Menschentum.
Es ist wohl kein Zufall, dass diese Entfernung mit der Austrocknung des Religösen Hand in Hand geht: die Technokratie, der Materialismus und das Wohlstandsdenken brauchen keine Religion, kennen keine Religion, ja nicht einmal Moral. Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage – sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet: sie garantiert unser Mensch-Sein.”
3. Dezember 2009, 21:24