Certamen Vaticanum. Latein lebt
Spätestens seit dem Pontifikat Papst Benedikts XVI. ist es kein Geheimnis mehr: Latein lebt. Wer bei Google das Stichwort “Latein” eingibt, der stösst auf sage und schreibe 1070.000 Eintragungen. Das Interesse für Latein ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Das Angebot auf dem Büchermarkt bestätigt es. In den Sommermonaten werden jährlich Lateinwochen abgehalten, bei denen die Teilnehmer ausschliesslich auf Latein kommunizieren. Verschiedene Internetseiten bieten täglich oder wöchtentlich Lateinnachrichten an.
Die Päpste haben immer die Wichtigkeit und Bedeutung der lateinischen Sprache betont und zu ihrem Gebrauch und Studium ermutigt. Seit 1976 hat der Vatikan eine eigene Stiftung, die den Namen “Latinitas” trägt. Sie wurde von Papst Paul VI. gegründet. Ihr Ziel ist es, die lateinische Sprache zu fördern, vor allem das klassiche Latein eines Cicero, Livius oder Seneca, aber auch die “Latinitas christiana”, das christliche Latein, etwa von Tertullian, Augustinus, Leo dem Grosse. Das Mittelalter kennt ebenfalls grosse Lateinautoren wie Einhard, Thomas v. Aquin oder Bernhard v. Clerveaux.
Einen grossen Raum nicht die Forschung des Neolateins ein. Daneben macht es sich die Stiftung zur Aufgabe, Hilfestellungen zu geben zum aktiven Gebrauch des Lateins im Schreiben von Briefen und Büchern. Dazu erstellte die Stiftung in 17-jähriger Arbeit ein Latein-Wörterbuch der Gegenwartssprache: In 23.000 Stichwörtern verzeichnet das “Lexicon Recentis Latinitatis” die lateinischen Entsprechungen wie “Computer”, “Internet” oder “Aktiengesellschaft”. Seit 1953 gibt es die vatikanische Lateinzeitschrift mit dem Titel “Latinitas”.
Jährlich veranstaltet “Latinitas” am letzten Sonntag im November einen Lateinwettbewerb, das “Certamen Vaticanum”. Die besten und kreativsten Lateiner aus aller Welt. werden in den Sparten Poesie und Prosa gekürt. Eine Jury beurteilt die Leistungen und vergibt Auszeichnungen. Das “Certamen” findet statt im Palazzo della Cancelleria, einem extraterritorialen Renaissancepalast des Vatikans im Herzen Roms und beginnt um 17.00 Uhr.
Seit dem letzten Jahr hat die Stiftung einen neuen Präsidenten: Pater Antonio Salvi. Der Franziskaner ist einer der “Toplatinisten” des Papstes und arbeitet in der Lateinabteilung des Staatssekretariates.
Papst Benedikt XVI. empfing am 28. November 2005, wenige Monate nach seiner Wahl zum Papst, die Teilnehmer und Veranstalter des Lateinwettbewerbs „Certamen Vaticanum” in Audienz. In seiner lateinischen Ansprache sagte der Papst, der getreu der Tradition in seinen lateinsichen Ansprachen und Texten den “Pluralis maiestatis” (Wir-Form) verwendet : “Cohortemus incitemusque vos ante omnes ad litteras Latinas, tam antiquas quam recentiores, tam saeculares quam sacras, omni cultu ac fervore non tantum adservandas, verum etiam novis rationibus docendas et inter iuniores potissimum propagandas.”
Zu Deutsch: „Wir möchten euch ermuntern und an¬spornen, daß ihr unsere lateinische Literatur, sei sie nun antik oder modern, weltlich oder geistlich, nicht nur mit ehrendem Eifer bewahrt, sondern sie auch mit neuen Methoden lehrt und sie vornehmlichlich den jungen Menschen nahe bringt.”
29. November 2009, 08:32