Der Völkermord an den Armeniern – III. Teil

fluchtAusschaltung der wehrfähigen Armenier – Im Februar 1915 wurden sämtliche im Heer dienenden Armenier von der Front abgezogen, entwaffnet und in der Regel in so genannte Armierungseinheiten versetzt, in denen sie unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit als Lastenträger oder beim Straßenbau verrichten mussten. Viele von ihnen wurden, nachdem sie nicht mehr gebraucht wurden, getötet. Die armenischen Offiziere waren die ersten Leidtragenden des aufkommenden Völkermords – systematisch wurden sie in Schauprozessen zum Tode verurteilt.

Außerdem wurden im armenischen Siedlungsgebiet beinahe alle Vorräte und Güter konfisziert, die dann als Vorräte für die türkische Armee dienten. Seit dem Spätsommer 1914 fanden in armenischen Dörfern Razzien und Hausdurchsuchungen statt, bei denen die Einwohner terrorisiert, misshandelt und vergewaltigt wurden. Zu Propagandazwecken wurden Armenier gezwungen sich mit Waffen ablichten zu lassen, was dann den angeblichen Aufstand der Armenier darstellen sollte.

Vernichtung der Eliten und der Aufstand von Van
Der historische Beginn des Völkermordes an den Armeniern durch die Jungtürken wird mit der Ausrottung der geistigen und politischen Elite Konstantinopels am 24. April 1915 datiert. Unter dem Vorwurf des Hochverrats wurden 600 Intellektuelle nach Diyarbakir deportiert, wobei ein Großteil auf dem Weg dorthin erschlagen oder erschossen wurde. In fast jeder größeren türkischen Stadt sollte sich dieses Vorgehen von Konstantinopel wiederholen.

Als die große armenische Gemeinde der ostanatolischen Gemeinde Van Mitte April 1915 den Befehl erhielt, ihre Waffen bei den Behörden abzugeben, hatten ihre Führer bereits gewusst, dass die Einwilligung sie nicht vor einem Massaker schützte. Sie organisierten ihre eigene Verteidigung und es kam zu Kämpfen mit der türkischen Armee. Nachdem in der umliegenden Provinz schon etwa 50.000 Armenier massakriert worden waren, verbarrikadierten sich die übrig gebliebenen Armenier im Stadtzentrum von Van. Nach mehreren erfolglosen Schlichtungsversuchen hofften die Armenier nun auf eine russische Offensive, die sie vor weiteren Repressionen bewahren sollte. Am 18. Mai traf die russische Unterstützung in Van ein, wobei kurze Zeit später die weit überlegene türkische Armee die Aufständischen eingekreist hatte. Daraufhin flohen die Armenier zu Hunderttausenden ins benachbarte Kaukasusgebiet – nur wenige überlebten die Flucht.
Deutsche Zeitungen berichteten – dem protürkischen Kurs der eigenen Regierung folgend – von den angeblich ungeheuren Morden der Armenier. „150.000 Mohammedaner“ seien der armenischen Revolte zum Opfer gefallen, schreibt das Leipziger Tageblatt und beruft sich dabei auf türkische Quellen. Wie kann das jedoch stimmen, wenn nur 30.000 Türken in der Provinz Van lebten? In Wirklichkeit wurden nicht über 100 türkische Soldaten bei den Auseinandersetzungen mit armenischen Widerstandskämpfern bei Van getötet(Gust, Wolfgang: Der Völkermord an den Armeniern, S.172-73). Man kann sich nun vielleicht vorstellen, wie die Vertuschung und Propagandamaßnahmen aussahen und wie erfolgreich die türkische Führung damit war.

Massaker, Deportationen und Konzentrationslager
„Es war kein reines Plündern und Morden, so schrecklich es auch für die unschuldigen und wehrlosen Opfer sein mochte; es handelte sich um ein massenhaftes Schwelgen, einen wollüstigen Blutrausch, in dem sich eine Dunstglocke barbarischer Grausamkeiten über die Lebenden jedes Alters, Geschlechts und Zustands legte und schändlichste Handlungen an den Toten vorgenommen wurden […]. Nach dem Morden, Plündern und Versklaven sowie dem Vergewaltigen von Frauen vor ihren männlichen Verwandten schnitt man den Männern die Geschlechtsorgane ab und warf sie den Hunden vor mit den Worten: „Jetzt vermehrt euch, wenn ihr könnt; „wir sind entschlossen, euch von jeder Hoffnung auf Nachkommenschaft abzuschneiden“ […].“(Tod im Namen Allahs – Augenzeugenberichte S. 67)

Solche und ähnliche Augenzeugenberichte kamen meist von Missionsstationen amerikanischer Protestanten. Wie erschreckend ihre Berichte auch ausfallen mochten – im offiziellen Europa fanden sie kaum auf Resonanz. So erfuhr die deutsche Öffentlichkeit auch nur spärlich von anderen Gewaltorgien. Immer wieder kursierte die bewährte Kunde von den „Provokationen“, mit denen einmal mehr nicht die Täter, sondern die Opfer ihr Schicksal selbst herbeiführten.

Die Selbstverteidigung der armenischen Bevölkerung von Van wurde nun als Dolchstoßlegende instrumentalisiert und diente als Vorwand für die nächste Etappe der Vernichtung: die Zwangsdeportation der armenischen Bevölkerung aus Gründen der Staatssicherheit. Dass die Ittihadisten den Aufstand von Van nur als Vorwand benutzten, ließ sich daraus ersehen, dass der Deportationsbeschluss bereits im März gefasst worden war, als die Belagerung von Van noch gar nicht stattgefunden hatte.

Im Mai 1915 erging an Beamte in ganz Anatolien telegraphisch oder mündlich der allgemeine Befehl zur Deportation der Armenier aus ihrer Heimat in die Wüsten Mesopotamiens. Ähnliche Befehle gingen bis September an die Wilajetein Zentral- und Westanatolien sowie in Thrakien. Das Osmanische Reich hatte traditionell die Praxis der Zwangumsiedlung christlicher aber auch muslimischer Völker betrieben, um strategisch wichtige Gebiete zu bevölkern oder bestimmte Gruppen zu bestrafen (Akçam, Taner: Armenien und der Völkermord, S. 52). Die Vertreibung bzw. organisierte Vernichtung im Jahr 1915 und den folgenden Jahren sollten dies alles jedoch bei weitem übertreffen.

Die Befehle zu ihrer Deportation erfuhren die Armenier ohne große Vorwarnung. Sie hatten zwischen einigen Stunden und bis zu vier oder fünf Tagen Zeit, sich reisefertig zu machen, falls sie konnten, ihren Besitz zu verkaufen um Nahrung und Lasttiere zu erwerben zu können und loszuziehen. Die Armenier wurden von der muslimischen Bevölkerung gnadenlos ausgenutzt, indem diese die Preise nach eigenem Vorteil festlegten.
Viele armenische Familien wussten bereits eine Menge über die Deportationen und ihr Schicksal und befürchteten das Schlimmste. Die Armenier taten, was sie konnten, um sich und ihre Kinder durch Bestechung und Flucht zu schützen, meist jedoch ohne Erfolg.

Dutzende Augenzeugenberichte erzählen von Vergewaltigungsexzessen, oftmals wurden die hübschesten armenischen Mädchen und Frauen aus der Menge der Deportierten ausgesucht und vergewaltigt. Wenn man sie anschließend nicht ermordet hat, wurden sie als Sklaven oder als Konkubinen verkauft und zwangsislamisiert. Der Dominikanerpater und Augenzeuge Hyacinth Simon berichtet von Menschenmärkten, auf denen tausende armenische Frauen und Kinder zum Verkauf angepriesen wurden. Die Existenz von Sklavenmärkten während des Völkermords ist auch in anderen Quellen belegt (Barth, Boris: Genozid – Völkermord im 20. Jahrhundert, S.71-72).

Bei allen Unterschieden in der Art, wie die Armenier über die anatolische Hochebene in die syrischen Wüsten getrieben wurden, erlitten sie doch ähnliche Qualen. Manche wurden anfangs in Gepäck- und Viehwaggons über die Bagdadbahn und ihre Zubringerstrecken transportiert, wobei die Armenier das Eisenbahnticket sogar noch selbst bezahlen mussten. Oft wurde eine Plattform in die Güterwaggongs eingebaut, damit doppelt so viele Menschen deportiert werden konnten. Für viele war das Gedränge tödlich. Die Waggons wurden selten geöffnet, bevor sie ihr Ziel erreichten und die verhungernden und verdurstenden Überlebenden in Auffanglager kamen, von wo sie den Rest der Strecke zu Fuß gehen mussten. Die Alten und Kranken kamen nicht einmal so weit, sie wurden schon zuvor aussortiert und getötet (Gust, S.38-40).

In Konya, dem Hauptknotenpunkt zwischen der Eisenbahn und den Trecks nach Süden, kampierten Zehntausende von Armeniern unter primitivsten Bedingungen auf freiem Feld, es wird berichtet, dass die türkischen Wachen Schwämme vor der Nase trugen, um nicht den Verwesungsgeruch ertragen zu müssen.
Wer mit dem Zug kam, sollte noch relatives Glück haben. Die meisten Armenier wurden wie Vieh durch Anatolien getrieben und litten tagsüber unter Hitze und Sonnenstich, nachts unter dem kalten Wind. Das schlimmste sollten jedoch die Überfälle der Kurden sein, immer wieder wurden Armenier von einfallenden Kurdenhorden ihrer letzten Habseligkeiten entledigt. Dabei gingen diese mit äußerster Gewalt vor; oft schlossen sich an die Raubüberfälle organisierte Massaker an, bei denen Tausende Armenier mit Unterstützung der Türken erstochen, erschlagen, in Brunnen oder Klippen hinabgestürzt oder erschossen wurden.

Kaum jemand konnte dem Genozid, der unter dem offiziellen Begriff „Umsiedlung“ lief, entkommen. Nur starke Helfer – wie die Franzosen und Briten bei Musa Dagh, die knapp 5.000 fliehende Armenier in ihre Kriegsschiffe aufnahmen (vgl. Franz Werfels Roman „Musa Dagh“) – oder der Zufall in Gestalt humaner Türken – konnte eine gewisse Entlastung bewirken. Am Ende des Marsches gelangten diejenigen, welche überlebt hatten, in die Konzentrationslager am Euphrat. Die größten und berüchtigtsten Lager Der-es-Sor und Ras-ul-Ajn lagen in der heutigen syrischen Wüste. Zehntausende Armenier wurden hier in erdölhaltigen Höhlen verbrannt oder erschlagen (vgl. Hofmann, Tessa, Die Armenier, S.40).

Augenzeugen schätzen, dass 15 Prozent der Menschen die Märsche überlebten. Trotz gelegentlicher Hilfe von Missionaren und barmherzigen Muslimen starben viele an Krankheiten wie Typhus und Fleckfieber, Malariaausbrüche traten unter den Vertriebenen regelmäßig auf und fast alle litten an den Folgen der Unterernährung, insbesondere dysenterischen Krankheitsbildern.

[ Franz Jakob Schipp ]

26. November 2009, 14:24

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