Volksfrömmigkeit und kirchlicher Glauben

RosenkranzIn den letzten Jahrzehnten kam es tendenziell zu einem sehr konstruierten liturgischen Leben. Liturgie verkam vielfach entgegen ihre eigenen Regeln zu einer allzu nüchternen Produkt von Theologen, welche nicht mehr wie einst die Funktion des Wächters wahrnahmen, der behutsam dort eingriff, wo es zu einem natürlichen Fehlwachstum zu kommen drohte oder tatsächlich gekommen war, sondern sie wurden zu Machern, die vielfach ihren eigenen Gedankenprodukten ein liturgisches Denkmal setzen wollten, um sich so zu verewigen – zumindest bis zur nächsten Reform einer sich ständig ändernden Gebetskultur der Kirche.

Dies hatte zur Folge, daß die angestrebte Transparenz und Verständlichkeit der Liturgie, die man sich durch eine angebliche Entstaubung und Entblößung von anscheinend völlig Unverständlichem gerade zu einer Verdunklung wurde: heute verstehen die durchschnittlichen Katholiken viel weniger von den Glaubensgeheimnissen als vor der für den Glauben und das Verständnis angeblich so nötigen Liturgiereform. Entwuchs die Liturgie vormals aus dem Glauben, so wurde aus ihr mehr und mehr ein Produkt theologischer Gelehrsamkeit, welches nur mit sehr viel Hintergrundwissen und einem Denken um zehn Ecken recht verstanden werden konnte.

Deshalb war es nur logisch, daß viele Theologen gegenüber beinahe allen Formen der Volksfrömmigkeit, beginnend bei dem Liedgut, welches sich durch den Glauben der Menschen entwickelt hatte und, bei mancher dogmatischen Unschärfe die es gegeben haben mag, dennoch weitaus rechtgläubiger war als jenes, was an deren Stelle trat, und endend bei allem, was doppelt vorkam, abwertend ihre Nase rümpften. Volksfrömmigkeit galt als untheologisch und überholt, als Hausfrauengeplapper und nostalgische Besser-Zeiten-Romantik. Nur dort, wo der Tourismusverband ein Brauchtumsinteresse hatte, wurde sie noch geduldet. Der Kahlschlag, den viele Priester verübt hatten, verunsicherte viele Seelen und war dem Glauben nicht immer zuträglich.

Dennoch gab es immer einige große Theologen, welche nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer großen Gelehrsamkeit den Volksfrömmigkeiten angeblich vergangener Tage treu blieben und ihren glaubensvermittelnden Wert erkannten. Theologen, welche über die Volksfrömmigkeit, und somit auch über grundkatholische Andachtsformen wie den heiligen Rosenkranz oder den heiligen Kreuzweg ihre hocherhobene Nase rümpfen, haben sich oftmals selbst als i Wirklichkeit etwas enggeführt herausgestellt.

Der Wert der Volksfrömmigkeit
Daß es in Formen der Volksfrömmigkeit manchmal dogmatische Unschärfen gibt, sagten wir bereits. Volksfrömmigkeit muß sich daher auch immer korrigieren lassen, wo eine Unschärfe zu einem Irrtum oder gar einem Irrglauben wird. Das muß jedoch immer von Fall zu Fall einzeln entschieden werden, wie eine solche Korrektur auszusehen hat. Die Volksfrömmigkeit bleibt dem Urteil der Kirche anheimgestellt, aber es wird sich die Volksfrömmigkeit bestimmt nur von jenen belehren und verbessern lassen, welche sie nicht ausreißen wollen. Nur, wer der Volksfrömmigkeit deutlich wohlgesonnen ist, kommt auch mit Verbesserungsvorschlägen an diese heran. Trotz dieser manchmal eigentümlichen Auswüchse kommt der Volksfrömmigkeit aber dennoch ein unschätzbarer Wert für den Glauben als Gesamtes zu.

Denn oft ist es gerade diese, welche den Glauben der Kirche auch zu meinem Glaubensgut, zu meinem ganz persönlichen Glauben werden läßt. Es ist ein wertvoller Zugang zum Glauben, der doch niemals nur rational bleiben möchte, so notwendig und wesenseigen ihm das auch ist, sondern als wahrer Glaube strebt er danach, vom Wissen in das Leben der Gläubigen einzudringen. Deshalb ist Volksfrömmigkeit auch der territorial eigene Ausdruck des universalen Glaubensgutes: es zeigt, daß der Glaube, der sich auf das Große, auf das Ganze der Menschheit erstreckt, auch im Einzelnen, im Konkreten angekommen und ihm eingewachsen ist. Volksfrömmigkeit übernimmt den universalen Glauben und übersetzt ihn, wenn auch mit kindlichen Übersetzungsfehlern, in das Eigene, die weite Ferne in die heimatliche Nähe.

Durch diese Formen, die sich dann aus dem innigen Glauben der Menschen herausbilden, bekommen neue Generationen einen Zugang zum Glauben und erhalten diesen in jenen, die ihn schon errungen haben. Deshalb ist eine lebendige und „greifbare“, gut strukturierte und „interessante“ Volksfrömmigkeit besonders für die Kinder und ihren Glauben so unendlich wichtig: Nicht immer, aber doch sehr oft ist das, was sie in ihren Kindertagen an Glaubensleben mitbekommen bestimmend für ihren weiteren Glaubensweg bis zum Tod. In glaubensdürren Zeiten haben gerade die Alten oft ihren Glauben bewahrt, weil sie aus einstigen Formen noch heute zehren. Es sind nicht die mit dem Glauben verbundenen Bräuche, die ihnen lieb geworden sind, sondern die dadurch vermittelten Glaubensüberzeugungen, die sie auch in schweren Glaubens(losen)zeiten verharren ließen.

Volksfrömmigkeit, so altmodisch sie erscheinen mag, hat aber gerade durch ihre besonderen Formen und ihr greifbares Tun im Glauben schon lange jenen Effekt gehabt, welchen wir als neu entdeckte Notwendigkeit in so vielen anderen Bereichen einfordern: Nachhaltigkeit.

Die Form der Volksfrömmigkeit als glaubensbestimmendes Moment
In dem Maße, in dem in der Volksfrömmigkeit zwei wesentliche Elemente zusammentreffen und sich vereinen, nämlich Glaubensverweis und Liebenswürdigkeit, wird auch der Glaube, auf den sie verweist, liebenswürdig und als einem persönlich wertvoll empfunden. Diese Liebenswürdigkeit darf dabei nicht als eine bloß gefühlsmäßige Wohligkeit verstanden werden, sondern sie meint mehr eine Form, welche auch als Form schön und ansprechend ist, der Realität des Glaubensinhaltes entsprechend ist, und den Inhalt in ein angemessenes Tun überträgt, an welchem man auch Freude und Schönheit finden kann, in welchem man sich nicht selber darstellen und angestrengt ein Wunschbild seiner selbst produzieren muß, sondern welches eine vorliegende Schönheit, nämlich jene der Glaubensinhalte, unter Beibehaltung von Realismus und Schönheit in greifbares, religiöses Tun überträgt, und somit auch eine Art Lebenswirklichkeit werden läßt.

Es ist auffallend, daß gerade dort, wo ästhetische Schönheit, Aufwendigkeit und auch Anstrengung in den Vorbereitungen die Ausdrucksformen des gläubigen Volkes bestimmen, sich der Glaube länger gegen Angriffe aus Kirche und Welt zu wehren vermag, als dort, wo Nüchternheit und ästhetische Armut anzutreffen sind. Um es auf eine Formel zu bringen: Volksfrömmigkeit stärkt den Glauben des Menschen.

Vielleicht haben wir in den letzten fünfzig Jahren die Wichtigkeit dieser manchmal vielleicht banal wirkenden Liebenswürdigkeiten unterschätzt. Dieser Gedanke kommt, wenn man die leeren Kirchenbänke sieht und die Mängel im Glauben vieler der wenigen bemerkt. Und man frägt sich weiter: war es wirklich so schlimm, wenn an manchen Feiertagen das Tagesevangelium, durchaus ohne Selbstdarstellung, durch einen kleinen, eingeschobenen „Lokalritus“ verbildlicht wurde, indem zu Christi Himmelfahrt eine Christusstatue heraufgezogen oder zu Pfingsten eine Heiliggeist-Taube heruntergelassen wurde? Wenn zu Weihnachten, an der entsprechenden Stelle des Weihnachtsevangeliums, eine Christusfigur in die Krippe gelegt wurde, oder der Pfarrer am Palmsonntag mit dem Esel einritt? Hat man nicht dem Glauben der einfachen Gläubigen viel mehr geschadet anstatt genährt, als man sie lehrte, daß ihre äußeren Zeichen ihres Glaubens, wie das Sich-Bekreuzigen wenn man bei einer Kirche vorbeikam, oder das auch öffentliche Niederknien, wenn der Angelus geläutet wurde, der Gruß „Gelobt sei Jesus Christus“ oder der Ringkuß mit Kniebeuge vor dem Bischof nur wertloses äußeres Getue sei, während es nur auf das Innere ankäme? Jene, welche all diese angeblich nutzlosen Zeichen noch lernten behielten vielleicht auch die innere Überzeugung bei. Aber sie verkümmerte nach und nach, und konnte ohne die Hilfe des Äußeren auch nicht mehr an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden.

Angebliche Äußerlichkeiten transportieren Inhalte und geben dem Glaubensleben eine Struktur, sie formen den Glauben, halten ihn lebendig, Äußerlichkeiten verinnerlichen erst den Glauben und sind eine stille, aber sichtbare kleine Predigt.

Äußerlichkeiten sind nicht das Ziel, aber doch der Weg dorthin, sie sind eine Vorschau des Eigentlichen. Und war es letztlich nicht auch der kleine Joseph Ratzinger, welcher von seinem Plan, Anstreicher zu werden abließ, als er den Münchner Kardinal Michael Faulhaber in seinem schönen Purpurmoireè sah, so auf den Priesterberuf aufmerksam wurde, und seine Berufung von da an langsam zu reifen begann, bis sie eine tiefere Begründung hatte als Form und Farbe des Kardinalsornates? Und fühlte er sich in seiner Kindheit nicht auch deshalb immer als etwas Besonderes und zu etwas großem gehörig, weil auch die Pfarrkirche einen Sonderstatus, ein Privileg innehatte?

Manchmal braucht es gerade das Uneigentliche das am Eigentlichen aber doch Anteil nimmt, indem es auf dieses verweist und einen ersten, kleinen Anstoß gibt. Deshalb sollten wir solche Kleinigkeiten doch wieder mehr fördern als sie zu zerstören, da sie durchaus der Anstoß sein können, der zum Eigentlichen führt. Wo alles Uneigentliche und „Nebensächliche“, auch in der Volksfrömmigkeit, abgeschafft wird, nur weil es nicht selbst das Eigentliche ist, wird es aber auch nicht mehr in der Lage sein, zum Eigentlichen hinzuführen und auf dieses zu verweisen.

Das Verhältnis von Volksfrömmigkeit und Liturgie
Und ähnlich verhält es sich auch mit den Formen der Volksfrömmigkeit: sie sind keine Dogmen, und im Gegensatz zur Liturgie, die im Wesentlichen überall gleich sein soll und muß, müssen die Frömmigkeitsformen des Volkes zwar der Liturgie der Kirche zustreben, müssen selbst aber nicht überall die selben sein, sondern dürfen legitimer Weise auch lokal sehr unterschiedlich sein. Sie führen, ihrem eigenen Wesen entsprechend, zur Liturgie und zum Glauben der Universalkirche, und übersetzen diesen zugleich, sie helfen, daß der Mensch seine Freude am Glauben vergrößert.

Dies ist auch ein Kriterium für ihre Qualität und Berechtigung: wo sich das Partikulare in das Universale widerstandslos einfügen läßt, sich aus dem Universalen nährt und zur offiziellen Liturgie der Kirche hinführt, dort ist sie rechtens und hat Wert und ein Bestandsrecht, denn dort nährt sie den persönlichen Glauben und ist dessen äußerer Ausdruck. Umgekehrt ist auch die Liturgie der Kirche elastisch genug, um dort lokale Eigenbräuche zuzulassen, wo sie nicht in Konkurrenz zu dieser treten, sondern auf dasselbe abzielen.

Der Priester und die Volksfrömmigkeit
Auf Grund dessen, daß es sich bei der Volksfrömmigkeit nicht nur um Liebhaberei handelt oder um Nostalgie, sondern es gelebter Glaube ist, und wenn das Volk seiner Formen der Volksfrömmigkeit beraubt wird, dieser Verlust nahezu immer einen Glaubensverlust nach sich zieht, ist es nicht nur wünschenswert daß sich auch die Geistlichen dieser Frömmigkeitsformen annehmen, und sich diese möglichst auch selbst zueigen machen, sondern ist es sogar deren heilige Pflicht, Volksfrömmigkeit zu fördern und auch, wo nötig, zu reinigen und zu präzisieren. Wenn wir den Glauben fördern wollen, müssen wir sicher auch bei der Vermittlung von Glaubenswissen ansetzen, aber ohne dabei auf die Förderung der Frömmigkeit des Volkes zu vergessen, an dem selbstverständlich auch der Priester teilnimmt, wie es auch große Namen wie Kardinal Scheffcyk und Kardinal Ratzinger taten.

Besonders jene Frömmigkeitsformen, welche sich rund um das Herz Jesu und die Muttergottes geformt haben, sind zu wahren Kultivierungsstätten des Katholischen geworden. Und kein hochstudierter Theologe darf sich zu schade sein, zu Weihnachten sich in die Reihe zu stellen um das Jesusknäbelein zu küssen, und darf keinen Betschemel, der vor einem prächtig hergerichteten Heiligen Grab aufgestellt ist, verschmähen um sein Knie zu beugen und anzubeten: denn die große Theologie, die aus den Theologen der Jahrhunderte entfloß, war ausnahmslos eine erkniete Theologie, niemals eine in Zirkeln ersessene, welche bald zu einer abgestandenen wird.

[ Mag. Michael Gurtner ]

25. November 2009, 09:01

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