Kult und Kultur gehören zusammen

Das Anliegen des Vereins zur Erforschung der Karlsliturgie.

Pfr. Dr. Guido Rodheudt Karl der Große, Aachen und Europa. Drei Worte, die gleichsam Synoyme sind. Mit Karl dem Großen ist der europäische Einheitsgedanken engstens verbunden, und Aachen, das “Rom des Nordens”, war als Hauptsitz des Frankenkaisers politischer, religiöser, kultureller und historischer Mittelpunkt Europas. Die alljährliche Verleihung des renommierten Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die für die Einheit Europas im Geiste Karls des Großen Verdienste erworben haben, hält dieses Bewußtsein lebendig.

Doch der Person Karls des Großen wird man nicht gerecht, wenn er nur in seiner politischen Bedeutung gesehen wird. Karl war nicht nur Politiker, sondern auch Liturge. Als Diakon nahm er aktiv teil am kultischen Geschehen. Die Ausgestaltung der Liturgie – nicht zuletzt auch im Hinblick auf ihre Einheit stiftende Bedeutung seines viele Völker umspannenden Reiches – war dem Imperator Romanorum et Francorum, dem Kaiser der Römer und Franken, ein wichtiges Anliegen. Ihm war die kulturprägende Dimension des christlichen Kultes bewußt.

Die europäische Kultur mitprägend war auch der liturgische Kult Karls des Großen nach seiner Heiligsprechung unter Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahre1165. In Aachen, in dessen Kaiserdom die Gebeine Karls des Großen ruhen, entstand die Karlsliturgie “In festo beati Karoli Imperatoris” (Am Fest des heiligen Kaiser Karl). Sie umfaßt das Proprium der Messe “In virtute tua” (In deiner Macht), genannt nach den Anfangsworten des Introitus, und das Offizium (Stundengebet), das nach den ersten Worten der 1. Antiphon der 1. Vesper zum Fest den Titel “Regali natus de stirpe” (Aus königlichem Stamm geboren) trägt. Dabei handelt es sich um ein Reimoffizium, das in seiner Art einzigartig ist und dessen älteste Handschrift im Aachener Domarchiv bewahrt wird. Messe und Offizium wurden über die Grenzen Aachens hinaus an verschiedenen Eckpunkten des Reiches am Sterbetag des Frankenkaisers, dem 28. Januar, gesungen. Man sang es in Prag, Verona, Zürich, Toledo und Paris, um nur einige zentrale Orte der mittelalterlichen Karlsverehrung zu benennen.

Die liturgische Verehrung Karls des Großen blieb in Aachen, dem Ort seiner Grablege, mit besonderer Akzentsetzung in besonderer Form bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erhalten. Zwar wird beim alljährlichen Karlsfest im Aachener Dom die vor 700 Jahren aufgezeichnete Messe “In virtute tua” noch zelebriert und die Sequenz “Urbs Aquensis, urbs regalis” (Stadt Aachen, köngliche Stadt), die die Aachener als ihre Stadthymne ansehen und die bei jeder Karlspreisverleihung im Krönungssaal des Aachener Rathauses zu hören ist, gesungen, aber die anderen tradierten Teile der Karlsliturgie, besonders das Karlsoffzium, sind seit Napoleon nicht mehr liturgisch verwendet worden.

Der Aachener “Verein zur Förderung und Erforschung der Karlsliturgie” hat es sich zur Aufgabe gemacht, Messe und Offizium der Karlsliturgie wissenschaftlich zu erforschen und ihr den Platz in der Liturgie, aus der sie und für die sie entstanden ist, zurückzugeben. Am vergangen Montagabend hat die Vorsitzende des Vereins, Frau Hannelore Zowislo-Wolf, selbst Historikerin und Altphilologin, das Projekt des Vereins zum ersten Mal einer breiten interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Im Rahmen der “Montagsgespräche” im Pfarrzentrum von St. Gertrud in Herzogenrath (Kreis Aachen) war sie von Pfr. Dr. Guido Rodheudt zu einem Vortrag über “Das Leben Karls des Großen in Text und Musik” eingeladen worden. Zum Karlsoffizium sagte die Referentin: «Optik, Worte, Akustik und Musik ergeben hier ein einmaliges Zusammenspiel, eine richtige Kostbarkeit». Und damit es nicht nur bei Worten blieb, präsentierte die Aachener Schola “Carolina” unter Leitung von Dr. Michael Tunger einige Klangbeispiele aus dem Offizium. Es war das erste Mal seit der Säkularisation nach Napoleon, dass das Offizium – zumindest Teil daraus – gehört werden konnte, wenn auch nicht im Rahmen der Liturgie, für die es geschaffen worden ist. Schon vor der Veranstaltung hatten aber die Schola in der Kirche St. Maria Himmelfahrt in Herzogenrath die Votivmesse “In vitute tua” zu Ehren Karls des Großen gesungen. Die Messe war von Pfr. Rodheudt im gregorianisch-tridentischen Ritus zelebriert worden.

Frau Zowislo-Wolf gab in Herzogenrath einige Einblicke in die Werkstatt der Forschung der Karlsliturgie. Im Blick auf den 1200 Todestag Karls des Großen, dem 28. Januar 2014, hat sich der Verein konstituiert. «Wir wollen das Karls-Offizium unter musikwissenschaftlichen, theologischen, sprachwissenschaftlichen, historischen und kunstgeschichtlichen Aspekten beleuchten», erklärte die Vorsitzende des Vereins, die die Zuhörer fesselte mit ihren historischen und linguistischen Erläuterungen zum Karlsoffizium. Die Karlsliturgie zeigt, dass Kult und Kultur zusammengehören.

Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff hat anlässlich der 1200-Jahr-Feier des Aachener Domes im Jahre 2000 die Karlsliturgie mit folgenden Worten gewürdigt: “Man muss die Karlsmesse erleben, wenn unter feierlichem Gesang das Lotharkreuz unter den brennenden Kerzen des Barbarossaleuchters zum Altar zieht, dem heiligen Kaiser Karl in seinem goldenen Schrein in lichtvoller gotischer Halle entgegen, wenn Architektur, Licht und Farbe, wenn Chorgesang, Orgel und Orchestergesang, wenn Kerzen und Weihrauch die feierliche Liturgische Handlung erhöhen, um Gottes Wort zu künden und Christi Opfer zu feiern – dann wird unser Herz im Gebet zu Gott erhoben. Und wenn dann die alte Sequenz angestimmt wird, wird Gottes Volk betende und singende Gemeinschaft: “Urbs Aquensis, urbs regalis”. Tatsächlich wird an keinem anderen Ort die grundlegende Rolle Karls des Großen in der Geschichte und Kultur Europas so sichtbar wie im Aachener Dom. 1978 wurde die Aachener Kathedrale als erstes deutsches Kulturdenkmal in die Weltkulturerbeliste der Unesco aufgenommen und damit die bau- und kunsthistorische Bedeutung der einstigen Pfalzkapelle Karls des Großen unterstrichen. Aber der Dom bliebe nur toter Stein, wenn die Seele in ihm fehlte: die Karlsliturgie.

[ Gero P. Weishaupt ]

25. November 2009, 08:16

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