Der Völkermord an den Armeniern – II. Teil
Unter der Herrschaft der Jungtürken – Forderungen nach ethnischer Homogenisierung. Im Juli 1908 wurde Abdülhamit durch einen Militärputsch oppositioneller, nationalistischer Kräfte, der so genannten Ittihadisten bzw. Jungtürken, gestürzt. Erste jungtürkische Gruppen hatten sich 1889-92 an Militärakademien und zivilen höheren Lehranstalten Konstantinopels gebildet. In der Opposition während des Regimes Abdülhamits entwickelten sich zwei unterschiedliche Gedankenmodelle heraus. Ersteres vertrat einen liberalen Nationalismus, der die gleiche Sorge für alle Osmanen (Osmanismus) verlangte, letzteres, nämlich das vom türkischen Politiker Ziya Gökalp entwickelte Modell, des vom überragenden Türkentum, setzte sich durch. Der führende Ideologe verwarf die Prinzipien des Osmanismus und pries die Tugenden des eigenen Volkes, indem er sich dem Bild des robusten türkischen Bauern bediente.
Die unter dem Regime Abdülhamits II. verfolgten Armenier begrüßten zunächst die jungtürkische Revolution von 1908, da die Jungtürken die liberale Verfassung von 1876 wieder in Kraft gesetzt hatten. Doch schon bald ließen die Ittihadisten Kritiker ihres Regimes verfolgen und ermorden. Eine Gegenrevolution von Anhängern des abgesetzten Sultans und islamischen Fundamentalisten wurde im April 1909 von der osmanischen Armee in Konstantinopel blutig niedergeschlagen. Danach wurde die Verfassung zunehmend ausgehöhlt. Im April 1909 kam es erneut zu massiven Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung, dieses Mal in der Provinz von Adana (Kilikien), wo bei zwei aufeinander folgenden Massakern etwa 30.000 Armenier ums Leben kamen.
Beim ersten Massaker gelang es einigen hundert Menschen, Angriffe der türkischen Bevölkerung abzuwehren und dabei die Angreifer empfindlich zu schwächen. Nachdem aber ihr Waffenvorrat aufgebraucht war und im Zustand größter Erschöpfung akzeptierten die Armenier einen Waffenstillstand. In der Zwischenzeit waren osmanische Truppenverbände eingetroffen, angeblich um Friede und Ordnung wiederherzustellen. Aufgebracht über die eigenen Verluste beim ersten Massaker fiel die türkische Bevölkerung mit Hilfe der neu eingetroffenen Truppen über die völlig wehrlosen Armenier her. Tausende wurden niedergemetzelt oder bei lebendigem Leib verbrannt. Kirchen, Schulen und Krankenhäuser wurden zerstört.
Die konstanten Herausforderungen für die osmanische Herrschaft auf dem Balkan, wie die österreichisch-ungarische Besetzung von Bosnien-Herzegowina 1908, der albanische Aufstand von 1911/12 und die Balkankriege 1912/13, fachten den Nationalismus der Jungtürken weiter an. Das türkische Triumvirat mit Pascha, Enver und Talaat forderte die beherrschende Stellung der Türken in Staat und Gesellschaft.
Mit ihrem 1913 vollzogenen Übergang zur faktischen Diktatur hatten die Jungtürken die neue Ideologie mit sozialdarwinistischen Tendenzen bekräftigt und sogar noch radikalisiert: Sie stützten sich nicht mehr in erster Linie auf die Tradition des Islams, sondern auf die türkische Einheit und deren national-islamischen Zentralstaat. In diesem Zuge wurde das Bildungswesen und die religiösen Gerichte unter die Kontrolle eines eigens eingerichteten Staatsministeriums gestellt. Das aufstrebende Deutsche Reich erschien den Jungtürken als modellhafter Partner, besonders beeindruckt waren sie von der Organisation und Disziplin der Armee und Verwaltung, weswegen sie sich deutsche Militärberater ins Land holten und später ein Bündnis mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn schlossen.
1914 erklärte die Hohe Pforte der Entente – England, Frankreich, Russland – den Krieg. Erst Ende 1914 kämpften die Türken aktiv auf deutscher Seite. Enver bereitete den Feldzug gegen die Russen im Kaukasus vor und mobilisierte das Heer. Nun befanden sich jedoch die Türkisch-Armenier in einer Zwickmühle. Wenn sie auf Seiten der Türken in den Krieg ziehen würden, würden sie sich gegen ihren Unterstützer Russland wenden und ihre eigene Volksgruppe – die russischen Armenier – bekämpfen.
Forderungen nach ethnischer Homogenisierung
Die Kriege auf dem Balkan und die Vertreibung Hunderttausender in Russland lebender Muslime, die sich im Siedlungsgebiet der Türkisch-Armenier niederließen, erzeugten bei den Ittahadisten tiefe Bitterkeit und Zorn. Die anatolischen Griechen wurden als Unterstützer der antimuslimischen Aktivitäten der griechischen Regierung angesehen und die Armenier der Komplizenschaft mit den Russen verdächtig. Militärische Fehlleistungen, die auf Envers Fehlkalkulationen gründeten, erhöhten die innenpolitischen Konflikte.
Weniger der Krieg, sondern Kälte und Krankheit rafften 1915 etwa 100.000 türkische Soldaten dahin. Die türkische Führung sah sich gezwungen einen Sündenbock zu suchen, um der innenpolitischen Situation wieder Herr zu werden und das, obwohl viele christliche Armenier auf Seiten der Türken gegen die Russen gekämpft hatten. Die größten christlichen Völker in Anatolien, Griechen und Armenier galten ab sofort als potentielle Verräter, Kollaborateure und „ungläubige“ Abtrünnige, die es zu bekämpfen galt. Mit dem Kriegsministerium als Basis schufen die Ittihadisten die so genannte Spezialorganisation (Teşkilat-i-Mahsusa), um die besonderen Sicherheitsprobleme des Reiches zu lösen. Die Spezialorganisation wurde von der Parteiführung gelenkt und organisierte schon vor dem Ersten Weltkrieg die Deportationen der Griechen von der Ägäisküste und aus Thrakien, wobei sie mit äußerster Brutalität vorging, sodass mehrere Tausend Griechen starben.
Doch das sollte nur ein Vorspiel für das Schicksal der Armenier sein. Dr. Bahaeddin Schakir wurde damit beauftragt Organisationsstrukturen für den Völkermord zu schaffen: Von seinem Hauptquartier in Erzurum baute er Stützpunkte im armenischen Siedlungsgebiet mit Hilfe von Kurden, muslimischen Flüchtlingen aus Balkan und Kaukasus und von für diesen Zweck eigens begnadigten Sträflingen und Banditen (ca. 12.000 Mann), aus welchen er zuvor Hunderte kleiner bewaffneten Banden gebildet hatte, auf.
Die gesetzliche Grundlage für den Völkermord hatten die Türken schon am 27. Mai 1915 beschlossen:
„Artikel 1: Im Kriegszustand haben die Kommandanten und Leutnants der Armee, des Armeekorps und der Divisionen sowie der unabhängigen Gruppen das Recht, rücksichtslos vorzugehen, jede Gegenwehr und bewaffneten Widerstand mit äußerster militärischer Gewalt anzugreifen und zu brechen, dies unter gewissen Umständen auch gegenüber der Bevölkerung, wenn Regierungsbefehle oder Maßnahmen zur nationalen Sicherheit und öffentliche Ordnung durchzusetzen sind.
Artikel 2: Die Kommandanten der Armee, der unabhängigen Armeekorps und der Divisionen können im militärischen Notfall bzw. bei Verdacht der Spionage oder des Verrats die Bewohner der Marktflecken und Dörfer einzeln oder im Ganzen fortschaffen und an anderen Orten unterbringen.“
Physisch noch lebend, hatten die Armenier jedes Existenzrecht verloren, sie waren personell und materiell vogelfrei: „Jeder Türke konnte jederzeit ungestraft unter dem Vorwand Kriegstribut einzuziehen, in jedes armenische Haus eintreten und sich aneignen, wonach sein Sinn stand.“
Die Armenier waren in diesem Zeitraum ebenfalls aktiv. Mit der Unterstützung der Russen versuchten sie, ihre im Berliner Vertrag garantierten Minderheitenrechte zu sichern. Daraufhin zwangen die Großmächte im Februar 1914 der Regierung einen Reformplan auf. Seine Klauseln verpflichteten die Türken, eine faire Behandlung der Armenier zu gewährleisten und die Anwesenheit internationaler Beobachter zu akzeptieren. Die Ittihadisten waren außer sich und sahen in dieser armenischen Initiative einen weiteren Beweis für die Illoyalität des armenischen Volkes. Schon 1914 wurde diese Vereinbarung aufgekündigt, am 5. September 1916 hob die osmanische Regierung sämtliche Verträge, die eine Einmischung in innere Angelegenheiten beinhalteten, auf.
24. November 2009, 06:55