Der Völkermord an den Armeniern – I. Teil
Die christlichen Armenier widerstanden trotz ständiger Benachteiligung und blutiger Verfolgung jedweder Form von Assimilierungsversuchen im Osmanischen Reich. Sie bildeten, wie auch die anderen christlichen Minderheiten, vornehmlich griechische Orthodoxe, sowie die Juden, ein Millet (Glaubensnation). Das Millet wurde vom jeweiligen religiösen Führer, der vom Sultan bestätigt werden musste, angeführt. Durch das Milletsystem wurde den christlichen und jüdischen Minderheiten eine relative Autonomie gewährt.
Sogar ein teilweise unabhängiges Schul- und Rechtssystem stand den Armeniern bis Mitte des 19. Jh. zu. Als Gegenleistung für diese Privilegien verlangte der Sultan immense Steuern. Dem Bild der relativen Toleranz der osmanischen Gesellschaft muss aber entgegengestellt werden, dass die islamische Ideologie unzweideutig die Minderwertigkeit nichtmuslimischer Völker verkündete. So durften Armenier keine hohen Ämter bekleiden, waren vom Militärdienst ausgeschlossen und durften keine Waffen besitzen. Auch war es ihnen verboten eine Muslimin zu heiraten, umgekehrt waren christliche Frauen im Harem der Muslime gern gesehen. Bei Rechtsstreitigkeiten zwischen einem Muslim und einem „Ungläubigen“ (Giaur) wurde grundsätzlich islamisches Recht angewandt. Die Diskriminierung steigerte sich soweit, dass Christen vom Pferd absteigen mussten, sobald sie einen Moslem sahen.
Trotz steuerlicher, sozialer, politischer und rechtlicher Benachteiligung, waren viele Armenier im Handels- und Bankwesen zu Reichtum gelangt, was ihnen viel Neid und Hass von den meist bitterarmen Muslimen einbrachte. Viele Vorurteile und Minderwertigkeitskomplexe gegen die Armenier, die das armenisch-türkische Verhältnis enorm belasteten, waren sogar in Europa präsent. So soll der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck über das armenische Volk gesagt haben, „dass sie überhaupt kaum etwas tun, ohne pekuniären Gewinn“. In der Mitte des 19. Jh. erzwangen auswärtige Interventionen französischer, russischer und englischer Politiker Reformen und liberale Verfassungsänderungen (1856 und 1876), die auf eine Gleichstellung aller Osmanen unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit, abzielten. Die Reformverwirklichung scheiterte am Widerstand islamisch-konservativer Gruppierungen und bleibt bis heute Utopie.
Unter der Herrschaft Abdülhamid II.
Während der durch den russisch-türkischen Krieg von 1877/78 ausgelösten Regierungskrise wurde Abdülhamit II. zum Sultan proklamiert und die liberale Verfassung außer Kraft gesetzt. Für über 30 Jahre sollte nun das Osmanische Reich von einem despotischen und traditionalistischen Herrscher regiert werden.
Trotz dieser Rückkehr zu traditionellen Machtzentren fühlten sich die Armenier durch potentielle Verbündete im Ausland ermutigt, noch mehr Druck auf die Regierung auszuüben, um Reformen zu fordern. Im Berliner Friedensvertrag (1878) wurden die armenischen Bitten durch eine erklärte Verwaltungsautonomie und den Schutz vor kurdischen und tscherkessischen Angriffen, erfüllt, wobei die Realisierung derartiger armenischer Rechte Illusion blieb.
Für Abdülhamid II. verkörperte das armenische Volk alle Fehlentwicklungen im Osmanischen Reich. Sie unterstützten Reformen und Verfassungsänderungen, suchten den Schutz europäischer Mächte und waren eng mit den feindlichen Russen verbunden. Ihre Geschäfts- und Berufselite war säkular, westlich orientiert und wohlhabend. Sie waren das perfekte Feindbild der hamidischen Ideologie. Die Innenpolitik des Sultans beabsichtigte den Zerfall des osmanischen Vielvölkerstaates durch die Ideologie des Panislamismus aufzuhalten. Den nationalen Befreiungsbewegungen der Araber und Kurden setzte er den Gegensatz von Christentum und Islam entgegen und spielte so geschickt muslimische gegen christliche Bevölkerungsgruppen aus.
Sowohl auf militärischer als auch auf wirtschaftlicher Ebene hinkte das Osmanische Reich weit den Europäern hinterher, auch wenn Abdülhamid durch Reformen zahlreiche Erfolge im Bereich der Infrastruktur verzeichnen konnte. So bezeichnete Zar Nikolaus I. – dessen Reich auch nicht gerade gesund war – das Osmanische Reich als „den kranken Mann am Bosporus“. Aus der Schwäche folgte die Einmischung von Franzosen, Briten und Deutschen in den Nahen Osten, die sich wirtschaftlichen Profit versprachen.
Im Sommer 1894 weigerten sich armenische Bauern in der Sassun-Region, die doppelte Steuerlast der osmanischen Regierung und der örtlichen kurdischen Stammesführer zu bezahlen. Es kam vereinzelt zu bewaffnetem Widerstand, jedoch keiner ernsthaften Rebellion. Dennoch setzte Abdülhamid seine irregulären Truppen, die so genannten Hamidye, gegen die Sassun-Armenier ein, und es folgte ein schreckliches Gemetzel. Die Armenier baten die europäischen Mächte um Schutz und beharrten auf die Erfüllung des Berliner Vertrags. Das war zu viel für den erzürnten Sultan, der nun eine Schreckenskampagne gegen die armenische Bevölkerung begann. Im Oktober 1895 gab es grausame Massaker in Trabzon an der Schwarzmeerküste, die sich rasch auf das anatolische Hochland ausdehnten. Das Massaker in Urfa, bei dem die armenische Bevölkerung in die in Brand gesteckte Kathedrale getrieben wurde und bei lebendigen Leib verbrannten, spiegelt die Brutalität der moslemischen Agitatoren wieder. Etwa 3000 Armenier starben.
Bis 1895 wurden 300.000 Armenier verwundet oder getötet, etwa 100.000 zwangsislamisiert. Die Morde von 1894-1896 fallen jedoch nicht in die Kategorie ethnische Säuberung oder gar Völkermord, auch wenn die Verfolgung der Armenier von der Regierung initiiert wurde. Das Ziel neben der Zusammenführung der verschiedenen muslimischen Volksgruppen war die Bestrafung, keine Ausrottung. Auch wurde nicht der Versuch gemacht Armenier dauerhaft zu vertreiben oder zu deportieren, was dann während des Triumvirat 1915 zutreffen sollte. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs gab es immer wieder Massaker an den Armeniern. Das bei weitem schlimmste Massaker wurde in der Provinz Adana durchgeführt, zwischen 15.000-20.000 Armenier wurden getötet.
Bei den Armeniern selbst war durch das Vorrücken der russischen Truppen nach Anatolien neue Hoffnung geweckt worden, die Türken zu Konzessionen bei ihrer rigorosen Minderheitenpolitik zu bewegen. Das Desinteresse der Weltöffentlichkeit und die ständige Unterdrückung sorgten für den Auftrieb der „Jungarmenier“, die sich als Revolutionäre gegen die osmanischen Unterdrücker verstanden.
Obwohl die Armeniermorde den europäischen Mächten durchaus bekannt waren, griffen sie nicht ein. Einzig die Schweiz minderte das Leiden der Armenier durch finanzielle Unterstützung, auch wurde eine große Zahl armenischer Flüchtlinge aufgenommen.
Dies war der erste Teil der Artikelreihe “Der Völkermord an den Armeniern” mit dem Oberthema “Armenier im Osamischen Reich – unter der Herrschaft Abdülhamid II.”. Nächster Teil: “Unter der Herrschaft der Jungtürken – die ersten Forderungen nach ethnischer Homogenisierung”.
23. November 2009, 14:07