Krone, Brot und Rosen – II. Teil
Im ersten Teil unseres Artikels befassten wir uns primär mit dem Leben Elisabeths als Tochter des apostolischen Königs von Ungarn und Gattin des Landgrafen von Thüringen. Im zweiten Teil möchten wir den Fokus unserer Berichterstattung mehr auf das segensreiche Leben und Wirken Elisabeths nach dem frühen Tode ihres Mannes, des Landgrafen Ludwig, richten und uns mit dem weiteren Verlauf ihres Lebens beschäftigen. Zunächst möchten wir uns jedoch erneut dem familiären Hintergrund des Lebens Elisabeths zuwenden und betrachten, was nach dem Tod des Vaters aus den Kindern des Landgrafenpaares wurde. Hermann von Thüringen (1222–1241), folgte seinem Vater Ludwig auf dem thüringischen Thron – nachdem zwischenzeitlich Ludwigs jüngerer Bruder Heinrich Raspe in Vertretung für den erst fünfjährigen Hermann regierte – und heiratete Helene von Braunschweig-Lüneburg (1231–1273). Tochter Sophie (1224–1275), die später Heinrich II., Herzog von Brabant heiratete, verschlug es wohl unmittelbar nach dem Tod des Vaters nach Sayn, wo sie bei ihren Verwandten, dem Grafen Heinrich II., des Großen, von Sayn und seiner Gattin Mechthild von Landsberg Zuflucht suchte. Es ist davon auszugehen, dass Sophie auf diese Weise dem Einfluss Konrads von Marburg entgehen wollte, der als Beichtvater ihrer Mutter Elisabeth wirkte – wie hörten bereits im ersten Teil unseres Artikels davon.
Das mag auch den tödlichen Konflikt zwischen Konrad von Marburg und dem Grafen Heinrich von Sayn erklären. Konrad – päpstlicher Inquisitor, Kreuzzugsprediger und erfolgreicher Ketzerverfolger – klagte Heinrich III. von Sayn, einen der mächtigsten Herrscher der damaligen Zeit, ohne erkennbaren Grund der Ketzerei an, was einem Todesurteil gleichkam. Erst auf eindringliche Intervention von Papst und König wurde Heinrich freigesprochen. Doch zurück zu Elisabeths Tochter Sophie. Deren Sohn Heinrich war der erste Landgraf von Hessen, sodass die hl. Elisabeth oft auch als Stammmutter des landgräflichen Hauses Hessen betrachtet wird.
Herzogin Sophie von Brabant fand ihre letzte Ruhestätte im Kloster Villers la Ville bei Lüttich (Belgien), dessen Abt zu Anfang des 13. Jahrhunderts Karl von Sayn war, vermutlich ein Onkel des Grafen Heinrichs III. von Sayn. Elisabeths jüngste Tochter, Gertrud (1227–1297), die erst nach dem Tod ihres Vaters das Licht der Welt erblickte, wuchs ab ihrem zweiten Lebensjahr im Kloster der Prämonstratenserinnen von Altenberg heran und wurde bereits im jungen Alter von 21 Jahren Äbtissin selbigen Klosters. Unter Gertruds kluger und segensreicher Führung gelangte das Altenberger Kloster zu seiner größten Blüte und etablierte sich schon bald als Wallfahrtsstätte, die unzählige Pilger anzog. Gertrud wurde 1348 von Papst Clemens Vl. selig gesprochen.
Nachdem wir unseren Blick nun auf Elisabeths Kinder gerichtet haben, möchten wir uns nun wieder konkret mit der Heiligen Landesmutter Thüringens und Hessens selbst befassen. Elisabeth befand sich nach dem Ableben ihres Gatten zunehmend unter dem Einfluss ihres strengen Beichtvaters Konrad von Marburg, der durch den renommierten thüringischen Geschichtsprofessor Matthias Werner als „eine der düstersten Persönlichkeiten der mittelalterlichen Kirchengeschichte“ bezeichnet wurde (1). Unter seiner Führung gab sich Elisabeth nicht mehr mit dem bloßen Geben von Almosen und Gütern an Arme und Bedürftige ab und begann ihren aufopfernden Dienst an Hilflosen und Kranken. Bereits zu Lebzeiten ihres Mannes lies Elisabeth im Hungerwinter 1225/1226 alle Tore der Kornspeicher Thüringens öffnen, um die notleidende Bevölkerung versorgen zu können.
Landgraf Ludwig war derweil am Hofe des Kaisers in Cremona (Lombardei, Italien) zugegen. 1226 gründete die hl. Elisabeth ein Hospital am Fuße der Wartburg, wo sie auch selbst segensreich wirkte. Elisabeths Tätigkeiten, wie das Waschen und Bekleiden von Toten und die Pflege der Kranken und Aussätzigen, wurden von ihren Zeitgenossen mit Argwohn betrachtet – kaum einer konnte Verständnis dafür aufbringen, dass eine hochadlige Landesfürstin solch „minderwertige“ und „erniedrigende“ Arbeiten vornahm. Elisabeth hingegen fand darin ihre Berufung, den Ruf Gottes, der an sie erging. Inzwischen hatte Heinrich Raspe, der jüngste Bruder des verstorbenen Landgrafen Ludwig, den thüringischen Thron bestiegen und somit die Regentschaft übernommen.
Unmittelbar nach seiner Inthronisation entzog er Elisabeth die Einkünfte und Ländereien, die ihr Ludwig als Witwengut zugesprochen hatte. So entzog Heinrich Raspe seiner verwitweten Schwägerin nach und nach alle Rechte und Pflichten, die ihr als einstige Landgräfin Thüringens zugestanden hatten. Lediglich an der landgräflichen Tafel durfte Elisabeth weiterhin speisen, was ihr jedoch aufgrund der strengen Speisegebote ihres Beichtvaters Konrad v. Marburg nicht möglich war.
So verließen Elisabeth, ihre Kinder und die Elisabeth sehr verbundenen Dienerinnen gemeinsam die Wartburg. Den harten Winder 1227/1228 verbrachte Elisabeth in Eisenach, wo sie in einem Schuppen hauste. Niemand wollte ihr ein Obdach geben. Im Gegenteil: man begegnete der ehemaligen Landgräfin, die sich stets um ihre Mitmenschen sorgte und für die Notleidenden kämpfte, mit Argwohn, Hohn und Spott. Konrad von Marburg wandte sich daher an Papst Gregor IX., damit dieser Elisabeth unter seinen apostolischen Schutz stelle. Dies war zu jener Zeit eine durchaus übliche Praxis, um hochwohlgeborene Witwen und Waisen vor der Mistgunst und Raffgier ihrer Verwandtschaft zu schützen. In seinem apostolischen Schutzbrief verfügte der Papst, dass Konrad von Marburg als sein Vertreter vor Ort die Rechte Elisabeths wahren und ihre Interessen vertreten sollte.(2)
Ein Verstoß gegen dieses apostolische Schreiben hätte die Exkommunikation bzw. ein Interdikt bewirkt. Am Karfreitag 1228 legte Elisabeth von Thüringen gegenüber ihrem Beichtvater das Gelübde ab, sich fortan von ihren Kindern, ihrer Familie und jeglichem Glanz dieser Welt loszusagen. Im Mai 1228 wurden die Gebeine des Landgrafen Ludwig im Kloster Reinhardsbrunn beigesetzt. Unmittelbar nach der Beisetzung konnte Konrad von Marburg bei der landgräflichen Familie erwirken, dass Elisabeth eine Entschädigungssumme von 2.000 Silbermark erhalten sollte. Weiterhin erhielt Elisabeth Ländereien bei Marburg, die sie nach eigenen Vorstellungen nutzen durfte. Schon wenige Monate später wurde dort ein Hospital errichtet, wo Elisabeth fortan als einfache Spitalschwester ihren Dienst an den Kranken verrichtete. Elisabeth von Thüringen verstarb in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1231 im Alter von nur 24 Jahren, gestärkt durch die Sterbesakramente und nach einer letzten Beichte gegenüber Konrad von Marburg. Ihr Leichnam wurde in der Spitalskapelle aufgebahrt und am 19. November beigesetzt.
Sie wurde am Pfingstfest 1235 durch Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Kurz darauf ließ ihre Tochter Gertrud von Altenberg einen Teil ihres Arms entnehmen, um es in ein kostbares Armreliquiar fassen zu lassen, welches sich bis ins 19. Jahrhundert hinein im Klosterschatz von Altenberg befand. Heute befinden sich Reliquiar und Reliquie im Privatbesitz des fürstlichen Hauses zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, einer Fürstenfamilie, die in direkter Linie von Herzogin Sophie von Brabant und somit von der Heiligen Elisabeth selbst abstammt.
Das Leben der heiligen Elisabeth von Thüringen – es mag ungewöhnlich und zum Teil durchaus radikal wirken, doch es war geprägt von Demut, Liebe und kindlichem Vertrauen in die Vorsehung Gottes. Nehmen wir uns also ein Beispiel an einer Frau, der Titel und Macht nichts bedeuteten, einer Frau, die in der Nachfolge Christi den größten Schatz ihres Lebens fand: die himmlische Herrlichkeit. Heilige Elisabeth von Thüringen, Stern der Armen – bitte für uns!
1: Werner, S. 45 und 56. 2: Werner, S. 53.
20. November 2009, 08:14