Das rechte „aggiornamento“ der Tradition

Papst Johannes XXIII.Als der selige Papst Johannes XXIII, der als papa buono der Welt ins Gedächtnis einging, seine Idee dessen darlegte, was das von ihm einberufene Zweite Vatikanische Konzil sein sollte, verwendete er bei der Beschreibung das italienische Wort „aggiornamento“. Dieses Wort ist dabei keineswegs, wie man auch mitunter zu lesen bekommt, eine Art „proklamatische Wortschöpfung“ des Papstes, sondern schlichtweg ein Wort des italienischen Wortschatzes. Allerdings ist es seither, zusätzlich zu seinem alltäglichen Gebrauch, besonders im kirchlichen Bereich zu einer Art feststehendem Terminus geworden, spätestens seitdem sich auch Papst Paul VI in seiner Antrittsenzyklika in einer kurzen Passage diesem an sich normalen italienischen Wort widmete und es in feste Verbindung mit seinem Vorgänger brachte, und somit auch hervorhob. Im Deutschen gibt es keine wirkliche Entsprechung zu diesem Wort, und so wird es relativ frei interpretiert und muß für vieles herhalten, ohne daß jedoch die Bedeutung des italienischen Originals (welche selbst schon eine breite Palette aufweist welche von „wissenschaftlicher Vertiefung“ bis hin zu „technischem update“ geht) berücksichtigt wird. So wird in „aggiornamento“ vielfach die Aufforderung und gleichzeitige Legitimation dazu gesehen, die Kirche zu „verheutigen“, wie es meist übersetzt wird und was in dem Sinne verstanden wird, daß die Kirche sich den Gegebenheiten der Welt anpassen und sich dieser adaptieren soll. Die Welt sei also das Maß der Kirche, sie sei gleichsam ihr Auftraggeber, und die Kirche müsse ihr getreuer Diener die Wünsche der Welt erfüllen.

Somit wurde aber die eigentliche Bedeutung völlig verkehrt. Aggiornamento bedeutet im Italienischen nämlich zunächst eine wissenschaftliche Vertiefung der Dinge. Wenn die Ärzte an einem Kongreß teilnehmen um ihre Studien zu vertiefen, nennt man diese Vorträge oftmals auch „aggiornamenti“. Wenn Ein Bischof einem seiner Priester ein Sabbatjahr gewährt und ihn nach Rom zu einem Studienjahr schickt, so ist dies ein „aggiornamento“ des theologischen Wissens des betreffenden Geistlichen. Und wenn jemand nach vielen Jahren einen Auffrischungskurs für die englische Sprache besucht, so ist dies ebenfalls ein aggiornamento.
Der Ruf nach einem aggiornamento der kirchlichen Lehre bedeutete nicht, daß das bisherige falsch gewesen wäre und überholt sei, und damit auch ausgedient hätte. Es bedeutet viel mehr, die Lehre besser verstehen zu lernen. In diesem Prozeß kann es mitunter durchaus vorkommen, daß eine Vertiefung bedeutet, den einen oder anderen Akzent der Lehre verschieben zu müssen, weil neue Erkenntnisse das bisher Gekannte präzisieren und wissenschaftliches Studieren vielleicht sogar einen Fehler entdeckt hat, welcher ausgebessert werden muß, um der Wahrheit Gottes noch besser gerecht zu werden. Es kann umgekehrt aber auch bedeuten, daß ein vertieftes Studium die Kirche erkennen läßt, daß eine früher vorgenommene Erneuerung oder eine einstige Korrektur doch nicht recht war, und man deshalb wieder zu einer älteren Form, Lehre oder Formulierung zurückkehren muß, weil das einst als neue Erkenntnis Gefeierte sich im weiteren Geschichtsverlauf doch als falsch, mißverständlich oder unvollständig herausstellte. Diese Art des aggiornamento, welches wieder zu etwas Früherem zurückkehrt, ist nicht nur in Bereichen der Glaubenslehre, der Moral, der Liturgie, der Exegese etc. möglich, sondern besonders deutlich tritt diese Form des Aggiornamento auch im Bereich der geistlichen Lebensführung hervor, namentlich bei den Reformorden: die Reformorden haben stets ein aggiornamento vollzogen, ein neues Studium ihres Ordensgründers und dessen Intentionen, und haben dies mit dem Zustand in der Klosterpraxis des jeweiligen Heute verglichen. Was im Heute der Gründer der Reformorden vom Ursprünglichen abwich wurde wieder in seinen Urzustand versetzt. Aggiornamento. Die Entstehung der Kapuziner bedeutet dabei nicht, daß die Franziskaner obsolet sind und die Zisterzienser haben nicht die Legitimität der Benediktiner aufgehoben, weil eine Entwicklung des Ordenslebens durchaus legitim sein kann, wie es etwa bei den Franziskanern und den Benediktinern war, aber nicht unbedingt legitim sein muß, wie wir bei vielen Orden sehen, welche sich in ihrem Ordensleben aus dem Bereich des Rechten herausbegeben haben und mehr weltlichen Genossenschaften gleichen als geistlichen Häusern.
Aus diesen Beispielen entnehmen wir, was aggiornamento, alles bedeuten kann: eine Vertiefung des Wissens durch Forschen und Studieren, eine damit eventuell (nicht aber notwendig) verbundene Änderung oder Präzisierung in Formen und Inhalten, welche jedoch nicht unbedingt eine Neuerung bedeuten muß, sondern auch eine Rückkehr zu Vergangenem bedeuten kann. Dem rechten aggiornamento geht auf jeden Fall ein aufrichtiges Fragen voraus, wobei die Frage nicht sein kann: „Was wollen wir heute?“, sondern sie muß lauten: „wie muß es sein, daß es mit dem Wahren übereinstimmend ist?“

In jedem Fall aber ist im Ändern selbst niemals ein Selbstwert gelegen, weder im Neuern noch im Rückformen in bereits Gewesenes. Nichts kann gut sein weil es neu und kühn ist, und nichts kann gut sein weil es alt oder ursprünglich ist. Gut kann etwas nur sein, weil es wahr ist und Wahres in sich trägt.

Genau dieses Konzept von aggiornamento legte Johannes XXIII auch dem Zweiten Vaticanum zugrunde: Wenn wir die Eröffnungsrede „Gaudet Mater Ecclesia“, welche der Heilige Vater zur Eröffnung des Konzils verlas, und in welchem er ebenfalls auf die aggiornamenti zu sprechen kommt, in ihrem Gesamt ansieht und nicht willkürlich Halbsätze aus ihrem Kontext herauslöst, dann erkennt man sehr genau, daß er kein anderes Konzept von aggiornamento verfolgte als jenes, welches in der Kirche als der ecclesia semper reformanda im positiven Sinne ohnedies stets präsent war: nicht wildes Erneuern um die eigenen Spuren zu hinterlassen, welche morgen ebenso wieder verwischt werden wie die Erneuerer die Spuren ihrer Vorgänger verwischen, sondern ein allzeitiges Forschen nach dem Wahren war das eigentliche Konzept. Jenes aggiornamento, welches der Papst für das Konzil wünschte war, die bestehende Lehre, besonders jene, welche im ersten Vaticanum und im Tridentinum klar und deutlich herausgearbeitet wurden, unangetastet zu lassen, und die Möglichkeiten, wie genau diese Lehre möglichst allen Menschen zugänglich gemacht werden kann, zu „aggiornamentieren“ (aggiornare). Zum einen also meinte er schon allein unter der Bedeutung aggiornamento etwas anderes, als ihm für gewöhnlich in den Mund gelegt wird, und obendrein wollte er dies in erster Linie nicht auf die Lehre anwenden, sondern auf die Verkündigung, man könnte auch sagen: auf die Mission. Genau genommen wollte das letzte Konzil ein missionarisches sein, auch wenn es, so kann man den Eindruck gewinnen, in seinen Nachwirkungen genau zum Gegenteil geworden ist. Das letzte Konzil lag nichts ferner, als die klassische Theologie zu verändern, ja ausdrücklich übernimmt und bestärkt es diese viel eher an mehreren Stellen. Zwischen der klassischen Theologie und dem rechten aggiornamento besteht kein Widerspruch, ganz im Gegenteil, das rechte aggiornamento ist viel eher ein selbstverständlicher Bestandteil der Tradition.
Auch die sogenannte traditionelle Theologie, welche in Wirklichkeit die eigentliche, kirchen- und lehramtstreue Theologie ist, und eben die nicht-traditionelle Theologie die abweichende Theologie ist, ist einem ständigen aggiornamento in seinem rechten Sinne unterworfen. Theologie kennt nämlich keinen Stillstand, sondern ist immer bestrebt, die Wahrheit tiefer zu ergründen und Gott noch besser zu kennen. Das bedeutet in der Praxis einen Forscherdrang, welcher dem Glauben zuinnerst ist, welcher nach einem immer genaueren Wissen um die Dinge des Heiles lechzt. Das Glaubenswissen wächst deshalb an, präzisiert sich und nähert sich immer mehr der Fülle der Wahrheit. Von daher ist es ein Zeichen von Gesundheit wenn sich die Theologie immer weiter entwickelt und sich in Richtung Gott bewegt. Theologie kann niemals aufhören zu fragen und nach Antworten auf ihre Fragen zu ringen, denn würde sie an einem bestimmten Punkt einfrieren und damit aufhören sich auf Gott hin auszustrecken, würde sie abzusterben beginnen, da die Theologie, und somit auch unbedingt der Glaube, auf welchen sie hin abzielt, nie einfach nur gehabt werden kann, sondern von jeder neuen Generation und auch von jedem Einzelnen ganz persönlich immer neu errungen und in sich selbst am Leben gehalten werden muß, und auch jeder Generation wieder verloren gehen kann.

In diesem Sinne ist ein ständiges aggiornamento unbedingt von Nöten, auch und gerade für jene Art des Theologietreibens, welche oftmals einfach als „die Tradition“ bezeichnet wird. Ein solches rechtes aggiornamento ist ihr nicht Gefahr, sondern Notwendigkeit, da es sie am Leben erhält. Es ist eine Binsenweisheit, welche aber doch viele, die sich selbst als „moderne Theologen“ als Gegenpunkt zu „Traditionalisten“ sehen, nicht anerkennen wollen, daß eine traditionelle Theologie und gerade diese stets im Heute lebt und sich weiterentwickelt, und nicht einfach ein nostalgisches Revival einer Zeit, nach der man Sehnsucht hat, ist. Denn Anliegen der Tradition kann es nicht sein, einfach in einer Museumspädagogik zu zeigen was einmal war, sondern sie muß danach trachten, das was war und ewig gültig bleibt immer wieder aufs Neue sein zu lassen, und dieses stets Gegenwärtiges-Sein soll sie immer besser, immer vollständiger, immer heiliger sein. Darum verkennt das Wesen des theologischen Prinzips der Tradition vollkommen, wer ihr vorwirft, an einem bestimmten Punkt der Geschichtsentwicklung stehen geblieben zu sein. Wäre sie tatsächlich einmal stehen geblieben, gäbe es sie wohl nicht mehr, außer vielleicht in Geschichtsbüchern. Daß sie aber alles andere als tot, ja im Gegenteil: daß sie in ihem Innersten quicklebendig ist zeigt uns auch die Tatsache, daß sie auch dort überlebt, wo man sie auslöschen und mit aller Gewalt abtöten will. Niemals ist dies ganz gelungen, immer hat sie zu überleben gewußt, weil sie sich direkt aus der Wahrheit Jesu Christi nährt, und jeder, der sowohl aufrichtig nach Wahrheit sucht als auch bereit ist diese Wahrheitserkenntnis (und nichts anderes als Wahrheit ist dem Menschen geoffenbart, alles andere sind nur Produkte seines eigenen Gedankens) konsequent umzusetzen, notweniger Weise auf die Tradition stoßen wird.
Denn die Tradition stellt die richtige Frage: nicht die Frage was wir wollen, sondern die Wahrheitsfrage drängt sie vorwärts und treibt sie voran. Eben weil sich die Tradition von der Wahrheit treiben läßt und nicht von Denkmoden bedeutet dies, daß dort, wo Wahres erkannt ist, dieses auch bleiben darf. Wahrheit hat kein Ablaufdatum wie die Moden, und deshalb hat die Tradition auch Beständigkeit. Wahres darf und muß bleiben, eben weil es sich als wahr erwiesen hat. Wo Wahres erkennt wurde, ist man in diesem Punkt am Ziel angelangt, und hier etwas zu verändern würde bedeuten, sich vom Ziel wieder zu entfernen. Erkenntnis von Wahrem wird in der Tradition nicht wie in der Mode zwangsweise ersetzt, einfach weil etwas nach einer gewissen Zeitspanne des Bestehens etwas einfach wieder „dran“ ist geändert zu werden, so wie man sich von einer Tapete oder einem Modestil sattgesehen haben kann. Der Tradition ist das Konzept des Änderns um des Ändern willen fremd, weil es in ihr ein erreichbares Ziel gibt. Sie ändert immer dann und nur dann, wenn sie merkt, in einem Punkt noch nicht am denkerischen Ziel zu sein, weil Wort und Wahrheit noch nicht kongruent sind, wobei diese Änderungen nur dort stattfinden, wo sie nötig sind und außerdem unabhängig bleiben von äußeren Einflüssen und Abstimmungen.

Es ist eine Frage der Aufrichtigkeit, Wahres und Richtiges unangetastet zu lassen und dem inneren Streben, seine eigenen Ideen, Wünsche und gedanklichen Konstrukte, denen dann alle folgen, zu verwirklichen, zu widerstehen. Wer meint, alles in gewissen, wenn auch unregelmäßigen Zeitintervallen einer Änderung oder einer „neuen Sichtweise“ unterwerfen zu müssen negiert damit auch die prinzipielle Möglichkeit, in einzelnen Punkten an das Ziel der denkerischen Mühen zu gelangen. Und wenn Endgültiges unerreichbar wäre – würden sich dann all das Mühen und auch nervige Streiten lohnen?

Die Tradition aber weiß: es gibt ein erreichbares Ziel, es gibt Gefundenes und es gibt Bleibendes, aber auch solches, was sich in die eine oder andere Richtung ändert. Das hat es in der Theologiegeschichte immer gegeben und ist eine nur logische Konsequenz der Begrenztheit und Gebrechlichkeit unseres menschlichen Geistes gegenüber dem Schöpfergeist Gottes. Dessen, so wir aufrechte Theologen bleiben, müssen wir uns jedoch nicht schämen, denn es zeugt letztlich nur vom aufrechten Ringen der Tradition um die Fülle der Wahrheit, welche allein der Dreifaltige Gott ist.

[ Mag. Michael Gurtner ]

8. November 2009, 18:29

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