Zur geschuldeten Katechese im Totenmonat
Die letzten Tage des Kirchenjahres, genauer die Zeitspanne zwischen Allerheiligen und dem ersten Adventsonntag widmet die Kirche in besonderer Weise ihren Toten und dem Tode an sich. Diese Zeit sollten besonders auch die Geistlichen gut nützen, um ausführlich und in aller theologischer Ehrlichkeit über dieses Thema, um welches sich letztlich vieles in unserem Leben dreht, zu predigen und zu lehren. Immer wieder zeigt sich, daß diesbezüglich viele Fragen im Inneren des Menschen aufstehen, welche man sich meist jedoch nicht direkt zu stellen wagt.
Daß das Thema weitgehend aus dem gesellschaftlichen Diskurs verdrängt ist, ist hierbei bestimmt nicht hilfreich. Das Reden über das Totsein und das Leben nach dem Tod ist gewiß unangenehm – das Schweigen darüber jedoch bedrückend.
Die Liturgie des Ende des Kirchenjahres gibt jedoch vielfache Gelegenheit, in einer sehr allgemeinen Weise über den Themenkreis Sterben, Tod, Totsein, Ewigkeit, ewiges Leben zu sprechen und somit die Menschen auf den konkreten Ernstfall vorzubereiten. Denn in den meisten Fällen lassen sich die Fragen, welche im Menschen entstehen wenn im Verwandten- oder Bekanntenkreis ein Todesfall auftritt nicht wirklich zielführend erörtern, weil die Ratio zurücktritt und die Emotionen für eine Zeit Überhand nehmen. Nicht daß sich der Tod sezieren und beschreiben ließe: er ist und bleibt bis in alle Erdenewigkeit das große Mysterium, sowohl philosophisch als auch theologisch, was ihm zugleich aber auch bis zu einem gewissen Grad zu einem Faszinosum macht.
Doch so sehr auch gilt, daß der Tod nicht bloß unserem irdischen Leben eine Grenze setzt sondern nicht minder auch unserem Wissen und Forscherstreben, so gilt doch auch zugleich, daß eben diese Grenze ein Feld umschließt, innerhalb dessen wir uns durchaus geistig und forschend bewegen können. Zentrale Fragen müssen jedoch beizeiten im Rahmen des Möglichen beantwortet werden, damit der Mensch zumindest gewisse Antworten auf seine bohrenden Fragen bereits parat hat, wenn ein Todesfall in seinem unmittelbaren Umfeld eintritt.
Deshalb soll man diesem Thema, welches ebenso wichtig wie unangenehm ist, besonders im Totenmonat November einen breiten Raum bieten und die Menschen über die letzten Dinge, die Rechtfertigung, das ewige Leben und die Bedeutung des Sterbens aufklären um sie so eben bestmöglich vorzubereiten, damit sie die rechten Einordnungen treffen können. Denn im Augenblick der persönlichen Aktualität wird es nicht viel Sinn machen, mit einer frisch verwitweten Frau, die dem Pfarrer gegenüber ihre Gewißheit darüber ausdrückt, daß ihr Mann im Himmel sei, darüber zu streiten beginnen, daß man, wenn man ehrlich und objektiv ist, gar nicht wissen könne, ob ihr verstorbener Gatte im Himmel, im Fegefeuer oder gar in der Hölle sei, auch wenn es eine theologische Richtigkeit hat.
Wenn sie aber in Zeiten, als sie objektiver über den Tod nachdenken konnte aus der Predigt des Pfarrers entnommen hat, wie wichtig es ist für die Toten zu opfern und zu beten, und nicht nur „an sie zu denken“, wie man es heute leider oft hört, dann wird sie sich auch daran erinnern wenn sie verwitwet ist, und sich mit Eifer darum mühen, für ihren verstorbenen Gatten noch das zu tun, was seiner Seele am hilfreichsten ist. Dies bedeutet nicht, daß durch eine noch so ausführliche Katechese beizeiten alle im Ernstfall entstehenden Fragen beantwortet würden: selbst dem Gläubigsten bleiben immer noch Fragezeichen, besonders wenn er mit dem Tod konfrontiert ist, denn zum einen gibt es auf diese Fragen keine einfache Kurzantwort die allen Zweifel ausräumen könnte, zum anderen bleiben Tod und Sterben immer mit dem Schleier des Mysteriums behaftet. Aber es bedeutet sehr wohl, daß für den eintretenden Todesfall die Angehörigen zumindest ein Gerüst haben, an welchem sie sich in ihrem geistigen Umherirren anhalten können und von welchem sie wissen, daß es ihnen den Weg weist. Die Totenkatechese baut dieses Gerüst auf, damit es da ist, wenn man es braucht, denn wenn man es braucht wird die geistige Kraft fehlen, es aufzubauen. Wenn es keinen konkreten Todesanlaß gibt ist dieses Thema viel unverfänglicher und man kann freier die gesamte Theologie darüber entfalten.
Daß der Tod eine Gefahr für die Seele ist, besser gesagt: die im Leben begangenen Sünden eine tragische Auswirkung für die Seele des Verstorbenen haben können, ist eine höchst bedeutsame theologische Wahrheit, die jedoch, um angenommen werden zu können, zur rechten Zeit deutlich und verständlich dargelegt werden muß. Beim Begräbnis öffentlich die Sünden des Verstorbenen aufzuzählen, welche ihn in die Hölle führen können, ist nicht unbedingt angezeigt. Auch deshalb nicht, weil es dann ohnedies zu spät ist. Denn ob die letzte Fahrt in den Himmel oder in die Hölle führt, das entscheidet sich allein im Leben. Darüber muß man predigen, wenn der Geist zu einem objektiven Betrachten der Materie bereit ist. Somit ist das, was der Priester besonders jetzt, da die Kirche ihm in der Liturgie als Thema vorlegt, durchaus als eine Vorkehrung in doppelter Hinsicht zu verstehen: einerseits, wai sagten es eben, als eine Vorbereitung für den Ernstfall, andererseits aber auch als eine Mahnung für die Lebenden, welche mitunter im wahrsten Sinne des Wortes seelenrettend sein kann.
Der Tod ist uns deshalb so bedrohlich, weil wir im Letzten ja doch ahnen, daß er in engem Zusammenhang mit unserem Leben steht, wie wir es verbringen, was wir tun und auch, was wir unterlassen. Er ist unser ständige Begleiter, zu jeder Zeit kann er uns treffen. Wir wissen nie, wann es Gott uns zu rufen gefällt. Sankt Ambrosius sagt zurecht in seinem Werk de bono mortis, über das Gut des Todes, daß der Tod eigentlich eine Wohltat sein müßte, weil er uns von Leiden befreit, uns mit Christus vereint, wir keinen Gefahren mehr ausgesetzt sind und unsere Sorgen ein Ende gefunden haben. Und auch der Atheist geht davon aus, daß nach dem Ableben des Leibes eine Art Nichts-Zustand eintritt, völlige Gefühlslosigkeit, Nicht-Existenz, daher auch kein Leid, kein Nachteil, keine Schmerz. Und dennoch scheuen doch alle irgendwie jenen Zustand des Todseins und sehen darin eine Gefahr, sowohl jene welche sich in Christus wissen, als auch jene, welche sich ein leidbefreites Nichts erwarten.
In beiden Fällen müßte, wenn vielleicht auch nicht das Sterben, so aber doch zumindest der darauf folgende Zustand des Todseins doch etwas zu Ersehnendes sein?
Hinter der Tatsache, daß wir dennoch den Tod für uns befürchten und wir Mitleid und Bedauern für die Verstorbenen empfinden steht das Wissen des Menschen, daß es nach dem Tode doch kein Nichts gibt, sondern viel mehr ein Zustand folgt, der sehr wohl mit unserem Leben zusammenhängt und von diesem abhängt. Das bedeutet aber auch, daß die Hoffnung des Katholiken auf ein Leben in Christus in der triumphierenden Kirche letztlich doch nie zur Sicherheit wird, da die Natur des Menschen eine gebrochene ist, die Erbsünde an unserer Seele nagt und die Konkupiszenz eine Gefahr für unser Seelenheil bleibt. Der Stachel des Todes, das, was ihn zu einer Bedrohung macht, ist die Gefahr, daß es nicht unbedingt gut ausgehen muß, daß der Himmel niemandem gewiß ist, und daß die Hölle eines Tages auch uns in ihr ewiges Verzeichnis aufnehmen könnte. Der Tod in schwerer Sünde ist eine Gefahr. Der Tod in Sündenlosigkeit, und nur dann, hingegen ein Gut, verbunden mit der wundervollsten Verheißung die sich eigentlich auch jeder ersehnen müßte, der nicht glaubt.
Man tut den Menschen nichts Gutes, wenn man ihnen die katholische Wahrheit weitgehend verschweigt. Wer den Menschen nicht die gesamte Lehre unterbreitet wird ihren Seelen zur Gefahr. Wer den Menschen einzureden versucht, daß das Heil allen gewiß ist weil Gott alle liebt und deshalb niemanden in die Hölle fallen läßt, der macht sich mitschuldig daran, wenn die Menschen deshalb nicht mehr auf Christus hin leben, ihre Seele nicht mehr von Sünden freizuhalten suchen und ihre Seele nicht mehr in der Heiligen Beichte von diesen immer wieder befreien, und deshalb ihres Heiles verlustig gehen.
In Predigt und Katechese geht es nicht darum, die Meinung der Menschen zu bestätigen. Es geht auch nicht darum, ihnen das zu sagen, was sie hören wollen. Der Mensch, weder Laien noch Kleriker, können Wahres konstituieren. Es ist wahr daß vieles, was eine Realität ist, dem Menschen bedrohlich ist und er es gerne auf die Seite drängen möchte. Das hat in einer gewissen Weise auch seine Legitimität: es darf uns ruhig lieber sein, wenn es keine Hölle gäbe, solange wir Gott nicht dafür kritisieren und es ihm zum Vorwurf machen, daß es sie doch gibt. Wir dürfen Tod und Sterben auch scheuen und uns davor fürchten. Das bedeutet nicht unbedingt eine Glaubensschwäche, sondern im Gegenteil, in vielen Fällen ist es umgekehrt gerade ein Zeichen für einen besonders realistischen Glaubenssinn. Wir dürfen uns wünschen, daß alles ganz anders wäre als es ist. Aber was wir nicht dürfen ist, deshalb zu beginnen, in unserer Lehre, in der Predigt, in der Katechese eine Scheinwelt zu konstruieren, welche mit der Realität nichts zu tun hat und uns nur das sagt, was nichts anderes als unser Wünschen ist.
Die Höllenpredigt, also das Predigen über die theologische Wahrheit von Existenz und Bedrohung der Hölle, ist nach dem letzten Konzil, als man in vielen Pfarren begann die Dogmatik neu und vor allem durch Zensur verkürzt zu schreiben, in Verruf geraten, und auch die Totensequenz wurde, da man schon dabei war, de facto abgeschafft. Beides mache, so wird behauptet, Angst. Das mag bis zu einem gewissen Maße vielleicht stimmen, und beides kann auch in Predigt und Katechese mißbraucht werden. Aber auch der Himmel, auch die Barmherzigkeit Gottes, auch die Liebe, auch das Gutsein wird oftmals mißbraucht um sich beliebt zu machen und sich sowohl einer Kritik als auch einem theologisch anspruchsvollen Diskurs zu entziehen, was die Menschen aber zu einem Glauben führt, welcher mit dem Glauben der Kirche nichts mehr zu tun hat. Die Gefährdung der Seele durch die Sünde, die Dämonen und die Hölle ist eine Wirklichkeit, welcher man nur dann begegnen kann, wenn man sich dieser auch stellt, wozu aber die Kenntnis der Gefahr nötig ist. Eine bekannte Gefahr ist weniger gefährlich als eine unbekannte, und eine Gefahr, die man unterschätzt ist um so bedrohlicher, auch wenn sie nicht als solche wahrgenommen wird.
Dadurch verschweigt man aber eine zentrale Wahrheit welche ein wichtiges Motiv für den Menschen sein könnte, sein Leben zu ändern und durch diese Änderung seines Lebens Einzug in den Himmel zu finden. Es ist wie der Arzt der seinem Patienten verschweigt daß er eine bestimmte Sache nicht mehr essen darf weil eine Substanz ihm lebensgefährlich werden könnte, nur um diesen nicht zu beunruhigen.
Der Priester ist den ihm anvertrauten Gläubigen zu Ehrlichkeit verpflichtet, nicht zur Beruhigung. Freilich darf er nicht bewußt Angst schüren, aber ebenso wenig darf er Gefahren verschweigen. Wenn er über Hölle und Verderben spricht geht es nicht darum, Angst zu machen, sondern um die Menschen vor den Gefahren zu schützen. Freilich ist nicht jede Gelegenheit gleichermaßen geeignet über die letzten Dinge zu sprechen, und es ist nicht das einzige Thema der katholischen Lehre – doch davon sind wir ohnedies weit entfernt. Das mögliche Verderben, das Verlustiggehen des Seelenheiles ist aber nichts desto weniger eines der Themen der katholischen Dogmatik, noch dazu ein wichtiges, welches ebenso wenig das einzige sein darf wie es auch nicht nivelliert werden darf. In Lehre, Predigt und Katechese dürfen wir es weder über-, aber ebenso wenig untertreiben. Wenn es wahrheitsgemäß und in einem rechten, realistischen Verhältnis zu den anderen Glaubenswahrheiten gelehrt wird, wird es ganz bestimmt verkraftbar sein.
Ja, die Hölle ist eine reale Bedrohung vor der wir uns auch zurecht fürchten, aber diese Furcht ist ein ebenso heilsamer Schutzmechanismus der uns zum rechten Leben vor Gott antreibt, wie auch andere natürliche Grundängste des Menschen eine Schutzfunktion übernehmen, um den Menschen vor Gefahren und Schaden zu bewahren. Die Menschen müssen ein möglichst vollständiges und umfassendes Bild davon bekommen, was die Lehre über die letzten Dinge betrifft. Wenn durch Unkenntnis Seelen in Gefahr geraten, dann trifft die erste Schuld die zuständigen Priester, welche den Gläubigen nicht genügend den Glauben in seiner unverkürzten Fülle dargelegt haben. Diesen zu übernehmen und die Konsequenzen aus diesem ziehen muß jeder selbst, das ist nicht delegierbar. Aber den Grund dafür müssen die Seelenhirten legen, die Lehre ist nämlich einer ihrer grundlegendsten Aufgaben.
Denn wenn der Priester seinen Gläubigen etwas schuldet, dann ist es die unverkürzte Wahrheit.
2. November 2009, 08:23