„Kein Happening mit eucharistischem Kleingebäck“

Msgr. Wilhelm ImkampWilhelm Imkamp wurde im Jahre 1951 in Kaldenkirchen am Niederrhein geboren. Nach seinem Theologiestudium wurde er 1976 in Rom zum Priester geweiht. Mittlerweile ist er schon über zwei Jahrzehnte als Wallfahrtsdirektor des Pilgerortes Maria Vesperbild im Bistum Augsburg tätig. Im Jahre 2008 wurde er von Papst Benedikt XVI. für fünf weitere Jahre als Konsultor in der Selig- und Heiligsprechungskongregation bestätigt. Am 22. April 2009 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. schließlich zum Berater der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Prälat Dr. Imkamp ist auch bekannt durch seine Auftritte bei Talkshows sowie die Veröffentlichung mehrerer Bücher. Sein jüngstes Werk heißt „Fit für die Ewigkeit. Hieb- und Stichfestes aus der Bibel“ und sammelt mehrere der berühmten Predigten des Wallfahrtsdirektors.

Martin Bürger: Prälat Dr. Imkamp, Sie wurden in Kaldenkirchen am Niederrhein geboren. Wie hat es Sie von dort nach Maria Vesperbild in Schwaben verschlagen?

Prälat Dr. Wilhelm Imkamp: Autos haben erst seit kurzer Zeit ein Navigationsgerät, das den Weg weist; eine Stimme erklärt dem Fahrer genau, was er tun soll. Der katholische Priester bekommt schon immer, spätestens bei seiner Weihe, ein Navigationsgerät für sein Leben, und die Stimme seines Bischofs ist die „Navi-Stimme“. Ihr folgend bin ich zum Haus der Mutter nach Maria Vesperbild gelangt.

Martin Bürger: Henryk M. Broder, der bekannte Journalist und Buchautor, bezeichnete Sie einmal als „Dandy unter den Gottesdienern“. Sehen Sie sich damit ins rechte Licht gerückt?

Prälat Dr. Wilhelm Imkamp: Von der „Kalaschnikow der Intellektuellen“ so bezeichnet zu werden, ist geradezu ein Kompliment.

Martin Bürger: Sie sind bekannt dafür, Klartext zu reden – sei es in Ihren Predigten oder in Talkshows, wo Sie auch von Zeit zu Zeit zu sehen sind. Viele Mitbrüder und andere Theologen leisten Ihnen im Klartext-Reden jedoch keine Gesellschaft. Christus selbst sagte schon: „Es sei aber eure Rede: ‚Ja, ja; nein, nein!“ Wie kommt es Ihrer Meinung nach, dass dem so wenig Gehör geschenkt wird?

Prälat Dr. Wilhelm Imkamp: Es ist ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen, dass Konsens gesucht wird; Gegensätze werden gerne bis zur Unkenntlichkeit verschwiegen. Das gilt für die Politik genauso wie für die Kirche. Natürlich gibt es viele Probleme, die ausgesprochen diffizil sind, gerade, wenn es um besonders schwierige, seelsorgliche Einzelfälle geht. Grundsätzlich aber gilt, dass das katholische Profil klar gezeigt werden soll. „Selbstverständlich katholisch“ ist der Titel eines Buches von Bischof Walter Mixa, und da sollten wir Priester schon alle die Frage stellen: strahlen wir diese Selbstverständlichkeit unseres Glaubens aus? Stehen wir zu unserem Priestertum, auch äußerlich in der Kleidung? Haben wir den Mut, uns der „political“ und „clerical correctness“ zu entziehen, wo es notwendig ist? Ich habe für jeden Mitbruder Verständnis, der unter dem Druck der Alltagssorgen und Alltagsverpflichtungen nachgibt und immer vorsichtiger wird, bis zur völligen Profillosigkeit. Hier brauchen viele Mitbrüder Hilfe und Beratung.

Martin Bürger: Wie sieht umgekehrt eine gute Predigt aus?

Prälat Dr. Wilhelm Imkamp: Eine gute Predigt sollte innerhalb der Messe nicht allzu lang sein. Sie sollte eine Auslegung des Evangeliums mit Alltagsbezug bieten. Keine abgehobene theologische Spekulation, keine diffizile historisch-kritische Exegese und vor allen Dingen kein Verlautbarungs-Bla-Bla. Verlautbarungs-Predigten sind Schlafmittel, eigentlich sogar rezeptpflichtig. „Ich bin katholisch, entschuldigen Sie bitte, es soll nicht wieder vorkommen!“ So spricht man vielleicht vergrämte 68-er an, aber keine jungen Menschen.

Martin Bürger: Kommen wir noch mal zurück auf die Talkshows. Es ist dort immer schön zu sehen gewesen, wie Sie auf jeden Einwand gegen die Kirche eine Antwort parat hatten. Wie lernt man sowas?

Prälat Dr. Wilhelm Imkamp: Da gibt es eine ganz einfache Antwort: Matthäus 10, 19-20. [„Wenn sie euch aber überantworten, so seid nicht besorgt, wie oder was ihr reden sollet; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollet. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures Vaters ist es, der in euch redet.“; MBü]

Martin Bürger: Eines der Hauptanliegen Papst Benedikt XVI. ist die würdige Feier der Liturgie. Leider hat es in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Fehlentwicklungen gegeben. Was kennzeichnet eine würdevolle Messfeier?

Prälat Dr. Wilhelm Imkamp: Die „ars celebrandi“, auf die Sie anspielen, ist sicherlich eine „Kunst“, die man nicht in wenigen Worten beschreiben kann. Essenziell jedenfalls ist die Ehrfurcht, das Aufleuchtenlassen des Geheimnisses, wir sprechen vom „Geheimnis des Altares“. Dieser Geheimnis-Charakter muss deutlich werden. Die Person des Priesters muss hinter seinem Amt und dessen Vollzügen zurücktreten. Der Priester selbst muss bei der Zelebration authentisch sein. Das heilige Messopfer ist eben kein Happening mit eucharistischem Kleingebäck.

Martin Bürger: Von der Frage der angemessenen Zelebration der heiligen Messe ist es nicht allzu weit bis zur „Problematik“ rund um die Piusbruderschaft. Vor wenigen Tagen begannen die doktrinellen Gespräche zwischen dieser Gemeinschaft und dem Heiligen Stuhl. Sehen Sie eine realistische Chance zur Versöhnung? Und wie lange wird der Dialog dauern, bis es erste Ergebnisse gibt?

Prälat Dr. Wilhelm Imkamp: Ich glaube, dass es im Letzten um die Frage der Konzilshermeneutik gehen wird, das heißt: ist – wie die sogenannten Progressisten, aber auch die Traditionalisten, unisono behaupten, das Zweite Vatikanische Konzil ein Bruch mit der Tradition, oder steht es in der Kontinuität der Tradition? Bruch oder Kontinuität, das ist die Frage. Ich glaube, dass eine Hermeneutik der Kontinuität, wie Sie ja auch von Papst Benedikt XVI. angemahnt wird, hier zu einem guten Ergebnis führen wird. Jedenfalls stehen die vom Heiligen Stuhl genannten Gesprächspartner ganz eindeutig für eine Hermeneutik der Kontinuität, wie gerade auch einige Dissertationen zeigen, die unter Leitung von Pater Becker SJ [einer der Experten auf Seiten des Heiligen Stuhls; MBü] entstanden sind.

Martin Bürger: Das Priesterjahr ist in vollem Gange. Was versprechen Sie sich von dieser Initiative des Heiligen Vaters? Gibt es auch in Maria Vesperbild besondere Aktionen?

Prälat Dr. Wilhelm Imkamp: Für Maria Vesperbild ist das Priesterjahr etwas ganz besonderes, denn im Gnadenbild, dem „Vesperbild“, hält die Gottesmutter den Leichnam Jesu im Arm. Aber der rechte Arm der Leiche Jesu fällt herunter und dabei ist der Zeigefinger gespreizt. Der gespreizte Zeigefinger deutet genau auf den Priester, der am Altar das heilige Messopfer zelebriert. Das Gnadenbild von Maria Vesperbild ist ein zutiefst eucharistisches Gnadenbild, ein Gnadenbild, das buchstäblich mit dem Finger auf den Priester zeigt. So ist das Priesterjahr in Maria Vesperbild ein besonderes Gnadenjahr, buchstäblich ein Fingerzeig.

Martin Bürger: „Katholisch ist chic, katholisch ist cool!“ Dies sind Ihre Worte im Nachwort zu dem Büchlein „fromm!“, das Prinzessin Elisabeth von Thurn und Taxis vor kurzem veröffentlicht hat. Junge Menschen stehen der Kirche allerdings häufig gleichgültig gegenüber. Wie kann man ihnen diese katholische „coolness“ offenbaren?

Prälat Dr. Wilhelm Imkamp: Junge Menschen stehen der Kirche häufig deswegen gleichgültig gegenüber, weil sie weder in ihrer familiären noch in ihrer schulischen Sozialisation über Kirche angemessen informiert worden sind. Wer im Erstkommunionunterricht zwar alles über das Brotbacken und den Weltfrieden erfährt, aber nichts über das „Geheimnis des Altares“, von dem kann man nicht erwarten, dass er später zu den Sakramenten der Kirche eine Beziehung findet. Die Weltjugendtage ebenso wie die neuen geistlichen Bewegungen aller Schattierungen zeigen aber, dass es sehr wohl einen Zugang zur Jugend gibt. Ich bin der festen Überzeugung, das eine klare Sprache, eine klare Ansage, auch Jugendliche dazu bringt, sich mit dem Glauben auseinander zu setzen. Das Problem ist ja nicht Ablehnung des Glaubens, sondern Ignoranz des Glaubens, die lässt sich nach meiner Erfahrung durch klare Ansage und deutliches Profil überwinden. Tatsächlich gilt, dass das „Katholischsein“ immer anti-spießig ist und im besten Sinn des Wortes „avantgardistisch“. Wir sind der Gegenwart immer voraus.

Martin Bürger: Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihr Wirken in Maria Vesperbild sowie in Rom!

[ Martin Bürger ]

31. Oktober 2009, 10:21

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