“Maria ist der sicherste, schnellste und vollkommenste Weg zu Christus”
Chefredakteur Benjamin Greschner im Gespräch mit Erzbischof Dr. Périsset, Apostolischer Nuntius in Deutschland.
Schönstatt (kathnews). Am Sonntag, 18. Oktober 2009 feierte die Schönstatt-Bewegung den 95. Jahrestag ihrer Gründung. Aus diesem Anlass fand am Morgen des Jubeltages ein Pontifikalamt in der Pilgerkirche des Wallfahrtsortes in der Nähe von Koblenz statt. Die Heilige Messe wurde zelebriert vom Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset. Nach dem Pontifikalgottesdienst nahm der Erzbischof auch an der Prozession zum Urheiligtum und der Bündnisfeier der Schönstatt-Bewegung teil. Im Anschluss an die Feierlichkeiten hatte Kathnews-Chefredakteur Benjamin Greschner die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Apostolischen Nuntius.
Zur Person: Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset wurde am 13. April 1939 in Estavayer-le-Lac, Schweiz, geboren. Er besuchte das Gymnasium in Freiburg in der Schweiz. Nach dem Abitur studierte er Theologie und Philosophie. Am 28. Juni 1964 empfing er das Sakrament der Priesterweihe. Ab 1969 wirkte Périsset an der vatikanischen Kleruskongregation. Später wurde er Mitglied im Päpstlichen Rat für Migranten und arbeitete danach für die Kleruskongregation. Seit 1973 ist er im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls tätig. 2007 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Apostolischen Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland.
Benjamin Greschner: Exzellenz, der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort sagt, die Verehrung Mariens sei der „sicherste, schnellste und vollkommenste Weg zu Christus“. In der Volksfrömmigkeit hat die Verehrung der Gottesmutter einen festen Platz mit bekannten Liedern und bunten Blumen – doch ist Marienverehrung eigentlich noch zeitgemäß?
Erzbischof Dr. Périsset: Sicher. Schließlich ist die Marienverehrung seit der frühen Christenheit ein Teil des kirchlichen Lebens. Maria ist unser Vorbild, sie führt uns so zu Christus, wie sie uns Christus gegeben hat. Ich zitiere selbst sehr häufig den heiligen Ludwig Maria, da ich in meiner Kindheit schon sehr viel über seine Lehren erfahren durfte. Unser Pfarrer hatte damals über zwei oder drei Jahre hinweg jeden Sonntag über das „Goldene Buch“ des heiligen Ludwig Maria gesprochen. Auch heute noch sieht man, wie sehr die Marienverehrung in den Gemeinden geschätzt wird. Dies sieht man nicht nur daran, dass vor den Bildern unserer lieben Frau stets viele Kerzen brennen. Die Frage ist doch, wohin wenden wir uns mit unseren Nöten und Sorgen? Wir wenden uns direkt an Maria, die Mutter.
An dieser Stelle möchte ich gerne zitieren, was ich einmal in einer Predigt gehört habe. Ein Straftäter, der zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, erzählte einem Kaplan, dass er das „Vater unser“ nicht beten könne, da er selbst unter anderen Menschen gelitten habe. Ihnen könnte er nicht verzeihen, so der Gefangene. Weil es im „Vaterunser“ aber heißt, dass wir Gott darum bitten, er möge uns die Schuld vergeben, so wie wir sie einander vergeben, könne er dieses Gebet nicht sprechen, denn Vergebung kannte der Mann nicht. Später erzählte er dann seinem Kaplan, dass er aber oft das „Ave-Maria“ bete, denn das hatte er seiner Mutter versprochen, als er noch ein Kind war. Doch warum erzähle ich diese Begebenheit? Die Antwort ist beeindruckend: durch die Treue zur Muttergottes und durch sein tägliches Gebet zu ihr gelangte der Mann wieder zum Glauben und bekehrte sich. Dann konnte er auch das „Vaterunser“ wieder beten.
Gottes Sohn hat eine Mutter, daher gehört die Verehrung der Muttergottes definitiv zum christlichen Wesen. Gerade weil Gott durch seine Mutter zum Menschen wurde und in Christus Fleisch annahm, ist sie, Maria, der sicherste, schnellste und vollkommenste Weg zu Christus.
Benjamin Greschner: Die Kirche kennt vier marianische Dogmen. Vielerorts spricht man davon, dass ein weiteres, letztes Dogma kommen müsse, das die Einzigartigkeit der Gnadenmittlerschaft Mariens thematisieren solle. Wie denken Sie darüber?
Erzbischof Dr. Périsset: Die Gnadenmittlerschaft Mariens ist ein sehr schwieriges Thema. Wenn man die Quelle des Glaubens im Stamm des Kreuzes sieht, erkennt man schnell, dass die Rolle Mariens natürlich nicht überflüssig ist, dennoch ist sie untergeordnet. Wenn man also dogmatisch definieren würde, dass Maria die Mittlerin der Gnaden ist, so wie Christus uns die Gnaden schenkt, könnte das durchaus falsch verstanden werden. Ein Dogma sollte wirklich nur dann veröffentlicht werden, wenn man eine große Not verspürt. Wenn man also sieht, dass dieses Dogma zwingend notwendig ist, um Klarheit zu schaffen. Ich glaube nicht, dass die Not in diesen Tagen so groß ist, als dass sie ein Dogma erfordern würde.
Im Kapitel 8 der dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ des II. Vatikanums wurde die heilsökonomische Bedeutung Mariens thematisiert: wenn ihr auch die altchristlichen Titel Fürsprecherin, Helferin, Beistand und Trösterin zugesagt werden, ist doch ausdrücklich die wesentliche Unterschiedenheit zur „einzigen Mittlerschaft Christi“ (LG 60) hervorzuheben. Nur deshalb, weil Christus sie dazu ermächtigt, übt sie „heilsamen Einfluss“ (LG 60) auf die Menschen aus. Weil Maria auf die einzigartige Mittlerschaft Christi bezogen ist, wird ihr die Befähigung zuteil, mit dem von Christus vollzogenen Werk der Erlösung in Einheit zu stehen und al Urtypus der Kirche an der „Geburt und Erziehung der Gläubigen“ (LG 63) mitzuhelfen.
Gleichzeitig sollten wir uns mit dieser Frage vor dem Hintergrund beschäftigen, was die anderen Christen darüber denken. Immerhin sehen viele Christen im Begriff des Dogmas etwas, was durch die katholische Kirche dem Glauben hinzugefügt wurde. Dies meine ich nicht nur in Bezug auf die Protestanten, sondern auch auf die Orthodoxen und Orientalen. Gleichwohl kennen besonderes die Orientalen eine Marienverehrung, die sehr tief und fromm ist. Vielleicht ist die Verehrung der Gottesmutter dort sogar manchmal noch größer als bei uns. Somit ist die Gnadenmittlerschaft Mariens für diese Christen eine Tatsache, genau wie sie für uns eine Tatsache ist. Vielleicht könnte also die Veröffentlichung eines solchen Dogmas gerade diese Christen verwirren, da sie sicherlich davon überzeugt sind, dass ein solches Dogma nicht notwendig gewesen wäre.
Benjamin Greschner: Sehen Sie die Marienverehrung vor diesem Hintergrund eher als Hindernis oder als Bereicherung für den ökumenischen Dialog mit den protestantischen Gemeinschaften?
Erzbischof Dr. Périsset: Die Reformatoren selbst erkennen die altchristlichen Marien-Dogmen an und Martin Luther war ein sehr inniger Marienverehrer, was in seiner Auslegung des Magnificat zum Ausdruck kommt. Ich kenne Lutheraner in den Vereinigten Staaten, die eine große und ausgeprägte Marienverehrung praktizieren. Unter diesen Lutheranern sind sogar leitende Geistliche und Bischöfe ihrer Kirche, die es begrüßen und fördern, wenn Protestanten den Rosenkranz beten. Diese Menschen sehen den Rosenkranz als das, was er wirklich ist: ein Mittel um zu Christus zu gelangen, genau wie der hl. Ludwig Maria von Grignon es gesagt hatte.
Wir müssen in diesem Zusammenhang aufpassen, dass wir den Protestantismus und die evangelischen Gläubigen nicht allzusehr verallgemeinern. Immerhin gibt es hier sehr viele unterschiedliche Strömungen. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten und natürlich gibt es in der Lehre und im Glauben verschieden gesetzte Akzente. Beispielsweise die Heiligen, die wir als Vorbilder im christlichen Leben ansehen. Viele Protestanten sehen darin Schirme die uns von Gott selbst ablenken oder gar trennen. Dem ist natürlich nicht so. Sie sind Brücken. Sie helfen uns, denn wir können in ihrem Leben einen Anspruch für unser eigenes Leben finden. Das ist eben solch eine Sache der Betonung und gerade deshalb ist die Marienverehrung in meinen Augen nichts Trennendes.
Benjamin Greschner: Wie kann es sein, dass hochdotierte Universitätsprofessoren in Deutschland, katholische Dogmen, wie etwa in unserem Zusammenhang die Jungfräulichkeit oder die leibliche Himmelfahrt Mariens, auch in ihrer biologischen Tatsächlichkeit leugnen können und keine Konsequenzen fürchten müssen?
Erzbischof Dr. Périsset: Es können verschiedene Meinungen über Randprobleme der Theologie bestehen. Aber in der Lehre der katholischen Kirche muss man eben nicht nur die Dogmen, sondern den gesamten Glauben der Kirche annehmen. Die Theologen sollen also in ihrer Lehre die Lehre der Kirche darstellen und nicht ihre eigene Meinung, weil sie meinen, dass ihre Gedanken vielleicht besser mit den Evangelien oder der Lehre der Urkirche übereinstimmen. Es ist gut, dass die Lehre der Kirche dem Papst und den Bischöfen anvertraut ist. Doch warum? Christus selbst hat seinen Jüngern gesagt, sie sollen das behalten, was er ihnen gesagt hatte und diese Lehren weitergeben.
Deshalb sollten wir an dieser Stelle die Beziehung zwischen den Theologen und dem Magisterium, also dem kirchlichen Lehramt, klären. Die Theologen haben die Aufgabe, den Verantwortlichen im kirchlichen Lehramt zur Seite zu stehen. Das Magisterium selbst hat in seiner Verantwortung dafür zu sorgen, dass diese Hilfe der Theologen tatsächlich auch eine Hilfe ist. Deshalb liegt es bei den Bischöfen, die entsprechenden Theologen anzusprechen und in Erfahrung zu bringen, warum das eine oder andere, was sie als Theologen sagen, nicht wortgetreu dem entspricht, was die Lehre der Kirche ist.
Manchmal passiert es auch, dass die Aussage eines Theologen zunächst verwirrend oder sonderbar klingt. Dies kann zum Beispiel sein, wenn ein Glaubenssatz in einem Zusammenhang betrachtet wird, in dem man ihn bislang noch gar nicht gesehen hatte. Hier sei als Beispiel der Limbus genannt. Mittlerweile vertritt man hier ganz offen eine andere Meinung als noch vor sechzig Jahren. Hier hat man feststellen müssen, dass die Theologen, die die heutige Auffassung schon früher vertreten haben, zu Unrecht verurteilt wurden. Ich persönlich habe keine großen Probleme mit neuen Äußerungen oder gewissen Neuformulierungen, wenn sie als Dienst an der Kirche zu verstehen sind. Wenn sie aber als Vorwurf gegen die Lehre der Kirche kommen, dann ist dies ein schlimmes Zeichen. Wenn man also die Jungfräulichkeit oder die leibliche Himmelfahrt Mariens negiert, ist das ein Angriff auf die kirchliche Lehre, weil gerade diese Wahrheiten schon seit der Urkirche zum Bestandteil der kirchlichen Lehre gehören.
Benjamin Greschner: Abschließend eine Frage zum Heiligen Rosenkranz. Papst Leo XIII. führte im Jahr 1884 den Oktober als Rosenkranzmonat ein. Warum ist es so wichtig, dass die Gläubigen regelmäßig den Rosenkranz beten?
Erzbischof Dr. Périsset: Man nennt den heiligen Rosenkranz auch „das Brevier der Gläubigen“. Wie also Ordensleute und Priester jeden Tag gewisse Gebete aus dem Brevier beten, so ist der Rosenkranz für die Gläubigen das einfachste Mittel, jeden Tag in Beziehung mit Christus zu treten. Doch was tut man, wenn man den Rosenkranz betet? Man betrachtet Christus.
Gerade deshalb ist mir persönlich das Rosenkranzgebet sehr wichtig. Oft hört man das Argument, dass man doch nicht immer dasselbe beten solle und sich nicht stets zu wiederholen brauche. Doch das stetige Wiederholen ist auch in anderen Dingen gar nicht unüblich. Sehen wir zum Beispiel auf die moderne Musik, wie sie heute überall läuft. Auch wenn sie für viele nur schwer anzunehmen ist, macht diese Musik eines sehr deutlich: sie beruht auf Wiederholungen. Man wiederholt immer wieder die gleichen Sätze.
Auch im kirchlichen Bereich kennt man noch an anderen Orten dies stetige Wiederholen von Sätzen und Wörtern. Schauen wir nur auf die Lieder von Taizé, die sowohl bei Protestanten als auch bei Katholiken mittlerweile sehr geschätzt sind. Somit ist die ständige Wiederholung des „Ave-Maria“ im Rosenkranzgebet die Grundlage, auf der man die Geheimnisse des Lebens und Leidens Christi betrachtet. Der Rosenkranz ist also, um es mit den Worten des hl. Ludwig Maria zu sagen, der „sicherste, schnellste und vollkommenste Weg zu Christus“. Für mich persönlich ist der Rosenkranz wirklich der beste Weg, Christus besser zu erkennen, um ihn mehr zu lieben und nachzuahmen.
Benjamin Greschner: Herzlichen Dank und Vergelt’s Gott für das interessante Gespräch, Exzellenz.
30. Oktober 2009, 07:00