Das Traurige wird böse

Bücher (Foto: Dr. Marcus Gossler)Moskau in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts: Berlioz, Chefredakteur einer Literaturzeitschrift und Vorstand einer angesehenen Literaturassoziation, und der Lyriker Iwan Ponyrew, genannt Besdomny, diskutieren über die Nichtexistenz Christi. Der Lyriker hatte soeben eine Auftragsarbeit, ein Gedicht über Pontius Pilatus, an den Kritiker abgeliefert. Ein Gedicht, mit dem der Kritiker überhaupt nicht einverstanden ist: Es klinge nämlich so, als habe es diesen Jesus tatsächlich gegeben. Da mischt sich ein Fremder in das Gespräch ein.

Der behauptet, er wisse genau, dass Jesus gelebt hat, denn er sei bei der Passion Christi zugegen gewesen. Auch ein Frühstück mit Kant sei ein kurzes Zwischenspiel seines nunmehr sehr langen Lebens gewesen. Dann verkündet er, Berlioz werde noch heute Abend der Kopf vom Rumpf getrennt. Offensichtlich haben es Berlioz und Besdomny mit einem Irren zu tun. Doch als Berlioz am gleichen Abend tatsächlich seinen Kopf verliert, ahnt Besdomny, dass der Unbekannte keineswegs verrückt ist. Er alarmiert die Miliz, doch sein nunmehr entrücktes Verhalten, hat allein die Einlieferung in eine Psychiatrie zur Folge – ihm glaubt kein Mensch.

Dort trifft er auf den Meister, welcher vor kurzem einen von ihm verfassten Roman über Pontius Pilatus wegen journalistischen Verisses verbrannt hat und sich in seiner sehr desolaten seelischen Verfassung auch von seiner großen Liebe, Margarita, getrennt hat. Während ihres Klinikaufenthaltes treibt der Teufel höchstpersönlich sein Unwesen in Moskau und verwandelt die ganze Stadt in eine Heimat des Chaos und der Verwüstung, ohne dass die Miliz dem ganzen mit Hilfe ihrer naturwissenschaftlichen Kategorisierungsversuche, wie dem Verdacht einer Massenhypnose, beizukommen vermag.

Das Romangeschehen verläuft auf drei Ebenen. Bulgakow schildert vordergründig, was der Schwarzkünstler Votan (Satan) in Moskau anrichtet. Mit seinen grotesken Zauberkunststücken deckt dieser jedoch auch die Habgier und die Heuchelei der Menschen im stalinistischen Regime auf. All jene, die Bekanntschaft mit Voland schließen, enden in der Psychiatrie. Nur eine nicht, Margarita. Margaritas Liebesgeschichte mit dem Meister bildet die zweite Ebene des Romans. In die Schilderungen des Moskauer Geschehens werden Kapitel aus dem Roman des Meisters eingestreut. Zentrales Thema des Romans ist die Passion Christi bzw. vor deren Hintergrund das Verhältnis zwischen Jesus und Pontius Pilatus. Diese dritte Ebene des Romans bildet auch das ihm eigene Zentrum.

Pilatus ist krank, in jeder Hinsicht unzufrieden und würde am liebsten Gift nehmen. Er hasst seinen Beruf und die Stadt, in der er waltet und verfügt. Den Menschen um ihn herum misstraut er zutiefst, das Volk und seine kleinlichen Begehren verachtet er. Das einzige Wesen, das er liebt, ist sein Hund. Jeschua (Jesus), ein zutiefst friedlicher und demütiger Mensch, spendet ihm in der ersten und einzigen Begegnung zunächst etwas Trost und Pilatus ist merkwürdig verführt von dem Gedanken, den Todgeweihten zu begnadigen. Irgendetwas in ihm ist berührt von diesem Jeschua, möchte ihn retten und seinen Worten Gehör schenken. Als er jedoch von Jeschuas Gedanken über die Staatsmacht hört, muss er das Todesurteil bestätigen. Danach verschlimmert sich sein ohnehin sehr angeschlagener geistiger Zustand nur noch mehr.

Das Gespräch zwischen dem Prokurator und dem Angeklagten dreht sich immer wieder um den „guten Menschen“. Denn nicht allein den Prokurator redet Jeschua verbotenerweise derart an, laut ihm sind alle Menschen, selbst seine Folterer und Verräter, gute Menschen.

Der zynische Pilatus kann es beim abfälligen Abtun der Idee nicht belassen und sucht mehrfach die Auseinandersetzung über diesen Punkt: Der Zenturio Rattenschlächter, der viele Menschen aufs grausamste gefoltert hat, diesen halte Jeschua wohl auch für einen guten Menschen? Und dieser entgegnet: „Ja, freilich ist er unglücklich. Seit gute Menschen ihn verunstaltet haben, ist er grausam und hartherzig geworden. Es wäre aufschlussreich, zu erfahren, wer ihn so entstellt hat. (…) Wenn ich mehr mit ihm sprechen könnte, so würde er sich total ändern, dessen bin ich gewiss.“ Jeschua beschreibt hier genau das, was zeitgleich zwischen ihm und Pilatus geschieht – der Misanthrop entdeckt ein kleines Stück seine Nähe zu und die Verantwortung für einen anderen. Böse Menschen, sagt Jeschua, gebe es für ihn nicht. Menschen handeln grausam und machen dadurch wieder andere grausam und hartherzig, deswegen seien sie aber nicht böse.

Im Roman taucht noch eine wichtige Figur auf, die die Idee der Grausamkeit aus Leiden auf eine ganz andere Art verdeutlicht. Die eigentliche Hauptfigur des Romans, der Meister, fügt seiner Lebensliebe Margarita durch seinen krankhaften Rückzug und seine tiefe depressive Empfindlichkeit den ihr größten möglichen Schmerz zu. In seinem Zustand ist er nicht mehr in der Lage die Beziehung mit der Frau aufrecht zu halten, die alles für ihn tun würde und so verlässt er sie. Er, der sie am meisten liebt, versetzt sie dadurch in einen Zustand tiefer Trauer und Hoffnungslosigkeit und wird so im Grunde zu ihrem größten Feind. Der Liebende ist der Geliebten in seiner hoffnungslosen Trauer am gefährlichsten.

Bulgakow leistet mit seinen Beschreibungen des „Bösen“, neben der harschen Kritik am Russland der 30er Jahre, sehr tiefgehende Eindrücke von dem Grausamen in all seinen Facetten: Dasjenige, welches unabsichtlich geschieht oder eines, welches der eigenen Intention geradezu diametral entgegenläuft. In allen Fällen jedoch, lehrt Jeschua hier, ist es nicht der Leidlose, welcher anderen Menschen Schaden zufügt.

[ Roja Anne Said ]

30. Oktober 2009, 11:43

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