Produktion „verheerender Pseudomoral“
Als einer der führenden Vertreter des deutschen Feuilletons und als Buchautor ist Dr. Alexander Kissler einem großen Leserkreis bekannt. Geboren im Jahre 1969, studierte er Medienwissenschaften, Germanistik und Geschichte. Zurzeit schreibt er für die „Süddeutschen Zeitung“, aber auch für politische Magazine wie „CICERO“ und „eigentümlich frei“. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören unter anderem „Der Deutsche Papst. Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und – als sein jüngstes Werk – „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“.
Martin Bürger: Im letzten Kapitel Ihres jüngsten Buches „Dummgeglotzt“ schlagen Sie vor, den eigenen Fernsehkonsum immer weiter zu halbieren, also kräftig einzuschränken. Gleich zu Beginn aber stellen Sie fest: „Ich mag das Fernsehen.“ Wie passt das zusammen?
Dr. Alexander Kissler: Die Ausgangssituation meiner Langzeitbeobachtung war tatsächlich genau jene: Ich mochte das Fernsehen, weil es zuverlässig ist und weil es Entspannung ermöglicht. Schnell aber merkte ich, dass ich das Fernsehen nur deshalb mögen konnte, weil ich es nicht ernst nahm. Sehr viele Formate sind jedoch darauf angelegt, ernst genommen zu werden – und sie nehmen sich selbst furchtbar ernst. Sie treten mit dem Anspruch auf, einen erklärenden Blick auf die tatsächliche Welt zu werfen. Dieser Anspruch aber wird immer seltener eingelöst. Das Fernsehen macht in der Regel Aussagen über sich selbst, nicht über die Welt. Die Welt bleibt geradezu systematisch ausgesperrt, sowohl in den angeblichen “Reality TV”-Formaten, aber auch in vielen Nachrichten- oder Magazinsendungen.
Martin Bürger: Gänzlich auf das Fernsehen zu verzichten halten Sie für nicht sinnvoll. Warum nicht?
Dr. Alexander Kissler: Ob wir nun selbst fernschauen oder nicht: Zunehmend gestaltet sich unser Denken fernsehförmig, unsere Politik fernsehförmig, kommunizieren wir miteinander auf eine fernsehkompatible Weise. Der Dauerglotzer wie der TV-Asket wird vertreten von Politikern, die ihre Politik nicht nur nach den Gesetzen des Fernsehens vermarkten, sondern auch Entscheidungen treffen, die der einfachen und zugleich hochkünstlichen Dramaturgie des Fernsehens gehorchen und darum Scheinlösungen für echte Probleme anbieten. Jeder Mann und jede Frau gerät außerdem täglich in Konflikte, die andere Beteiligte nach jenen Maßstäben ausagieren, die ihnen das Fernsehen vorsetzt – etwa gemäß den Kriterien Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Aggressivität und Geistesverachtung. Man will, so eine zentrale TV-Lehre, einfach immer “sein Ding durchziehen”. Solchermaßen bleibt der Diskurs, auf den eine Gesellschaft angewiesen ist, auf der Strecke. Und darum sollte jeder immer wieder mit Aug und Ohr selbst sich überzeugen, welche verheerende Pseudomoral im Fernsehen produziert wird.
Martin Bürger: Glauben Sie an einen Wechsel der Mentalität zumindest bei den Öffentlich-Rechtlichen, was den alleinseligmachenden Charakter der Quote angeht? Wie kann der einfache Zuschauer sich für mehr Qualität einsetzen?
Dr. Alexander Kissler: Gegen das Bemühen um ein möglichst großes Publikum ist nichts einzuwenden. Allerdings werden die Öffentlich-Rechtlichen nicht zu diesem Zweck derart fürstlich subventioniert, mit über sieben Milliarden Euro pro Jahr. Das Gleichgewicht zwischen populären und aufklärenden Formaten muss stimmen – und es stimmt momentan überhaupt nicht. Besonders im ZDF sind seit Beginn der Intendanz Schächter die Oberflächlichkeit und der Stumpfsinn in einem weit überproportionalen Maß präsent. Bei “Wetten dass” etwa riechen Kandidaten an verschwitzten Gummistiefeln oder verspeisen Stierhoden. Abends sind im Spielfilmprogramm Gewaltexezesse keine Seltenheit, und der politische Journalismus wurde durch Gefühlsmanagement ersetzt. Man denke nur an das “heute journal”, das zur “Sendung mit der Maus” für Erwachsene geworden ist. Wen all das stört, der kann sich mit einer gewissen Hartnäckigkeit an seinen Bundestagsabgeordneten wenden oder an die Mitglieder des ZDF-Fernsehrates. Auch die Kirchen sind in diesem Aufsichtsgremium präsent.
Martin Bürger: Viele Menschen, besonders Jugendliche und junge Erwachsene, verbringen mittlerweile mehr Zeit im Internet als vor dem Fernseher. Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile, vielleicht auch die Gefahren des Internets?
Dr. Alexander Kissler: Das Internet ist eine zweite Öffentlichkeit, die sich bisher sehr belebend auf die Debattenkultur ausgewirkt hat – unter jenen, die daran teilnehmen und die vermutlich nicht den größten Teil der User ausmachen. Wunderbar ist das Netz, um sich zu vernetzen, um Missstände offenzulegen, um Informationen zu überprüfen. Scharlatane und Kriminelle tummeln sich dort natürlich auch. Darum ist unerlässlich, für Kinder und Jugendliche das Angebot zu selektieren. Sonst drohen Abkapselung und Sucht.
Martin Bürger: „Diejenigen, die nicht an Benedikt XVI. und seinem Kurs in Glaubensfragen leiden, sind zu Pionieren des Katholischen im Internet geworden“, schrieb kürzlich Guido Horst von der Tagespost. Ähnlich, aber kritischer sieht es Ludwig Ring-Eiffel von der KNA. Was ist Ihrer Meinung nach von den katholischen Privatinitiativen im Netz zu halten – seien es einfache Blogs oder professionelle, aber eben nicht mit offiziellen kirchlichen Mitteln geförderte Nachrichtenportale?
Dr. Alexander Kissler: Gerade die katholische Öffentlichkeit hat sich bisher im Internet vitaler präsentiert, als es manch farb- und harmlose Bistumsveröffentlichung hätte vermuten lassen. Es zeigt sich, dass sich das Bekenntnis zu einem Glauben nicht delegieren lässt an die vermeintlichen Profis, die dafür bezahlt werden. Salopp formuliert: Die Kirche ist zu groß und zu bunt, als dass man sie den Funktionären überlassen sollte. Das Internet trägt zu dieser belebenden Differenzierung bei – sofern man es kritisch rezipiert, also Aussage und Gegenaussage abgleicht. Dazu ist das Medium geradezu prädestiniert.
Martin Bürger: Innerhalb der Kirche in Deutschland wurde in der Vergangenheit häufiger der Gedanke laut, unter der Aufsicht der DBK eine eigene Fernsehstation zu etablieren. Mittlerweile scheint das Projekt gestorben. Wäre die Investition in ein solches Medium Ihrer Meinung nach lohnenswert gewesen?
Dr. Alexander Kissler: Ein solcher Spartenkanal hätte vermutlich das traurige Schicksal der meisten Spartenkanäle geteilt: Sobald er etabliert ist, finden seine Themen im Hauptprogramm nicht mehr statt. Der “Theaterkanal” etwa des ZDF führte zum Ende der Theateraufzeichnung im ZDF. Ein katholischer Nischensender hätte vermutlich bedeutet, dass die übrigen Sender die Präsenz kirchlicher Themen rapide reduziert hätten. Kirche aber gehört ins Zentrum der Debatte, nicht an den Katzentisch.
Martin Bürger: Hiermit kommen wir zu unserem nächsten Thema: Angestoßen durch den Freiburger Kirchenrechtler Prof. Hartmut Zapp gibt es diesmal auch innerkirchlich eine Debatte über die Zukunftsfähigkeit des deutschen Kirchensteuersystems. Hat tatsächlich die Sterbeglocke geschlagen, wie Sie in der Süddeutschen Zeitung geschrieben haben?
Dr. Alexander Kissler: Die Entwicklung in der nächsten Instanz gilt es da abzuwarten. Gewiss aber hat schon heute die Art und Weise, wie in Deutschland die Steuer eingezogen und wie an diesen Einzug das Seelenheil geknüpft sein soll, an Plausibilität verloren. Und mit Rom steht der deutsche Usus sowieso nicht in Einklang. Es käme nun darauf an, sich zumindest prophylaktisch neue Formen der Finanzierung zu überlegen. Eine schrumpfende Kirche wird daran nicht vorbei kommen. Das bloße Beharren auf dem Status quo ist wenig keativ.
Martin Bürger: Papst und Literatur, Atheismus und Fernsehen – was erwartet uns als nächstes aus der Feder von Alexander Kissler?
Dr. Alexander Kissler: Fragen Sie mich das in einem halben Jahr noch einmal. Auf jeden Fall will ich mich eingehender mit dem Pontifikat Benedikts XVI. beschäftigen, das in seiner Bedeutung nicht immer zutreffend gewürdigt wird. Aber auch das eine oder andere säkulare Thema drängt an die Oberfläche. Ich lasse mich da selbst überraschen.
Martin Bürger: Wir sind schon gespannt… Herzlichen Dank für das Gespräch!
Foto: www.alexander-kissler.de
Umschlagbild: Gütersloher Verlagshaus
26. Oktober 2009, 15:31