Teil 2: Zu den Voraussetzungen eines positiven Ausgangs der Doktrinalgespräche mit der Priesterbruderschaft St. Pius X

Messe im alten UsusNachdem wir im ersten Teil unserer Überlegungen gesehen haben, daß der positive oder negative Ausgang der Doktrinalgespräche mit der Piusbruderschaft Auswirkungen haben wird, welche über die Bruderschaft hinausstrahlen und sich auf längere Sicht auch in der Pfarrkatechese auswirken wird, steht es nun an, darüber nachzudenken, wovon die Möglichkeit eines positiven Ausgangs denn im Einzelnen abhängt. Eine wichtige Maßnahme, welche im Übrigen bereits erfreulicherweise getroffen wurde ist, daß diese Gespräche sozusagen unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden.

Die Massenmedien, die Kommentare, welche von allen Seiten Druck auf die Diskutanten ausüben wollen, die persönlichen Wünsche und Befürchtungen mancher Theologen und Laienvertreter können den doch recht heiklen Gesprächen bei der Wahrheitsfindung, um die es zunächst geht, in nichts nützen, haben aber im Gegenteil sehr wohl ein hohes Zerstörungspotenzial in sich, wenn sie Einfluß auf die Gespräche gewinnen könnten. Deshalb tun alle beteiligten Gesprächspartner gut daran, sich in dieser Hinsicht so zu verhalten, als gäbe es nur die Diskutanten, den Heiligen Vater und den lieben Gott, vor welchem sie sich eines nahen Tages auch dafür rechtfertigen werden müssen, was sie in den jetzt bevorstehenden Gesprächen sagen und tun.

Optimal ist es, zuerst unter sich die einzelnen Dinge zu behandeln und einem Ergebnis zuzuführen, und dann erst der Öffentlichkeit das fertige Ergebnis vorzustellen. Deshalb wäre es das beste, sich gar nicht erst um verschiedene Erwartungen von außen und auch nicht um die verschiedenen Kommentare (auch nicht auf diesen hier) zu kümmern, sondern sich wirklich allein der zu diskutierenden und zu lösenden Materie zu widmen und dies ausschließlich vor dem Angesicht Gottes zu tun und nichts zu fürchten als allein das Urteil des Allmächtigen. Es geht in diesen Gesprächen um das aufrichtige Ringen um die eine, allgültige Wahrheit Gottes, nicht um das Bedienen einzelner Wünsche von außen.

Und genau damit sind wir auch schon bei einem zweiten Punkt angelangt, der für einen positiven Ausgang der Gespräche notwendig ist: es geht, und das ist notwenig und gut so, um doktrinelle Fragen. Daher geht es aber auch um Urteile wie „wahr“ und „nichtwahr“. Diese Gespräche, welche nun stattfinden werden, sind ob deren zu behandelnden Inhalte keine Verhandlungen. Man kann sich nicht auf Kompromisse einigen in diesen Gesprächen, darf keine Trickformulierungen suchen und sich auch nicht über eventuell bestehende Schwierigkeiten hinwegschwindeln. Dessen sind sich die Gesprächsbeteiligten und auch der Heilige Vater ganz gewiß bewußt. Daß die Gesprächsgruppe dabei sehr klein ist, kommt dieser Notwenigkeit und der Art der Gespräche sehr zugute. Das gilt nicht nur für diese konkreten Gespräche, sondern hat auch eine allgemeine Gültigkeit. Was zehn gute Theologen nicht lösen können, wird eine Gruppe von hundert Theologen noch viel weniger zufriedenstellend lösen können.

Es gilt ganz allgemein: je größer eine beratende Gruppe, desto mehr wird den Ergebnissen immer der Charakter eines im besten Falle mittelmäßigen Kompromisses anhaften. Eine kleine Gruppe zu haben ist hingegen sicher gut, da man sich so gegenseitig gewiß auch ergänzen und präzisieren kann, aber zu groß soll diese Gruppe dann eben doch nicht werden, weil dies die Qualität des Gesamtergebnisses stark negativ beeinträchtigt. Besser also ist es, wenn eine an sich kleine Kerngruppe, falls Bedarf bestehen sollte, zu einzelnen Fragen qualifizierte Personen konsultiert. Dieses Problem, zu welchem zu großen Gruppen führen, sehen wir etwa auch bei vielen anderen Gremien, Räten, sogar bei Bischofskonferenzen und synodalen Elementen. Die Qualität ist in den allermeisten Fällen beeinträchtigt, wo zu viele Menschen an einer Sache arbeiten, da es meist zu einem Kräfteringen wird und die eigentliche Sache etwas aus dem Blick gerät und der Gruppenpolitik zu Opfer fällt. Ein Erlangen der besten Lösung ist daher meist ausgeschlossen, und auch mangelt es nahezu immer an sprachlicher und inhaltlicher Präzision.

Und genau das ist die zweite wichtige Voraussetzung für die Möglichkeit eines guten Ausgangs der Gespräche: neben der absoluten und alleinigen Ausrichtung auf die Wahrheit Gottes ist es von maßgeblicher Wichtigkeit, eine große Aufmerksamkeit bei den Gesprächen auf eine höchstmögliche theologische, inhaltliche und sprachliche Präzision zu legen. Gerade ein Mangel an Präzision hat ja letztlich erst zu vielen Problemen geführt, welche sich im Zeitenlauf als verheerend für den Glauben der Menschen herausgestellt haben. Diese Fehler dürfen jetzt nicht wiederholt werden, im Gegenteil, gerade solche Fehler müssen nun ausgemerzt werden.

Dazu ist es nötig, daß alle Beteiligten mit einer großen Unvoreingenommenheit, Objektivität und theologischen Aufrichtigkeit an die zur Besprechung stehenden Themen, welche im Wesentlichen auf Texten des zweiten Vatikanischen Konzils aufbauen, herangehen. Eine Verdammung der Texte im Gesamten wäre ungerechtfertigt und ebenso wenig zielführend wie eine Generaldogmatisierung derselben. Viele Mißstände sind auf Grund einer unsauberen Interpretation mancher Konzilstexte entstanden, was aber erst, das muß man auch zugeben, erst durch eine mangelnde Eindeutigkeit in der Sprache der Konzilsdokumente möglich wurde. Freilich, auch eindeutige Stellen wurden einfach ignoriert und man tat vielfach, akzeptierter Weise, anderes als das letzte Konzil sagte. Aber in diesen Fällen kann man sich zumindest nicht auf das zweite Vatikanum berufen. Dort, wo die Texte des zweiten Vatikanums jedoch zweideutig und prinzipiell interpretabel sind, geschah es oft, daß man diese falsch und gegen den vorgegebenen hermeneutischen Schlüssen interpretierte, und sich dann anschließend in den falschen Konsequenzen und Lehren auf das zweite Vatikanum berief, dem man zuvor noch durch illegitime Interpretationen Gewalt angetan hatte.

Daß es im letzten Konzil vielleicht tatsächlich den einen oder anderen Mangel gibt, sei es sprachlicher und stilistischer Natur, sei es vielleicht auch an manchen Stellen inhaltlicher oder argumentativer Art, oder aber daß manche Stellen im Konzil nicht zu den erhofften Effekten, sondern zu deren unerwünschten Gegenteil führten, ist eine unbestreitbare und objektive Tatsache, die es auch anzuerkennen gilt. Damit reiht sich das zweite Vatikanum jedoch nur allzu ausnahmslos in die lange Reihe der ihm vorangegangenen zwanzig Universalkonzilien ein! In allen Konzilien lassen sich Dinge finden, welche heute gewiß nicht mehr so gesagt würden bzw. heute keine Geltung mehr haben. Es wäre das erste Konzil der Kirchengeschichte gewesen, welches im Nachhinein keine Mängel oder Fehler aufweist. Diese Tatsache macht es aber noch lange zu keinem Konzil, welches deshalb wertlos wäre! Es gilt, die Fehler und Mängel auszumachen und einer Korrektur zu unterziehen. Dies bedeutet gewiß keine Neuschreibung des Konzils, oftmals genügt eine lehramtliche Feststellung und Präzisierung mit verbindlichen Interpretationsvorgaben, wie dies im Übrigen auch schon mehrfach geschehen ist.

Eine Diskussion und eventuelle Klärung muß sich also auf die je einzelnen Konzilsaussagen beziehen, wobei eine Hinterfragung und Kritik an der einen oder anderen Stelle jedoch nicht als eine Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils gewertet werden darf, da eine solche absolut absurd wäre. Es kann nicht um eine Umschreibung oder Neuschreibung des letzten Konzils gehen, sondern einzig um eine teilweise wirklich auch notwendige Präzisierung und verbindliche Interpretation und eventuell auch um eine Art Korrektur einzelner Aussagen, wobei diese sehr präzise sein müssen, um nicht denselben Fehler, den sie eigentlich beheben wollen, erneut selbst zu begehen.

Um diese Präzisierungen aber erfolgreich leisten zu können scheint auch ein dritter Punkt, neben der absoluten Ausrichtung auf die göttliche Wahrheit und die hohe theologische und sprachliche Präzision notwendig, welcher zwar an sich auch in den zweiten Punkt genommen werden könnte, aber doch so zentral ist, daß er zumindest kurz eigens erwähnt werden sollte: die Beachtung der theologischen Gewißheitsgrade.
Das Modell der „Hierarchie der Wahrheiten“ ist entgegen der Behauptung mancher nicht dasselbe, da dieses Modell Wahrem eine unterschiedliche Gewichtung gibt und zwischen „Wichtigerem“ und „Unwichtigerem“ unterscheidet, und in Konsequenz oft Wahres zur Disposition gemäß den Umständen und Wünschen stellt. Das ist jedoch nicht redlich und schadet auch der Lehre im Gesamt, da durch dieses Modell das Lehrgebäude im gesamten wackelig und instabil wird. Der Bezugspunkt, an dem sich die Wichtigkeit mißt, ist sehr oft eher auf Weltliches oder Kirchenpolitisches gerichtet, und Wahrsein wird indirekt dadurch oftmals relativiert.

Das Modell der theologischen Gewißheitsgrade hingegen setzt an einem anderen Punkt an: es teilt nicht die Etiketten unwichtig, wichtig, wichtiger, am Wichtigsten zu, sondern setzt bei der Quelle der jeweiligen theologischen Erkenntnis an: ob etwas der direkten Offenbarung Gottes entspringt, eine direkte Schlußfolgerung aus göttlichen Offenbarungen ist, eine hohe theologische Wahrscheinlichkeit hat, eine theologische Hypothese ist, eine akzeptierte Theologenmeinung etc etc. Und gemäß dieser Einteilung geoffenbart – sicher wahr – wahrscheinlich – möglich – akzeptiert usw. werden auch die weiteren Schlußfolgerungen gezogen, wodurch die einzelnen Aussagen das ihnen jeweils zustehende Gewicht bekommen. Geoffenbartes etwa steht nicht zur Debatte und muß unbedingt und abstrichlos in alle weiteren Überlegungen mit einbezogen werden, während eine bloße fromme Ansicht, auch wenn sie berechtigt ist, viel weniger Einfluß auf eine theologische Schlußfolgerung nehmen kann. Deshalb bleibt auch viel eher das Gleichgewicht der Lehre und auch der Lehrentwicklung gewahrt und Gott der Bezugspunkt, das Ergebnis ist präziser und unverfälschter.

Dies wären also drei wesentliche Punkte, an welchen ein positiver Ausgang der anstehenden Doktrinalgespräche gehangen ist: kompromißlose Ausrichtung aller an der einen Wahrheit Gottes, eine hohe theologische und sprachliche Präzision, und damit zusammenhängend, die Beachtung der theologischen Gewißheitsgrade. Wenn man sich darauf einigen kann, ist der positive Ausgang halb vollbracht, der doch so wichtig wäre, und das nicht nur für die Piusbruderschaft, sondern auch für die Seelsorge und die unverkürzte Lehrverkündigung auf allen Ebenen.

Diese drei Dinge haben eine allgemeine Geltung, sie beziehen sich nicht ausschließlich auf diese anstehenden Gespräche. Aber ein Punkt ist doch noch zu erwähnen, welcher sich eben auf genau diese bezieht, und an welchem ein positiver Ausgang wirklich scheitern könnte: Eine wirklich große Gefahr sehe ich in einem „psychologischen Grund“; in einem vielleicht nachvollziehbaren, aber dennoch unberechtigten Mißtrauen, in einem gegenseitigen Nachtragen vergangener Fehler. Bei diesen Gesprächen ist es wirklich notwendig, sich auf die gegenwärtigen Probleme und die künftigen Früchte aus diesen Gesprächen zu beziehen, die Fehler der Vergangenheit, so groß sie auch gewesen sein mögen wie etwa die geplatzten Verhandlungen und die darauf erfolgten unerlaubten Bischofsweihen von 1988, die manchmal unerhörte Sprache in der Kritik an der Hierarchie, die vielfache Mißgunst und Unwille zur Anhörung und Aussöhnung von Seiten einiger Theologen, Priester, Bischöfe, persönliche Konflikte und getrübte persönliche Verhältnisse, in der Vergangenheit gefallene Falschaussagen und Unterstellungen, Fehlverhalten sämtlicher Art, all diese Dinge sollen bei den Doktrinalgesprächen ausgeschlossen bleiben.

Es soll bei diesen allein um objektive Theologie, um lehrmäßige Klarstellungen (und dann anschließend um kirchenrechtliche Details) gehen, nur um theologische Sachfragen, nicht um ein gegenseitiges Aufwiegen von wirklichen oder vermeintlichen Fehlern. Diese sollen ja gerade überwunden werden, und deshalb ist es unsinnig, die Rechnung zu stellen. Die Piusbruderschaft soll dem Heiligen Stuhl wirklich vertrauen, und der Heilige Stuhl sollte dieser einen wirklichen Neustart ermöglichen, welchen die Bruderschaft ihrerseits aber auch wirklich nutzen soll, indem sie das entsprechende Verhalten zeigt.

Das, was für alle auf dem Spiel steht, ist viel zu kostbar als daß es durch persönliche Empfindlichkeiten gefährdet werden dürfte. Deshalb ist eine strikte Beschränkung auf Theologie notwendig- jene eine und einzige Wahrheit, welche keiner je in der Hand haben, sondern nur aus Gottes Hand empfangen kann, stets verbunden mit strengem Auftrag zur treuen Verwaltung.

[ Mag. Michael Gurtner ]

23. Oktober 2009, 08:21

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