Blickpunkt: Wenn ein Dandy Johannes den Täufer mit einer femme fatale zusammenbringt

Oscar WildeIn Oscar Wildes Tragödie in einem Akt, Salome, aus dem Jahre 1891, inszeniert der Schriftsteller die den Tod bringende Begegnung zwischen Salome und Johannes dem Täufer. Die älteste Beschreibung des Todes Johannes des Täufers findet sich im Markus Evangelium (6,17-29), eine knappere, zweite steht bei Matthäus (14,3-12). In Wildes symbolistischem Bühnenwerk ist es jedoch Salome, die im Mittelpunkt des Geschehens steht und so verändert Wilde den Gang der Handlung in einem wichtigen Punkt. Bei Wilde ist es Salome, die, statt ihrer Mutter Herodias, den Kopf Johannes des Täufers fordert.

Die Figur der Salome ist in all ihrer Ambivalenz außerordentlich spannend gezeichnet: Überraschenderweise entspricht sie dem Typus der Unberührbaren, einer Fanatikerin jungfräulicher Reinheit, die jeden am liebsten töten würde, der sich ihr auch nur mit Blicken nähert. Frau sein, bedeutet für die Salome Wildes, sich Männern hingeben, wie sie es von ihrer Mutter beigebracht bekam; bedeutet Objekt der Begierde zu sein, ohne eine Möglichkeit sich davon abgrenzen zu können. Doch davon will sie nichts wissen und so identifiziert sie sich mit dem Mond, den sie mit Kühle und Reinheit assoziiert. Das Begehren des Herodes, des Gatten ihrer Mutter Herodias, ist ihr unerträglich.

Salome verlässt das rauschende Fest und flüchtet sich auf die Terrasse, wendet sich ab von Rausch, Künstlichkeit, Falschheit und Grobheit. Sie flüchtet, da sie zerrissen ist: Sie weiß recht wohl, was die Blicke des Tetrarchen auf ihr zu bedeuten haben und gäbe einiges dafür, nie `vom Baum der Erkenntnis gekostet zu haben´. Alle Initiation wird als gelebte Zerrissenheit erfahren.

Eigentlich nämlich sehnt sich diese Kindfrau nach dem idealen Geliebten, nach keuschem Gefühl und aufrichtiger Akzeptanz, was sie so sehr zu dem Heiligen Jochanaan treibt. Doch dieser will mit der `Tochter Babylons´ nichts zu tun haben und verschließt seine Augen, um sich vor ihrem verführerischen Anblick zu schützen. Salome treibt sich eigenhändig ins Verderben, indem sie genau den einen Mann wählt, der sie per definitionem ablehnen muss. Denn die Wollust strömt Salome aus allen Poren; in allem, was sie sagt und wie sie handelt, präsentiert sich der Hof des Herodes als Ort des Rausches und der Sinne. Salome kann ihre Herkunft nicht abwerfen, nicht übersteigen, wozu sie gemacht wurde, nämlich zu einem Mittel der Verführung und Manipulation.

Sie verabscheut ihre Mutter aufgrund exakt dieser Eigenschaften und fühlt sich so hingezogen zu Jochanaan, da dieser die Negation ihrer nächsten Umgebung verkörpert und über ihre Mutter ausspricht, was sie nicht zu denken wagt. Salomes Besessenheit verdeutlicht sich in ihren ausschweifenden Wortarien, in denen sie Jochanaans Vorzüge preist. Sie hofft durch ihn und mit ihm flüchten zu können und sich zu steigern, doch ist daran realistisch nicht zu denken.

Salome benötigt den keuschen Jochanaan als Erlösung, doch empfiehlt dieser ihr: „Tochter Sodoms, komm mir nicht nahe! Vielmehr bedecke dein Gesicht mit einem Schleier und streue Asche auf deinen Kopf und mach dich auf in die Wüste und suche des Menschen Sohn.“ Doch derartige Verhaltensweisen hat Salome nie erlernt und so wählt sie ihren, anderen Weg, um sich Jochanaan zu nähern: Wieder setzt sie ihre Sinnlichkeit im Tanze ein, um von Herodes zu erlangen, was er ihr bei klarem Verstand nie geben würde – den Kopf des Täufers. Mit dem Versprechen einen Wunsch, gleich welchem frei zu haben, willigt sie ein, noch einmal zur Tochter Herodias zu werden, indem sie vor Herodes tanzt. Ein letztes Mal tanzt sie nur `für´ Jochanaan, um ihn, wenn schon nicht lebendig, so zumindest enthauptet zu besitzen und seinen Mund küssen zu können. Noch bevor sie von den Soldaten des Herodes auf dessen Geheiß hin zermalmt wird, besiegelt dieser Kuss die unfruchtbare Beziehung schlechthin.

Für alle, die die Tragödie noch nicht kennen, empfiehlt sich diese sehr lesenswerte und atmosphärisch dichte, alternative Beleuchtung auf den Soff und die Protagonisten.

[ Roja Anne Said ]

29. September 2009, 14:27

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