Heute schon bedankt für Ihr Nest im Glauben?

WolkenWie verhalten sich göttliche Allmacht und menschliche Freiheit zueinander? Das ist eine der zentralen Fragen aller monotheistischen Religionen. Und sie führt auf eine Problematik hin, an der viele Menschen scheitern: Das Theodizee–Problem. Es gibt zwei Grundsätze, die sich für das Empfinden oder die rationalen Kräfte vieler Menschen ausschließen: Gott ist allmächtig und der liebende Gott schafft freie Menschen. Geht man davon aus, dass Gott den freien Menschen will, hat man nur die erste Hürde von vielen genommen.

„Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind; denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei. Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“ (Römer 8,29–30)

Nach welchen Kriterien bestimmt Gott voraus? Gestaltet er die Vorausbestimmten mit all ihren positiven Anlagen und den daraus erfolgenden Taten oder erwählt er sie, da sie das Richtige aus eigenem Antrieb tun werden? Oder auch das Falsche, wie es der Sündenfall Genesis am eindeutigsten markiert. Die er berufen hat, hat er gerecht gemacht. Was bedeutet das genau? Spielt die Barmherzigkeit vielleicht eine größere Rolle als die Gerechtigkeit Gottes? Geht es vielleicht so: Gott erkennt, wer ihn aus freien Stücken lieben wird und die beruft er?

Aber das Lieben ist doch auch ein Stück weit Gnadengeschenk? Also wieder ein a priori Privileg. Haben alle Menschen die gleiche Liebesfähigkeit? Gibt es unseren Begriff der Freiheit hier überhaupt? Denn, die die ihn lieben, tun es ja, weil sie schon nach seinem ewigen Plan berufen sind: Was hast du aber, was du nicht empfangen hast? (1 Kor 4,7) Wir finden in der Bibel oft die Aufforderung: Bekehrt euch! Das wiederum setzt voraus, dass es möglich sein muss sich zu bekehren. Kant formuliert, wenn auch nicht in diesem Zusammenhang, zumindest eine Lösung auf der logischen Ebene: Ich kann, weil ich will, was ich muss. Wie das Ganze praktisch aussieht, ist damit jedoch nicht geklärt.

Was ist beispielsweise mit den zahlreichen Menschen, die glauben möchten, es jedoch gerade in der Beschäftigung mit solcherlei Fragen nicht können und daran verzweifeln oder gar zugrunde gehen? Oder anders ausgedrückt, denen die einfach nicht erkennen, wie sie ihren Weg zum Glauben betreten können? Glauben wird von den Kirchenvätern als Frucht aber auch als Samen des Glaubens beschrieben, gleichzeitig ist er auch ein Gnadengeschenk. Das bedeutet einerseits, dass es einer klaren Entscheidung bedarf, die Ja sagt zum Glauben und alle Handlungen entsprechend ausrichtet.

Und diese Handlungen befruchten die Glaubensstärke wiederum mehr und mehr und verfestigen den Menschen immer tiefer in den Glaubensboden. Trotz aller Eigeninitiative und des Willens, den es bedarf ein gläubiges Leben – inklusive aller Wüstengänge gesäumt von Zweifeln und Ängsten – zu führen, lässt es sich jedoch nicht leugnen, dass es Menschen gibt, die dieses gezogen-sein zu Gott nicht ausreichend verspüren oder es noch viel häufiger nicht zuordnen können. Menschen, die auf ihrer von der Gesellschaft forcierten Flucht vor Gott nicht mehr den Rückweg finden, gleichzeitig jedoch dringlich spüren, dass sie auf Abwegen sind. Ihnen scheint der Weg zum naiven Vertrauen in Gott versperrt.

Glauben als Gnadengeschenk aber ist so dringend wie das Brot, das uns nährt. Einige Menschen müssen weitaus mehr tun als andere, um eine spürbare Beziehung zu Gott aufzubauen. Vielleicht liegt es daran, dass sie eine solche Form des bedingungslosen Vertrauens erst spät erlernen müssen – ihre Startchancen waren schlechter und durch ihr gesellschaftliches Umfeld sind sie geblendet von Ablenkungen aller Art und sehen nicht, was ihnen in ihrem Herzen direkt vor Augen liegt.

Der Mensch steht hier vor dem Geheimnis, das Gott zum eigentlichen `Gegenstand´ hat, welcher jedoch nie verstandener Gegenstand theologischer Reflexionen werden kann und darf. Die Ebenen göttlichen und menschlichen Handelns lassen sich nicht miteinander verrechnen. Auch die moderne Physik zeigt, dass wir uns an der naiven menschlichen Logik von Ursache und Wirkung und ihrem Raum- und Zeitbegriff aufreiben. Das zu begreifen ist die Voraussetzung für eine lebenslange Beziehung zu Gott, an deren Ende uns die Offenbarung winkt: Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen (Joh 8,32). Und bis zu dieser Zeit müssen wir tief dankbar sein, wenn wir glauben können, denn der Halt und die Geborgenheit, die es einem jeden gibt, sind mit nichts auf der Welt zu verrechnen.

Deutlich wird das leider oftmals erst, wenn man Menschen sieht, die in den weltlichen Mühlen zerrieben werden und deren tiefe Sehnsucht nach Gott sich auf diffusen, oft kontraproduktiven Wegen auch für sie im Verborgenen abzeichnet.

[ Roja Anne Said ]

29. Juni 2009, 14:17

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