Keine Wahl ist keine Wahl

kampagnenlogo_0809305.jpg Berlin (kathnews). Am kommenden Sonntag stimmen die Berliner Bürger über die Relevanz des Religionsunterrichts ab. Ein sehr emotions- und ideologiebeladenes Thema – vor allem, wenn man sich anschaut, mit welchen Mitteln der regierende Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD) versucht hat, die Abstimmung zu schikanieren. Die linke Regierungskoalition möchte den Status-Quo erhalten: Religions- unterricht als bloßes Scheinschulfach, nicht versetzungsrelevant und ersetzt durch das weltanschauungsneutrale Fach Ethik.

Das Europa auf eine fast 1500-jährige christliche Tradition baut, scheinen die Berliner Linken nicht in der Schule gelernt zu haben. Bundestagspräsident Thierse, ein Befürworte der „Pro Reli“- Initiative sagte zurecht, der Ethikunterricht kongruiere mit dem “staatlich verordneten Weltanschauungsunterricht [der DDR]“.

Was möchte die Initiative für den Religionsunterricht erreichen? „Pro-Reli“ fordert, dass die Schüler zwischen Ethik, evangelischer, katholischer, islamischer und jüdischer Religion oder Weltanschauungsunterricht frei wählen können. „Ein Zwangsfach Ethik für alle bedeutet Bevormundung.“, schreibt das Programm. Es kritisiert also nicht den Ethikunterricht an sich, sondern verlangt ein breiteres Angebot, das der multikulturellen Vielfalt und so jedem einzelnen gerecht wird.
Die Berliner Politik hat den Religionsunterricht zum Scheinschulfach degradiert. Die derzeitige Regelung sieht vor, dass die Schülerinnen und Schüler den Religionsunterricht, der nicht benotet und nicht versetzungsrelevant ist, freiwillig belegen können. Das ist ungefähr so, als wenn eine Schule ihren Schülerinnen und Schülern freistellen würde, Hausaufgaben zu machen. Insofern ist es schon fast zynisch, wenn es aus der Berliner Regierungskoalition verlautet, die Wahl zwischen Ethik oder Religion würde das Angebot einschränken, da dann ja die „Entweder-oder-Devise“ gelte. Keine Wahl ist auch eine Wahl? Das kennen wir aus ganz anderen Zeiten.

Wir sollten wissen: Nicht um die Relevanz des Glaubens in der Gesellschaft, nicht um die Interessen der Eltern, sondern um die Schülerinnen und Schüler, um das Recht der Kinder geht es. Sie sollen spüren können, dass sie um ihrer selbst willen akzeptiert werden. Dass sie nicht Problemfälle mit mangelnder Pisa-Leistung oder fehlender Disziplin sind, sondern als freie Personen mit all ihren Stärken und Schwächen respektiert und gewürdigt werden. Und das tut Religion. Aber Religion lässt sich nicht allein durch die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Glaubenssätzen, Dogmen und Grundthesen kennenlernen – ist also nicht nur bloße Wissensvermittlung. Man muss Religion erfahren und zwar von innen, zusammen beten, Rituale verstehen, Religion aktiv nachvollziehen. Ethikunterricht kann das nicht. Ethikunterricht bleibt abstrakt. Ethikunterricht ist eben weltanschaulich neutral.

Gläubige Religionslehrer können immanente Erfahrungen vermitteln, zu Selbstbewusstsein, zur Nächstenliebe, zur Wertschätzung des Lebens und der Schöpfung erziehen. Gleichfalls ermöglichen sie sich kritisch mit dem eigenen Glauben auseinanderzusetzen. Die Schüler müssen den Glauben in ihrer Komplexität kennengelernt haben, um zu sinnvoller Kritik fähig zu sein und sich gegebenenfalls davon lösen zu können. Dem religiösen Fundamentalismus wäre der Wind aus den Segeln genommen. Warum sollte das aufgeklärte Berlin sich diese Chance entgehen lassen?

Doch noch viel wichtiger ist, dass erst Religionsunterricht dazu befähigt auf Augenhöhe mit Andersgläubigen zu diskutieren. Man könnte sagen: Religionsunterricht oder die Erfahrung der eigenen Religion ist die Voraussetzung für Integration und dialogisches Verhalten. Wie soll ich sonst den anderen in seiner Glaubensempathie verstehen? Wenn ich meinen eigenen Glauben, meine eigene Kultur nicht kenne, oder auch nur oberflächlich, wird ein fruchtbares Miteinander schwierig. Wer aber seinen Glauben kennt, die Reflexion dessen gelernt hat und Rechenschaft ablegen kann, ist auch dazu befähigt, andere Positionen zu verstehen und tolerante Beziehungen aufzubauen. In diesem Sinn bildet der Religionsunterricht das Urteilsvermögen aus und hat so Anteil am Bildungsauftrag der Schule.

Wenn der Staat zu Werten erziehen möchte, muss er die Weltanschauung und den religiösen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler ernst nehmen. Das heißt, er muss für Atheisten nicht-konfessionellen Ethikunterricht anbieten, für Protestanten evangelischen, für Juden jüdischen, für Muslime islamischen, für Katholiken katholischen Unterricht. Das wäre Vielfalt. Ansonsten stilisiert er seinen Weg zu einem Weg mit ideologischer Komponente, der sich über die Religion der anderen stellt. Schließlich beansprucht der Ethikunterricht ebenso einen Wahrheitsanspruch, nämlich dass alle Religionen gleichberechtigt seien bzw. keine in sich die alleinige Wahrheit beanspruchen kann.

Erst wenn die Kinder und Jugendlichen sich in ihrer eigenen religiösen Welt zurecht finden können, macht ein gemeinsames Unterrichten Sinn. So können sich die „Pro-Reli“-Anhänger vorstellen, dass die Schüler und Schülerinnen erst einige Monate lang in ihren jeweiligen Religionen unterrichtet würden und sie sich dann für einen Monat zu gemeinsamem Lernen und Diskutieren treffen. Und das soll kulturelle Segregation sein? Ohne seine eigenen traditionellen und religiösen Grundlagen begriffen zu haben, ist ein gegenseitiges kulturelles Befruchten im Fach Ethik illusorisch, vor allem bei noch religionsunmündigen Kindern!

Der Regierungschef Berlins handelt wie ein Lobbyist der Humanistischen Union. Dass besonders in der Berliner Koalition die Diskussion um „Pro-Reli“ sehr ideologisch geführt wird, zeigte sich jüngst bei der Verschiebung des Abstimmungstermins pro oder contra Religionsunterricht. Bündnis90/die Grünen, die FDP und CDU waren empört. Und zu Recht.
Wowereit hat sich gegen die Ziele der Initiative bekannt und will nicht, dass die Berliner anders entscheiden, als er denkt und versucht den Status-Quo mit allen Mitteln der Taktiererei zu erhalten. Ersteres ist OK, letzteres in einer Demokratie höchst fragwürdig, da es die Fähigkeiten der Demokratie beschneidet.

In einem Volksbegehren mit außergewöhnlich hoher Beteiligung haben die Verfechter von „Pro Reli“ durchgesetzt, dass die Berliner in einem offiziellen Volksentscheid über die heikle Angelegenheit abstimmen dürfen. Um die Chancen der „Pro-Reli“- Befürworter zu verringern, hat Wowereit ein ebenso taktisch wie teures Manöver durchgesetzt. Er hat vereitelt, dass die Abstimmung pro oder contra Reli am 7. Juni stattfindet, wenn die Berliner ohnehin – wie alle deutschen Wahlberechtigten – zur Europawahl aufgerufen sind. Sie könnten dann im selben Wahllokal am selben Sonntag über das Europaparlament und über den Stellenwert des Religionsunterrichts abstimmen.

Das wäre praktisch für die Bürger, Kosten sparend für das bankrotte Berlin. Doch Wowereit weiß genau, dass bei einem Einzeltermin das notwendige Quorum von 610 000 Teilnehmern – diese Zahl wird benötigt, damit der Volksentscheid überhaupt gültig ist – nur schwer erreicht werden kann und so „Pro-Reli“ quasi zum Scheitern verurteilt ist. Da sind auch 1,4 Millionen Euro Steuergelder egal. Hauptsache, der Ethikunterricht bleibt.

Betrachtet man also das Problem also von einer objektiveren Warte, so wird deutlich, dass Religionsunterricht auch jenseits aller Ideologie Ziele erreichen kann, die für jede Gesellschaft durchaus wünschenswert sind und der die gegenwärtige Situation ideologischer Streitigkeiten nur entgegenwirkt und überwunden werden sollte.

[ Franz Jakob Schipp ]

23. April 2009, 09:15

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