Vertrauen auf Heiligen Geist nicht verwerflich
Crashkurs über II. Vatikanisches Konzil und die Piusbruderschaft.
Frankfurt (kathnews/lüt). Die Aufhebung der Exkommunikation von drei Bischöfen der traditionalistischen Piusbruderschaft – darunter der Holocaust-Leugner Williamson – führte Anfang des Jahres zu heftigen Debatten. Kritiker werfen Papst Benedikt XVI. vor, mit seiner Versöhnungsgeste den Weg der Erneuerung und Modernisierung zu relativieren, den die Katholische Kirche vor mehr als 40 Jahren mit dem II. Vatikanischen Konzil (1963-1965) eingeschlagen hat. Dabei ist der Kenntnisstand über Inhalte und Verlauf des Konzils selbst unter Gläubigen oft nur oberflächlich. Der „Frankfurter Domkreis Kirche und Wissenschaft“ lud am Montag (20.4.) zum „Crashkurs Konzil“, der grundlegende Informationen zum II. Vatikanischen Konzil lieferte.
„Nach der großen Aufregung ist jetzt die Zeit, sich neu mit den tatsächlichen Inhalten des Konzils zu beschäftigen“, begrüßte Moderator Klaus Hofmeister (Hessischer Rundfunk) die Zuhörer im vollbesetzten Saal des Haus am Dom in Frankfurt. Auf dem Podium sprachen der Dogmatiker Prof. em. Wolfgang Beinert (Regensburg), der Frankfurter Kirchenhistoriker Prof. Claus Arnold (Goethe-Universität), der Kirchenrechtler Prof. Ulrich Rhode von der Jesuitenhochschule Sankt Georgen und der Journalist Daniel Deckers (beide Frankfurt).
„Von einem Amtsmissbrauch des Papstes kann keine Rede sein“, hielt Prof. Ulrich Rhode zu Beginn fest. Benedikt XVI. stehe mit der Aufhebung der Exkommunikation eindeutig auf dem Boden des Kirchenrechts. Die drei Bischöfe seien auch weiterhin von der Ausübung ihres Amtes in der Katholischen Kirche suspendiert. „Kirchliche Strafen dienen dazu, den mit Strafe belegten zur Änderung seiner Situation zu bewegen. Sie sind immer nur geistlicher Natur und können weltliche Strafen nicht ersetzen“, so Rhode weiter. Ein kirchliches Verbot der Holocaust-Leugnung sei daher ein unwirksames Mittel: „Wer einem weltlichen Gesetz nicht entspricht, wird sich auch von einem kirchlichen nicht schrecken lassen.“ Die Frage, ob sich die Piusbruderschaft auf den Papst und die Kirche doch noch zu bewegt, muss derzeit unbeantwortet bleiben: „Ich halte es nach menschlichem Ermessen für unwahrscheinlich, dass die Piusbruderschaft geschlossen das II. Vatikanische Konzil anerkennt und zur Einheit mit dem Papst zurückfindet“, zeigt sich Prof. Rhode skeptisch. Der Weg der Versöhnung, den der Papst geht, sei deswegen aber keinesfalls abzulehnen. „Der Heilige Vater vertraut vielleicht für Einige zu übertrieben auf den Heiligen Geist, aber auf den Heiligen Geist zu vertrauen, ist nicht verwerflich.“
Für Prof. Wolfgang Beinert, Dogmatiker der Universität Regensburg, verhindert die fundamentalistische Prägung der Piusbrüder eine positive Antwort auf die Bemühungen des Heiligen Vaters und eine Anerkennung des Konzils: „Die psychologische Grundhaltung des Fundamentalisten ist die Angst vor Veränderung. Der Fundamentalismus lässt nur einen einzigen verbindlichen Ausdruck des Glaubens zu.“ Diese Position habe das II. Vatikanische Konzil nicht mehr geteilt. Es genieße eine Sonderstellung in der Geschichte der Kirchenversammlungen, da es einberufen worden sei, um über die Kirche selbst nachzudenken: „Das Konzil wollte verbindlich entfalten, was die Kirche ist. Das hatte es in dieser Form vorher noch nicht gegeben.“ Der von den Piusbrüdern vertretene Ansatz, das II. Vatikanische Konzil sei nicht dogmatisch, sondern einzig pastoral ausgerichtet gewesen und daher nicht für die Zugehörigkeit zur Kirche entscheidend, trage nicht. Alles Handeln der Kirche sei im Letzten pastoral – auch die dogmatische Lehre. Die Konzilsväter wollten laut Beinert „dem Ursprung der Kirche durch eine neue Betrachtung der Lehre der Apostel- und Kirchenväter Zukunft geben“. Der Traditionsbegriff der Piusbruderschaft hingegen beginne erst bei der Scholastik und sei daher verkürzt.
Prof. Arnold betonte, dass man trotz vorhandener Mängel und Widersprüche in den Beschlüssen, das Konzil nicht auseinanderpflücken könne. Diese Auffälligkeiten seien dem Bestreben geschuldet, die unterschiedlichen Positionen der rund 2.500 Bischöfe, die am Konzil teilnahmen, zu vereinen. Schließlich habe auch Erzbischof Lefebvre, Gründer der Piusbruderschaft, das Konzil zunächst im Ergebnis mitgetragen und unterschrieben. Erst später sei er dann aus diesem Konsens ausgestiegen und habe sich mit seinen Anhängern abgespalten. Das Zugehen des Papstes auf die Piusbruderschaft bringe die Existenz dieser „Bad Church“ („Schlechte Kirche“) wieder ins Bewusstsein und provoziere dazu, den „Streitfall Konzil“ wieder aufzunehmen. Dennoch: „Das Konzil bildet trotz einiger Widersprüche den mehrheitlichen Willen der Bischöfe ab.“
Trotz der großen Bedeutung sei es dennoch an der Zeit, das II. Vatikanische Konzil zu entmythologisieren, forderte Daniel Deckers: „Das Konzil ist kein Nullpunkt in der Geschichte der Kirche. Nur allein im Blick auf das II. Vatikanum kann man die Situation und die Probleme der Katholischen Kirche im 21. Jahrhundert nicht erfassen.“ Deckers bewertet das Versöhnungsstreben des Papstes positiv, sieht aber die Gefahr, dass die Piusbruderschaft diesen guten Willen missbraucht. Positives Ergebnis im Streit um die Aufhebung der Exkommunikation sei hingegen die Geschlossenheit der Deutschen Bischofskonferenz: „Es ist den Piusbrüdern nicht gelungen, einen Keil zwischen den Papst und die deutschen Bischöfe zu treiben.“
22. April 2009, 13:41