“So spreche ich dich los von deinen Sünden”
Die Vollmacht katholischer Geistlicher, die Vergebung der Sünde zuzusprechen, ist eines der Geschenke des auferstandenen Christus. “Empfangt den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden nachlasst, denen sind sie nachgelassen. Welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten”, sagt Jesus am Ostertag den Jüngern (Joh 20,22-23). Auf diese und andere neutestamentarische Bibelstellen hat die Kirche immer das Bußsakrament zurückgeführt. Den uns vertrauten Beichtstuhl gibt es allerdings erst vereinzelt im Spätmittelalter und erst im 17.Jahrhundert erlangt dieser die uns gewohnte Form mit doppeltem Zugang für die Beichtenden. Die Apostel und ihre Nachfolger haben ehedem im Geiste Jesu die “Umkehr” gepredigt und in der Taufe die Vergebung der Sünde zugesprochen. Die Taufe war und bleibt die eine und grundlegende Umkehr.
Entscheidend beim Bußsakrament in der katholischen Kirche ist, dass Gott jede Schuld vergibt, wenn der Mensch sie bereut und sein Leben aufrichtig und in aller Entschiedenheit ändern will. Die fundamentale Vergebung der Schuld geschieht jedoch, wie bereits erwähnt, in der Taufe. Für alle nach der Taufe begangenen schweren Sünden, ist das persönliche Bekenntnis in der Beichte vorgesehen. Wer den Glauben an das Bußsakrament teilt, kann sich gewiss sein, dass man nach einer gültigen Beichte, durch die mir von Gott gewährte Lossprechung des Priesters, frei von jeder Schuld geworden ist. Ein neuer Anfang ist möglich. Was ist das für eine Möglichkeit! Gott selbst hat mir in seiner unendlich tragenden Lieben eine Zusage gegeben, wieder frei und geheilt zu sein. Er selbst heiligt meine neuen Versuche, das Leben mit Gott und den Menschen wieder aufzunehmen und neu zu gestalten.
Man müsste doch meinen, dieses Geschenk, sei genau solch eines, wonach sich jeder Mensch im Grunde seines Herzens absolut sehnt, ein Geschenk, das sich jedes Individuum wünscht – so geliebt werden, das diese Liebe jedes Verzeihen trägt, ewig hält und alles aufzufangen vermag, was ich aus Unvermögen zerstöre. Beklagen wir nicht genau das nicht Vorhandensein einer solchen Liebe (und Vergebungsmöglichkeit) in den meisten unserer zwischenmenschlichen Beziehungen? Ist nicht dieses Entbehren genau der Grund für unser allumfassendes Gefühl des Alleinseins, des Nicht-aufgefangen und getragen werdens? Ich kann nicht vertrauen und emotional nichts riskieren, denn wenn ich mal was falsch mache, geht dieser Mensch irgendwann. Ich habe nur ein Recht auf Liebe, bin ich perfekt. So oder ähnlich denkt wohl jeder mal, denn wen umweht schon ein Gefühl bedingungsloser Liebe und Sicherheit?
Gleichzeitig bemerkt man jedoch auch viele Verhaltensweisen, die dazu beitragen, das Verzeihen und Verzeihen-können als Weg hin zu bedingungsloser Liebe nicht gerade zu etablieren. Die meisten Menschen machen immer mehr mit sich allein aus, haben nie gelernt sich reumütig, in aller Demut und im Vertrauen vor den Mitmenschen zu stellen und um Vergebung zu bitten. In der Hoffnung und mit dem Enthusiasmus an dieser Sache soviel als möglich zu kitten. Vielleicht aus Scham, vielleicht aus Bequemlichkeit oder weil ihnen diese Form der Kommunikation schlichtweg unbekannt ist, sie nie erlernt wurde. Vielmehr geht es oft darum aus Verfehltem allgemein fürs nächste zu lernen und das Alte hinter sich zu lassen. Meine alte Wunde und die des anderen werden schon irgendwie verheilen. Jeder kümmert sich in seinem Stübchen, um die Seelenkittung. Doch ist das möglich? Oder läuft solch ein Weg nicht genau am Kern der Sache vorbei?
Ich erinnere mich an das Gehabe in der utopischen Stadt Kakanien aus Musils Der Mann ohne Eigenschaften:
„ Stößt man bei irgendeiner dieser Tätigkeiten auf Schwierigkeit, so lässt man die Sache einfach stehen; denn man findet eine andre Sache oder gelegentlich einen besseren Weg, oder ein andrer findet den Weg, den man verfehlt hat; das schadet gar nichts, während durch nichts so viel von der gemeinsamen Kraft verschleudert wird wie durch die Anmaßung, dass man berufen sei, ein bestimmtes persönliches Ziel nicht locker zu lassen. (…) für das Glück kommt es sehr wenig auf das an, was man will, sondern nur darauf, daß man es erreicht.“
Die Konzentration der Kraft und allen Bemühens auf eine Angelegenheit ist selten zu beobachten – ob in intimen Beziehungen oder in Freundschaften. Oft geht man einfach, wird es zu anstrengend, zu verfahren und kompliziert. Auch wenn dem Menschen in seinem Innersten eigentlich dämmert, dass die Beziehung zu wertvoll ist, um sie auf solch anteilnahmslose Art fahren zu lassen, gehen viele den Weg des geringsten Widerstandes und suchen sich einfach neue Freunde oder Partner, die – erstmal – mit dem zufrieden sind, was man zu bieten hat.
Doch das poliert geschundenes Selbstbewusstsein nur scheinbar auf. Vergebung, Wandel und Befreiung können wir nur in der konkreten Auseinandersetzung mit dem konkreten Menschen erfahren, von Angesicht zu Angesicht, und nicht zuletzt mit uns selbst vor Gott. Es bedarf des Innehaltens oder einer Zurückwendung, an den Punkt, an dem Krisen entstanden, um nicht zu einer rasenden Insel Mensch zu werden. Die Beichtsituation sollte uns hierfür gleichsam als Vorbild dienen. Denn im Kleinen spiegelt sich unsere Beziehung zu Jesus Christus und seinem Vater wider. Wer verziehen hat und wem verziehen worden ist, der ist frei.
28. März 2009, 09:07