Predigtgedanken: Ehrensache
Mit dem heutigen 5. Fastensonntag, früher Passions- sonntag genannt, steht das Leiden und Sterben Jesu gewissermaßen schon vor der Tür. Das Evangelium hat wahrlich keine Schonkost für uns aufgetischt. Vielmehr werden wir Zeugen, wie sehr Jesus das grausame Geschehen schon vor Augen hat. Doch wir haben nicht nur an seiner Angst und Er- schütterung teil, sondern wir erleben auch, wie sehr er den himmlischen Vater liebt und dessen Willen folgt. Doch welche Bedeutung hat am Anfang dieses Textes das Auftreten einiger griechischer Pilger? Da machen sich also Heiden aus Griechenland auf den weiten Weg und wagen die teure, mühsame und gefähr- liche Seereise, um rechtzeitig zum Paschafest in Jerusalem dabei zu sein. Da sie keine Juden sind, dürfen sie auf dem Tempelgelände nur den Vorhof der Heiden betreten. Das nehmen sie offenbar in Kauf, wenn sie wenigstens das große Fest aus der Nähe sehen dürfen.
Wir schließen daraus, dass es sich hier um Sympathisanten handelt, die die Religion der Juden gründlich kennenlernen wollen. Es sind also Menschen, deren Sehnsucht nach Gott groß genug ist, ihre bisherigen Ansichten und ihren alten Götterglauben in Frage zu stellen. Im Text heißt es, dass sie „in Jerusalem Gott anbeten wollten“. Sie meinen es also ernst, es sind keine bloßen Weltenbummler. Natürlich haben sie auch von Jesus gehört, dem berühmten Wanderprediger, der jetzt in Jerusalem ist.
Sie wollen ihn unbedingt kennenlernen und sich ein eigenes Bild von ihm machen. Von ihrem Vorbild könnte sich da mancher Landsmann Jesu eine große Scheibe abschneiden. Zugleich wissen sie aber genau, dass sie als Heiden in den Augen des auserwählten jüdischen Volkes so etwas wie zweitklassig sind.
Wie sollen sie es da anstellen, an diesen Rabbi heranzukommen? Sie packen es ganz clever und diplomatisch an und gehen auf Philippus zu, einen Jünger Jesu mit griechischer Abstammung, wie sein Name verrät. Dem könnten sie ihr Anliegen sicher am ehesten verständlich machen. Ganz vorsichtig sprechen sie ihn an: „Herr, wir möchten Jesus sehen.“ Offenbar ist das auch Philippus nicht ganz geheuer. So will er erst einmal eine zweite Meinung einholen, bevor er Jesus mit diesen ungläubigen Heiden belästigt. Gemeinsam mit Andreas geht er dann zu Jesus, um ihm diesen offenbar sehr ungewöhnlichen Wunsch vorzutragen.
Werden diese Heiden nun davongejagt? Oder führt Jesus mit ihnen ein intensives Glaubensgespräch? Die Antwort darauf lautet: Weder noch! Während alle weiter um ihn herumstehen, klärt Jesus sie und damit auch uns über die aktuelle Situation auf: „Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Oft genug hatte er sagt: Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Jetzt aber ist sie da, die Stunde der Entscheidung und die Stunde der Verherrlichung!
Die Heiden, die alle Mühe auf sich genommen haben, um ihn aufzusuchen, sind jetzt so etwas wie ein geheimes Startzeichen. Diese Pilger sind wie ein Vorauskommando für die kommende Zeit. Später im Text sagt Jesus dies ganz klar: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“ Jesu Leiden und Jesu Tod ist keine Erlösungstat nur für die Juden, nur für ein auserwähltes Volk. Sein Kreuzestod bringt das Heil für alle, wirkt wie ein Magnet, der alle an sich zieht. Gottes Liebe lässt sich nicht begrenzen und einsperren. Sie wird nicht nur den Juden oder irgendwelchen Superfrommen geschenkt, sondern allen, die ihm nachfolgen wollen.
Das freilich ist auch nicht immer nur ein gemütlicher Sonntagsspaziergang. Sehr anschaulich wählt Jesus das Beispiel des Weizenkorns: Nur dann, wenn es stirbt, wenn es sich opfert, wird es reiche Frucht bringen. Das haben die naturverbundenen Menschen damals gut verstanden. Ein Saatkorn hat nur einen Nutzen, wenn es ausgesät wird. Dann aber geschieht das kleine Wunder: die reiche Frucht aus einem einzigen Korn kann satt machen und Leben ermöglichen. Wer krampfhaft an seinem Leben festhält, sagt Jesus, der wird es verlieren. Vollbepackt mit dem Gewicht von allem Besitz und mit der Fußfessel des Egoismus wandert es sich sehr unbequem Richtung Himmel. Das Loslassen ist eine Kunst, die mancher nur mit Schmerzen lernt, wenn ihm z.B. alters- oder krankheitsbedingt nichts anderes übrigbleibt. Welche Dramen spielen sich da manchmal ab, wenn man sich von liebgewordenen Dingen, Tätigkeiten oder Menschen trennen muss.
Der Appell Jesu gerade jetzt vor seinem Leiden lautet also: Klammere dich nicht gierig an all das, was um dich herum ist! Nichts davon wird für dein ewiges Leben von Bedeutung sein. Nichts davon kannst du mitnehmen. Du weißt ja: Dein letztes Hemd hat keine Taschen! Du kannst aber von mir lernen. Übe das Loslassen! Übe die Hingabe! Das hört sich vielleicht altmodisch an: Hingabe!
Doch eigentlich ist es in einigen Bereichen auch heute noch gut zu veranschaulichen: Wenn ein von dir sehr geliebter Mensch schwer krank wird – würdest du ihn im Stich lassen? Wenn deine Kinder Hilfe brauchen – würdest du ihnen nicht in jeder möglichen Form unter die Arme greifen? Wenn dein Bruder, deine Schwester oder ein anderer dir lieber Mensch nur durch die Spende einer deiner beiden Nieren überleben könnte – würdest du dann ablehnen?
Jetzt, kurz vor seinem Tod, bringt Jesus es für seine Jünger noch einmal auf den Punkt, wenn er ihnen erklärt: „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.“ Das Christsein besteht also nicht darin, Jesus Beifall zu klatschen. Von Bravo-Rufen wird niemand satt. Christsein heißt bereit sein zum Dienen, bereit sein zur Nachfolge. Jesus sagt das ganz eindeutig: „…wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein.“ – Das ist das Selbstverständlichste der Welt: Wo der Herr ist, da ist auch sein Diener. Das ist doch wohl Ehrensache! Wenn er nicht dort ist, sondern sich woanders herumtreibt, dann kann es gar nicht sein Diener sein. Doch für Gott ist es auch Ehrensache, die Diener und Nachfolger Jesu zu ehren, wie wir gehört haben. In seinem himmlischen Reich wird er bestimmt nicht vergessen, was seine Diener getan haben.
Nun lässt uns das Evangelium einen kurzen Blick auf die innere Situation Jesu werfen. Es heißt dort: „Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!“ Jesus ist erschüttert. Die Angst spricht aus seinen Worten. Furchtbares steht ihm bevor. Er weiß, wie entsetzlich die Schmerzen und die Schmach sein werden. Schon durch die Geißelung vor der Kreuzigung wird man ihn halbtot schlagen. Völlig entkräftet und der Ohnmacht nahe wird er nur durch Mithilfe des Simon von Cyrene den Kreuzbalken schleppen können. Und dann die qualvolle Zeit am Kreuz bis zum Tod – immer mehr dem Ersticken nahe, weil ein Atmen kaum noch möglich ist. Kreuzigungen gab es auf Anordnung der Römer sehr häufig. Jeder wusste also vom Sehen, was das an stundenlangen Qualen bedeutet.
Jesus weiß, dass er den Vater bitten könnte, ihm das zu ersparen. Er weiß, dass er nur rechtzeitig aus Jerusalem verschwinden müsste, um mit heiler Haut davonzukommen. Doch Jesus will mit seiner Hingabe, mit seinem Opfer, mit seinem JA ohne Wenn und Aber seinem himmlischen Vater die Ehre und Liebe erweisen, die ihm zusteht. Sein größter Wunsch ist es, dass Gottes Heiligkeit und Herrlichkeit hell wie ein Stern aufleuchtet durch alles, was Jesus tut. Nicht seine eigene Ehre in den Augen der Menschen zählt, sondern nur die Ehre Gottes – das ist seine Ehrensache! Wenn wir im Vaterunser beten „geheiligt werde dein Name“, dann sehen wir hier und heute, wie ernst diese Worte gemeint sind.
Manchmal sagen wir, dass jemand bis zum Äußersten geht. Mehr geht dann nicht mehr, mehr ist nicht möglich. Jesus geht auch bis zum Äußersten. Er ringt zwar auch mit sich selbst und mit seiner Todesangst, aber in Liebe und Gehorsam packt er sich all unsere Schuld auf und stirbt für uns am Kreuz. Das zu verstehen, fällt ganz sicher nicht nur den griechischen Pilgern im heutigen Evangelium schwer. Auch seine Jünger haben ihm abgeraten, wollten ihn sogar daran hindern. Als es dann soweit war, hat sogar Petrus der Mut verlassen, und er verleugnete Jesus gleich dreimal. Auch wir stehen oft genug ratlos da vor der Größe der Liebe Gottes. Es fällt uns auch deshalb so schwer, weil die so radikale Liebe Gottes so entgegengesetzt ist zu fast allem, was wir kennen.
Warum tut Gott so etwas? Warum tut er sich das bloß an? Wir können kaum ermessen, wie groß seine Liebe sein muss.
Es ist gut, wenn wir uns immer wieder dieses unerhörten Geschenkes bewusst werden. Wenn in vielen Kirchen am heutigen Sonntag die Kreuze bis Karfreitag verhüllt werden, soll dies dabei helfen. In einer Welt, in der mit ständigen und meist pein- lichen Enthüllungen viel Geld verdient wird, ist das Gegenteil schon fast erklärungsbedürftig. Nicht Enthüllung, sondern Verhüllung! Die Kirche sagt mit dieser Tradition: Nutze die letzte Etappe der Fastenzeit für die Konzentration auf das wirklich Wesentliche!
Lass dein Auge fasten – lass das verhüllte Kreuz und den fehlenden Blumenschmuck in der Kirche auf dich wirken! Das Leiden Jesu sollten wir eben nicht „schön“ gestalten. Das Leiden ist schmucklos, es ist brutal, es ist voller Schmerz und Qual.
„Herr, wir möchten Jesus sehen.“ – So hatten die griechischen Pilger ihren Wunsch an Philippus heran- getragen. Wie ist das mit uns? Wollen wir auch Jesus sehen? Dann gehört auch der leidende Jesus dazu, den dürfen wir uns nicht ersparen! Schauen wir wie die Griechen und die Jünger im Evangelium auf ihn und lassen wir den leidenden Jesus zu uns sprechen, lassen wir ihn unser Herz ansprechen. Erinnern wir uns, wenn wir wieder einmal von schrecklichen Zweifeln geplagt werden, wenn wir in Versuchung geraten und verunsichert sind, wie wir als Christen leben sollen. Schauen wir gerade dann auf diesen Jesus, wie er erschüttert ist, wie er Angst hat, wie er von der Versuchung gepackt wird. Gerade dann, wenn wir meinen, auf ganz wackligem Boden zu stehen, dürfen wir voller Vertrauen zu ihm aufschauen: Ja, Jesus, Sohn Gottes, für mich und für uns alle hast du dir die Schuld der Menschen aufgeladen. Ich vertraue mich dir an. Zeige mir, wo es lang geht. Ich will dir folgen. Ehrensache!
25. März 2009, 14:27