Vater der Seligen
Dieser unser oberster Glaubenshirte wollte nie Papst werden. Gelinde ausgedrückt. Genauer gesagt hört man immer wieder von Benedikt XVI. nahe stehenden Menschen und gelegentlich auch von dem Heiligen Vater selbst, dass er gebetet habe, dieser Kelch möge an ihm vorüberziehen. Der ehemalige Kardinal Ratzinger hatte Angst vor dem Amt und das nicht etwa allein der Würde des Amtes wegen. Die Skandale, Verwicklungen und großen Missverständnisse der letzten Zeit, markieren einen Wegweiser zu dem, was Benedikt XVI. ängstlich umtrieben haben könnte und wohl immer noch umtreibt.
Die Diskussion um die Exkommunikation Williamsons, die Schelte wegen eines Zitats innerhalb der Regensburger Vorlesung und einige sympathische Harmlosigkeiten auf dem Weltjugendtag in Sydney bringen das persönliche Dilemma der Person Joseph Ratzinger zum Vorschein.
Dass unser Papst kein geborener Mensch des `handshaking´ und kurzweiliger Schwätzchen ist, dürfte wohl niemand übersehen haben. Bei Benedikt XVI. hat man es mit einem zurückhaltend wirkenden, nach innen gerichteten, intellektuellem Dogmatiker zu tun. Es ist ein feiner Humor, der ihn umweht, ganz ungleich der lauten draufgängerischen Späße, wie sie die großen Diplomaten unserer Zeit vorweisen. Und genau dies ist auch schon unser Punkt: Benedikt XVI. ist kein Diplomat, wie man ihm im Wesen vieler Politikergrößen begegnet. Dieser Papst ist ein intellektueller Dogmatiker. Der Spiegel nennt ihn `entrückt´, spricht ihm also jeglichen Realitätsbezug ab und schlittert so unangenehm weit – sie sehen aber sehen eben doch nicht – am Kern der Sache vorbei.
Denn der Papst sieht die Dinge um sich, gesellschaftliche Entwicklungen, soziale Missstände, wirtschaftliche Ausbeutung und eben auch den großen alles umgreifen wollenden Relativismus, sehr genau. Und er agiert dementsprechend. Er weiß um den Wunsch der Mediengesellschaft alle großen Dinge des Lebens mehrheitstauglich in netten ungewürzten Häppchen zu servieren. Er weiß auch um den Druck, dem die Kirche schon immer ausgesetzt war, Ideen mit der Wesenheit von Massenkonfektionsware zu produzieren und zu verteilen, um ja nicht zu radikal zu erscheinen. Der Papst ist nicht bloß zeitweise medial schlecht beraten. Vielmehr weht in ihm der Geist, der die Ideen der Kirche unverwässert und kristallklar an das Ziel transportieren möchte.
Nehmen wir als Beispiel den Akt der Exkommunikation eines Holocaustleugners. Ohne alle Fakten wieder und wieder benennen zu müssen, halte ich doch noch fest, dass das Kirchenoberhaupt zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des Dekrets nichts von den unsäglichen Äußerungen des ehemaligen Bischofs wusste. Darf so etwas passieren? Nein! Hätten zuständige Mitarbeiter des Papstes ordentlich googeln müssen und die prall gefüllte Ergebnismappe dem Papst auf den Tisch legen müssen, bevor überhaupt ein Dokument aufgesetzt wird? Ja! Derlei Fehler dürfen in einer weltkirchlichen Zentrale nicht geschehen. Doch nun zurück zum Fall, wie er sich darstellt. Der Papst hatte keine Ahnung von derlei Äußerungen und wird ja auch hauptsächlich dafür kritisiert die Hand zu reichen. Und zwar denen die Hand zu reichen, die sich gegen das Zweite Vatikanische Konzil wendeten und der Kirche, als Körper Jesu Christi, den Rücken gekehrt haben. Die Gründe für das Verhalten des Papstes reicht es in diesem Zusammenhang anzureißen. Man findet sie, dies ist keine große Überraschung, in der Geschichte vom verlorenen Sohn. Die nicht polittaugliche Idee dahinter, ist die der göttlichen Gnade; Man reicht jedem Büßer die Hand. Das Risiko: Sollte dieser doch nicht büßen, bekommt der Gnadenvolle nach der Abkehr einen weiteren Schlag ins Gesicht. Dies ist nun, schmerzvoll zu beobachten, dem Heiligen Vater widerfahren.
Hinter der Idee der Gnade angesiedelt, ist weiterhin die Sehnsucht und das Arbeiten hin auf die Einheit der Kirche. Der verletzte und zerissene Körper Christi verlangt danach wieder zusammengefügt zu werden. Einer der größten Wünsche des Papstes für seine Wirkungszeit ist es, dem kirchlichen Körper wieder zu seiner Einheit zu helfen und sie zu wahren, in dem man sich stets dialogbereit zeigt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Kirche sich hin zum Abgekehrten bewegt. Vielmehr streckt sie allein die Hand und hört.
Eine absolute Idee, ein absoluter Wert, mit dem unser – mediales – Zeitalter nicht mehr umgehen kann. Für so eins braucht es klare Abgrenzungen in schwarz und weiß und eine strikte verbale Ablehnung allein reicht noch lange nicht an überzogene Zeichenhaftigkeit heran. Das Medienpublikum lässt sich nur durch extreme Gesten weich kochen, im Sinne einer ewigen Abwendung voller Abscheu. Dies nämlich ist auch ein Gesicht medialer Diplomatie: Man suggeriert Hass oder eben auch Brüderschaft, wo die Sache aber naturgemäß komplizierter ist.
Dem beugt sich der Heilige Vater jedoch nicht, er verformt seine Gedanken und Ideen nicht, bloß weil Kameras vor ihm aufgetürmt stehen. Er lässt es nicht zu, dass die Form zu sehr auf den Inhalt wirkt, ihn gar irgendwann diktiert. Und so passiert es dann auch, dass der Papst in seiner Regensburger Vorlesung eben tatsächlich eine Vorlesung hält und nicht etwa einen bekömmlichen Monolog. Er denkt klar und spricht es auch aus, manchmal zu sehr außer Acht lassend, wie die Medienmaschinerie das ganze verwursten wird. Der Heilige Vater muss innerhalb seiner Zerrissenheit, zwischen dem unbedingten Drang nach Wahrhaftigkeit und seinem eben auch zwangsweise diplomatischen Amt, eine Mitte finden, mit der er als Person und aber auch die Weltkirche leben kann.
Diese schwierige Position des Menschen Ratzinger kommt nicht nur brandgefährdend daher. Meist äußert sich sein Dilemma auf herzerwärmende Art und Weise, so etwa auf dem WJT in Sydney. Unser Heiliger Vater fährt mit dem Schiff in den Hafen Sydneys ein, Millionen Menschen stehen an Land, jubeln und starren gebannt, gleichzeitig enthusiastisch auf den Papst. Er sitzt in seinem Stuhl und empfängt einzelne Jungendliche der Reihe nach zu einem – so ist es angedacht – kurzen `handshaking´. Und was macht der Heilige Vater? Er redet viel zu lange mit den einzelnen Jugendlichen, konzentriert sich in dieser Sekunde absolut auf sein Gegenüber, ist einfach ganz da für diesen Menschen zu diesem Zeitpunkt. Bis seine Berater ihm sagen, so ginge das nicht, die Menschen und die Kameras um ihn herum würden enttäuscht. Er solle doch zwischenzeitlich bitte mehr nach rechts und links winken. Und da ließ er die Idee ein Stück weit fahren und fand einen alle begeisternden Kompromiss.
28. Februar 2009, 08:23