Kommentar: Das Gespenst des Fundamentalismus geht um in München

Symbolfoto: Alte Messe (Foto: Maue-Klaeser)Im Erzbistum München-Freising existiert eine merkwürdige Einrichtung. Sie bezeichnet sich mit dem Kürzel MUK. Diese Buchstaben stehen für „Medien und Kommunikation“ und werden als Fachstelle der evangelischen und katholischen Kirche ausgegeben. Eine der jüngsten Publikationen dieser Fachstelle trägt den Titel „Fundamentalismus – Ein Überblick“ und wurde von einem gewissen Diakon Gottfried Posch verfasst. Würde man den Artikel lesen, ohne die dahinter stehende Einrichtung und den kirchlichen Hintergrund des Verfassers zu kennen, würde man ihn wohl für einen der alljährlichen Artikel zum Thema „Kirche“ halten, mit denen uns der „Spiegel“ oder andere „kirchenfreundliche“ Organe beglücken. Ebenso wie jene Artikel besticht auch die Stellungnahme von Diakon Posch mit einer brillanten Unkenntnis und Vermischung von Fakten und Phantasien.

Zunächst wird auf den 11. September 2001 verwiesen und dann in völlig undifferenzierter Weise vom „Fundamentalismus in all seinen Spielarten“ als Problem für die ganze Welt gesprochen. Wenn der Autor dann auf einen evangelikalen Fundamentalismus in Amerika verweist, der jede politische Entscheidung mit einer göttlichen Beauftragung gleichsetzt, so sind wir gerne bereit, ihm in dieser kritischen Betrachtung zu folgen.

Doch die Gefolgschaft kündigen wir Posch schnell auf, wenn er zu den Merkmalen des christlichen Fundamentalismus’ schreibt: „Typisch für den christlichen Fundamentalismus ist auch, dass er die Dekadenz, die Entartung bzw. den Verfall an der individuellen Moral, insbesondere an Lebensschutzfragen wie Abtreibung, Gentechnik, Biomedizin oder an der Homosexualität und dem vorehelichem Geschlechtsverkehr festmacht.“ Damit bekundet der Autor entweder, dass er den Katechismus der Katholischen Kirche nicht kennt, oder zu den Publikationen des christlichen Fundamentalismus’ rechnet. Denn auch er wendet sich mit Berufung auf das Zweite Vatikanum gegen die „himmelschreiende Sünde“ der Abtreibung, gegen medizinische Manipulationen am Embryo, gegen die Praktizierung der Homosexualität und vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr. Und wenn der Massenmord an den Ungeborenen, die Experimente an Embryonen und die weitverbreitete Promiskuität kein Zeichen für eine gesellschaftliche Dekadenz sein sollen, dann möge der Autor doch einmal aufzeigen, wo Dekadenz beginnt. Nein, er schreibt: „Diese ‚Übel der Zeit’ bekämpfen alle Fundamentalisten, gleich welcher Couleur.“

Eine unglaubliche Ignoranz stellt auch das folgende Zitat dar, indem zunächst davon gesprochen wird, dass jedwede fundamentalistische Moral eine verkürzte Moral darstellt, in der eine ethische Güterabwägung ausbleibt. Aufgezählt werden dann genau jene Bereiche, in denen das Lehramt der Kirche letztverbindliche Entscheidungen getroffen hat (wiederum Abtreibung, außerehelicher Geschlechtsverkehr, künstliche Empfängnisverhütung, „Homoehe“…) und die deshalb eben nicht mehr einer Güterabwägung unterliegen. Der Diakon kennt wohl die kirchliche Sittenlehre nicht, die eben Handlungen kennt, die immer in sich schlecht sind, unabhängig von den äußeren Umständen und die daher auch immer verboten sind. Mit dem Zitat bezeichnet Posch die verbindliche Lehre der Kirche als fundamentalistische und verkürzte Moral. Dafür erhält er dann vom Erzbistum München-Freising auch noch sein Einkommen.

Posch charakterisiert den Fundamentalismus zudem als Protestbewegung gegen die Moderne. Diese Protestbewegung richte sich vor allem gegen den Relativismus. Wir können es nur als bodenlose Unverschämtheit bewerten, wenn der Diakon als Beispiel für den christlichen Fundamentalismus (wir erinnern uns daran, dass er verwandt mit dem islamistischen Terrorismus ist) mehrere Zitate des Heiligen Vaters anführt, der sich im Konklave 2005 eben gegen die real bestehenden Gefahren des Relativismus’ gestellt hat. Dass unser Papst einen unvergleichlich weitere Sicht und Kenntnis der Weltgeschichte hat, als der bayrische Diakon, braucht hier nicht bewiesen zu werden Posch unterstellt dem Heiligen Vater aber implizit, dass er nicht in der Lage ist zu differenzieren zwischen positiven und negativen Entwicklungen der modernen Gesellschaft.

Zu verweisen wäre nur noch auf eine weitere Entgleisung des Diakons aus München. So charakterisiert er den heutigen katholischen Fundamentalismus durch ein „Absolut-Setzen der katholischen Tradition und eine Idealisierung der römisch-katholischen Kirche des 19. Jahrhunderts“. Weiter schreibt er: „Die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils werden oft abgelehnt, die lateinischsprachige tridentinische Messe wird bevorzugt. Zu nennen sind hier Gruppierungen wie Opus Dei, das Neokatechumenat oder die Priesterbruderschaften St. Petrus und St. Pius X. (Wichtige Anliegen dieser Gruppen sind z. B. die Feier der ‚Tridentinischen Messe’ in lateinischer Sprache und ein fundamentalistisches Gottesbild, das einen strafenden Gott beinhaltet.)“

Mit diesem Zitat disqualifiziert Posch sich aber auch endgültig als ernstzunehmender Gesprächspartner. Zunächst sollte er wissen, dass der Katholik Schrift und Tradition gemäß den Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils mit gleicher Kindesgesinnung annehmen soll, da sie die Quellen der göttlichen Offenbarung darstellen. Die Absolutsetzung der katholischen Tradition gehört also wiederum nicht zu einem abzulehnenden Fundamentalismus, sondern zu den Grundlagen der katholischen Lehre. Da Posch selbst die Lehren des Zweiten Vatikanums bezüglich der katholischen Moral und der Offenbarungsquellen nicht zu kennen scheint, mutet es doch seltsam an, dass er anderen die Ablehnung der Lehren dieses Konzils vorwirft. Auch die Diffamierung aller Freunde der tridentinischen Messe, welche die Kirche über Jahrhunderte feierte und deren bleibende Existenzberechtigung der Heilige Vater selbst festgestellt hat, gehört zum bekannten Repertoire der eigentlich Ewiggestrigen. Ein herzhafter Lacher muss aber jedem Kenner der beiden erstgenannten Gruppierungen entgleiten, wenn der findige Diakon sie zu den fundamentalistischen Gemeinschaften zählt, auf die seine Charakteristika zutreffen. Ich verbürge mich etwa für jedes einzelne Mitglied des Opus Dei, dass es die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils besser kennt als der Autor dieses „Fundamentalisten -Hammers“ und dass es diese entsprechend der jeweiligen Verbindlichkeit treu befolgt.

Dem Diakon seien ein paar Urlaubswochen vergönnt, in denen er einmal den Katechismus der Katholischen Kirche und die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils meditiere. Vielleicht sollte er in dieser Zeit auch einem eine „alte“ Messe besuchen, um die Schönheit und Erhabenheit des Außerordentlichen Ritus’ kennen zu lernen.

[ Dr. Peter Görg ]

27. Februar 2009, 12:44

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