“Bete an, was du verbrannt hast!”

Exklusivinterview mit Prinz Luis von Orleans und Braganza

Prinz Luis von Orleans und BraganzaSão Paulo (kathnews). Kirche und Gesellschaft befinden sich in einer Krise, deren Ausmaße historisch einmalig sind. Während die Krise der Kirche vor allem in Folge der Autoritätskritik der “68er-Bewegung” an Profil und Stärke zunehmen konnte, liegen die Wurzeln der gesellschaftlichen Krise weit tiefer. Kathnews-Chefredakteur Benjamin Greschner sprach mit Prinz Luis von Orleans und Braganza über die Lage der Kirche und die Krisen unserer Zeit. Prinz Luis von Orleans und Braganza, geboren am 6. Juni 1938, ist das gegenwärtige Oberhaupt des brasilianischen Kaiserhauses und Thronprätendent von Brasilien. Er ist ein Sohn von Prinz Pedro Henrique von Orleans und Braganza und Prinzessin Maria von Bayern, aus dem Hause Wittelsbach. Prinz Luis ist ein Ur-ur-Enkel von Pedro II., dem letzten Kaiser von Brasilien.

Benjamin Greschner: Der Zugang zur “alten Messe” ist nun durch das Motu Propio des Papstes einfacher geworden. Kaiserliche Hoheit, wie stehen Sie persönlich zum Ritus in der außerordentlichen Form?

Prinz Luis: Neben einer Reihe von theologischen Mängeln, die dem von Paul VI. festgelegten Ritus anhaften und auf die Liturgie-Fachleute immer wieder hingewiesen haben – Abwertung des Opfercharakters der heiligen Messe und der realen Gegenwart Christi, Überbewertung der Rolle der versammelten Gemeinde auf Kosten des Priesters usw. – , stört mich als Laien vor allem die Auflösung des Heiligkeitscharakters, der den Zeremonien zukommt.

Dadurch, dass die Messe zum Volk hin und in der Landessprache gefeiert wird, hat sie den Nimbus des Geheimnisvollen eingebüßt. Mehr als ein Akt der Anbetung eines Gottes, der uns gewiss nahesteht und voller Wohlwollen entgegenkommt, andererseits aber auch der „Rex tremendae majestatis“ des Te Deum laudamus ist, hat sich die heilige Messe, der Höhepunkt des katholischen Kultes, in eine banale Feier verwandelt, in der die Gemeinde nur sich selbst zelebriert.

Schlimmer noch ist, dass man, um der Banalität zu entgehen, eine Reihe paraliturgischer Handlungen erfunden hat, die den Heiligkeitscharakter des Ritus noch unkenntlicher machen: Man schickt die Kinder zum Vaterunser den Altar hinauf; der Zelebrant macht beim Friedensgruß eine Runde zum Händeschütteln und so weiter. So wird es einem fast unmöglich gemacht, sich innerlich zu sammeln und im Geiste eins zu werden mit dem Herrn, der sich auf dem Altar für uns dem Vater opfert.

Der Beweis für die völlige Fehlentwicklung der Liturgiereform Pauls VI. ist der Mangel an Berufungen in den Diözesanseminaren. Währenddessen sind die Seminare von Kongregationen, die das Privileg besitzen, die Messe im althergebrachten Ritus zu zelebrieren, voll von Priesteramtsanwärtern.

Benjamin Greschner: Der konkrete Wille des Papstes ist es, Fehlentwicklungen der vergangenen vierzig Jahre entgegenwirken zu können. War bzw. ist in Ihrer brasilianischen Heimat eine ähnliche Krise in der Liturgie feststellbar, wie es beispielsweise in Europa der Fall ist?

Prinz Luis: Nach meinem Dafürhalten als einfacher Laie, der zur Messe geht, sieht die Lage in Brasilien noch schlimmer aus. Da unser Volk „tropischer“, d. h. kommunikativer, überschwänglicher, festlicher veranlagt ist, ist es weiter nicht verwunderlich, dass es angesichts des „Sambas“, den ihm ein fortschrittlicher Klerus als Form liturgischer Feier anbietet, einen wahren Karneval aufführt.

Früher war die Stimmung in den Kirchen jedoch eine ganz andere. Der Brasilianer ist zutiefst religiös und fromm. Als die liturgischen Zeremonien noch höchst feierlich und sakral waren, gerieten die Menschen zwar in Verzückung wie Kinder unter dem Weihnachtsbaum, verspürten jedoch keineswegs das Bedürfnis, ihren Gefühlen in mit der Heiligkeit der Riten unvereinbaren Formen Ausdruck zu verleihen. Immer mehr Brasilianer sehnen sich heute zurück nach den herkömmlichen Ausdrucksformen der Frömmigkeit, wie etwa Prozessionen, Kreuzweg, Anbetung, Rosenkranz, sowie nach würdevolleren Zeremonien.

Benjamin Greschner: Richten wir nun unseren Fokus auf die Gesellschaft: Was ist für Sie das Hauptsymptom des gesellschaftlichen Niedergangs in Europa und wie gilt es dem Niedergang von Kultur, Gesellschaft und Sittlichkeit entgegenzuwirken?

Prinz Luis: Meiner Meinung nach drückt sich der Niedergang Europas vor allem in einer demographischen Eiszeit aus. Selbst in Portugal, das einst zu den katholischsten Ländern des Kontinents zählte, wurden im vergangenen Jahr mehr Sterbefälle als Geburten gezählt… Gesellschaften, die den Glauben, die Hoffnung und die Vaterlandsliebe wahren, haben keine Angst, Kinder in die Welt zu setzen, vielmehr ziehen sie ihre Lebensfreude und den Wunsch weiterzukommen aus dem Lächeln ihrer Kinder. Es sind dies beständige Gesellschaften mit festen Überzeugungen und einem engmaschigen gesellschaftlichen Gewebe.

Die Gesellschaften, in denen ein egoistischer Individualismus vorherrscht und Kinder mehr und mehr zu einer übermäßigen Last werden, erweisen sich als veraltende Gesellschaften, in denen Skepsis, moralischer Relativismus und das Jeder-für-sich die Oberhand behalten. Das Gesellschaftsgewebe löst sich deshalb auf und der Staat wird zur einzigen Zuflucht. Aber dieser Staat erweist sich als anonym und kalt. Um dieser in die Verzweiflung führenden höllischen Spirale zu entkommen, gibt es nur ein Heilmittel: die Wiedergewinnung von Glaube und Hoffnung.

Benjamin Greschner: Dass unsere Gesellschaft sich inmitten einer Revolution befindet, der es mit einer Konterrevolution entgegenzuwirken gilt, steht außer Frage. Daher würde es uns an dieser Stelle interessieren, ob Sie in der Weltgeschichte vergleichbare Revolutionen ausmachen?

Prinz Luis: In seinem Werk Revolution und Gegenrevolution zeigt Plinio Corrêa de Oliveira, dass die heutige Revolution ihre Wurzeln in der im 15. Jahrhundert einsetzenden Zerstörung der christlichen Ordnung des Mittelalters hat. Sie ist keineswegs mit einem Schlag aufgetreten, sondern hat sich etappenweise über den Humanismus und die Renaissance, die protestantische Pseudo-Reformation, die Französische Revolution, den Kommunismus und die anarchische Utopie des Mai ´68 entwickelt.

Im Vergleich zu dieser Revolution schlechthin waren die vorausgegangenen Revolutionen in der Menschheitsgeschichte nichts als flüchtige Ansätze. Denn diese Revolution ist die erste, die sich aus einer Apostasie ableitet, aus einem Akt der Auflehnung gegen eine Ordnung, die zwar unvollkommen, aber immerhin Frucht der Erlösung war.

Die einzige Revolution, die sich mit ihr vergleichen ließe, wäre jene, die sich am Anfang der Schöpfung ereignete, als sich Luzifer und seine aufständischen Engel mit dem ersten revolutionären Slogan der Geschichte, Non serviam!, gegen Gott erhoben. Derselbe Schrei der Auflehnung, dieselbe Weigerung, Gott und jeder höheren Autorität zu dienen, liegt auch der heutigen Revolution zugrunde.

Benjamin Greschner: Welche Rolle spielt die Kirche in diesem Szenario?

Prinz Luis: Die Hauptrolle. Plinio Corrêa de Oliveira macht in seinem Werk deutlich, dass die Revolution die Frucht ungezähmter Leidenschaften, vor allem aber des Stolzes und der Sinnlichkeit ist. Die Gegenrevolution kann daher nur aus ihrem Gegenteil, nämlich aus der christlichen Tugend, hervorgehen. Diese aber hängt von der göttlichen Gnade ab, ohne die der durch die Erbsünde geschwächte Mensch die Gesamtheit der Gebote nicht dauerhaft erfüllen kann. Nun hat aber die Kirche als die große Verteilerin der Gnaden Gottvaters, der Verdienste Jesu Christi und der Gaben des Heiligen Geistes notwendigerweise die Seele der Gegenrevolution zu sein.

Benjamin Greschner: In diesem Zusammenhang interessiert mich besonders eine Frage: Ist die Kirche mit der Befreiungstheologie richtig umgegangen?

Prinz Luis: Die Befreiungstheologie ist mit ihrem marxistischen Ansatz das genaue Gegenteil der kirchlichen Soziallehre, denn während jene zum Klassenkampf aufruft, bemüht sich diese um ein harmonisches Zysammenleben in der Gesellschaft; während jene den Kollektivismus predigt, schützt diese das Privateigentum und die freie Initiative; während jene den Reichtum als etwas Böses an sich betrachtet, will diese die Fülle für alle und hält die Besitzenden an, von ihren Gütern nüchternen Gebrauch zu machen und den Ärmsten Almosen zu spenden.

Tatsächlich stützt sich die Befreiungstheologie nicht auf das Evangelium, sondern auf den Schrei der Auflehnung Satans. Übrigens ist vor allem der Befreiungstheologie zuzuschreiben, dass in den letzten Jahrzehnten die Zahl der Katholiken in Brasilien so stark gefallen ist. Mit ihrer ausschließlich auf politische und soziale Fragen ausgerichteten „Predigt“ hat der „engagierte“ Klerus die ärmsten Schichten der Bevölkerung enttäuscht, die einen geistigen Trost suchen, um den materiellen Schwierigkeiten ihres Lebens begegnen zu können. Ein hoher Vertreter des Protestantismus hat deshalb einmal gesagt: „Die Kirche hat sich zwar vorrangig für die Armen entschieden, die Armen aber haben sich vorrangig für die evangelikalen Fundamentalisten entschieden.“

Benjamin Greschner: Warum verhalten sich viele Bischöfe, die ja nicht nur Verwalter des Glaubensgutes, sondern auch des Naturrechts sind, so zurückhaltend und sogar feige in ihrer Haltung gegenüber dem gesellschaftlichen Niedergang? Sollte man nicht gerade bei den Themen Homo-Ehe und Abtreibung einen größeren Einsatz vom Episkopat erwarten?

Prinz Luis: Einer der Aspekte jenes Vorgangs, den Papst Paul VI. einmal den „mysteriösen Selbstzerstörungsprozess“ der Kirche im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil genannt hat, hat dazu geführt, dass eine ganze Generation von Bischöfen die „Öffnung zur Welt“ als einen Aufruf verstanden haben, unter dem Vorwand der laizistischen Nichteinmischung in die Angelegenheiten des Staates sich nicht zu den modernen Pseudowerten zu äußern. Glücklicherweise scheinen inzwischen immer mehr jüngere Bischöfe zu verstehen, dass es sich hier um einen Köder handelt, und verkünden nun die Wahrheiten, ob es gefällt oder nicht.

Mit Recht führen Sie die Abtreibung und die homosexuelle Pseudo-Ehe als Themen an, bei denen die Kirche unbedingt Stellung beziehen muss. Der Heiligkeitscharakter des unschuldigen Menschenlebens und die auf der Ehe von Mann und Frau beruhende Familie sind „unverhandelbare Grundsätze“, wie es Papst Benedikt XVI. einmal ausgedrückt hat.

Benjamin Greschner: Abschließend noch ein kurzer Ausblick, kaiserliche Hoheit: Kirche und Gesellschaft bewegen sich mit rasanter Geschwindigkeit auf den Abgrund zu. Wie kann es gelingen, diesen Trend umzukehren?

Prinz Luis: Durch eine Bekehrung der Herzen, wie sie die heilige Jungfrau in Fatima verlangt hat. Die moderne Welt muss der Forderung nachkommen, die der heilige Remigius einst an Chlodwig gerichtet hat: „Verbrenne, was du angebetet hast, und bete an, was du verbrannt hast.“ Die westliche Gesellschaft muss sich von den revolutionären metaphysischen Werten lossagen, die sie vom Humanismus und von der Pseudo-Reformation übernommen hat, nämlich vom Hass gegen alle Hierarchie und jedwedes Gesetz im Namen einer radikalen Auffassung von Gleichheit und Freiheit. Nur so werden alle Dinge in Christus wiederhergestellt, wie es der große Papst, der heilige Pius X., zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewünscht hat.

Benjamin Greschner: Kaiserliche Hoheit, vielen Dank für das Gespräch!

[ Benjamin Greschner ]

20. Februar 2009, 10:54

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