Erfolgreicher Einbruch
Ist der Einbruch, den das Evangelium heute schildert, nur eine größere Sachbeschädigung oder sogar zusätzlich Hausfriedensbruch? Die Rechtsgelehrten dürften sich wohl nach diesem spektakulären Fall, den die Bibel uns heute präsentiert, sämtliche ihrer juristischen Finger lecken. Und hätte es damals in Kafarnaum eine Lokalzeitung gegeben, wäre eine Schlagzeile denkbar wie z. B. diese: „Hilfesuchende steigen Jesus aufs Dach“ – oder: „Einbrecher-Quartett mit durchschlagendem Erfolg“…
Die vier Täter des heutigen Evangeliums besteigen jedenfalls das Dach eines fremden Hauses und beschädigen es schwer, indem sie ein riesiges Loch in die Decke schlagen. Allerdings gibt ihnen der Erfolg Recht: Jesus kann gar nicht anders, als sich um diese seltsame Luftfracht zu kümmern. Direkt vor seiner Nase schwebt der Gelähmte an Seilen vom Dach hinab in den übervollen Raum – wirklich eine technische Meisterleistung der vier Freunde des Kranken! Noch heute freuen sich z. B. die Kinder im Religionsunterricht köstlich darüber, wenn sie die Szene malen oder nachspielen.
Doch erst einmal der Reihe nach! Es hat sich schnell im Ort herumgesprochen, dass Jesus wieder da ist. Vielleicht ist es das Haus des Simon Petrus, in dem er sich jetzt aufhält. Drinnen und draußen vor der Tür wimmelt es nur so von Menschen. Jesus verkündet allen die Frohe Botschaft vom Reich Gottes. – Allen? Nein, eben nicht allen! Da ist einer, den lassen sie erst gar nicht an Jesus heran. Es ist ein Gelähmter, von vier Männern getragen. Niemand möchte freiwillig seinen Platz räumen, um den Mann auf seiner sperrigen Tragbahre vorzulassen. Immer schön der Reihe nach – hier gibt es keinen Behinderten-Rabatt! Der Mann mit seinen Trägern hätte schließlich auch früher kommen können, selber schuld!
Über den Gelähmten wissen wir so gut wie nichts; kein Name wird genannt. Auch über die Helfer und ihre Motivation, ihm beizustehen, erfahren wir nichts. Wahrscheinlich sind sie seine Freunde, die schnell reagiert haben, als sie von Jesu Ankunft gehört hatten. Es liegt nahe, dass der Gelähmte nicht immer schon gelähmt war. Seine Freunde kennen ihn sicher anders – aktiv und lebenslustig. Aus dieser Zeit sind sie ihm Freunde und Helfer geblieben, ein seltenes Glück für jemand, der an den Rand der Gesellschaft gedrückt wurde. Gelähmt ist er. Da alle Initiative von seinen Freunden ausgeht, dürfen wir annehmen, dass er
nicht nur körperlich gelähmt war. Er war insgesamt wie gelähmt, mittlerweile ohne jeden Mumm, kraftlos und hoffnungslos. Für seine Freunde ein Trauerspiel, mit ansehen zu müssen, was im Laufe der Zeit aus ihm geworden ist. Wir kennen das auch, z. B. bei Menschen, die immer tiefer in Depressionen versinken, aus denen sie allein nicht mehr herausfinden. Oder wir sagen von jemand: Der war wie gelähmt, starr vor Schreck! In diesem Fall gehorchen einem z. B. die Beine einfach nicht mehr, so sehr man sich auch anstrengt. Man hat keine Gewalt mehr über sich selbst.
Der Gelähmte hier hat Glück. Seine Freunde stehen treu zu ihm und lassen ihn nicht im Stich. Sicher mussten sie ihn zu dieser Aktion sogar noch überreden. Er selbst hat sich längst aufgegeben. Ist doch alles sinnlos. Wozu noch die Anstrengung? Gott straft mich für mein früheres Fehlverhalten, für meine Sünden. Die Krankheit ist die Quittung dafür. Geschieht mir recht. Am besten, ihr lasst mich einfach nur noch in Ruhe!
Das sehen die Freunde anders: Ruhe hattest du wirklich genug! Jetzt wird in die Hände gespuckt, jetzt packen wir’s an. Heute passt einfach alles: Jesus ist da, und wir vier sind da. Und diesem Jesus trauen wir zu, dir helfen zu können. Nach allem, was wir von ihm gehört haben, glauben wir fest daran – also: Heute könnte dein Glückstag werden! – So packen sie einfach den Gelähmten auf die Tragbahre und schleppen ihn bis vor das Haus, in dem Jesus predigt. Man braucht wirklich nicht viel Phantasie, um sich jetzt ihre große Enttäuschung vorzustellen: Das hatten wir uns anders vorgestellt, ganz anders! Wie kommen wir nur durch die Menge durch? Nachdem mehrere Versuche gescheitert sind, sich einen Weg zu bahnen, gibt es vor Ort eine kurze Krisensitzung. Aufgeben kommt nicht in Frage! Aber hat jemand eine Idee? – Not macht erfinderisch: Schnell wird ihnen klar: es gibt nur einen einzigen Weg, den Kranken zu Jesus zu bringen, den Weg über das Dach! Natürlich ist ihnen auch klar, was das konkret bedeutet: sie müssen dazu das Dach, die Decke des Hauses zerstören, ein Riesenloch da reinhauen und den Freund dann geschickt abseilen. Eine richtige Männergeschichte ist das; wir hören da kein einziges ge-sprochenes Wort. Der Kranke wird sicher über diese Idee hell entsetzt gewesen sein, doch auch darüber kein Wort!
So sind sie eben, die meisten Männer: Die großen Diskussionen liegen ihnen nicht so, und über ihre Gefühle möchten sie am liebsten schweigen. Aber wenn es um Aktion geht, wenn angepackt werden muss, dann sind sie zur Stelle. Beim Pfarrfest betreuen sie den Grill und die Zapfanlage, sie stellen vor Weihnachten die Weihnachtsbäume in der Kirche auf und vieles mehr. Männer müssen immer etwas Handfestes tun.Und auch bei Sendungen wie „Wetten dass?“ sind es fast immer die Männer, die zur Freude der Zuschauer die merkwürdigsten Rekorde aufstellen und dafür monatelang hart trainiert haben. – Wer weiß: das alles stammt vielleicht irgendwie noch aus der Zeit der frühen Menschheit, als die Männer für die gefährliche Jagd zuständig waren.
Diese vier Männer im Evangelium riskieren jedenfalls sogar noch eine Menge Ärger, denn so ein kaputtes Dach findet nicht jeder sonderlich lustig, am wenigsten der Hausbesitzer. Das ist ihnen schon klar, aber für ihren Freund nehmen sie das in Kauf. Sie werden schon dafür geradestehen, das ist Ehrensache! – Nun muss man allerdings wissen, dass die Überwindung dieses Hindernisses nicht so schwierig war, wie man heute vermuten könnte. Die Häuser damals hatten meistens ein Flachdach, das man über eine Außentreppe erreichen konnte. In der kühlen Abendluft saß man dann gerne noch ein Weilchen da oben und plauderte auch mal mit den Nachbarn. Die Deckenkonstruktion bestand in der Regel aus Holzbalken, über die man Bretter und Äste legte. Ein Mischmasch aus Schilf, kleinen Ästen und Palmwedeln, vermengt mit Lehm, wurde festgestampft, gewalzt und an der Luft getrocknet. Solch eine Decke war beachtlich fest, musste aber nach einiger Zeit auch mal wieder erneuert werden. Es war jedoch für handwerklich Begabte kein großes Kunststück, ein Loch in solch eine Decke zu schlagen. In höchstens zehn Minuten war diese Angelegenheit erledigt.
Während die vier tatkräftigen Freunde nun oben zu Werke gehen, läuft unter ihnen die Versammlung mit Jesus weiter. Die dumpfen Schläge auf die Decke dürften ganz schön gedröhnt haben, aber offenbar unternimmt nie-mand etwas. Und das liegt daran, dass Jesus einfach weiterspricht. Bald schon ist klar, was da passiert: Das Loch in der Decke wird immer größer, und schon landet der seltsame Kranken-transport zielgenau vor Jesus. Alle Augen sind auf Jesus und den verängstigten Lahmen gerichtet. Die Freunde oben auf dem Dach wissen: dieser Augenblick entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Wird Jesus ihnen helfen?
Mit einem Schlag ist es ganz still im Raum. Was dann geschieht, formuliert das Evangelium so: „Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ Jetzt sind wir es, die verblüfft sind: Jesus stellt nicht den Glauben des Kranken in den Mittelpunkt, sondern den Glauben derer, die sich so mutig für ihn eingesetzt haben. Stellvertretend für ihn haben sie an Jesus geglaubt, haben ihm vertraut und haben die Ärmel hochgekrempelt. In seinem jetzigen erbärmlichen Zustand hatte der Kranke selbst seinen Glauben verloren; sein Glaube war gewissermaßen deaktiviert, durch sein Leid wie ausgeschaltet.
Die Reaktion Jesu ist für uns sehr bemerkenswert, denn sie bestätigt, was wir z. B. bei der Kindertaufe praktizieren: Ja, es gibt ihn, den stellvertretenden Glauben. Jemand, der mit Jesus in Verbindung steht, wird zum Glaubensführer für einen, der im Glauben noch unmündig oder noch nicht reif genug ist. Oder auch für jemand, der den Zugang zum Glauben noch überhaupt nicht gefunden hat. Denken wir auch an Maria und die vielen Heiligen, um deren Fürsprache wir nicht nur in der Heiligen Messe bitten: Ja, Jesus bestätigt es ausdrücklich: dieser stellvertretende Glaube, diese Fürsprache für andere ist sehr wohl möglich und wirksam! Wer für andere bittet, darf darauf vertrauen, dass Gott ihn hört. Das ist sicher auch ein Trost für manche, die im bittenden Gebet an Menschen z. B. aus ihrer Familie denken, die ihren Weg zu Jesus leider noch nicht gefunden haben. Der stellvertretende Glaube der vier Freunde ist es, der Jesu Herz auf der Stelle für diesen armen Menschen öffnet.
Doch noch etwas anderes verblüfft: Obwohl der Gelähmte sich absolut stumm zeigt, spricht Jesus ihn an. Und wie er ihn anspricht! Er sagt zu ihm: „Mein Sohn“. Im Orginal steht da „téknon“, und das heißt noch viel schöner: mein geliebtes Kind! Und das ist eine zärtliche Form der Anrede, wie sie bei Eltern für ihr kleines Kind üblich war. Der hilflose, stumme und gelähmte Mann ist Gottes geliebtes Kind – was für ein ergreifendes Bild!
Jesus sieht mehr als ein normaler Arzt. Er sieht nicht nur die äußere Lähmung, sondern er sieht tiefer. Und tief im Inneren dieses Kranken erkennt er dessen lähmende Schuld, dessen Selbstvorwürfe, dessen Gewissensqual. Jesus sieht: Dieser Mann hat sich selbst in eine Sackgasse manövriert. Er sitzt nun fest und kommt aus der verfahrenen Situation nicht mehr heraus. An seiner Lähmung hat auch seine hilfeschreiende Seele einen großen Anteil.
Jesus hält dem Mann keine Strafpredigt. Er ist ein ganz feinfühliger Seelsorger, der weiß: Gestraft ist dieser Mann wahrlich genug. Jesus sagt: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ – Wohlgemerkt: Jesus sagt nicht: Ich vergebe dir! Jesus verweist auf den Vater im Himmel: der Vater vergibt die Sünden, wie wir auch im Vaterunser beten. Jesus als Sohn Gottes hat aber von ihm die Vollmacht, die Sünden in seinem Namen zu vergeben, als Gottes barmherziges Geschenk an uns Sünder.
Die vier Freunde und der Kranke dürften erst einmal völlig verblüfft gewesen sein. Was sie erwartet hatten, war eine Heilung. Was der Kranke bekommen hat, war Sündenvergebung! So haben sie vielleicht gedacht: Hallo Jesus, du hast uns das falsche Menü geliefert, wir hatten etwas anderes bestellt! Verblüfft waren allerdings noch ganz andere. In Jerusalem war man offensichtlich jetzt schon auf Jesus aufmerksam geworden. Die theologischen Experten hielten sich durch Beobachter auf dem laufenden, was Jesus so sagte und tat. Daher heißt es im heutigen Evangelium auch: „Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im stillen: Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?“ Die Schriftgelehrten saßen, heißt es. Dies drückt bereits ihre Autorität aus, denn das Sitzen war die Position der Lehrenden. Indem sie sitzen, signalisieren sie: Wir sind es, die die Heiligen Schriften verbindlich auslegen dürfen! – Jetzt denken sie sich erst einmal ihren Teil. Noch schweigen sie. Noch sammeln sie nur Material über diesen Jesus.
Der jedoch hat ihnen ihre bösen Gedanken längst angesehen. Er weiß, dass sie hinter ihm her sind. So haben wir es eben gehört: „Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh umher? Ihr sollt aber erkennen, daß der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben.“ Jesus greift ihren Gedankengang geschickt auf. Ja, das lässt sich leicht dahersagen: Deine Sünden sind dir vergeben! In der Tat, das könnte jeder behaupten. Recht haben sie, wenn die Experten erklären, nur Gott allein könne Sünden vergeben! Die Frage ist nur, welche Schlüsse die schlauen Theologen aus Jesu Vergebungsworten ziehen. Sie schließen daraus, dass Jesus ein Mensch ist, der Gott lästert. Jesus dagegen will die Sündenvergebung gerade als klares Zeichen verstanden wissen, an dem man auch seine Gottessohnschaft erkennen kann.
Doch mit dem Erkennen ist das so eine Sache. Oft genug hindern Vorurteile Menschen daran, wirklich durchzublicken. Man hat seine Theorie, man hat sein Feindbild, und danach deutet man, was man hört und sieht. Vor wenigen Generationen waren es bei uns die bösen Franzosen, gegen die man in den Krieg ziehen musste. Oder es gab die bösen Evangelischen. Oder die bösen Leute aus dem Nachbarort, oder oder oder. Heute sind es für manche die bösen Asylbewerber oder die bösen Moslems. Für die Schriftgelehrten war das der böse Jesus, weil er in ihren Augen Gott lästerte. Nun erfahren wir im Evangelium, dass Jesus ihnen sogar besondere Nachhilfe im Erkennen erteilt. Es heißt im Text: „Ihr sollt aber erkennen, daß der Menschensohn die Vollmacht hat…“ Jesus liefert ihnen also den Beweis seiner Vollmacht frei Haus, denn er befiehlt dem Gelähmten, aufzustehen und nach Hause zu gehen.
Vor aller Augen steht der Mann auf, und zwar sofort, wie es ausdrücklich heißt. Er packt sich seine Tragbahre und geht einfach so aus dem Haus. Mit einem einzigen Wort setzt Jesus alle Macht der Krankheit schlagartig außer Kraft. Die Lähmung ist wie weggeblasen. – Diese Demonstration Jesu hat gesessen: Alle gerieten außer sich und priesen Gott. Alle, das heißt, auch die Schriftgelehrten.
Ende gut, alles gut? – Nicht ganz. Nur zu gut wissen wir heute, wie das ist mit den Hochgefühlen und mit dem Glauben. Da ist man begeistert, vielleicht von einer das Herz anrührenden Heiligen Messe, oder von einem Katholikentag oder einem religiösen Erlebnis. Das Herz möchte einem überlaufen vor Glück. Und dann? Den Schriftgelehrten geht es so, und uns heute auch: Das strahlende Licht der Sternstunde verblasst, und die Routine des Alltags saugt alle guten Vorsätze auf.
So ist das heutige Evangelium auch ein Appell an uns alle: Schau her, Jesus hat so deutlich gezeigt, wer er ist – deutlicher geht es kaum! Mach es nicht wie diese Schriftgelehrten. Stell dich nicht mit diesen blinden Blindenführern auf eine Stufe. Du weißt es doch: Jesus ist der Messias, dein Heiland! Nutze die kommende Fastenzeit, deine eigenen Lähmungserscheinungen genau zu beobachten. Und dann mach dich damit auf den Weg zum Herrn. Wie praktisch, dass du dafür noch nicht einmal ein Dach kaputthauen musst! Amen.
Erhard Eutebach, Jahrgang 1950, präsentiert wöchentlich seine “Mittwochsgedanken zur Sonntagspredigt” in einem eigenen Blog.
18. Februar 2009, 13:29