Kommentar: Nicht mehr exkommuniziert

Pileolus - Kopfbedeckung eines BischofsWir lieben es piccobello sauber. Die Werbung für Wasch- und Reinigungsmittel überbietet sich mit tollen Slogans. Reiner geht’s nicht, porentief rein, fasertief rein und wer weiß was alles. Sauber soll es sein, glänzen und gut riechen soll es. Das ist vom Ansatz her sicher richtig, denn z.B. Ihrem Nachbarn in der Kirchenbank oder sonstwo würde es wahrscheinlich missfallen, wenn Sie kräftig müffeln würden. Sauber soll es sein, bei uns zu Hause, in Gaststätten, im Lebensmittelmarkt usw. Wenn es im Krankenhaus nicht ganz streng hygienisch zugeht, gefährden die Keime sogar das Leben der ge-schwächten Patienten.

Wir alle leben gerne und das soll auch noch eine ganze Weile so bleiben. Daher vermeiden wir weitgehend Risiken, die Gesundheit und Leben gefährden. Sie erinnern sich bestimmt noch an die Rinderseuche BSE, an die Vogelgrippe und andere schockierende Lebensmittel-Skandale. Sofort reagieren die Verbraucher und meiden die entsprechenden Produkte. Doch wo ist da eine vernünftige Grenze? Wo wird aus dem berech-tigten Schutz der eigenen Person oder der Gruppe eine Ausgrenzung von anderen? Vor dieser Frage steht man schnell: Gibt man z.B. jemand im Gottesdienst den Friedensgruß, der deutlich efkennbar erkältet ist und sich dauernd die Bakterien ins Taschentuch schneuzt? Besucht man jemanden im Krankenhaus, den eine vielleicht ansteckende Krankheit erwischt hat? Wie verhalte ich mich gegenüber Leuten mit AIDS, wie verhalte ich mich gegenüber Mitmenschen, die auf die schiefe Bahn geraten sind? Wie verhalte ich mich gegenüber sogenannten Pennern und wie gegenüber Asylbewerbern? Und wie verhalte ich mich, wenn in meiner Straße ein Behindertenheim gebaut werden soll?

Denken wir über den eigenen Tellerrand hinaus? Denken wir daran, wie sich ein Dauer-Arbeitsloser fühlt, der nicht mehr alle Aktivitäten so finanzieren kann wie seine Bekannten? Wenn man mit jemand spricht, der sich so an den Rand gedrängt fühlt, hört man oft ganz bittere Sätze wie: „Ich fühle mich wie aussätzig, für manche bin ich regelrecht gestorben, die meiden jetzt den Kontakt mit mir!“ abei wird gerne verdrängt, wie schnell einem das selber passieren kann. Nie werde ich die Begegnung mit einem Penner vergessen, ein sommerliches Gespräch auf einer Parkbank. Oberstudienrat war er. Mit ein wenig Stolz zeigte er mir im Laufe des Gespräches Dokumente, die das bewiesen. Doch dann kam der Absturz. Das große Haus war gerade gebaut und hoch verschuldet, da verließ ihn die Frau mit den Kindern wegen eines anderen. Das Haus war futsch, die Schulden blieben. Und es blieb ein unendlich tiefer Schmerz, der ihn immer öfter zur Flasche greifen ließ. Fast zwangsläufig folgte die Entlassung und
das vorläufige Ende mit einem Leben auf der Straße. Ja, das kann ganz schnell gehen, dass es einen selber trifft.

Davon erzählt auch das heutige Evangelium. Da begegnet uns ein Mann, der Aussatz hat. Weder der Ort des Geschehens noch der Name des Mannes werden genannt. Es kann also überall und mit jedem so geschehen. Aussatz ist dabei nicht automatisch identisch mit der auch heute noch weit verbreiteten Lepra-Erkrankung. „Aussätzig“ war damals eine Art Oberbegriff für alle möglichen Hautkrankheiten. Da die meisten nicht behandelbar waren und Ansteckungsgefahr bestand, waren die Aussätzigen total isoliert. Sie mussten nach einer Begutachtung durch die Jerusalemer Tempelpriester die Gemeinschaft verlassen, irgendwo draußen z.B. in Höhlen hausen und zum Zeichen ihrer Erkrankung zerrissene Kleidung tragen und die Haare ungepflegt lassen. So sah man schon von weitem, mit wem man es da zu tun hatte. Kam es trotzdem zu einem nähe-ren Sichtkontakt, musste der Kranke laut schreien: „Unrein, unrein!“ – Falls ein Aussätziger es damals wagte, näher als etwa zehn Schritte auf einen zuzu-kommen, durfte man mit Steinen nach ihm werfen. So war das Schicksal der Kranken ein für allemal besiegelt. Sie vegetierten vor sich hin und konnten froh sein, wenn man irgendwo Essensreste für sie deponierte. Sie waren lebendig und doch schon tot. Man hatte sie abgeschrieben.

Am schlimmsten traf die Betroffenen dabei, dass sie auch ausdrücklich als unrein vor Gott galten. Klar, dass sie keinen Gottesdienst mehr be-suchen durften. Noch schlimmer war aber die Schuldzuweisung durch die anderen: Die Erkrankung galt als Strafe Gottes. Wer Aussatz hatte, war also von den anderen exkommuniziert und vermeintlich auch in den Augen Gottes. So jemand lebte dahin ohne jede Hoffnung, von Eitergeschwüren stinkend und voller Schmerzen in Leib und Seele.

Der Aussätzige im Evangelium hat irgendwie mitbekommen, dass Jesus heute auf seinem Weg an ihm vorbeiziehen wird. Der Mann hat vielleicht Nerven! Er ergreift die Chance seines Lebens, ohne sich um die ganz klaren Spielregeln zu scheren. Der Aussätzige missachtet den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand und geht auf Jesus zu. Er gibt auch nicht den verpflichtenden Warnruf „Unrein, unrein!“ ab. Also wirklich – so eine Unverfrorenheit, unerhört! Wie wird Jesus reagieren? Wenn er seinerseits das Gesetz zum Schutze der Gemeinschaft beachtet, muss er nun nach einem warnenden Zuruf mit Steinen nach diesem dreisten Subjekt werfen! Und der ist selber schuld, wenn er dabei ordentlich was abkriegt! Jesus bleibt ruhig. Er macht keinerlei An-stalten, den Mann zu vertreiben. Knisternde Hochspannung liegt in der Luft: wie wird das wohl ausgehen?

Der Aussätzige wird nun noch mutiger und fällt vor Jesus auf die Knie: „Wenn du willst, kannst du machen, daß ich rein werde.“ Man beachte: der Mann bittet nicht darum, gesund zu werden. Nein, er will ausdrücklich rein werden! Es geht ihm nicht nur um körperliche Gesundung. Vor allem will er rein werden, damit er von der Gemeinschaft und von Gott wieder angenommen wird. Seine Krise, sein enormer Leidensdruck hat diesen Mann dazu getrieben, alles zu riskieren. Vermutlich hätte er sich nicht sonderlich für Jesus interessiert, wenn er nicht von dieser Krankheit geplagt würde. Doch jetzt setzt er alle Hebel in Bewegung. Das Knien war damals eine nur im Gottesdienst und vor dem König übliche Demutsgeste. Indem er sich vor Jesus kniet, signalisiert der Aussätzige schon ohne Worte: Du bist der Herr, du bist der König – vor dir werfe ich mich in den Straßenstaub!

Und dann wartet er nicht erst auf eine Reaktion Jesu, sondern der Kranke beginnt das Gespräch mit dem Eingeständnis: „Wenn du willst…“ das heißt: ich vertraue dir und ich weiß, du bist so mächtig, dass du das kannst. Aber nur Dein Wille soll geschehen – ich beuge mich dem! Jesus ist einfach nur erschüttert. Vielleicht haben ihm die Tränen in den Augen gestanden, als er das Leiden, aber auch den Mut dieses ver-zweifelten Mannes sah. Im griechischen Urtext steht nicht nur „Jesus hatte Mitleid mit ihm“ wie in der offiziellen deutschen Übersetzung. Da steht das seltsame Wort „splanchnisteis“. Das heißt so viel wie: bis tief in die Eingeweide hinein er-schüttert, ergriffen sein. Heute sagen wir so ähnlich: das ging durch Mark und Bein. Der Schmerz des Mannes wird in diesem Moment auch zu

Jesu Schmerz. Das ist Mitleid pur. Jesus weiß: Da darf, da kann ich mich nicht wie die anderen angeekelt umdrehen. Da darf ich mich nicht auf die Vorschriften zurückziehen. Da muss ich einfach handeln, um der Liebe Gottes willen. So heißt es im Text weiter: „Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein!“ Auch hier müssen wir auf jedes Wort achten – das ist nicht so dahergesagt! Jesus streckte die Hand aus, heißt es. Das hätte er doch gar
nicht nötig gehabt – ein einziges Machtwort von ihm hätte genügt, um den armen Kerl gesund zu machen. Warum tut Jesus das nur? Die Hand ausstrecken – das erinnert Bibel- kundige sofort daran, dass im Alten Testament oft die ausgestreckte Hand Gottes im Spiel ist, wenn es um sein machtvolles Eingreifen geht. Jesus streckt die Hand aus – das ist ein göttliches Machtzeichen!

Doch damit nicht genug: er berührt ihn auch noch! Bei den jüdischen Zuhörern damals wird helles Entsetzen geherrscht haben: Mit der Berührung hat Jesus sich quasi infiziert – er selbst ist nun automatisch unrein geworden. Er darf damit z.B. nicht mehr an einem Gottesdienst teilnehmen, wenn man das Gesetz korrekt auslegt. Er hat die Spielregeln bewusst ignoriert. Jesus hat mit der Berührung jede Grenze der medizi-nischen Vernunft überschritten. Wie konnte er nur so etwas Furchtbares tun? Wir heute verstehen, dass es Jesus genau darauf ankam: Er wollte diesen Mann berühren. Dabei ging es ihm nicht um einen Tabubruch,
um eine Provokation der Priester, sondern es ging ihm um diesen konkreten Menschen, der da vor ihm im Staub kniete. Natürlich hätte er es mit einem Machtwort bewenden lassen können. Jesus jedoch wollte das stärkstmögliche Zeichen setzen: Schaut, was ich hier mache!

Gott ekelt sich vor keinem Menschen! Man mag in den Augen der Menschen noch so schmutzig, noch so unrein sein – bei Gott zählt das nicht, denn er sieht in das Herz jedes Einzelnen. Dieser Mann ist vor Gott eben nicht exkommuniziert! Gott hat Gemeinschaft mit diesem und allen Leidenden. Gott erklärt sich solidarisch mit allen, die ungerecht ausgeschlossen, abgelehnt und totgesagt werden. Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle, sondern nur geliebte Kinder. Vorausgesetzt, sie lehnen das nicht selber ab.

Dieses starke Bild wird durch die deutsche Übersetzung „er berührte ihn“ eigentlich nur sehr unvollkommen wiedergegeben. Der griechische Ausdruck „hapte-in“ heißt mehr als nur berühren. Er wird verwendet für anfassen und umarmen! Jesus hat diesen Mann, der sich wahrscheinlich mittlerweile vor sich selber ekelte, also regelrecht umarmt! Er hat ihn fest ge-drückt, wie man ein Familienmitglied oder einen anderen lieben Menschen drückt. Mehr Solidarität geht nun wirklich nicht! Jesus ist ihm ganz nahe gekommen, so nahe wie es geht, ganz hautnah! Jesus hat keine Furcht. Er ist der Reine, der alle Unreinheit überwindet, indem er das Unreine, unsere Sünden, am Kreuz auf sich laden wird. Er ist so rein, dass diese Krankheit des Aussätzigen ihm nichts anhaben kann.

Jesus erhört das Flehen dieses Mannes und heilt ihn auf der Stelle. Uns fällt aber auf, dass Jesus dem Mann noch Hausaufgaben aufgibt: „Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis sein.“ Zum einen soll der Geheilte über das Geschehene schweigen. Jesus will wohl nicht, dass er nur als Wunderdoktor gesehen und überrannt wird. Die Gefahr besteht, dass dabei seine Hauptbotschaft vom Reich Gottes bei den Leuten auf der Strecke bleibt. Zum anderen nötigt er den Mann, sich bei den offiziellen Stellen zu melden und sich dort untersuchen zu lassen. Außerdem soll der Geheilte das vorgeschriebene Opfer darbringen.

Jesus will also, dass der Mann die Gebote beachtet, die in diesem Falle gelten. Er will, dass der Mann seine Gesundung nicht nur selbst erlebt, sondern sie auch von zuständigen Priestern bestätigt bekommt. Erst dann ist er auch offiziell geheilt. Erst dann wird er faktisch wieder
in die Gemeinschaft aufgenommen, auch in die Gottesdienst-Gemein-schaft. Dies ist sicher ein kluger Rat Jesu. Wieder gesund ist eben behördlicherseits nicht der, der sich gesund fühlt, sondern wer es schriftlich hat. Ob der Mann sich daran hält – wir wissen es nicht. Das Schweigegebot jedenfalls bricht er. Überall erzählt er herum, was ihm passiert ist. Vielleicht will er endlich einmal im Mittelpunkt stehen, sich wie ein Star fühlen. Für Jesus heißt das leider, wie befürchtet, dass er dem gewalti-gen Ansturm ausweichen muss, indem er die Städte eine Zeitlang meidet.

Haben wir heute aus dem Ge-schehenen gelernt? Haben wir aufmerksam registriert, wie Jesus
mit diesem armen Menschen umgegangen ist? Machen wir Jesu Allergie-Test. Wo und wem gegenüber reagieren wir als Christen immer noch zu ablehnend? Wir sind weder die Richter noch die Saubermänner der Welt. Überlassen wir dies getrost allein Gott. Bevor wir unseren vorhandenen Berührungsängsten freien Lauf lassen, ist es gut, wenn wir innehalten: Habe ich nicht auch irgendwo einem wunden Punkt? Wo halte ich Abstand, weil mir eine Meinung oder eine Nase nicht passt? Wo trage ich noch Verletzungen aus der Vergangenheit mit mir herum, die mich belasten und meinen Blick trüben?

Wir beten so gerne im Vaterunser „Dein Wille geschehe“, und wir beten vor der Kommunion alle „Herr, ich bin nicht würdig…!“ Die Frage ist nur, ob wir das nur als feierliche Worte verwenden oder ob dies uns auch in unserem Alltag trägt. Wenn wir uns dessen bewusst sind, wie unrein wir vor Gott trotz sämtlicher moderner Waschmittel sein können, dann fällt es uns auch leichter, den Schmutz anderer auszuhalten. Porentief rein, fasertief rein, piccobello sauber – nein, das sind wir wirklich nicht! Aber dennoch streckt der Herr der Welt die Hand aus, und wir dürfen heil werden.

as weiß auch der Papst, der für die Einheit der Kirche verantwortlich ist und daran schwer zu tragen hat. Auch ein dickköpfiger und immer noch von seinem Amt suspendierter Bischof Williamson mit seinen schlimmen Aussagen über die Gaskammern und die 600.000 Anhänger der Priesterbruderschaft St. Pius X. haben erst einmal im Sinne der Barmherzigkeit Jesu ein Recht auf das Gespräch und Zeichen des guten Willens. Eine endgültige Lostrennung jener Gruppe von der katholischen Kirche löst die Probleme nicht, sondern verschiebt sie nur. Danken wir unserem Papst für seine demütige Geduld und beten, dass unser aller Herr die Kirche durch schwierige Zeiten führen möge. Amen.

Erhard Eutebach, Jahrgang 1950, präsentiert wöchentlich seine “Mittwochsgedanken zur Sonntagspredigt” in einem eigenen Blog.

11. Februar 2009, 06:34

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