“Seht das Zelt Gottes unter den Menschen!”
Welche theologische Bedeutung hat nun der Kirchenraum und wie sollte sich das in seiner Gestaltung ausdrücken? Dazu wollen wir uns zunächst die Frage stellen, zu welchem Zwecke eine Kirche erbaut wird. Viele Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, bedürfen vorwiegend eines Ortes zur einfachen Versammlung der Gemeinde, zum Gebet und zur Verkündigung. Sie gebrauchen oft selbst die Bezeichnung des Bethauses oder Versammlungsraumes. Dieser Raum zeichnet sich einfach durch seine Funktionalität aus, ohne den Anspruch der Sakralität zu erheben. Für katholische oder orthodoxe Christen dagegen, besitzt das Kirchengebäude eine einzigartige Bedeutung, die es wesentlich von profanen Gebäuden unterscheidet. Die Kirche ist erbaut zur Feier der christlichen Mysterien, vorrangig des Messopfers, und der Anbetung. Nach der Errichtung des Gebäudes erfolgt in einem liturgischen Akt die Konsekration, also Weihe, des Gotteshauses. Während dieser Konsekration wird durch Gebete und den Gebrauch von Weihwasser und Weihrauch das Haus seiner neuen Bestimmung zugeführt. Ein besonders eindrucksvoller Brauch ist die Salbung des Gebäudes. An Zwölf Punkten wird eine Salbung mit Chrisam vorgenommen, um zu zeigen, dass die Kirche ein Abbild des himmlischen Jerusalems darstellt.
Die Kirche wird aus dem Bereich des Profanen, des weltlichen Geschehens und des Alltags, herausgenommen und der allerheiligsten Dreifaltigkeit geweiht. Sie ist nun nicht mehr ein Haus, das Menschen zur Wohnung dient, sondern in dem Gott selbst Wohnung nimmt in verschiedenen Formen. Grundsätzlich könnte hier schon der Einwand erhoben werden, dass Gott doch nach christlichem Glauben allgegenwärtig ist und nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist. Dies stimmt schon und ich muss nicht zu jedem Gebet in die Kirche gehen, sondern kann es nach der Weisung des Herrn auch in meinem stillen Kämmerlein verrichten. Zugleich muss aber betont werden, dass es Orte gibt, an der ein „Mehr“ an göttlicher Gegenwart auszumachen ist. Für das Kirchengebäude gilt dies bereits durch den Akt der Weihe, denn diese führt nicht nur zu einer Bestimmungs-änderung, sondern auch zu einer Seins-änderung. Sodann ist es natürlich die Gegenwart Gottes, die Christus denen verheißen hat, die zusammen beten. Doch die vornehmste Gegenwart Christi und damit Gottes selbst besteht in der sakramentalen.
Während Christus beispielsweise in den Sakramenten der Taufe, der Beichte oder der Firmung auf gnadenhafte Weise am Menschen wirkt, ist er darüber hinaus beim allerheiligsten Altarsakrament durch die Wesensverwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi auf einzigartige Weise gegenwärtig. Unter der Brotsgestalt ist Christus ja in jeder katholischen Kirche im Tabernakel mit seinem Leib und seiner Seele, mit seiner Menschheit und seiner Gottheit wirklich und bleibend gegenwärtig. Damit wird jede Kirche bereits auf verborgene und sakramentale Weise zum verheißenen „Zelt Gottes unter den Menschen“! Und daher sollte jede Kirche der unendlichen Ehre dieses hohen Gastes gemäß gestaltet werden, der zugleich Eigentümer und Herr dieses Hauses ist.
Schon die frühe Christenheit sah im Kirchenbau ein Abbild des salomonischen Tempels und zugleich jenes himmlischen Tempels, von dem die Geheime Offenbarung des Johannes spricht (Offb. 15,15). In diesem steht vor dem Throne Gottes der goldene Altar und davor der Engel mit Rauchfass (8,3). Der Kirchenraum wurde stets verstanden als Gegenwärtigsetzung des „neuen Himmels“ und der „neuen Erde“ (Offb. 21,1), sowie als das „neue Jerusalem“ (21,2).
Die Gebetsostung
Eine wesentliche Eigenschaft der überwiegenden Mehrzahl der christlichen Kirchengebäude war und ist die „Ostung“. Unser Wort „Orientierung“ meint im Grunde nichts anderes als jene Ostung. Während die Juden sich in ihren Gebeten in Richtung Jerusalem und salomonischem Tempel wenden und der gläubige Muslim sein Haupt nach Mekka richtet, übersteigt der Christ diese irdische Lokalisierung gewissermaßen, indem er sich in der frühen Kirche immer zum Osten wendete. Grundsätzlich könnte auch hier wieder gesagt werden, dass es doch nicht auf die Richtung ankommt. Aber es geht bei der Ostung um die Symbolik. Seit der Zeit der Urchristenheit wird die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit aus dem Osten erwartet. Das Symbol für die Wiederkunft Christi ist dabei die im Osten aufgehende Sonne. Da der Priester und die Gläubigen sich während der Liturgie nicht gegenüberstanden, sondern gemeinsam nach Osten schauten, waren alle „zum Herrn hin“ gerichtet, der selbst die „Sonne der Gerechtigkeit“ ist. Ein schönes Zeugnis aus dem ersten christlichen Jahrtausend gibt Johannes von Damaskus für die Gebetsostung.
Er schreibt: „Nicht zufällig und ohne Grund beten wir nach Osten hin an, sondern da wir aus einer sichtbaren und unsichtbaren, geistigen und körperlichen Natur zusammengesetzt sind, leisten wir dem Schöpfer auch eine doppelte Verehrung, wie wir ja auch im Geiste und mit den Lippen unseres Körpers lobsingen, wie wir getauft werden mit Wasser und Geist und auf doppelte Art dem Herrn geeint werden, indem wir teilhaben an den Mysterien und zugleich an der Gnade des Geistes. Da nun Gott geistiges Licht ist und Christus in der Schrift Sonne der Gerechtigkeit und Aufgang genannt ward, so ist ihm auch die Seite des Sonnenaufgangs als Gegend der Anbetung zuzuweisen, von dem alles Gute seine Güte erhält. Es sagt ja auch der göttliche David: ‚Königreiche der Erde, singet Gott, lobpreiset den Herrn, der aufstieg über den Himmel des Himmels nach Sonnenaufgang hin’ (Ps 67,33-34 LXX). Die Schrift sagt ferner: ‚Es pflanzte Gott einen Garten in Eden nach Osten. Dorthin setzte er den Menschen, den er gebildet’ (Gen 2,8); nach der Sünde aber trieb er ihn hinaus und ließ ihn gegenüber dem Paradiese wohnen (Gen 3,23), d. h. offenbar im Westen. Da wir nun die alte Heimat suchen, beten wir Gott an, indem wir nach ihr hin unsere Augen richten … Aber auch der Herr schaute bei seiner Kreuzigung nach Westen, und so beten wir ihn an, hinschauend nach ihm.
Und bei seiner Himmelfahrt fuhr er nach Osten auf, und so beteten ihn die Apostel an, und so wird er wiederkommen, wie sie ihn haben hingehen sehen in den Himmel, wie der Herr selbst sagte: ‚Wie der Blitz ausgeht vom Aufgang und leuchtet bis zum Untergang, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein’ (Mt 24,27). Da wir ihn erwarten, beten wir ihn nach Osten an. Dies ist eine ungeschriebene Überlieferung der Apostel. Denn vieles haben sie uns überliefert, was nicht in Schriften niedergelegt ist.“ (Joh. Dam., fid. Orth. 85 (IV 12))
Jene erwartete Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit fand häufig ihren sinnenfälligen Ausdruck durch die bildliche Darstellung Christi als Pantokrator, Allherrscher, in der Apsis der Kirche, so, dass die Gläubigen ihn während der gesamten Liturgie vor Augen hatten.
Dieser Artikel ist der II. Teil einer Serie, die erstmals in der Zeitschrift “Theologisches” erschien. Weitere Teile folgen in den nächsten Tagen, hier bei Kathnews.
7. Februar 2009, 12:21