“Seht das Zelt Gottes unter den Menschen!”

KircheDie Beschäftigung mit der theologischen Bedeutung des Kirchenbaus führt uns in eine Welt der Symbolik und des inneren Reichtums, die dem abendländischen Denken durch die so genannte Reformation und die Aufklärungen im 18. und im 20. Jahrhundert nahezu abhanden gekommen ist. Wenn wir eine Vorstellung von jenem Reichtum erlangen wollen, müssen wir unseren Blick immer wieder auf die orientalischen Kirchen richten, die den tiefen Sinn der christlichen Symbolwelt nicht verloren haben. Auch die breite Flut an esoterischer Literatur und Praxis vermittelt jene Sehnsucht des Menschen nach dem Mysterium, die im katholischen Leben und Gottesdienst ihre Erfüllung finden kann.

Verlust des Symboldenkens
Zunächst sind einige Gedanken zu streifen, die die aktuelle Problematik bezüglich der christlichen Symbolik und der Symbolik überhaupt, betreffen, bevor die eigentliche Thematik angesprochen wird. Es muss dem unvoreingenommenen Beobachter doch sehr zu denken geben, dass sich mit dem Bestreben in der Kirche und der Liturgie, sich dem modernen Leben anzupassen, kindergerechter, jugendgerechter, inkulturierter und vor allem zeitgemäßer zu sein, die Kirchen plötzlich und zusehend leerten. Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung begann dann eben jene Jugend, die sich nicht mehr von der modernen Liturgie angesprochen fühlte, eine eigene Musikkultur zu entwickeln, in der viele Elemente des Religiösen auftauchten: in der Kirche wurde die gemeinsame Kultsprache faktisch abgeschafft, während in der Jugend das Englische diese Rolle übernahm. Die in der Kirche viel geschmähte gregorianische Musik fand sich plötzlich auf den Hitlisten der Popmusik und der Disconebel ersetzte zu den Klängen frühmittelalterlicher Mönchschoräle den Weihrauch, den in der Kirche ja angeblich niemand mehr braucht. All dies wird vom DJ, dem Priester der neuen Religion, inszeniert, während sich die abgedunkelte Disco in einem diffusen Lichterspiel befindet, wie es früher durch die bunten Glasfenster der Kathedralen brach.

Diese wenigen Beispiele seien nur kurz aufgezählt, um zu verdeutlichen, dass der Mensch als leib-seelisches Wesen, als Person mit Vernunft, Herz und Sinnen eben vom Schöpfer daraufhin angelegt ist, dass er nicht nur in seiner Vernunft angesprochen wird, sondern dass auch sein Herz und eben alle Sinne miteinbezogen werden. Dies war immer die Stärke der katholischen Religion. Die Grundlage unseres Glaubens ist die Inkarnation, die Fleischwerdung des Ewigen Wortes. Diese Inkarnation setzt sich fort in der Kirche. Überall trifft sich Göttliches und Menschliches: die Kirche vereint in ihrer Verfassung göttliche und menschliche Elemente; durch den menschlichen Priester wirkt der ewige Priester Christus; in den Sakramenten fallen menschliche Zeichen und göttliche Gnade zusammen. Und eben jenes inkarnatorische Prinzip spiegelt sich im christlichen Kult wieder, der das gnadenhafte Geschehen in menschliche Zeichen kleidet, um ihm Gestalt zu geben und den Menschen das göttliche Mysterium erahnen zu lassen. Dies spiegelt sich auch im Kirchenbau wieder, wie wir gleich sehen werden.

Angriffe auf den christlichen Kult

a) Reformation
Das Abendland erlebte in der Neuzeit mehrere Kulturrevolutionen, die es auf den Kopf stellten und seiner Wurzeln beraubten. Diese Angriffe auf die christliche Kultur waren auch immer Angriffe auf den christlichen Kult, der ja selbst zu den Wurzeln der Kultur gehört. Den ersten Angriff unternahmen die Reformatoren. In ihrer strikten Ablehnung jedes menschlichen Werkes, ja selbst der menschlichen Taten des Gottmenschen, erlagen sie der Gefahr das genannte inkarnatorische Prinzip des Christentums wieder zurückzunehmen. Der christliche Kult wurde entweder stark verkürzt, wie etwa bei Luther, der aber aufgrund seiner Eigenart noch einen Sinn für das Schöne und Musische besaß, oder, wie bei Kalvin, gänzlich verdrängt. An die Stelle der sinnenfälligen Liturgie trat die reine Wortverkündigung. Die Sakramente wurden weniger als Heilszeichen verstanden, die bewirken, was sie bezeichnen, denn als reine Zusagen der göttlichen Barmherzigkeit. Kurz: alles spielte sich nur noch rein geistig ab. Selbstverständlich mussten im Zuge jener theologischen Verkürzung, die jede mittlerische Ebene ausschließt, seien es das geweihte Priestertum, die hierarchisch verfasste Kirche, die Sakramente oder die Heiligen, auch alles aus der Kirche heraus, was eben jene Vermittlung verdeutlicht: der Altar, die liturgische Kleidung, die prachtvollen Ausschmückungen und die Heiligenfiguren und –bilder. Die Sinne wurden auf das Gehör beschränkt und sinnenfälligerweise ersetzte in mancher kalvinistischen Kirche eine monumentale Kanzel den Altar.

b) Aufklärung des 18. Jahrhunderts
Die nächste Revolution stellte die Aufklärung des 18. Jahrhunderts dar, die wir verkürzt als eine Reduktion des Menschen auf die Vernunft bezeichnen können. Alles, was über diese Vernunft hinausgeht und von ihr nicht erfasst wird, wird in den Raum des Aberglaubens geschoben. Bestandsrecht hat nur das, was auch einen erkennbaren Nutzen zeigt. Der göttliche Kult wurde durch den Kult der Vernunft und der wahre Gott durch die Göttin der Vernunft ersetzt, die man etwa in Notre Dame in Paris in Gestalt einer nackten Frau auf den Altar stellte. In diesem Zuge wurden die kontemplativen Orden aufgehoben, die Kirchen enteignet und geplündert und das Sakrale hatte nur noch den Zweck, in Museen bestaunt zu werden.

c) Kulturrevolution im 20. Jahrhundert
Die vielleicht unbegreiflichste Revolution ereignete sich in den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und traf auch die Kirche schwer. Mit der Ablehnung jeder Autorität, und damit auch der göttlichen, hielt der praktische und theoretische Atheismus Einzug in unser Land. Selbst sich christlich nennende Theologen verkündeten den Tod Gottes und vielleicht liegt ein Körnchen Wahrheit darin, insofern sie es waren, die Gott aus den Herzen der Menschen verbannten. Man findet wohl kaum eine Parallele, in der sich der Mensch in dieser Form auf allen Ebenen des sozialen, des politischen, des kulturellen und des künstlerischen Lebens von seinen christlichen Wurzeln lossagte. Und dieser Bruch ist bis in die kirchliche Kunst und Architektur zu verfolgen. Denn in dem Bemühen, mit der Zeit zu gehen und modern zu wirken, wurde jene moderne oder abstrakte Kunst in den sakralen Raum übernommen, von der der berühmte jüdische Satiriker Ephraim Kishon einst sagte: „Sie beleidigt meinen Intellekt!“ und in der der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hans Graf Huyn jenen widergöttlichen Komplex sah, den Satan der Eva mit den Worten „Ihr werdet sein wie Gott!“ einredete.

Weshalb wende ich mich in meinen Vorbetrachtungen gegen die abstrakte Kunst? Die christliche Kunst aller Zeiten kannte unterschiedliche Ausdrucksformen. Doch immer beruhte sie auf jenen Motiven, auf denen die gesamte Schöpfung beruht: auf Harmonie und Schönheit. In ihrer darstellenden Form bemühte sie sich, der Wahrheit des Dargestellten gerecht zu werden. Die von Gott gegebene Natur war Grundlage und Vorlage der Malerei. Die christliche Kunst kannte aber auch immer die eher gegenstandslose Ornamentik, wie wir sie auch in dieser Kirche bewundern können, die aber eben in ihrer Gleichförmigkeit Harmonie darstellt. Währenddessen erleben wir heute auch in Kirchen Darstellungen, die nicht zur Betrachtung und zur Verehrung anregen, sondern bei denen einen das blanke Entsetzen packt. Da hängt ein Pfarrer einen Kreuzweg auf, auf dem Gegenstände aus dem Hausmüll abgebildet sind und die Kreuzigung mit den Worten „Ex und hopp!“ kommentiert wird. In einer anderen Kirche soll ein zerbrochenes Stück Holz in einem Drahtgeflecht den Gekreuzigten symbolisieren. Bei einem weiteren Werk ging ich zunächst von einem Brandschaden aus, bevor mir jemand die tiefe Symbolik jenes völlig schwarzen Bildes mit einer aufgehellten Ecke näher bringen wollte. Heilige und Kirchenfürsten werden auf Bildern und in Plastiken dargestellt, als ob sie den Aussatz gehabt oder zu nahe an Tschernobyl gelebt hätten. Wenn der Sinn der christlichen Kunst in der Verherrlichung Gottes und der Heiligen und in der erbauenden Betrachtung der Gläubigen liegt, dann kann man hier in dieser Abwendung von der Schönheit und gottgegebenen Harmonie und Ordnung nur von einer gewaltigen Fehlleistung sprechen. Oder um es ein wenig spitz zu formulieren: ein Kunstwerk, das sich in einer Kirche befindet, muss auch den einfältigsten Menschen noch erfreuen, selbst wenn er nicht fähig ist, die tiefere Symbolik darin zu erkennen.

Ähnliches wie in der darstellenden Kunst passierte auch mit der Architektur der Gotteshäuser. Vergleicht man den Großteil der in den letzten vierzig Jahren errichteten katholischen Gotteshäuser mit jenen der vergangenen Jahrhunderte, wie etwa dieser prachtvollen neugotischen Kapelle, so kommt man nicht um die Feststellung herum, dass es zu einem Bruch in der Gestaltung gekommen ist. Das angestrebte Programm vieler Theologen, die auf die Architektur Einfluss nahmen, stand unter der Überschrift der Entsakralisierung. Die äußere Gestaltung folgte häufig dem Verdikt: je ausgefallener, desto besser, während das innere nicht mehr durch Harmonie und Schönheit bestimmt ist, sondern von Leere und Zweckhaftigkeit. Während letztere es ermöglicht, in wenigen Minuten im Kirchenraum zum Kaffeekränzchen oder zum Tanz einzuladen, ohne, dass noch etwas an eine Kirche erinnert, entspricht die Leere jener verblassten und sprachlosen Verkündigung, die nicht mehr in der Lage ist, über soziale Allgemeinplätze hinauszukommen.

Dieser Artikel ist der I. Teil einer Reihe, die erstmalsin der Zeitschrift “Theologisches” veröffentlicht wurde. Weitere Teile unserer aktuellen Serie erscheinen innerhalb der kommenden Tage.

[ Dr. Peter Görg ]

6. Februar 2009, 09:11

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